Der Tag, an dem ich aufhörte, die Frankfurter Rundschau ernstzunehmen


Immer wenn man denkt, der Tiefpunkt bekennender Internet-Ignoranz  sei schon erreicht gewesen, z.B. hier, gibt es jemanden, der die Messlatte doch noch ein Stück tiefer legt. Diese Ehre gebührt dem Meinungsforscher Klaus Kocks, der heute in der Frankfurter Rundschau in seiner Kolumne mit dem Titel Piraten, nein danke! das Web bezeichnet als “Universum unnützen Wissens, in dem niemand Geld verdient außer der Porno-Industrie, die uns listenreich mit ihrem Müll versorgt”.

Bar jeder Logik soll die Infomüllhalde zugleich aber auch “unser Leben verändert” haben. Ich weiß nicht, welche Webseiten Kocks vorwiegend ansteuert, vielleicht haben Schmuddelkram und Banalitäten im Netz sein Leben tatsächlich verändert. Meines aber nicht. Ich sehe ein Netz voller neuer Möglichkeiten und einen enormen Wissensschatz, den man anzapfen und bereichern kann. Dieses Netz hat mein Leben verändert und das einer Menge anderer Menschen ebenfalls. Herr Kocks sollte also lieber nicht von sich auf andere schließen.

Natürlich darf auch der obligatorische Keulenhieb auf die Piratenpartei nicht fehlen:

Im Netz, findet diese Google-Generation, gehört allen alles und jeder darf alles nutzen, eine Art elektronischer Ur-Kommunismus. Dass damit alle Schöpfer geistigen Eigentums mittellos werden, sollen wir hinnehmen. Und so klauen die Kids bei allen, die das nicht einsehen.

Es geht dann weiter mit dem Recht auf Privateigentum, dem Gartenzaun als Schutz gegen Adelswillkür und der Freibeuter-Romantik, die geradewegs in den Sozialismus führe. Und über allem steht natürlich wieder einmal die Behauptung, das Internet sei ein rechtsfreier Raum, hier in die Metapher “Meer des Unrechts” gekleidet.

Auch wenn der Beitrag des Meinungsforschers als Meinungsbeitrag gekennzeichnet ist – gibt es denn keinen Punkt, an dem eine Redaktion sich querstellt und sagt, bis hierher und nicht weiter? Wenn wir diesen Text veröffentlichen, machen wir uns lächerlich? Offenbar nicht. Und deshalb ist heute der Tag, an dem ich aufhöre, die Frankfurter Rundschau ernstzunehmen.

34 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ohje… naja seine Meinung kann ja jeder von sich geben… aber auf diesem Nevau in einer solchen Zeitung, ist echt unpassend. Zumal er seine behaupteten Auswirkungen nicht ganz durchdacht hat und wie die meisten des verbohrten alten Systems darüber hinwegsieht, ohne sich im detail damit zu befassen. Aber die Bürger haben es soweit kommen lassen (zur Oberflächen Politik) und den Politikern ist es egal wenn keiner aufschreit. Jetzt allerdings kommt bewegung auf und die festgebohrten sind zu bequem geworden und schützen das Alte……..

  2. Der Text klingt bei spontaner Betrachtung nicht unklug, ist es dann aber doch. Ich meine natürlich den Text in der FR.

    Folgendes ist mir vor allem aufgefallen:

    “Das Privateigentum ist die Basis der Moderne und damit auch die Basis unserer Freiheit.”

    Leider wussten die Väter der Moderne offensichtlicht noch nichts vom Internetzeitalter. Dort wird das Privateigentum gerade wieder abgeschafft. Ich meine damit jetzt übrigens nicht die Piraten, sondern die Content-Industrie. Die will gar kein Eigentum an ihren Inhalten gegen Bezahlung mehr zulassen. Eine Kopie eines Films, einer Musik oder einer Serie kann man immer öfter im digitalen Zeitlater nur noch “leihen”. Das Zauberwort, dass Eigentum und dessen freie Verfügbarkeit im Rahmen staatlicher Gesetze unmöglich macht heißt etwa: DRM.

    Wem dieser überaus interessante Gedanke gefällt, dem kann ich Peter Glasers Text in der Berliner Zeitung empfehlen, den manche sicher bereits kennen:

    http://tinyurl.com/y89s6vd

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  7. Drei Gedanken:

    Folgt die Frankfurter Rundschau nicht einem Grundgedanken des Internets, wenn sie auf einer Meinungsseite unterschiedliche Standpunkte zulässt, die nicht die der Redaktion sein müssen, dem Leser aber erlauben, die diversen Ansichten zu einer bestimmten Angelegenheit kennen zu lernen und sich selbst ein Bild zu machen?

    Wenn Sie mitteilen, Sie schreiben nicht mehr für schlecht zahlende Tageszeitungen, lässt allein dies doch schon erkennen, dass auch Ihr Geschäftsmodell auf dem Urheberrecht beruht. Wie reagieren Sie, wenn Ihre Fachmagazinbeiträge ins Internet gestellt und dort endlos vervielfältigt werden? Nicht nur würde die Verwertung Ihrer Arbeit nicht angemessen honoriert, die selbe Arbeit verliert auch an Wert, was langfristig zu Honorarsenkungen bei den herkömmlichen Abnehmern führen muss. Die einfache Logik des Marktes …

    Sie versprechen ja Qualitätsjournalismus. Das gilt für Ihre sprachlichen Leistungen nur mit Einschränkung: Eine Messlatte legt man nicht höher oder tiefer. Die steht senkrecht, damit man die Höhe messen kann.

    Abschließend: Es gibt an der Frankfurter Rundschau sicherlich viel zu kritisieren. Da bin ich absolut an Ihrer Seite. Aber der Binnenpluralismus zählt zu ihren wenigen verbliebenen Vorzügen, nicht zu ihren Mankos.

  8. Welch ein Amüsement. Das diese Aussagen von Herrn Kocks so eine Empörung überhaupt verursachen können. Herrlich.
    Zeigt wieder wo unsere Gesellschaft steht und vor Empörung aus der Maulaffen feilhaltenden Lage der Nation für ein paar Sekunden erwacht.

    Da hat aber auch einer wieder ein Tabu gebrochen. Und das darf man ja nicht. So etwas schreibt man einfach nicht. Und jetzt wird sich zusammen “gerudelt” und verstimmt solange dagegen gewettert bis es auch dem Verbissensten gelingt wieder Biss zu haben und die selten genutzten Maulstumpen zu fletschen. Herr Kocks hat hier einen Meinungsbeitrag geschrieben. Und alle die sich da von einer Redaktion wünschen diese Meinungsbeiträge zu zensieren, zu redigieren oder gar zu verbieten entziehen zum Beispiel den Piraten jegliche Grundlage einer ernstzunehmenden Basis. Wer für die Zensur solcher Meinungsbeiträge ist, muss auch für das BKA-Gesetz, Vorratsdatenspeicherung und Stoppschilder vor Pornoseiten sein.

    Wer sich Freiheit, Datenschutz und Bürgerrechte auf die gehissten Flaggen schreibt, für den muss ein solcher Beitrag doch Wind im Segel und nicht ein Leck im Bug sein!

  9. Da mir momentan die Zeit fehlt, auf jeden Kritiker einzeln einzugehen, wiederhole ich einen Kommentar, den ich heute morgen bei Carta hinterlassen habe:

    Ich habe nichts gegen provokante Meinungen und Meinungspluralität – die machen ja eine Meinungsseite erst interessant. Doch auch ein provokanter Beitrag muss sich an Fakten abarbeiten. Was Herr Kocks schreibt, ist aber so hanebüchen falsch und verzerrend – das hätte nicht gedruckt werden dürfen. Ich weiß nicht, welche Agenda Herrn Kocks umtreibt, wenn er eine hat, oder ob er das wirklich glaubt, was er da schreibt. Das ist mir auch egal. Aber ich erwarte von einer Zeitung, die sich Qualitätszeitung nennt, genau das: dass sich um Qualität bemüht und Texte herausfiltert, die diesem Standard nicht entsprechen. Und zwar vor allem auf der Meinungsseite. Den Rest der Texte kann ich ja ohnehin zu großen Teilen in identischer Form auch woanders lesen – oft zum Beispiel am gleichen Tag oder sogar am Vortag im Kölner Stadt-Anzeiger. Wenn aber der Anspruch überregionaler Relevanz nicht einmal mehr auf der Meinungsseite erfüllt wird, dann ist das der Punkt, an dem eine Zeitung für mich persönlich irrelevant wird.

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  13. Auch wenn die “Diskussion” hier schon älter ist:

    Wie schizophren muss man eigentlich sein, um die Potentiale des Internet zu preisen und gleichzeitig die verschärfte Zensur von “qualtitativ schlechten” Meinungen zu fordern?

    Merkt ihr noch was?

    An Klowände darf man alles schreiben – außer: “Wer an Klowände schreibt, ist ein feiger Drecksack.”

    Das wird von der Klowand-Community sofort mit schwarzem Edding übermalt.

    Zu der einhelligen Empörung hier kann man nur sagen: Quod erat demonstrandum. Ihr seid hier doch der beste Beweis (wenn es denn noch eines solchen bedurft hätte) dafür, dass die Demokratisierung der Druckerpresse nicht zwangsläufig die Meinungsvielfalt erhöht.