Flat-Think-Mentalität in der “FAZ”: Wenn Analogien wehtun

31. Juli 2009 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Internetnutzung, Journalismus, Neu
[caption id="attachment_1034" align="aligncenter" width="576" caption="Das kommt dabei heraus, wenn man sogenanntes Flatrate-Saufen und 24-Hour-Stores in schiefen Analogien zusammenbringt. Foto: jkottke / Flickr"]Bierflasche[/caption]

Armes Internet. Es gibt kaum einen Missstand auf der Welt, für den du nicht verantwortlich gemacht wirst. Kinderschändungen, Amokläufe, Gewaltverherrlichung, das “Übersehen der Opfer in der realen Welt” . Und jetzt bist Du auch noch schuld daran, dass immer mehr jugendliche Säufer auf den Plätzen in unseren Innenstädten herumlungern. Das liegt nämlich daran, dass diese jungen Leute die Flatrate-Mentalität (Wieso eigentlich nicht auch die Gratis-Mentalität?) aus dem Netz auf den Konsum von Alkohol übertragen haben. Ist ja auch logisch: Wenn junge Menschen damit aufwachsen, dass Online-Shops immer geöffnet und per WLAN oder mobiler Flatrate von überall zu erreichen sind, dann müssen diese Digital Natives doch zwangsläufig denken, dass sich man sich auch immer und überall besaufen darf und sollte. So die Kernthese in Richard Kämmerlings intellektuell bestechend schlichtem FAZ-Beitrag “Ausweitung der Trinkzone”.

In seiner wüsten Aneinanderreihung von Analogien, die mit dem Übel des entgrenzten Einkaufens beginnt  (auch offline, da ja auch die Ladenschlusszeiten nicht mehr das sind, was sie mal waren), den Fluch der ständigem Erreichbarkeit durch Email und Handy nicht vergisst und schließlich auch die Einrichtung von  Langen Nächten in Museen als Flatrate-Mentalität geisselt, vergisst Autor Richard Kämmerlings nur eines: Die Logik.

Was bitte, hat das alles miteinander zu tun? Außer, dass dieser Text sich nahtlos einfügt in die anschwellenden Bocksgesänge von Feuilletonisten, denen das Internet offenbar unheimlich geworden ist. Nebenbei: Wie man sich als Zeitungsredakteur in seiner  Kurzbio rühmen kann, man habe gelernt, “die Popkultur ernst zu nehmen” und dabei die Netzkultur so vollends missdeuten kann, ist mir ein Rätsel.

Ich schreibe diese Zeilen übrigens aus Kanada – einem Land, in dem trotz 24-Hour-Stores und Sonntagseinkäufen der Alkoholkonsum im öffentlichen Leben außerhalb von lizensierten Gaststätten verboten ist. Ebenso wie fast überall in den USA. Vielleicht sollte ich meinen kanadischen und amerikanischen Freunden den FAZ-Text mal übersetzen. Die würden sich totlachen.

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  • http://www.digitalpublic.de Wittkewitz

    Der Apfel failt nicht weit vom Stamm. Wer das Interview zwischen Schirrmacher und Roger de Weck sah, wird verstehen, warum mittlerweile das intellektuelle Niveau der FAZ in etwa den Anforderungen bestimmter wertkonservativer Bevölkerungsgruppen geopfert wurde. Die FAZ verkommt schon seit längerem zu einer Art Vereinsblättchen der ultrakonservativen Stammtischler aus Königstein. Warum nicht, ist ja ein dankbares Sinusmillieu: Es ändert seine Meinung erst unterhalb von 200.000 EUR Barvermögen und mit weniger als sechs Mietwohungen.

  • Ulrike Langer

    “failt” nicht weit vom Stamm gefällt mir gut ;-)

    Vom Interview Schirrmacher / de Weck habe ich nur die ersten zehn Minuten gesehen. Bis dahin fand ich’s ganz vernünftig…

  • Joe

    Also wens interessiert: dieser Artikel war heute als Erörtungausfgabe im schriftliche Abitur gestellt.
    Stimme der Kritik zu.