Personalisierte Zeitung niiu: Wegweisend oder zum Scheitern verurteilt?

niiu-bild

Es gibt ein Update vom 14.10, 17:15 Uhr, s. Ende des Beitrags

Nun also am 16. November: Das ist der Tag, an dem die personalisierte gedruckte Tageszeitung niiu mit vier Monaten Verzögerung starten soll. Ich wünsche den beiden jungen Gründern Hendrik Tiedemann und Wanja Sören Oberhof, dass sie Erfolg haben mit ihrer Idee. Heute stellten die beiden ihr Projekt vor Journalisten in Berlin vor. Ich war nicht dabei, bekam aber eine opulente achtseitige Pressemappe zugeschickt, gestaltet wie eine niiu-Ausgabe (kann hier als pdf von der Website heruntergeladen werden mit 16 MB leider zu groß zum Hochladen auf meinen Server). Außerdem habe ich im Frühsommer schon einmal mit Wanja Oberhof über die Pläne für niiu gesprochen.

Was den Erfolg des Projekts betrifft, bin ich allerdings eher skeptisch, und zwar aus folgenden Gründen:

  • niiu stellt man sich aus einer Auswahl von 15 nationalen und internationalen Zeitungen sowie hunderten von Webinhalten selbst zusammen. Doch deren Inhalte findet man größtenteils auch kostenlos im Netz. Warum also dafür bezahlen? Vor diesem Dilemma steht niiu genauso wie jede andere Zeitung.
  • Wenn ich niiu um 8 Uhr morgens in den Händen halte, hat die personalisierte Zeitung den gleichen Nachteil wie jede andere Zeitung: Sie bietet mir ausschließlich Nachrichten von gestern.
  • Je mehr ich meine 24 Seiten personalisierte Zeitung mit Webinhalten fülle (Netzpolitik, Basic Thinking und Blogpiloten sind z.B. zum Start dabei), desto mehr werde ich die Links vermissen, die Teil der Originalbeiträge im Netz sind.
  • niiu ist mit einem Tages-Copypreis von 1,80 Euro (1,20 Euro ermäßigt) relativ teuer. Um neue Zielgruppen zu gewinnen, die keine Tageszeitung lesen, hätte ich zumindest in der Startphase ein günstigeres Einführungsangebot erwartet.

niiu-Logo Positiv finde ich die Flexibilität des Angebots: Man muss sich nicht wie bei anderen Zeitungen für eine Mindest-Abolaufzeit binden, sondern lädt sein Konto über ein Punktesystem per Kreditkarte, Lastschrift oder Paypal auf und entscheidet selbst, wie lange man die Zeitung beziehen möchte.

Außerdem sind zum Start schon eine Reihe namhafter bekannter Zeitungen als Partner dabei: Berliner Morgenpost, Der Tagesspiegel, B.Z. (Berlin), Abendzeitung München, Hamburger Abendblatt, Nord West Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung (regional); BILD, Frankfurter Rundschau, Neues Deutschland (national), The New York Times, International Herald Tribune, The Washington Times, Komsomolskaya Prawda, RBC Daily (international). Plus diverse Netzportale und Blogs.

Diese Partner zusammen zu bekommen, ist wohl auch der Grund, warum niiu nicht wie zunächst geplant im Juni, sondern erst im November startet, und zwar vorerst nur in Berlin. Weitere Detailfragen zu niiu, die in der Pressemappe nicht beantwortet werden, (z.B. wie oft man niuu neu zusammenstellen kann) habe ich per Email an Wanja Oberhof gestellt. Antworten s.u. Sobald ich die  Antworten habe, werde ich sie hier nachreichen.

Webinhalte in gedruckter Form zu veröffentlichen , ist übrigens als Idee nicht neu, doch außer bei den Printausgaben von myHeimat sehe ich noch kein wirklich erfolgreiches Projekt. Auch Der Freitag übernimmt Bloginhalte nur sparsam dosiert. In den USA ist dieses Projekt im Juli gescheitert: The Printed Blog – Das Aus für eine rückwärtsgewandte Idee.

Update vom 17.10, 17:15 Uhr

Wanja Oberhof hat soeben meine Fragen beantwortet und deshalb kann ich noch Folgendes ergänzen:

  • Zur Auswahl aus den Zeitungen stehen nicht einzelne Artikel, sondern ganze Seiten, bzw. Ressorts, die dann auch im Layout der gedruckten Originalzeitung wiedergegeben werden. Auch Blogs und Webseiten sind im Originaldesign zu sehen. Nur die erste und letzte Seite ist im niiu-Layout gestaltet. Die Zusammenstellung der Seiten können niiu-Bezieher so oft wechseln, wie sie wollen.
  • Es gibt vorerst keine konkreten Pläne, das Projekt auf andere Städte auszuweiten. Darüber wird erst entschieden, wenn niiu in Berlin die Schwelle von 5.000 Lesern erreicht hat.
  • niiu ist offen für weitere Content-Partner, egal ob Zeitungen oder Blogger. Allerdings gibt es zumindest für die kleineren Inhalteanbieter in den ersten sechs Monaten Testphase keine Vergütung (s. dazu auch Matthias Schwenk in den Kommentaren). Die momentane Vergütung für Verlage wollte Wanja Oberhof nicht offenlegen. Ich folgere daraus, dass zumindest für die häufigen abgerufenen Zeitungsseiten auch in der Testphase schon ein Anerkennungsbeitrag gezahlt wird.

24 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. @Wanja Oberhof

    Vielen Dank, das Angebot nehme ich gerne an!

  2. Hallo,

    leider konnte ich Niuu auch nicht testen, da ich in Bayern wohne. Aber ich habe gehört, dass schon eine “Konkurrenz” aufgetaucht ist, die bald bundesweit auf den Markt kommen soll.

    Weiß da jemand Bescheid?

    Viele Grüße
    Clarissa

  3. @Clarissa:

    Was Du meinst ist wahrscheinlich http://www.individuelle-zeitung.de – die starten am 1. Februar in Deutschland. (Das Konzept stammt aus der Schweiz). Das ist allerdings ein e-paper, keine gedruckte Zeitung. Ich habe mich dort vorhin als Beta-Testerin registrieren lassen (das geht nur mit Einladungscode). Deshalb werde ich die Zeitung, nachdem ich sie getestet habe, hier bald vorstellen. Also: schau bald wieder vorbei – vielleicht hilft Dir meine Rezension bei der Entscheidung.

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