“Debatten führen” – Robin Meyer-Lucht über das Grimme Online Award Blog Carta

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Gleich zu Anfang ein Disclaimer: Das folgende Interview, das ich am Abend der Grimme Online Award Verleihung mit Robin Meyer-Lucht geführt habe, mag den Anschein von Objektivität haben. Aber das sieht nur so aus. Als Carta-Autorin freue mich nämlich ganz riesig mit Robin und dem gesamten Autorenteam über diesen Preis für Carta.

Wer nachlesen will, wie wenig Kritiker dem Blog in den ersten Tagen seines Bestehens zugetraut haben, der sollte auf den Link ”Don Alphonso” in der letzten Antwort klicken und auch die Kommentare unter dem Beitrag lesen. Das ist allerdings nur noch ein historisches Dokument. Carta hat sich weiterentwickelt und sich in nur neun Monaten von einer anfangs leicht elitär abgehobenen Plattform zu einem lebendigen Ort mit fundierten Themen und anregender Debattenkultur entwickelt. Deshalb ist der Preis verdient.

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“Wir brauchen Leute, die Debatten führen wollen”

Wie ist Carta entstanden?

Robin Meyer-Lucht: Ursprünglich war Carta ein Projekt, das ich mit einem Kunden entwickelt habe. Wir wollten ein Gruppenblog starten und Experten, die dezentral organisiert sind, in einer interessanten Sphäre zusammenführen. Der Kunde ist aufgrund der Medienkrise im September 2008 abgesprungen. Ich habe das Projekt dann einem anderen Verlag vorgestellt, und bin gefragt worden: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem, was Sie machen wollen und Zoomer? Daraufhin habe ich beschlossen, das Experiment in der ersten Phase allein durchzuziehen. Ich hätte mich auch entscheiden können, stattdessen in Kundenprojekte zu investieren, aus denen dann sowieso nichts wird. Oder ich hätte stärker wissenschaftlich publizieren können. Aber ich habe mich entschieden, ein praktisches Experiment in Online-Formatentwicklung durchzuführen.

Wie kommen die Autoren zu Carta? Ist das Blog für jeden offen?

Es gibt verschiedene Wege, wie Autoren zu Carta kommen. Am Anfang waren es natürlich vor allem Freunde und Bekannte von mir und Leute, von denen ich geglaubt habe, dass sie zu Carta passen. Einige, deren Beiträge im Internet mir gefielen, habe ich angesprochen, ob sie bei Carta mitschreiben wollen. Bei Tobias Moorstedt fand ich sein Buch sehr gut und habe ihn gefragt. Andere haben sich selbst gemeldet. Das Blog steht grundsätzlich für jeden offen, aber als Plattform haben wir einen Qualitätsanspruch und eine Haltung. Von einigen Autoren haben wir uns auch wieder getrennt. Das gilt aber für beide Seiten. Es muss passen.

Was ist die Haltung von Carta?

Die Haltung von Carta besteht darin, den Dingen grundsätzlich kritisch gegenüber zu stehen. Mehr wissen wollen, die Dinge hinterfragen, eine eigenständige Meinung vertreten und einen eigenständigen Zugang zu den Themen. Auch eine persönliche Expertise aus seinem professionellen Umfeld. Carta wird ja zu einem erheblichen Teil nicht von Journalisten gefüllt, sondern von Wissenschaftlern und Experten, die eine andere Sicht hereinbringen. Bei einigen merkt man, die Haltung ist in sich stimmig und begründet. Wir brauchen Leute, die Debatten führen wollen. Wir müssen mehr und andere Themen bringen als die klassischen Medien. Am liebsten natürlich auch Themen, die andere Internetquellen einbinden, die vertiefen und diskutieren. Wir brauchen eine gewisse Meinungsfreudigkeit aber auch Fundiertheit. Wir wollen uns mit den Autoren wohlfühlen.

Über dem Blog steht: Home, Agenda, Ökonomie, Medien – aber das Thema Medien hat ein deutliches Übergewicht.

Ja, das stimmt. Als wir Carta konzipiert haben, war klar, wir wollen kein weiteres Medienblog sein, weil es schon sehr viele gibt. Uns interessiert dieses Dreieck in der Mitte, die Schnittmenge aus allen drei Themen. Zum Beispiel Themen wie politische Kommunikation im Internet oder Medienökonomie. Oder die Frage, was passiert, wenn in der Krise Politik und Ökonomie zusammenkommen. Es hat sich dennoch ein Medienschwerpunkt herausgebildet, weil wir relativ schnell viele Autoren hatten und die Texte auch gut gelesen wurden. Es gibt eine große Aufmerksamkeit für Medienthemen im Internet, auch durch die Querverlinkung. Wir haben noch einen anderen Schwerpunkt, den wir gerne stärken würden, das ist das Thema Klimapolitik. Es ist relativ schwierig, für dieses Thema Aufmerksamkeit zu bekommen, weil es eben nicht so viele Klimablogs gibt. Und es ist auch schwer, den Klimablogs klarzumachen, dass Carta auch eine Klimasektion hat. Da gibt es sich selbst verstärkende Feedback-Schleifen. Wir haben im Bereich Ökonomie den ein oder anderen Autoren nicht so einbinden können, wie wir uns das erhofft haben. Letztlich kann man nur das liefern, wofür man Autoren findet. Ich denke aber, dass der Bereich Politik sich jetzt auch ganz gut entwickelt. Der meistgelesenste Artikel aller Zeiten auf Carta ist der von Wolfgang Michal zur Piratenpartei.

Kommt Carta aus einer journalistischen Tradition?

Jemand hat neulich mal getwittert, Carta ist ein Blog wie eine Zeitung, das könne er weiter empfehlen. Das fand ich lustig. So als Alleinstellungsmerkmal. Was aber die Aufgabe von Carta sein kann: Wir kommen aus den Traditionen des Journalismus, sind aber gleichzeitg nicht rückgebunden an die klassischen Medien und können uns deswegen auch zu bestimmten Entwicklungen freier äußern. Zum Beispiel zur Piratenpartei. In klassischen Redaktionen ist das alles aufgeteilt, wer für welche Partei zuständig ist. Das ist unser USP: Wir sind zwar journalistisch, aber in bezug auf Online- und Politikthemen beweglicher.

Carta hat ganz in der Tradition von Print sogar Herausgeber…

Ja, und sogar einen Beirat. Die Herausgeber haben wir jetzt ein bisschen nach hinten gerückt.

Ganz am Anfang wurde die arg abgehobene Sprache von Carta kritisiert…

Wir haben anfangs ganz viele Fehler gemacht. Einer unserer lustigen Fehler war auf unser Seite “Was ist Carta?”. Da haben wir eine Kurzversion der Vorstellung benutzt, die wir ursprünglich mal für einen Verlag gemacht haben. Da stand dann plötzlich drin, Carta richtet sich an die 1,5 Millonen Akademiker in Deutschland zwischen 25 bis 40, die täglich im Internet sind, und so ein Blödsinn.

Akademiker mussten es schon sein?

Das war einfach aus der Mediazählung übernommen. Wir richten uns natürlich ganz klar nicht nur an Akademiker. Das war einfach Zielgruppen-Quatsch. Das ist nun mal im Beratergeschäft so. Da muss man am Anfang überlegen, wenn ich 100 Prozent Reichweite hätte, wie groß wäre dann eigentlich mein Angebot?

Jetzt steht das da nicht mehr drin…

Nein, das steht da nicht mehr drin. Don Alphonso hat früh über Carta geschrieben und über unsere Selbstbeschreibung gelästert. Auch über solche verschrobenen Formulierungen wie ”Wir nehmen unseren Autoren die Unwägbarkeit der Online-Publizistik ab.” Das haben wir natürlich mitbekommen, weil plötzlich die Seite ganz viel gelesen wurde. Dann haben wir uns den Text angeguckt, uns für die kritischen Hinweise bedankt und die Seite entsprechend geändert. Worauf wir dann wieder ein positives Feedback von Medienlese bekommen haben. Ein typischer Fall von Lernprozess.

Vorschau: Ein Beitrag von mir mit den Statements aller Grimme Online Award Preisträger wird in der nächsten Ausgabe des mediummagazin erscheinen (Heft 7/8).

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