The Printed Blog – Das Aus für eine rückwärtsgewandte Idee

PrintedBLog
Sechs Monate, 16 Ausgaben und 80.000 gedruckte Ausgaben – so lange hat es gedauert, bis Joshua Karp sein Projekt  The Printed Blog wieder aufgeben musste. Das gab der Gründer gestern bekannt. The Printed Blog erschien mehrmals wöchentlich und wurde an belebten U-Bahn-Stationen in Chicago und San Francisco an Passanten verteilt. Von seiner Idee, Blogs als Momentaufnahme aus dem Internet auf bedrucktes Papier zu bannen, ist der US-Amerikaner nach wie vor angetan, doch nun hätte er Investoren gebraucht, um weiterzumachen, und die waren nicht überzeugt. Zu Recht.

Denn was sprach eigentlich für die Idee einer gedruckten Blogsammlung? Im Grunde nur die Tatsache, dass sich mit gedruckten Anzeigen immer noch wesentlich mehr Geld verdienen lässt als mit Anzeigen im Internet. Doch das heißt noch lange nicht, dass das journalistische Konzept erfolgversprechend war. Veröffentlichungen in gut geführten Blogs mit regen Debatten sind keine Momentaufnahmen, die man aus dem Netz heraustrennen und isoliert auf Papier bannen kann.

Das fängt schon beim Zeitpunkt an: Geht ein Blogbeitrag sofort nach Erscheinen in Druck, um aktuell in der Zeitung zu erscheinen, können keine Kommentare mit veröffentlicht werden. Die sind aber oft genau lesenswert wie die Ursprungsbeitrag. Das Veröffentlichen von Kommentaren ist aus Platzgründen ohnehin schwierig. Wartet man aber drei Tage, um auch eine eventuell sich entwickelnde spannende Debatte auf Papier zu bannen, dann fragen sich die Leser der gedruckten Ausgabe zu Recht, warum sie etwas vorgesetzt bekommen, was schon vor drei Tagen im Internet zu lesen war. Das Dilemma, dass gute Blogbeiträge und guter  Journalismus im Netz kontinuierliche Prozesse sind, gedruckte Texte aber notwendigerweise Produkte mit festen Erscheinungsterminen, lässt sich nicht so einfach lösen. Man merkt das auch an Leserbriefen, die Tage nach einer Veröffentlichung in der Zeitung erscheinen: Um sie zu verstehen, möchte man oft den Beitrag, auf den sie sich beziehen, noch einmal nachlesen. Doch der liegt längst im Altpapier.

Auch wegen der  fehlenden Verlinkung von Quellen, Hintergrundinformationen und anderen Meinungen wirken gedruckte Blogbeiträge seltsam steril. Sie können ihr ureigenstes Pozential, die Interaktivität und Unmittelbarkeit, als lineare Momentaufnahme nicht entfalten. Dieses Problem kann auch Der Freitag, der eine Auswahl von Blogbeiträgen gegen Honorar in seiner gedruckten Ausgabe nachdruckt, nicht überzeugend lösen. Die Tatsache, dass The Printed Blog seinen Bloggern kein Honorar bezahlt hat, sprach zumindest in dieser Phase allerdings nicht gegen das Konzept. Es gab genügend Blogger, die für die Aussicht, zusätzliche Leser zu erreichen, ihr Einverständnis zum Nachdruck gaben. Angeblich hatte Karp auch schon Interessenten, die das Projekt auf weiteren Märkten übernehmen wollten:

I’ve been contacted a dozen times over the past 6 months concerning granting a license for or entering into another type of partnership with The Printed Blog. At this point, I’ll do my best to help anyone who can make use of the work we did… just drop me a line.

Abzuwarten bleibt, ob diese Interessenten Karps Projekt auch ohne ihn weiterführen wollen. Der gedankliche Fehler des Printed Blog lag wirklich schon im Konstrukt: Wenn Print auch in Zukunft eine Chance haben soll, dann mit Hintergrundbeiträgen, Analysen und exklusiven Texten, mit denen man sich genussvoll für eine halbe Stunde aufs Sofa oder ins Café zurückziehen kann. Aber bestimmt nicht mit einer notwendigerweise kastrierten Abbildung von Blogs.

Über die Einstellung des Printed Blog berichten auch The New York Times, Techcrunch und turi2.

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Blog » Von Internetausdruckern, Generationsunterschieden und meiner ganz persönlichen Naivität | Carolin Neumann - Journalistin

  2. Pingback: MEDIA LOTSE | Agentur fuer PR, Konzeption und Planung

  3. Ich muss gestehen, dass ich von dem Printed Blog bis Anfang dieser Woche nichts gehört hatte. Es mag sich nach einer Kopie anhören aber von http://www.metal-online.com wird es ein ähnliches Projekt geben.

    Die erste gedruckte Ausgabe mit News, CD-Reviews, Konzert Terminen und Gewinnspiel ist bereits im Druck und wird ab übernächster Woche – dank der Unterstützung namhafter Sponsoren aus der Metal Szene – KOSTENLOS in einzelnen Szene Clubs in Köln erhältlich sein.

    Das Heft wird mit einem Hochglanz Umschlag im Format A6 daher kommen und hat bisher nur positive Kritiken bekommen.

    Ich sehe das Heft als Möglichkeit sein Blog innerhalb einer bestimmten Szene noch bekannter zu machen und die Leute direkt da abzuholen, wo sie ihrem Hobby – der Musik – noch immer mit am häufigsten nachgehen: Im Club mit Freunden beim Feiern.

    Das Ganze ist zunächst ein Testballon und soll nach und nach auf ganz NRW und schließlich ganz Deutschland ausgeweitet werden. Ganz wie Josh Karp sagt: Immer einen Schritt nach dem anderen und das Ziel nicht aus den Augen verlieren.

    Wer weitere Infos zu dem Projekt haben möchte kann sich gerne mit mir in Verbindung setzen. Kontaktdaten sind alle im Impressum von http://www.metal-online.com

    Sören

  4. Pingback: Medial Digital – Medien, digitale Medien, Medienwandel, Journalismus, Internet, soziales Internet, Social Web, Web 2.0» Neu Zeitungszukunft » Personalisierte Zeitung niuu: Wegweisend oder zum Scheitern verurteilt?

  5. Pingback: Personalisierte Tageszeitung kommt « etm blog