Ist das Journalismus-StartUp Everyblock gierig? Ein Denkfehler der Knight Foundation


Everyblock-Logo

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Seit Januar 2008 macht das Datenbank-gestützte Journalismus-Projekt Everyblock lokale Meldungen im Netz auffindbar.  Finanziert wurde das Projekt des Webprogrammierers und Journalisten Adrian Holovaty zunächst mit einer 1,1 Millionen Dollar Spende der Knight Foundation. Im August 2009 verkaufte Holovaty die Plattform an MSNBC. Das wiederum stößt nun der Knight Foundation übel auf, schreibt NiemanJournalismLab:

The sale raised questions about nonprofit funding of for-profit ventures. After all, Knight had essentially seeded EveryBlock’s development, while Holovaty profited from its sale.

Doch was ist hier das Problem? Die Spende der Stiftung war eine Anschubfinanzierung, angelegt auf zwei Jahre. In dieser Zeit konnte Holovaty mit einem Team von sechs Leuten die Plattform entwickeln und betreiben. Die Gegenleistung hat Holovaty erbracht: Die Plattform stellt einen kostenfreien Dienst für die Allgemeinheit bereit, und das  in mittlerweile 15 US-Ballungsräumen. Der Code für die Suchanfragen und das Content-Management-System Django ist Open-Source. Jetzt hat MSNBC die Plattform für eine unbekannte Summe übernommen und dabei das unabhängige Weiterbestehen und Weiterentwicklung der Plattform zu den gleichen Bedingungen garantiert.

Einen schalen Geschmack hat der Deal für mich nicht, denn MSNBC hat quasi die Nachfolge der Knight Stiftung angetreten. Die Alternative zu einer Übernahme wäre gewesen, Everyblock wieder einzustellen – dann wäre die Spende der Allgemeinheit  für ein kurzfristiges Experiment verpufft. Profitabel ist Everyblock nämlich noch lange nicht, die Plattform muss ihr Geschäftsmodell erst noch finden. Die Übernahme durch MSNBC ermöglicht Everyblock, in Ruhe Modelle dafür zu entwickeln.

Es ist keine Rede davon, dass die Knight Foundation ihre Spende von Holovaty ganz oder teilweise zurückfordert, aber sie will diesen Fall zum Anlass nehmen, ihre Vergaberichtlinien künftig zu ändern. Mit ganz oder teilweise zurückgezahlten Beträgen könnten schließlich neue Projekte finanziert werden.

Solche Finanziers gibt es aber schon: Man nennt sie Investoren. Sie unterscheiden sich von Stiftungen dadurch, dass sie nur in Projekte investieren, von denen sie sich in absehbarer Zeit Gewinne erwarten. Für Journalismus-StartUps, die sich künftig auch bei Stiftungen mit diesem Gedanken im Hinterkopf um Projektfinanzierung bewerben würden, wäre dies das falsche Signal: Projekte müssten dann nach Ablauf der Förderzeitraums so hohe Gewinnaussichten in naher Zukunft erahnen lassen, dass bei einer Übernahme auch die (teilweise) Rückzahlung der Anschubfinanzierung einkalkuliert werden kann. Eingereicht werden dann eher Projektideen mit schneller Aussicht auf Refinanzierung. Und nicht solche, die Journalismus von Grund auf neu denken und innovative hochwertige Formen und Modelle im Web entwickeln. Solche, die Journalismus als gesellschaftliche Aufgabe ansehen. Unabhängig davon, wie schnell sich damit möglichst Geld verdienen lässt.


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