Wirtschaftsprüfer rät Verlagen: Konsolidieren, spezialisieren oder sterben gehen


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Das Wirtschaftsprüfungs- und Consultingunternehmen Deloitte hat heute eine Studie der Ertragssituation von Verlagen veröffentlicht: ”Finanziellen Spielraum aktiv nutzen“. Als wesentliche Handlungsoptionen, mit denen Verlage angesichts seit Jahren rückläufiger Auflagen ihre Einnahmen verbessern können, benennen die Finanzberater:

  1. Aktive Konsolidierung – mit dem Ziel einer Markt- und Kostenführerschaft im Printgeschäft
  2. Diversifikation zu einem integrierten Medienkonzern – mit dem Ziel, digitale Wachstumsmärkte zu erschließen und Synergien zu schaffen
  3. Internationalionalisierung – mit dem Ziel, außerhalb des gesättigten Marktes zu wachsen
  4. Fokussierung auf Nischenmärkte – mit dem Ziel, spezielle Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse abzudecken
  5. Geordneter Rückzug – mit dem Ziel, loyale und zahlungsbereite Leser  zu halten, um den Free Cashfloy zu optimieren
  6. Deinvestition – mit dem Ziel, über einen kurzfristigen Marktaustritt den maximalen Verkaufserlös zu erzielen.

Und hier die Übersetzung von mir:

  1. Noch mehr Kosten sparen, indem Redakteure entlassen, die Honorare für freie Journalisten noch weiter gedrückt, Redaktionen zusammengelegt und Titel aus einem gemeinsamen Inhaltepool gefüllt werden. Unklar, wie damit der neuerdings als Begriff überstrapazierte ”Qualitätsjournalismus” aufrecht erhalten werden kann.
  2. Alle neuen Web- und Mobile-Kanäle bespielen. 100 Dinge ausprobieren, damit 10 funktionieren und am Ende vielleicht 2 oder 3 richtig zünden. Wahrscheinlich der richtige Weg. Damit hätte man aber auch schon vor einigen Jahren beginnen sollen, als die Gewinne noch sprudelten.
  3. Kaufen, was Potenzial hat und gerade unter Wert zu haben ist. Wird als Investitionsstrategie vom Axel Springer Verlag seit Jahren beherzigt und der macht bekanntlich auch in der Krise gute Gewinne. Als Tipp zur kurzfristigen Einnahmeverbesserung (vulgo: Auspressen) nicht  unbedingt geeignet. Siehe Montgomery und der Berliner Verlag.
  4. Der beste Tipp: Hört auf, der Aktualität der Berichterstattung im Netz hinterherzuhecheln. Besinnt Euch auf Eure Kernkompetenzen: Lokales, Analyse und Berichte, die über den Tag hinaus Bestand haben. Hört auf, beliebig und austauschbar zu sein.
  5. und 6. Geht sterben (und versucht zumindest, vorher noch ein hübsches Sümmchen aus dem Verkauf zu erzielen).

Interessant ist auch, was den Deloitte den Verlagen NICHT rät, nämlich:

  • Versucht, unter Wiederholung der ewig gleichen Parolen (z.B. auf Medienkongressen) wie ”Qualitätsjournalismus muss auch im Internet seinen Preis haben” oder ”Das Netz darf kein rechtsfreier Raum sein” oder ”Die Kostenloskultur im Internet muss ein Ende haben” Bezahlmodelle für Allerweltsjournalismus einzuführen, die durch Boykott leicht ausgehebelt werden können, weil es immer jemanden geben wird, der Allerweltsinhalte im Netz kostenlos anbietet.
  • Lobbyiert für eine “Leistungsschutzabgabe”, die das Verlinken zu Euren Netzangeboten kostenpflichtig macht, damit weniger Nutzer Eure Angebote finden und Eure Werbeeinnahmen sinken.
  • Wenn Ihr die Leistungschutzabgabe nicht bekommt, dann plädiert zumindest für eine ”Kulturflatrate” als Zwangsabgabe für zahlungsunwillige Nutzer und sorgt dann dafür, dass der Begriff Kultur im Netz möglichst eng angelehnt ist an das, was Zeitungen produzieren.

Eine Pressemeldung zur Deloitte-Studie gibt es hier, die gesamte Studie kann kostenfrei hier heruntergeladen werden.

Foto: Flickr/just.Luc

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9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  2. Seit einigen Jahren tummel ich mich immer mal wieder als Berater. Zumeist bei Change Management Aufgaben rund um interne Wissens- und Informationsflüsse – früher hieß das mal Wissensmanagement oder interne Kommunikation. Was mir immer wieder auffiel, außer “Kommando” und “strategische Planung” wird eigentlich keine andere der 5 bis 7 bekannten strategischen Managementmaßnahmen durchgeführt. Es gibt hier und da evolutionäre Ansätze, aber aus Gründen des sprichwörtlichen Kadavergehorsams in vielen Firmen und der damit einhergehenden limitierten Eigeninitiative bleibt das Rangehen an die basalen Grundbedingungen maximal in der Analyse stecken. Delegieren klappt noch. Aber alles, das darüber hinaus geht, geht in politischen Abteilungskämpfen/Eigentümerfamilienstreits/Grabenkämpfen unter. Der Sinn liegt immer darin, das eigentlich Problem durch Schattenboxen zu bekämpfen und auf den Nebenkriegsschauplätzen das Profil zu erlangen, das bei der eigentlichen Aufgabe fehlt…

    Das ist bei den Medien nicht anders. Es ist ein Markt. Es gibt Nachfrage. Es gibt ein paar Anbieter. Dass es eine vierte Macht im Sinne der Gewaltenteilung ist, muss mir zunächst noch bewiesen werden.

  3. @Wittkewitz

    Ihrer – sagen wir – ”recht nüchternen” Betrachtung der Rolle der Medien in der Gesellschaft sollte ich aus idealistischen Gründen eigentlich nicht zustimmen. Ich fürchte allerdings, Sie haben recht.

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  8. Punkt 1 Ihrer “Übersetzung” ist in meinem Verlag eingetroffen, und da nach Zusammenlegung zweier Redaktionen manche Positionen doppelt besetzt sind, stehe ich nun auf der Straße. Und der Qualitätsjournalismus geht sterben.
    Und bald vielleicht der ganze Verlag, wenn Punkt 4 nicht endlich wieder beherzigt wird.
    Sie bringen’s auf den Punkt, auf sechs, um genau zu sein.

  9. Hallo Frau Langner,
    danke für die Übersetzung.
    Ich habe einmal versucht, meine Konzeption in ein kurzes Blog-Statement zusammen zu fassen – http://arm.in/4Gp. Bin auf Ihren Kommentar dazu gespannt.
    Gruss
    Hans Bayartz