(switch to the English version) Die meisten Journalisten würden wohl von sich sagen, dass erst ihr professionell geschriebener Beitrag aus den recherchierten Rohdaten ein veredeltes Endprodukt macht. Adrian Holovaty denkt umgekehrt: Der 28jährige Journalist und Webprogrammierer aus Chicago ließ bei seiner furiosen Keynote auf dem Hamburger Scoopcamp nur halb gespieltes Entsetzen durchschimmern, als er schilderte, was in ihm vorgeht, wenn er sieht, was Journalisten aus Daten machen: “They have this beautiful clean data and then they turn it into a – BLOB! Will sagen: aus Daten wie “iPod gestohlen, Wert 250 Dollar, 17. September 2009, bei Hauseinbruch in xy Straße in Chicago” wird ein Zehnzeiler in der Zeitung, der Nutzern keine Möglichkeit bietet, der Meldung mehr als nur genau das zu entnehmen, was drinsteht.
Holovatys Projekt Everyblock betrachtet Journalismus aus der Perspektive der Daten: Geschichten entstehen aus Daten, und wenn man sie nach möglichst vielen Kriterien auffindbar und bis ins Detail lokalisierbar macht, dann entsteht ein Nutzwert, der größer ist, als die Summe der einzelnen Teile. Um beim
Thema Polizeibericht zu bleiben: Everyblock ermöglicht Suchen nach Kriterien jeder nur erdenklichen Art: In welchen Stadtvierteln wurden die meisten iPods gestohlen? In welchen Straßen? Bei Hauseinbrüchen, Ladendiebstählen Autoeinbrüchen, Raubüberfällen oder Taschendiebstählen? Wenn ich meine Joggingroute um einen Block verlege, ist die Chance dann größer, dass mein iPod mir noch lange erhalten bleibt? Sollte ich besser um 17 Uhr statt um 8 Uhr joggen, weil dann weniger Jogger überfallen werden? Etc., etc. Aus solchen Verknüpfungen von Datenbanken mit Geotagging können Journalisten wiederum Trends erkennen und Themenideen schöpfen.
Datengestützte Journalismus-Projekte wie Everyblock.com wollen traditionellen Journalismus nicht ersetzen, sondern ergänzen. Was Holovaty mit einem Team von nur sechs Leuten und einem selbstgeschriebenen Computerprogramm schafft, könnten allerdings selbst große Lokalredaktionen niemals leisten: Geschichten, Meldungen und Mini-Meldungen bis auf den kleinsten Straßenblock herunterbrechen, Block für Block, Straße für Straße, und das in mittlerweile 15 amerikanischen Großstädten (4 davon noch im Beta-Stadium). Für sein innovatives Projekt, im Januar 2008 gegründet, bekam Holovaty 1,1 Millionen Dollar Anschubfinanzierung von der Knight Foundation und stellte im Gegenzug die Software-Entwicklungen der Open Source Bewegung zur Verfügung. Jetzt soll sich Everyblock, (dass vor einem Monat von MSNBC.com aufgekauft wurde) auf dem freien Markt behaupten.
Sieht Holovaty die Zukunft des Journalismus in Datenbanken? Kooperiert Everyblock mit Zeitungen? Was sind Themenfelder, in denen database journalism sinnvoll eingesetzt werden kann? Was ist das Geschäftsmodell von Everyblock? Für Holovatys Antworten auf diese Fragen bitte ins Interview klicken (9:25 min). Und bitte einige amateurhafte Schnitte entschuldigen – Videojournalismus ist ein noch neues Feld für mich.
Das Interview mit Holovaty ist das zweite meiner neuen Serie ”Interviews mit Innovatoren”, in der ich in loser Folge Gespräche mit Pionieren des Social-Web-Journalismus führe. Interview Nr.1 war ein Gespräch in Vancouver mit Michael Tippett, Gründer der inzwischen an Examiner.com verkauften Plattform NowPublic.

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Ich finde es sehr gut, dass dieser daten- bzw. ortsbezogene Ansatz allmählich bekannter wird. Er zeigt, wie viele ungehobene Schätze noch in der Arbeit von Journalisten stecken. Als Geschäftsmodell halte ich hier sogar Paid Content für eine sinnvolle Möglichkeit: Einem Anbieter, der mir relevante, ortsbezogene Informationen (aus unterschiedlichen Quellen) zusammenstellt (und vielleicht noch Handlungsempfehlungen daraus ableitet), würde ich dafür durchaus einen gewissen Betrag bezahlen.
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