Auch ein Apple Tablet wird deutsche Zeitungen nicht retten
1. Oktober 2009 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Digitales Leben, IT Trends, Neu, Zeitungszukunft, mobiles Internet
Noch ist es Spekulation, aber die Anzeichen verdichten sich, dass auch Apple bald mit einem Tablet PC auf den Markt kommt, das wohl ungefähr so aussehen wird – wie ein überdimensionierter iPod Touch mit einer Bildschirmdiagonale von circa 10 Zoll:
Das Tech-Blog Gizmodo ist davon überzeugt, dass das Tablet
- im Januar oder Februar 2010 auf den Markt kommt
- und in einem ersten Schritt vor allem Periodika wie Zeitungen und Zeitschriften auf den mobilen Bildschirm bringen will:
Apple is in talks with several media companies rooted in print, negotiating content for a “new device.” And they’re not just going for e-books and mags. They’re aiming to redefine print.
Gizmodo will erfahren haben, dass Apple unter anderem bereits mit der New York Times verhandelt. Anders als meedia sehe ich in einem Apple Tablet allerdings nicht die “Zukunft der Zeitungslektüre” und einen möglichen ”Ausweg aus der Printkrise”. Es stellt sich nämlich weiterhin die Frage, wie Zeitungen mit Anwendungen auf dem großformatigen Reader Geld verdienen wollen, solange es kostenlose Alternativen gibt. Solange iPhone Apps kostenfrei verfügbar sind, werden sie gerne heruntergeladen (was noch nichts über die Nutzungshäufigkeit aussagt). Allein die iPhone App des Stern kommt auf Verlagsangaben mit Stand von heute aktuell auf 355.000 Downloads. Noch höher wird wohl die Zahl der heruntergeladenen Focus Online Apps liegen, die im deutschen App Store in der Kategorie Nachrichten auf Platz 2 der beliebtesten Downloads steht.
Doch das dürfte sich rasant ändern, sobald die Anwendungen kostenpflichtig sind. Die Nachrichtenagentur AP hat es jedenfalls geschafft, die Zahl der heruntergeladenen Blackberry Anwendungen auf zehn Prozent zu senken, als sie in diesem Jahr vorübergehend die App für 2,99 Dollar verkaufte, berichtet Spiegel Online. Mit Skepsis zu betrachten ist auch die Ankündigung von Springer-Vorstandschef Matthias Döpfner, künftig mobile Zugänge auf Webinhalte von Springer nur noch gegen Gebühr anzubieten. Auch Focus Online und die FAZ bestätigten gegenüber meedia entsprechende Pläne.
Es müssen schon wirklich exklusive Inhalte sein oder eben Anwendungen, die einen echten Mehrwert gegenüber einmaligem Lesen bringen, um bei Nutzern eine Zahlungsbereitschaft auszulösen. Gerade Nachrichten und aktuelle Berichte erfüllen dafür die Voraussetzungen aber nicht. Erstens können iPhone-Nutzer jederzeit das gesamte Web aufrufen. Selbst wenn nicht nur die Apps, sondern auch die mobilen Internetseiten nur noch gegen Gebühren nutzbar wäre, bleibt immer noch das klassische Internet, dessen Seiten in bester Qualität darstellbar sind. Dies wird erst recht für den großformatigen Tablet-Bildschirm gelten.
Aber gehen wir einmal davon aus, dass über eine Nachrichtenapp wirklich exklusiver Content verbreitet wird. Es braucht nur einen einzigen iPhone-Nutzer, der eine hochexklusive Geschichte, die ihm seine kostenpflichtige Welt- oder Focus-Applikation soeben geliefert hat, im Netz zusammenfasst, und schon ist sie nicht mehr exklusiv. Zeitverzögerung für dieses Szenario in Zeiten von Twitter, Friendfeed, Facebook und Posterous? Beinahe Null. Zeitverzögerung für die massenhafte Weiterverbreitung? Um so geringer, desto exklusiver und relevanter der Ursprungsbeitrag war. Je mehr Aufwand Verlage in vermeintlich exklusiven Paid Content hineinstecken, desto kontraproduktiver also für das Ziel, dass dieser Content möglichst lange exklusiv bleibt. Abgesehen davon: Würde es nicht nach wie vor mehr Sinn machen, exklusive Beiträge auf Plattformen mit höherer Reichweite zu monetarisieren? Print zum Beispiel? Oder Online bei kurzlebigen Beiträgen?
Ich sehe allerdings andere Anwendungen für kostenpflichtige Apps, die viel geeigneter sind als Nachrichten und Berichte, 1. die Multimedia-Fähigkeit des iPhone/iPod/iTablet zu nutzen und 2. , für die es zahlungswillige Nutzer gibt:
- Sport: schnelle Statistiken, Spielberichte, evtl. auch in Kombination mit den besten Bewegtbildszenen. Die sehr guten Positionen kostenpflichtiger Apps (teilweise bis zu 8 Euro teuer) in der App-Download-Beliebtheitssskala sprechen heute schon für sich.
- Nutzwertige und vertrauenswürdige Inhalte für konkrete mobile Situationen. Beispiel: Ich stehe bei Saturn und muss mich zwischen zwei Waschmaschinen im Angebot entscheiden. Eine Stiftung Warentest App, der ich vertraue, kann mir dabei helfen, einen teuren Fehlkauf zu vermeiden. Dafür würde ich ohne weiteres zwei bis drei Euro für die einmalige Nutzung des Test-Archivs bezahlen. Aber bitte kein nutzergeneriertes Bewertungsportal. Dafür gibt es die kostenlose Qype App – und würde sie kostenpflichtig, dann spränge sofort der nächste Anbieter in die Bresche.
- Opulent visuelle Monatsmagazine wie National Geographic oder Geo, die mir Text, Foto, interaktive Karten und Hintergrundinfos etc. als Download auf das iPhone / Tablet liefern.
- Comics und Mangas. Schon heute ist der mobile Mangamarkt in Japan größer als der gedruckte. Man muss aber wohl in Japan geboren sein, um Spaß an winzigen Bildern mit Sprechblasen, die man nur mühsam lesen kann, zu haben. Oder an umständlich einzurichtenden Readern. Ein Zehn-Zoll-Bildschirm würde dieses Problem lösen. Ich bin kein Comic- oder Mangafan, aber solange der Preis akzeptabel ist, wird es dafür wohl einen Markt geben.
- Mobile Local History Angebote. Wo bleibt eine Applikation, mit der ich durch die Straßen meiner Stadt gehen und sehen kann, wie sie früher aussah? Vor 100 oder 1000 Jahren? Nach dem Vorbild des hervorragenden Mannahatta Project in New York. Das Ganze angereichert mit alten Landkarten, Fotos, Augenzeugenberichten und ich würde lieber heute als morgen 10 Euro für eine Stadtausgabe bezahlen und mit diesem multimedialen historischen Stadtführer tagelang durch die Straßen streifen.
Für solche Angebote steht die New York Times in der Tat in einer guten Ausgangsposition. Wenn der Gizmodo-Bericht stimmt, dann ist es kein Zufall, dass Apple gerade mit dieser Zeitung verhandelt. Sie ist ganz weit vorne beim Entwicklung multimedialer Anwendungen für das Web. Aber welche deutsche Zeitung kann ihr derzeit das Wasser reichen? Wo geschieht multimedial erkennbar mehr, als Texte ins Netz zu stellen (und neurdings, wie die Zeit immerhin mit echten Community-Funktionen und vernünftiger Verlinkung anzureichern?) Wo ist die kostenpflichtige Killer-Applikation eines Verlags für mein iPhone? Ich sehe sie nirgendwo – bin aber für Anregungen in den Kommentaren natürlich dankbar.
N.B. Was die Nutzer von den kostenpflichtigen mobilen Ideen von Springer halten (nichts), lässt sich übrigens ziemlich gut an den Kommentaren zu diesem Beitrag in der Welt Online und einem Interview mit Döpfner in der FAZ Online ablesen.
Illustration: Flickr/FactoryJoe








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