Bitte einbetten!

27. August 2009 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Neu, Social Web


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Rupert Murdoch und Springer-Chef Matthias Döpfner fordern das Ende der “Gratis-Kultur” im Web und wollen sogar das Verlinken auf ihre Webseiten kosterpflichtig machen. Da mutet es fast wie ein Anachronismus an, dass manche Medien genau den umgekehrten Weg gehen und die Mitnahme von Inhalten auf fremde Webseiten nicht nur erlauben, sondern ausdrücklich fördern.

“Bitte einbetten!” heißt es seit Neuestem zum Beispiel unter den Texten des Business Insider (TBI) , in der Webszene vor allem bekannt wegen seines Blogs Silicon Alley Insider (via Media Transparent). Die Webplattform aus dem US-Bundesstaat Delaware hat dafür ein Widget gebaut, dass es Webseitenbetreibern und Bloggern ermöglicht, TBI-Texte kostenfrei und in voller Länge aber ohne Bilder auf fremden Webseiten in zwei verschiedenen Wunschgrößen einzubetten. (Man braucht zum Einbetten ein iframe-Plugin). Ein Widget mit dem heutigen Bericht “Microsoft Replaces Black Man With White Man In Photo” sieht dann zum Beispiel so aus:

Dies ist das exakte Gegenteil des momentan von viele Verlagen angegestreben Modell, bisher kostenfreie Inhalte hinter einer Bezahlschranke (Paid Content) zu verstecken.

Was hat Business Insider davon?

In puncto Aufmerksamkeit sicherlich eine Menge, denn der Text wird im gebrandeten Kasten dargestellt. Dadurch ist garantiert, dass die Quelle immer sofort ins Auge springt. Beim reinen Zitieren und Verlinken ist der Absender oft weniger weniger gut erkennbar. Außerdem kann jeder Besucher meines Blogs jetzt von dieser URL aus ebenfalls den Text im Widget übernehmen. Wäre es ein klasse Text (es ist aber nur ein beliebiges Beispiel), wäre das eine gute Methode, um gebrandeten Business Insider Inhalt möglichst schnell und unkompliziert im Web zu verbreiten. So tritt das Medium zwar einerseits hinter die Inhalte zurück – man muss nicht mehr die Business Insider Webseite besuchen, um dessen Inhalte zu finden. Andererseits kann die Marke Business Insider dadurch viel bekannter werden, weil sie unabhängig von eigenen Webplattformen überall im Netz auftauchen und gefunden werden kann.

BildwidgetDas hat auch Bild.de erkannt und bietet seit Mitte Mai 2009 unter dem Motto ”Bild Dir Dein Bild.de” Widgets in nur drei Schritten zum Einbetten an. Bei Bild muss nicht einmal HTML-Code kopiert und angepasst werden, was wohl der richtige Weg ist, um nicht nur Techies zu erreichen (die auch sicher nicht die vorrangige Zielgruppe für eingebetteten Bild-Content sind). Bei Bild.de habe ich heute gefragt, wie oft dieses Widget bisher schon abgerufen wurde. Dazu wollte die Pressestelle aber heute noch keine Auskunft geben. Positiv auffällig ist jedenfalls, dass der Vorstoss der Konzernspitze, Verlagen notfalls per politischem Dekret (Leistungsschutzabgabe) merh Einnahmen zu verschaffen, die Kreativ- und Marketingabteilungen nicht daran hindert, parallel dazu auch mit neuen Formen von Gratis-Contentverbreitung zu experimentieren.

Und wie wird daraus ein Geschäftsmodell?

Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Der Guardian liefert beispielsweise Werbung mit seinen Inhalten aus. Seit März 2009 bietet der Guardian Texte und Daten über seine Schnittstelle Open Platform an. Wer sie einbetten will, muss dem Werbenetzwerk des Guardian beitreten, verdient aber auch mit an der angeklickten Werbung. Der Guardian kann auf diese Weise sein Werbenetzwerk weit über seine eigenen Webseiten hinaus vergrößern. Manche Arten von kommerzieller Nutzung sind außerdem gebührenpflichtig.

Auch bei der New York Times können Webseitenbetreiber über eine offene Schnittstelle Daten und Inhalte aus allen möglichen Bereichen per Widget einbetten: z.B. die Artikelsuche in allen 2,8 Millionen seit  1981 verfügbaren Beiträgen, die Bestseller-Suche, Daten zur Wahlkampagnen-Finanzierung, Kinokritiken oder den Times Newswire Service, mit der zum Beispiel Facebook-Websites oder Blogs zum NYT-Newsticker werden können.

Dies ist ein großer Schritt auf dem Weg, dem Mediennutzungsverhalten junger und webversierter Nutzer gerecht zu werden, die einen großen Teil ihrer Medienzeit im sozialen Netz – bei YouTube, Facebook, MySpace, Twitter und Co. verbringen. Um diese Nutzer zu erreichen, kommt es nicht mehr darauf an, Leser auf die eigene Webseite zu ziehen und durch möglichst wenige Links nach außen im eigenen Gehege festzuhalten. Zwar möchte am jede Nachrichtenplattform am liebsten die Startseite im Browser eines möglichst großen Nutzerkreises sein, doch das schaffen höchstens Spiegel Online und Bild.de. Die anderen Newssites landen oft nicht einmal im relevant set, d.h. den täglich von einem Webnutzer gezielt per URL angesteuerten Seiten.

Zum Trost: Das ist auch zunehmend unwichtig. Wichtig ist es, den Lesern die Inhalte sozusagen “frei Haus” an die wenigen Orte zu liefern, an denen sie sich bevorzugt und lange aufhalten. Schon vor über einem Jahr zitierte die New York Times die inzwischen oft kolportierte Aussage einer amerikanischen Studentin, die an einer Focus-Group-Befragung teilgenommen hatte: “If the news is that important, it will find me.”

Eine New York Times, die es z.B. als Widget ins Facebook-Profil einer 20jährigen Studentin geschafft hat, ist in ihrem “relevant set” angekommen – deutlich sichtbar für alle ihre Freunde und Kontakte. Ein bessere Werbung für die Marke NYT in einer Zielgruppe, die kaum noch Zeitung liest, kann es kaum geben.

Was halten Sie von den Versuchen von Medien, nicht über Paid Content unmittelbar Einnahmen zu erzielen, sondern über das Verschenken von Inhalten (z.B. per Widgets) eine Marke zu werden, die man dann monetarisieren kann? Über anregende Kommentare freue ich mich sehr!

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  • http://www.bwlzweinull.de Matthias Schwenk

    Die Widget-Strategie ist natürlich ein gutes Beispiel gegen den Paid Content. Allerdings bin ich skeptisch, ob speziell diese Widgets viel bringen werden. Auf gute Artikel wird gern verlinkt, das reicht eigentlich. Warum sollte man deswegen gleich ein ganzes Widget ins eigene Blog einbauen?

    Meines Erachtens steckt dahinter immer noch ein Rest von Print-Denkweise, dass guter Content schwer zu finden bzw. schwer zu erreichen ist. Das Einbetten per Widget erleichtert in diesem Sinn den Zugang. Dabei wird übersehen, dass im Web jede Quelle von der nächsten nur jeweils einen Mausklick (oder einen kurzen Umweg über eine Suchmaschine) entfernt ist.

    Aber vielleicht täusche ich mich da auch. Wir werden ja sehen….

  • http://www.alle-autos-in.de Jürgen Wolff

    Was ist daran jetzt so neu? “Webnapping” hat man das schon vor Jahren getauft und bei ettlichen Websites läuft die Einbettung des eigenen Contents auf anderen Sites zumindest in Form von Teasern und Fotos schon ewig und drei Tage mit Erfolg. Nicht jede Sau, die da mit viel Getöse durchs digitale Dorf getrieben wird, rennt da zum ersten Mal lang.

  • Ulrike Langer

    @Matthias:
    Ich würde auch kein NYT-Widget auf mein Blog stellen – meinen Content produziere ich schließlich selbst. Ich denke aber, man sollte das vor allem aus der Warte der Nutzer betrachten, die z.B. bei Facebook sehr aktiv sind, ihre Profile mit allen möglichen Applikationen anreichern, ganze Bildergalerien einstellen etc. Die können noch ein News-Widget dazustellen. Es geht nicht um Auffindbarkeit. Wenn ich als Facebook-Nutzer ein NYT-Widget einbinde, dann ist das ein starkes Statement: Ich gebe mich damit vor allen Kontakten generell als NYT-Fan zu erkennen.Ich weise nicht nur per Link auf einen einzelnen Beitrag hin, sondern drücke sozusagen meinen Gütestempel auf alles, was über das Widget auf meine Facebok-Seite eingespielt wird. Ein ziemlich großer Vertrauensbeweis.

  • Ulrike Langer

    @Jürgen Wolff:
    Zwischen einem Teaser und einem ganzen Text ist aber doch ein ziemlicher Unterschied… Außerdem beruht der Contentaustausch, den Sie beschreiben, auf konkreten Verträgen oder Absprachen zur Nutzung zwischen Partnern. Das ist bei Widgets nicht der Fall. Ähnlich wie unter einer Creative Commons Lizenz darf jeder den Content von Widgets einbetten. Der Gedanke, dass die meisten Inhalte nicht in Walled Gardens eingesperrt gehören, ist hier viel ausgeprägter.

  • http://www.spiegelkritik.de Tg

    Zumindest die Finanzierung von Journalismus über Werbung bleibt immer problematisch, das ist ja aus der analogen Welt hinlänglich bekannt. Es wird für das Falsche gezahlt (nämlich nicht den Journalismus, sondern die erfolgreiche Ablenkung von ihm) und von den Falschen (nämlich nicht den Journalismus-Nutzern, sondern den Kunden des werbetreibenden Unternehmens).

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  • http://www.alle-autos-in.de Jürgen Wolff

    @Ulrike Langer:
    Doppelter Widerspruch. Natürlich wird ab und an auch die Möglichkeit geboten, komplette Texte einzubinden. Die meisten Widgets, die zumindest ich kenne, bieten aber allenfalls Anrisse und haben nicht zuletzt als einen Sinn von vielen, auf die Ursprungsseite zu führen. So haben beide was davon: Derjenige, der den Content zur Verfügung stellt und derjenige, der das “Widget” einbindet, weil er seinen Lesern Informationen bietet, die vielleicht nicht unbedingt zu seinem Kernangebot gehören, es aber sinnvoll erweitern.

    Ein Beispiel: Ein Anbieter von Steinschlagfolien für Autos bindet die (werbefreie) Übersicht eines Automagazins ein und bietet so auch noch ständig neue Informationen rund ums Thema Auto. Für sie interessanten journalistischen Content hönnten solche Seiten gar nicht selbst erstellen. Da ist Webnapping doch ganz praktisch, um das eigene Angebot attraktiver zu machen..

    Auch das mit den “konkreten Verträgen oder Absprachen” ist nur zum Teil gegeben – es sei denn, man wertet die Bereitstellung eines “Widgets” schon (zu recht) als Einverständnis des Contentanbieters. Wir bieten z.B. seit Jahren Scripte an, mit denen jeder unsere Übersicht in seine Site einbinden kann – ohne dass wir auch nur ansatzweise wissen, wo überall im Web die Scripte rumgeistern. Wir bitten zwar um eine kurze Info des Nutzers, bekommen aber deutlich weniger Feedback, als unsere Logfiles externe Quellen ausweisen. Damit haben wir bislang kein Problem. Und auch wir waren vor nun drei, vier Jahren ganz gewiss nicht die ersten, die “Webnapping” angeboten haben.

    Was mich nur immer etwas wurm: Ideen, die es seit Jahren im Web gibt, werden immer mal wieder ein kleines bisschen aufgehübscht, etwas moderner codiert und mit einem neuen, modischen Namen besetzt – schon schreit alles: “Boah, ganz was neues und revolutionäres.”