Do's and Don'ts für twitternde Redaktionen – Interview mit Nicole Simon

15. Januar 2009 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Journalismus, Social Web, Twitter

Seit dem Herbst 2008 hat die Twitterwelle mit Wucht die deutsche Verlagsszene erreicht. Inzwischen sind nicht mehr nur eine Handvoll Social-Media-Verlagspioniere, sondern schon über 40 Zeitungen und Zeitschriften mit einem eigenen Account dabei. Doch was ist richtige Strategie, wenn Zeitungen  twittern? Sollen sie den Dialog mit ihren Followern pflegen und als Redaktion auch interessanten Nutzern folgen – so wie das beispielsweise Der Westen und die Hannoversche Allgemeine Zeitung tun? Sollen sie wie die Welt Kompakt launige Interna aus der Redaktion verbreiten? Oder wie Focus Online und Spiegel Online als kommunikative Einbahnstraße nur die RSS-Feeds der Onlinemeldungen einlaufen lassen? Alles scheint möglich.

Über Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Twitterstrategien und die Do’s and Don’ts, wenn Journalisten professionell oder privat twittern, habe ich ein Interview geführt mit der Lübecker Social-Web-Expertin Nicole Simon. Sie ist Autorin des im Dezember 2008 erschienenen Fachbuchs ”Twitter – Mit 140 Zeichen zum Web 2.0“.

Am Ende des Interviews gibt es noch eine nützliche Linkliste.

Und hier die Einschätzungen von Nicole Simon:nicole_simon1

Müssen Redaktionen jetzt twittern oder geht der Hype ohnehin wieder vorüber?

NICOLE SIMON: Nein, das Phänomen wird bleiben. Menschen wollen sich unmittelbar mitteilen und Twitter erfüllt dieses Bedürfnis auf ganz einfache Weise. Selbst wenn das Unternehmen hinter Twitter von heute auf morgen pleite geht, dann werden andere sofort an dessen Stelle treten. Jetzt haben Redaktionen noch die Zeit, mit dem Medium zu spielen und sich in Ruhe damit vertraut zu machen. Irgendwann aber nicht mehr, weil dann alle anderen schon da sind. Wenn eine Redaktion heute noch nicht twittern möchte, sollte sie zumindest schon mal ihre Claims abstecken und ein Account unter ihrem Namen reservieren. Und dann sollte die Redaktion zunächst in einer geschlossenen Gruppe üben. Ein öffentlicher Auftritt einer großen Zeitung kann sich keine Spielwiese leisten, der muss sofort professionell aussehen.

Die Nutzerzahlen bei Twitter sind ja noch eher gering…

Es gibt in Deutschland schätzungsweise einige zehntausend Twitterer. In nackten Zahlen ist das eine zu vernachlässigende Größe. Aber diese Leute können sich in Echtzeit untereinander vernetzen, es sind Muliplikatoren, die Themen setzen und Trends generieren. Viele einflussreiche Twitterer haben sich inzwischen fast völlig diesem Medien verschrieben und schreiben kaum noch etwas auf ihren Blogs.

Vor zwei Jahren hieß es über Second Life, da müssten Unternehmen und Medienmacher Präsenz zeigen. Inzwischen haben selbst die großen Second-Life-Medien, der ”Avastar“ aus dem Axel Springer Verlag und die Reuters-Filiale, wieder dichtgemacht…

Bei Second Life war für viele Nutzer die  Hemmschwelle zu hoch, um dort wirklich etwas Sinnvolles zu machen. Und das galt auch für Unternehmen, die zögerten, für einen Auftritt in Second Life viel Geld in die Hand zu nehmen. Bei Twitter sind die Anforderungen an jeden User viel niedriger. Sie sind noch viel niedriger als bei Blogs und Podcasts, die in der passiven Nutzung inzwischen relativ gut angenommen werden. Aber es produzieren nur wenige, weil das aufwändig ist. Für Twitter braucht man nur einen Webbrowser, den hat jeder, und man darf nur maximal 140 zeichen schreiben. Das ist eine Einschränkung, die dafür sorgt, dass wirklich jeder damit umgehen kann. Außerdem gibt es schnelle Erfolgserlebnisse – es gibt Rückmeldungen.

Wie können Redaktionen Twitter sinnvoll einsetzen?

Zwischen dem bloßen Reinstellen von RSS-Feeds und extrem dialoglastigen Twitter-Feeds ist vieles möglich. Es gibt den twitternden Chefredakteur, es gibt die Redaktion hinter dem Twitterfeed oder einzelne Redakteure, die auf ihrem eigenen Account twittern. Die Rollen sollten nur klar definiert sein, damit keine Erwartungen enttäuscht werden. Man sollte sich auch darauf gefasst machen, dass man es nicht jedem recht machen kann. Zuletzt hat das der Spiegel erlebt: unterteilt in 18 verschiedene Twitter-Feeds kann man entweder den Nachrichtenstrom abonnieren oder nur ausgewählte Topmeldungen. Der Aufschrei in der Gemeinde war groß über den angeblichen schlechten Anfang, weil es keine Möglichkeit zum Dialog gibt. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wüssten sie nicht, was sie tun. Nur: Die 1500 gewonnenen Nutzer innerhalb von zwei Wochen sprechen eine andere Sprache.

Sollen bekannte Journalisten unter ihrem eigenen Namen twittern?

Ja, absolut, wenn sie erstens verstehen, dass Twitter kein banaler Blödsinn ist, sondern ein wichtiges Werkzeug für die ”Marke“ eines Journalisten sein kann. Und wenn sie zweitens mit der Unmittelbarkeit umgehen können. Das vorausgesetzt, ist Twitter ein wunderbarer Kanal, um Leser zu Followern zu machen. Leser, die von einem bestimmten Autor, dessen Perspektive und Schreibstil, gar nicht genug bekommen können. Die Follower begleiten einen Journalisten durch dessen Alltag. Ich persönlich würde sehr gerne mehr Twitterstreams von großen Journalisten lesen, weil ich davon ausgehe, dass die sich zwei, drei mal am Tag in 140 Zeichen vom Handy aus in klugen Kommentaren äußern können.

Kann Twittern jedem Journalisten nutzen?

Es ist ein Tool, das man besser früher als später beherrschen sollte. Das Gros der Journalisten ist sicherlich zeitlich schlicht überfordert damit, eine Vielzahl von Social Web Entwicklungen selbst aktiv zu nutzen. Sie können sie aber durchaus in ihrer Wirkungsweise und Bedeutung analysieren. Viele Journalisten haben leider eine extreme Abneigung gegen die neuen Techniken, aber Twitter ist ja auch ein Thema. Es zu ignorieren, wäre genauso dumm wie als Wirtschaftsjournalist zu sagen, über Unternehmen x und y berichte ich nicht, weil ich die nicht mag. Mein Rat an Journalisten: Seid professionell und beschäftigt Euch professionell damit. Das ist nicht kompliziert.

Wie sinnvoll es, wenn Redaktionen nur RSS-Feeds aus ihrem Online-Portal bei Twitter reinstellen?

Von einer Redaktion erwarte ich durchaus, dass die wichtigsten Nachrichten als Feed eingespielt werden. Aber bitte nicht 500 Nachrichten am Tag, sondern eine Auswahl der vier oder fünf wichtigsten Meldungen des Tages.

Und wie können umgekehrt Redaktionen Twitter nutzen, um Informationen zu bekommen oder Stimmungsbilder einzufangen?

Wenn eine Redaktion erstmal Credibility aufgebaut hat, dann kann sie Twitter nutzen, um Fragen in die Menge zu stellen. Wenn ich aber vorher nur einen automatisierten Feed reingestellt habe und dann plötzlich eine Frage stelle, habe ich keine Chance, brauchbare Antworten zu bekommen. Die Redaktion sollte in Vorleistung treten und schon vorher Dialog zulassen. Wenn dann die Tweets von den Nutzern kommen, dann gilt es zu filtern, um Sinnvolles von Unsinn zu unterscheiden.

Gibt es Twitter-Feeds von Zeitungen, die Du regelmäßig verfolgst?

Ich erlebe als Lübeckerin gerade eine Kundenbindung an die ”Lübecker Nachrichten“ wie seit 1996 nicht mehr. Damals habe ich mein Abo gekündigt, weil die Ottifanten nicht mehr witzig waren. Ich habe keine emotionale Verbindung zu der gedruckten Zeitung, ich könnte auch irgendein anderes Blatt lesen, aber jetzt mit dem Twitter-Account und dem Blog fühle ich mich dieser Zeitung doch wieder verbunden. Den Auftritt finde ich sympathisch.

Vielen Dank für das Interview.

In diesem Blog-Beitrag analysiere ich verschiedene Twitter-Konzepte der Verlage.

Und hier noch die Linktipps zum Thema twitternde Redaktionen:

turi2-Umfrage: Wie nutzen Sie Twitter im Redaktionsalltag?

Leander Wattigs Liste: Welche deutschsprachigen Zeitungs- und Buchverlage verwenden welche Social Media Tools?

Verlage: Twitter-Ranking nach Anzahl der Replies (Leander Wattig)

Verlage: Twitter-Ranking nach Anzahl der Follower (Leander Wattig)

Sozialgeschnatter mit einer Liste twitternder Medien, auch Rundfunk- und Onlinemedien. Jede Menge Ergänzungen in den Kommentaren.

Claudia Sommers Liste mit Twitter-Büchern

Twitter for Journalists – Podcast der Columbia School of Journalism, New York

Wer weitere gute Links oder Linklisten kennt – bitte als Kommentar ergänzen!

Über die Twitter-Strategien der Redaktionen habe ich auch in der Journalistenfachzeitschrift MediumMagazin (Heft 1+2/09) einen Beitrag veröffentlicht. Auf der Website wird der Beitrag für Nicht-Abonnenten allerdings erst Ende Februar freigeschaltet.


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  • http://medialdigital.wordpress.com Ulrike Langer

    @Ulf J. Froitzheim
    Wow, so viele Worte, schon zum zweiten Mal, und ich weiß immer noch nicht, was Sie an Twitter eigentlich auszusetzen haben. Twitter IST kein Journalismus, aber Twitter ist richtig genutzt ein sehr nützliches Tool für guten Journalismus. Wenn ich den richtigen Leuten folge, kann ich Minutenschnelle kollektiven Sachverstand anzapfen – ich sollte natürlich auch was zurückgeben. Das funktioniert auch deshalb gut, weil es bei Twitter (noch?) viel weniger Trolle und Haarspalter gibt, als auf so manchen Foren wie Jonet oder radioforen.de. Es ist wie anregender Flurfunk, in den man sich ein- und ausklinken kann. Der Sinn von Twitter erschließt sich übrigens nur, wenn man selbst aktiv mitmacht, und nicht, wenn man nur von außen reinschaut.

  • http://www.ujf.biz Ulf J. Froitzheim

    @ Ulrike Langer
    “Wow, so viele Worte”

    Sorry, bin halt kein Newsmensch oder DPAler. ;-)

    “ich weiß immer noch nicht, was Sie an Twitter eigentlich auszusetzen haben.”

    Wenn ich mich nicht klar ausgedrückt habe, tut es mir leid. Mir ging es um die unkritische Haltung vieler Kollegen gegenüber der Firma Twitter und um das Dogma, Twittern sei für Medienleute ein absolutes Must.

    “…sehr nützliches Tool für guten Journalismus. Wenn ich den richtigen Leuten folge, kann ich Minutenschnelle kollektiven Sachverstand anzapfen…”

    Das kommt vermutlich sehr auf die Themen an, über die man schreibt. In “meinen” Bereichen habe ich noch nicht entdecken können, dass die “richtigen” Leute twittern würden. Wer sich momentan sehr stark dafür interessiert, sind PR-Leute und Spin Doctors. Also nicht direkt die Leute, auf deren Aussagen ich scharf wäre.

    “weil es bei Twitter (noch?) viel weniger Trolle und Haarspalter gibt, als auf so manchen Foren wie Jonet oder radioforen.de”

    Meine These: Wenn sich Tw. nur halbwegs so entwickelt, wie die Fans behaupten, wird es zum Troll-Magneten werden.

    “Der Sinn von Twitter erschließt sich übrigens nur, wenn man selbst aktiv mitmacht, und nicht, wenn man nur von außen reinschaut.”

    Das ist genau die Sorte Argument, die in mir unweigerlich Assoziationen zu Sektenpredigern und zu Suchtmittelverkäufern weckt: Man muss das Zeugs inhalieren, um zu erkennen, wie toll es ist…
    ;-)

    Im Ernst: Twitter wird bejubelt, als sei es 2.0, Grassroots oder Open Domain. Alles drei ist es aber nicht. Der Content generierende User ist nicht das Subjekt, für das er sich halten soll, sondern Objekt. Twitter gehört in die gleiche Business-Kategorie wie HoltzbrinckVZ, Pro7-Lokalisten, Bild-Leserreporter, Donaukurier-Partyknipser – oder auch T-Mobile, Arvato & Co.
    Deshalb gebührt der Firma kritische Distanz, aber nun wirklich nicht kostenlose Propaganda.

    Wer das jetzt für übertriebene Kritikasterei meinerseits hält, kann gerne mal bei Turi nachlesen, welche Geschäftsideen für Twitter in manchen Gehirnen wabern:

    http://update2.blog.de/2009/02/13/geschaeftsmodelle-twitter-endlich-geld-verdienen-5565337/

  • tvundso

    Interessant geworden, die Diskussion hier ;)

    Ich gehöre nun nicht mehr zu den Verweigerern, und habe mir auch einen Twitter-Account registriert und schaue derzeit gerade rein. Das Argument gegen die Meinungsführer oder Multiplikatoren-These hat Ulf J. Froitzheim nochmal gut formuliert finde ich, so hätte ich es auch sagen wollen.

    Ich glaube auch bislang nicht, dass sich durch die aktive Teilnahme bei Twitter etwas daran ändern, dass ich es unter diesem Gesichtspunkt für Quatsch halte (aber abwarten). Es ist aber auf jeden Fall schonmal sehr unterhaltsam was dort geschieht.

  • Pingback: Ich hab jetzt auch so ein Twitter « TV… und so

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  • Pingback: Tweets die RT How Accessible is Your Website? 8 Tools to Analyze Your Website’s Level of Accessibility ... erwähnt -- Topsy.com

  • http://mika-gustavson.de Mika Gustavson

    Als Unternehmen habe ich mit Twitter sehr gute Erfahrungen gemacht. Es ist auch für Unternehmen wichtig Dienst wie Twitter zu nützen um Marketing zu betreiben. Privat würde ich Twitter aber nicht nützen!

    Viele Grüße Mika