Dann boykottiert doch Google!

google

Nun also auch Hubert Burda. Von ihm hatte man ja auch bisher noch nichts vernommen bei den seit Wochen währenden Verlagsvorstössen für eine Leistungsschutzabgabe. Heute aber hat sich Burda mit Verve in die Debatte geworfen und setzt sich mit der ”Link-Ökonomie” auseinander. ”Wir werden schleichend enteignet” ist sein Meinungsbeitrag in der FAZ übertitelt, in dem er argumentiert, dass Google sich mit der Verlinkung von Inhalten in Verlagsportalen ungerechtfertigt bereichere.

Der Verleger ist nicht per se dagegen, dass Suchmaschinen Links zu Verlagsinhalten setzen. Dass Google dann aber den Löwenanteil an Werbeeinnahmen aus diesem Konstrukt erzielt und die Verlage im Internet “nur lousy Pennies” verdienen – das sind Burda, Springer und Co. nicht gewohnt. Denn zu Vor-Internetzeiten waren sie es, die Anzeigenflächen zu horrenden Preisen vermarkten konnten. Das weiß jeder, der mal einen dürren Fünfzeiler ohne Foto oder grafische Gestaltung als Anzeige in einer Lokalzeitung aufgegeben hat.

Dass diese seligen Zeiten für immer vorbei sind, das wissen Hurbert Burda oder auch Matthias Döpfner nur zu gut. Genau deshalb gibt es ja diese in immer kürzen Abständen zu lesenden Meinungsbeiträge. Sie stehen fast immer auf den Feuilletonseiten und nicht im Wirtschaftsteil, denn es geht ja vordergründig um den Erhalt des Qualitätsjournalismus, und nicht um Besitzstandswahrung. Doch in Wahrheit ist es doch so: Die Verlage sehen es offenbar als ein Naturgesetz an, dass ihnen die zweistelligen Renditen aus dem Printzeitalter auch im Netz zustehen. Und wenn sich jemand – also vor allem Google – von diesem Kuchen ein so großes Stück abschneidet, dass für die Verlage weniger als gewohnt übrigbleibt, dann muss aus ihrer Sicht eben aus anderen Quellen Geld in die Verlagskassen geleitet werden, per Leistungsschutzabgabe oder Kulturflatrate.

Doch zurück zu Google und der Link-Ökonomie. Burda argumentiert:

Suchmaschinen, aber auch Provider und andere Anbieter profitieren überproportional von unseren teuer erstellten Inhalten. Doch wer die Leistung anderer kommerziell nutzt, muss dafür bezahlen.

Und genau hier liegt das große Missverständnis. Google erbringt mit der Verlinkung eine Dienstleistung. Hierfür als Verlag die Hand auf zu halten, wäre genauso absurd, wie von Kioskbesitzern eine Abgabe dafür zu verlangen, dass der Focus in der Auslage liegt. In der Logik von Burda verkauft der Kioskinhaber nur deshalb so viele Schokoriegel und Bierflaschen, weil die Käufer in erster Linie wegen des Focus zum Kiosk gehen. Also müsse der Burda-Verlag angemessen am Umsatz mit den Schokoriegeln und den Bierflaschen beteiligt werden.

Die Dienstleistung besteht darin: Internetseiten, die bei Suchmaschinen indiziert werden und nach dem Eingeben von Suchbegriffen in den Trefferlisten auftauchen, werden dadurch für  viele Nutzer erst auffindbar. Nebenbei: Auch Aggregatoren wie Rivva machen Webseiten von Verlagen an prominenter Stelle sichtbar (auf den Plätzen 3 bis 5 in der Rivva-Rangliste der am meisten verlinkten Leitmedien stehen mit geringen Schwankungen seit Wochen beispielsweise Spiegel Online, Zeit Online und FAZ.net), auch Blogs verlinken auf Print-Websites – umgekehrt allerdings sehr selten. Aber Burda hat sich ja auf Google als großen Bereicherer eingeschossen, deshalb bleiben wir bei diesem Aspekt.

Der Suchmaschinenbetreiber könnte theoretisch auch Gebühren dafür verlangen, dass sein Suchalgorithmus den Printportalen täglich, stündlich, minütlich frische Besucher zuführt. Für dieses Geschäftsmodell hat sich Google aber nicht entschieden, sondern für Werbefinanzierung. Neben den organischen Suchergebnissen tauchen weitere Links auf, deren Platzierung von Unternehmen erkauft wurde. Außerdem bietet Google allen Websites an, relevante Kontextwerbung zu platzieren (AdSense) und die Einnahmen zu teilen. Mit diesen beiden Diensten verdient Google so viel Geld, dass der Konzern es sich leisten kann, weitere kostenfreie Dienste wie GoogleMaps, Google Docs, Google Reader, Googlemail etc. anzubieten und seine besten Leute für die Erforschung neuer Dienste wie das Kommunikationsnetzwerk Wave freizustellen. Nach eigenen Angaben hat Google im Jahr 2008 übrigens fünf Milliarden Dollar über AdSense und Co. an Partner ausgeschüttet.

”Google ist ein moderner Imperialist, der seine monopolartige Stellung nutzt und ausnutzt”, sagt Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von Süddeutsche.de im Interview mit meedia. Doch dass Google als Suchmaschine in Deutschland einen Marktanteil von rund 90 Prozent hat, bedeutet noch lange kein Monopol im Sinne einer erzwungenen Marktmacht, wie Jakobs suggeriert. Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen meinem lokalen Energieversorger und meiner favorisierten Suchmaschine. Einem Monopolisten kann man nicht ausweichen, weil es keine Alternativen gibt oder weil diese nur mit großer Mühe genutzt werden können. Doch es gibt Dutzende von Alternativen zu Googlemail und es gibt auch andere Suchmaschinen. Google beherrscht den Weltmarkt der Websuchen, weil die Internetnutzer mit Milliarden von Mausklicks so abgestimmt haben. (In China ist die Suchmaschine Baidu übrigens beliebter). Google hat seine Marktmacht nicht durch Nötigung erzwungen, anders als Microsoft jahrelang mit seinem vorinstallierten Explorer als Browser. Auf meinen Rechnern ist Google jedenfalls nicht vorinstalliert.

Ebenso freiwillig wie die Nutzung einer bestimmten Suchmaschine für Verbraucher ist es für Webseiten-Betreiber, ihre Seiten für Google und Co. auffindbar zu machen. Mit einem einzigen Mausklick lässt sich verhindern, dass die Crawler vorbeikommen und Seiten indizieren. Diese Option wählt aber kein Verlag, denn die zusätzlichen Besucher sind natürlich hochwillkommen. Zu den Focus Online Seiten finden rund die Hälfte der Besucher per Google. Chris Anderson, Autor der Bücher  ”The Long Tail” und ”Free” und Chefredakteur der US-Zeitschrift Wired, beziffert den Anteil der Besucher, die von Google auf die Wired-Seiten kommen, auf 40 Prozent. ”Ich nenne das ein Geschenk, aber die Zeitungen nennen es Diebstahl”, sagt Anderson in einem lesenswerten Beitrag des Guardian.

Burda plädiert für die “rechtliche Absicherung der wirtschaftlichen Basis” als  “Selbsterhaltungstrieb unseres Rechtsstaats”. Das ist der Ruf nach dem Staat. Er soll jetzt mit Gesetzen einspringen, weil die Verlage es bis heute nicht geschafft haben, funktionierende Erlösmodelle im Internet etablieren.  Doch was wird passieren, wenn Google per Gesetz in Deutschland verpflichtet wird, für die Verlinkung zu bezahlen?  Das hat der Konzern bereits vorexerziert, als er lieber die Clips von einzelnen Plattenfirmen bei YouTube löschte, als dafür Gebühren an die Majors zu zahlen. Ebenso werden die Links auf Verlagsportale einfach ausbleiben. Und die Verlags-Websites werden zu Inseln im Netz, die allmählich veröden.
Das wird auch einer der Gründe sein, warum Verlage sich nicht einfach verabreden, ihre Angebote für Google zu sperren. Zumindest diejenigen Verlage, die sich momentan für eine Leistungsschutzabgabe einsetzen. Mit ihrer gemeinsamen Marktmacht dürfte es für die Verlage doch ein Leichtes sein, dem deutschsprachigen Internet soviel Qualitätsjournalismus zu entziehen, dass Google sich auf Verhandlungen über eine ”faire” Gewinnbeteiligung einlässt, oder nicht? Doch es gibt noch einen weiteren Grund, der gegen einen Google-Boykott spricht: Nachrichtenanbieter, die dabei nicht mitmachen, werden gestärkt, und die ersten, die aus der Phalanx der Verweigerer ausscheren, ebenfalls.

Nebenbei: Freie Journalisten, die per Total-Buy-Out-Vertrag ihre Verwertungsrechte online und offline gegen Einmalhonorar an Verlage wie Springer oder FAZ abtreten müssen, sollten von dieser Stelle in Burdas Text Notiz nehmen:

“Bei alldem geht es um viel mehr als die rechtliche Beanspruchung eines „fair share and faire use“, eines fairen Umgangs mit Informationen und eines fairen Anteils an der Wertschöpfung im Internet. Es geht um die Bewahrung eines Kulturguts.”

Foto: Flickr / Yodel Anecdotal

62 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich finde es eine Sauerei von Google. Sich selber machen sie sich zur stärksten marke der Welt vergessen aber dabei, dass sie von anderen abhängig sind. Wer weiß, vielleicht wird Google irgendwann untergehen. Dann sehen die Deppen mal was sie davon haben.