Personalisierte Zeitung niiu: Wegweisend oder zum Scheitern verurteilt?

13. Oktober 2009 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Neu, Zeitungszukunft

niiu-bild

Es gibt ein Update vom 14.10, 17:15 Uhr, s. Ende des Beitrags

Nun also am 16. November: Das ist der Tag, an dem die personalisierte gedruckte Tageszeitung niiu mit vier Monaten Verzögerung starten soll. Ich wünsche den beiden jungen Gründern Hendrik Tiedemann und Wanja Sören Oberhof, dass sie Erfolg haben mit ihrer Idee. Heute stellten die beiden ihr Projekt vor Journalisten in Berlin vor. Ich war nicht dabei, bekam aber eine opulente achtseitige Pressemappe zugeschickt, gestaltet wie eine niiu-Ausgabe (kann hier als pdf von der Website heruntergeladen werden mit 16 MB leider zu groß zum Hochladen auf meinen Server). Außerdem habe ich im Frühsommer schon einmal mit Wanja Oberhof über die Pläne für niiu gesprochen.

Was den Erfolg des Projekts betrifft, bin ich allerdings eher skeptisch, und zwar aus folgenden Gründen:

  • niiu stellt man sich aus einer Auswahl von 15 nationalen und internationalen Zeitungen sowie hunderten von Webinhalten selbst zusammen. Doch deren Inhalte findet man größtenteils auch kostenlos im Netz. Warum also dafür bezahlen? Vor diesem Dilemma steht niiu genauso wie jede andere Zeitung.
  • Wenn ich niiu um 8 Uhr morgens in den Händen halte, hat die personalisierte Zeitung den gleichen Nachteil wie jede andere Zeitung: Sie bietet mir ausschließlich Nachrichten von gestern.
  • Je mehr ich meine 24 Seiten personalisierte Zeitung mit Webinhalten fülle (Netzpolitik, Basic Thinking und Blogpiloten sind z.B. zum Start dabei), desto mehr werde ich die Links vermissen, die Teil der Originalbeiträge im Netz sind.
  • niiu ist mit einem Tages-Copypreis von 1,80 Euro (1,20 Euro ermäßigt) relativ teuer. Um neue Zielgruppen zu gewinnen, die keine Tageszeitung lesen, hätte ich zumindest in der Startphase ein günstigeres Einführungsangebot erwartet.

niiu-Logo Positiv finde ich die Flexibilität des Angebots: Man muss sich nicht wie bei anderen Zeitungen für eine Mindest-Abolaufzeit binden, sondern lädt sein Konto über ein Punktesystem per Kreditkarte, Lastschrift oder Paypal auf und entscheidet selbst, wie lange man die Zeitung beziehen möchte.

Außerdem sind zum Start schon eine Reihe namhafter bekannter Zeitungen als Partner dabei: Berliner Morgenpost, Der Tagesspiegel, B.Z. (Berlin), Abendzeitung München, Hamburger Abendblatt, Nord West Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung (regional); BILD, Frankfurter Rundschau, Neues Deutschland (national), The New York Times, International Herald Tribune, The Washington Times, Komsomolskaya Prawda, RBC Daily (international). Plus diverse Netzportale und Blogs.

Diese Partner zusammen zu bekommen, ist wohl auch der Grund, warum niiu nicht wie zunächst geplant im Juni, sondern erst im November startet, und zwar vorerst nur in Berlin. Weitere Detailfragen zu niiu, die in der Pressemappe nicht beantwortet werden, (z.B. wie oft man niuu neu zusammenstellen kann) habe ich per Email an Wanja Oberhof gestellt. Antworten s.u. Sobald ich die  Antworten habe, werde ich sie hier nachreichen.

Webinhalte in gedruckter Form zu veröffentlichen , ist übrigens als Idee nicht neu, doch außer bei den Printausgaben von myHeimat sehe ich noch kein wirklich erfolgreiches Projekt. Auch Der Freitag übernimmt Bloginhalte nur sparsam dosiert. In den USA ist dieses Projekt im Juli gescheitert: The Printed Blog – Das Aus für eine rückwärtsgewandte Idee.

Update vom 17.10, 17:15 Uhr

Wanja Oberhof hat soeben meine Fragen beantwortet und deshalb kann ich noch Folgendes ergänzen:

  • Zur Auswahl aus den Zeitungen stehen nicht einzelne Artikel, sondern ganze Seiten, bzw. Ressorts, die dann auch im Layout der gedruckten Originalzeitung wiedergegeben werden. Auch Blogs und Webseiten sind im Originaldesign zu sehen. Nur die erste und letzte Seite ist im niiu-Layout gestaltet. Die Zusammenstellung der Seiten können niiu-Bezieher so oft wechseln, wie sie wollen.
  • Es gibt vorerst keine konkreten Pläne, das Projekt auf andere Städte auszuweiten. Darüber wird erst entschieden, wenn niiu in Berlin die Schwelle von 5.000 Lesern erreicht hat.
  • niiu ist offen für weitere Content-Partner, egal ob Zeitungen oder Blogger. Allerdings gibt es zumindest für die kleineren Inhalteanbieter in den ersten sechs Monaten Testphase keine Vergütung (s. dazu auch Matthias Schwenk in den Kommentaren). Die momentane Vergütung für Verlage wollte Wanja Oberhof nicht offenlegen. Ich folgere daraus, dass zumindest für die häufigen abgerufenen Zeitungsseiten auch in der Testphase schon ein Anerkennungsbeitrag gezahlt wird.

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  1. Personal News – Macht ein statisches epaper heute noch Sinn?

24 Kommentare
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  1. Da mecker nochmal jemand über die sogenannten “Internetausdrucker” unserer Regierung! ;-)

  2. Bild und B.Z. sind wirklich keine renommierten Zeitungen, sondern sie sind einfach nur Dreck, der nicht aufs Papier gehört.

  3. @LaHaine: Ich habe das Wort “namhaft” auf Ihren Einwand hin durch das Wort “bekannt” ersetzt. Das trifft es ohnehin besser.

  4. An mich ist man vor Wochen herangetreten, ich möge doch doch mit dem neuen Verlag kooperieren. Er würde dann Texte aus meinem Blog auch in das Nachrichtenangebot von niiu aufnehmen. Mein “Lohn” wäre die größere Reichweite und Sichtbarkeit meiner Texte. Darauf habe ich gelassen verzichtet.

  5. @Matthias
    Ich wette, mit diesem Argument wurden die kooperierenden Zeitungen nicht zum Mitmachen bewogen…

  6. Gestern bin ich dabei gescheitert, mich für ein Testexemplar oder gar ein Abo registieren zu lassen. Erst kam gar nix, dann eine Art Fehlermeldung: “Sorry, wir sind wohl zu viele Verabredungen eingegangen.”

    Immerhin haben die Macher sich auf Sylt kennengelernt und alldort gemeinsam ein Poloturnier besucht, wie sie erzählen. Schwere See, schwere See, mein Herz.

  7. @ Mathias
    Lieber Mathias, in der Tat freuten wir uns Deinen Blog auch mit an zu bieten. Und Du hast recht wir haben Dir noch kein Geld angeboten. Es ist für uns in der Tat sehr komplex ein pauschales Vergütungsmodell für alle Blogger und Onlinecontent Partner anzubieten, aber wir arbeiten mit Hochdruck an einem solchen Modell.
    Wir haben mit allen Partnern: Verlagen, Agenturen und Internetinhaltslieferanten eine 6 monatige Testphase vereinbart, nach der wir ein Gefühl für das Leseverhalten unserer Kunden entwickelt haben. Dann wird es auch eine Vergütung für alles Inhalte geben. Ich verstehe, wenn Du bis dahin verzichtest, freute mich aber noch mehr, wenn Du ein neues Projekt in der Startphase unterstützt. Du gehst kein risiko mit Deiner Teilnahme ein und niiu kann potentiell ein weiterer, kleiner Vertriebskanal für Dich werden kann.

    @ Mario
    Ich möchte mich in aller Form entschuldigen, dass es gestern und vorgestern zu solchen Fehlermeldungen kam. Als Entschädigung möcht ich Dir gerne eine Woche niiu gratis nach Hause liefern.
    Mail mir gerne Deine Email Adresse an: kontakt@niiu.de

  8. In basicthinking stand heute auch was über niiu, mit dem das Blog ja kooperiert. Der Autor schrieb, er sei heute durch dwdl auf niiu aufmerksam geworden, erwähnt später in einem versteckten halbsatz aber doch, dass bt mit dabei ist, was den versuch die werbung zu verschleiern noch alberner macht. Ich hoffe, die Idee mit schlecht gekennzeichneten PR-Artikeln Buzz für niiu zu machen, stammt nicht von niiu selbst.

  9. @Wanja S.

    Danke fürs Angebot wie auch für die rasche Antwort. Die umso mehr freut, als sie gar nicht erwartet war. Ein hübsches Beispiel, wie PR zu Web2.0 passt.

  10. Also ich hatte die zeitung nun getestet und feststellen müssen, dass das Konzept noch nicht ausgereift ist.
    Es wurden mir einfach in meine Zeitung als Ergänzung Titelseiten (z.B. Bild, B.Z.) gezogen, die ich nicht bestellt hatte, darauf sagte man mir, dass er automatisch auf eine Anzahl Seiten ergänzt, wenn ich meines nicht ausschöpfe…super oder?! Der Druck ist auch nicht besonders, vor allem bei den Finanzseiten mit Zahlen kommt es zu unschönen Darstellungen. Was ich auch vermisse, ist die Aufladung von 18 EUR also 10 Zeitungen – 45 EUR für den Anfang finde ich ganz schön happig. ich würde gerne eine wöchentliche Zustellung haben, nur jeden Samstag, was momentan auch nicht möglich ist, na ja, abwarten bis sie aus den Kinderschuhen entwachsen sind ist meine Meinung!

  11. @ Daniel S.

    Die Sache, dass plötzlich Seiten in der niiu sind, die man gar nicht bestellt hat, habe ich inzwischen schon von ziemlich vielen Leuten gehört. Mehr als zwei Monate nach dem Start würde ich das auch nicht mehr als Kinderkrankheit bezeichnen, sonder eher als grundsätzliches Problem. Selbst testen kann ich allerdings nicht: Ich wohne in Köln und die niiu erscheint nur in Berlin. Und 45 Euro Vorschuss für ein Projekt mit ungewisser Zukunft sind in der Tat ziemlich happig…

  12. @ Ulrike Langer: Damit Sie sich selbst eine Meinung machen, biete ich Ihnen gerne an, dass Sie mal ein verabredet Paket kostenlos testen. Sie geben als Adresse unsere Büroadresse ein:
    Mecjklenburgische Str. 24a
    14197 Berlin
    und wir schicken Ihnen dann Ihre ganz persönliche Zeitung nach Köln.

    Damit das thema mit den Füllerseiten nicht auftritt empfiehlt es sich seine Zeitung mit mehr Inhalten auszustatten, als nötig. Ein Handelsblatt erscheint zum Beispiel nur Montag bis freitags und reißt am Samstag eine Lücke in die Auswahl, soferne diese nicht gut genug ausgestattet ist.

  13. @Wanja Oberhof

    Vielen Dank, das Angebot nehme ich gerne an!

  14. Hallo,

    leider konnte ich Niuu auch nicht testen, da ich in Bayern wohne. Aber ich habe gehört, dass schon eine “Konkurrenz” aufgetaucht ist, die bald bundesweit auf den Markt kommen soll.

    Weiß da jemand Bescheid?

    Viele Grüße
    Clarissa

  15. @Clarissa:

    Was Du meinst ist wahrscheinlich http://www.individuelle-zeitung.de – die starten am 1. Februar in Deutschland. (Das Konzept stammt aus der Schweiz). Das ist allerdings ein e-paper, keine gedruckte Zeitung. Ich habe mich dort vorhin als Beta-Testerin registrieren lassen (das geht nur mit Einladungscode). Deshalb werde ich die Zeitung, nachdem ich sie getestet habe, hier bald vorstellen. Also: schau bald wieder vorbei – vielleicht hilft Dir meine Rezension bei der Entscheidung.

Trackbacks

  1. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Ulrike Langer und business-on.de erwähnt. business-on.de sagte: RT @mauisurfer25 Frisch gebloggt: Personalisierte Zeitung niuu: Wegweisend oder zum Scheitern verurteilt? http://bit.ly/3XmnuT [...]

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  3. [...] 14.10.2009 | Webinhalte in gedruckter Form zu veröffentlichen, ist als Idee nicht neu, doch außer bei den Printausgaben von myHeimat sehe ich noch kein wirklich erfolgreiches Projekt. Medial Digital [...]

  4. [...] Neu Zeitungszukunft » Personalisierte Zeitung niiu: Wegweisend oder zum Scheitern verurteilt?: Ulrike Langer hat sich auf mediadigital mit der neuen personalisierten Zeitung niiu auseinandergsetzt. Die Blogpiloten werden übrogens ebenfalls als Content-Partner beim Berliner Pilotprojekt dabei sein. Spannend! [...]

  5. [...] das Modell jedoch überhaupt Aussicht auf Erfolg hat wird sich zeigen. Hier gibt es einige Gründe die dagegen sprechen könnten. [...]

  6. [...] http://medialdigital.de/2009/10/13/personalisierte-zeitung-niuu-wegweisend-oder-zum-scheitern-verur... a few seconds ago from web [...]

  7. [...] die Welt allerdings darauf gewartet hat, darf bezweifelt werden.  Medienexperten  sehen niiu nicht auf der Erfolgsspur. In den USA ist ein ähnliches Projekt bereits [...]

  8. [...] niiu hat sich auch schon Ulrike Langer in ihrem Blog beschäftigt.) Kommentar [...]

  9. [...] Auswahl der Zeitungen zum Start ist sehr mager, noch magerer als beim Berliner Projekt niiu, das im November 2009 startete. Im elektronischen Kiosk liegen bereit: Abendzeitung, Argumenti i Fakti, Berliner Morgenpost, Der [...]

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