US-Medien machtlos gegen Palins Death Panels

24. August 2009 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Journalismus, Neu

Die etablierten amerikanischen Medien sind momentan auf dem besten Weg, den letzten Rest ihrer Reputation als vierte Gewalt im Staat zu verspielen. In den Augen vieler ist irreparabler Schaden schon während der ersten Bush-Regierungsperiode entstanden, als die meisten klassischen Medien der Regierungspropaganda nach 9/11 blindlings folgten, anstatt die notwendigen kritischen Fragen zu stellen. Doch immerhin konnten sich bei diesem Sündenfall New York Times, Washington Post und Co. noch schuldmindernd auf ein Gespinst aus Lügen, Halbwahrheiten und zurückgehaltenen Informationen aus amtlichen Quellen berufen.

Diesmal liegt der Fall anders. Wieder versagen die amerikanischen Medien in ihrer Mehrheit bei ihrer Aufgabe, mit ausgewogenen recherchierten Berichte aufzuklären, um politischer Propaganda entgegenzuwirken. Aber diesmal nicht aus Feigheit oder falschem Patriotismus, sondern weil sie es offenbar nicht mehr können. Seit Wochen geistern Gerüchte durch das Netz und rechtsgewirkte Medien, nach denen US-Präsident Obama mit Kürzungen beim staatlichen Gesundheitsprogramm Medicare für Senioren medizinische Leistungen rationalisieren und de facto eine Art Euthanasie für Greise einführen wolle. Die etablierten Medien haben dem wenig entgegenzusetzen,  wie Howard Kurtz heute in der Washington Post kritisiert.

Beflügelt werden krude Verschwörungstheorien und gewollte Desinformation durch massenmedial verstärkte Auftritte von Kritikern in den Town Hall Meetings, in denen Demokraten für Obomas Reform werben, wie Kurtz kritisiert:

The eruption of anger at town-hall meetings on health care, while real and palpable, became an endless loop on television. The louder the voices, the fiercer the confrontation, the more it became video wallpaper, obscuring the substantive arguments in favor of what producers love most: conflict. [...] Katy Abram was shown hundreds of times yelling at Democratic Sen. Arlen Specter: “I don’t want this country turning into Russia. . . . What are you going to do to restore this country back to what our founders created according to the Constitution?” She later popped up on Sean Hannity’s Fox show, saying: “I know that years down the road, I don’t want my children coming to me and asking me, ‘Mom, why didn’t you do anything? Why do we have to wait in line for, I don’t know, toilet paper or anything?’ “

Ein Auftritt von einer Bürgerin Katy Abram wurde vom rechtspopulistischen Sender Fox rauf und runter gesendet, Abram selbst von Fox als “Volkes Stimme” interviewt:

Tatkräftig beflügelt wird der weitverbreitete Glaube, dass über Obamas Gesundheitsreform der Staat über Leben oder Tod entscheide, durch Ex-Gouverneurin und Ex-Running Mate Sarah Palin. Sie fabuliert seit über zwei Wochen über Obamas “Death Panels”. Ihr Update Concerning the Death Panels auf ihrem Facebook-Blog Sarah Palin’s Notes hat zehn Tage nach Veröffentlichung bereits über 3600  offenbar überwiegend positive Kommentare (mein Eindruck nach Durchblättern der ersten Seiten) und über 8800 ”Thumbs Up / I Like”-Bekundungen bekommen. Der Originaleintrag Statement on the Current Health Care Debate vom 7. August steht inzwischen bei über 6.400 ”Thumbs Up” und 2.300 Kommentaren. Die Kernaussage darin:

And who will suffer the most when they ration care? The sick, the elderly, and the disabled, of course. The America I know and love is not one in which my parents or my baby with Down Syndrome will have to stand in front of Obama’s “death panel” so his bureaucrats can decide, based on a subjective judgment of their “level of productivity in society,” whether they are worthy of health care. Such a system is downright evil.

Zwar gibt es durchaus achtbare Versuche etablierter Medien, mit ausführlichen Analysen das Dickicht der diversen Vorschläge von Expertenkommissionen und Lobbyistengruppen zu durchleuchten, wie Howard Kurtz anerkennt:

For all the sound and fury, news organizations have labored to explain the intricacies of the competing blueprints. “NBC Nightly News” ran a piece examining how Obama’s public health-insurance option would work. ABC’s “World News ” did a fact check on the end-of-life provision in the bill. “CBS Evening News” highlighted problems with the current system by interviewing some of the 1,500 people waiting at a free makeshift clinic in Los Angeles. Time ran a cover story on health care, titled “Paging Dr. Obama.” And major newspapers have been filled with articles examining the nitty-gritty details. Those who say the media haven’t dug into the details aren’t looking very hard.

Doch gegen die virale Macht der Vereinfacher, Demagogen und derer, die wirklich aufrichtig besorgt sind aber die Fakten nicht kennen, können Medien, die solide Aufklärungsarbeit leisten, offenbar nicht mehr durchdringen. Die Verstärkungskräfte der Gerüchte im sozialen Netz sind längst stärker als die Durchschlagskraft der Medien – zumindest bei einem kontroversen und komplizierten Thema wie Obamas Gesundheitsreform.  45 Prozent der Befragten einer Umfrage von NBC glaubten in der vergangenen Woche laut Washington Post immer noch, dass die Obama-Regierung die Gesundheitsversorgung von Senioren rationieren wolle. Unter den Fox-Zuschauern waren es sogar sagenhafte 75 Prozent.

Abstruses oder Hysterisches (auch hier ein Beispiel aus einem Town Hall Meeting) lässt sich eben tausendmal leichter twittern, facebooken, einbetten und weitermailen als ausgewogene Analysen und akribisch vorgetragene Gegenargumente. Zumal die US-Medien aus einer manchmal falsch verstandenen Tradition heraus, oft abstrusen Theorien ebenso breiten Raum geben, wie rationalen Meinungen (”He said – She said”.

Das heißt nicht, dass die US-Medien kritiklos die Vorschläge der Obama-Regierung bejubeln sollen. Es wird aber Zeit, dass sie erkennen, dass ihre Relevanz und Akzeptanz ganz entscheidend davon abhängt, ob sie es schaffen, den Demagogen genügend Aufklärung entgegenzusetzen, die auch wahrgenommen und angenommen wird.

Und unsere deutschen Qualitätsmedien brauchen bei diesem Thema gar keinen Dünkel zu entwickeln. Denn sie fallen in vergleichbaren Fällen als Vierte Macht im Staat  mitunter ganz aus. (via Stefan Niggemeier).

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3 Kommentare
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  1. Tja, das kommt davon wenn man die Bürger nicht mehr zu mündigen Bürgern erzieht. Das wird uns hier auch blühen, wenn wir weiter so wenig in die Bildung investieren und die paar mündigen zur Kinderporno konsumierern degradieren. Dann können die Zensurulas und Schäubles ihre demagogie ungeprüft durch die Medien drücken. Gute Nacht Deutsschland.

  2. >Dann können die Zensurulas und Schäubles ihre demagogie ungeprüft durch die Medien drücken.<

    Ich glaube, große Teile der deutschen Medienlandschaft sind schon an diesem Punkt angekommen.

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