5 Fehler von Printmedien beim Umgang mit Online-Kommentaren


Je mehr ich mich im sozialen Netz bewege, desto unangenehmer stoßen mir die Kommentarregeln und -darstellungen vieler Printmedien auf ihren Online-Seiten auf. Hier sind fünf grundlegende und häufige Fehler, die ich beheben würde, wenn ich in einer Onlineredaktion Verantwortung trüge:

1. Begegnen Sie Ihren Lesern mit Vertrauen, nicht mit Misstrauen

FRWas soll das? Lassen Sie es zu, dass Ihre Kommentatoren Links setzen. Auf etwas Interessantes und die Diskussion Bereicherndes hinzuweisen, indem man darauf verlinkt, ist ein Grundprinzip im sozialen Netz. Immer mehr Webuser beteiligen sich aktiv an der Vernetzung des Netzes, indem sie bei Twitter, Facebook, Posterous, Blogs etc. auf Fundstücke verlinken. Aber auf den meisten Zeitungs-Websites ist das immer noch verboten. Der Screenshot stammt aus der Frankfurter Rundschau, wo sich unter der Kolumne “Piraten, nein danke!” innerhalb von fünf Tagen 76 Kommentatoren, größtenteils mit herber Kritik( s. dazu auch mein Beitrag “Der Tag, an dem ich aufhörte, die Frankfurter Rundschau ernstzunehmen”), zu Wort meldeten. Viele Kommentatoren haben versucht, ihre Argumente mit Verweisen zu untermauern. Aber alle vergeblich.

Auch Focus Online lässt keine Links zu:

Focus-Links

Wovor haben Sie Angst, liebe Online-Redakteure? Dass Ihre Leser nicht wiederkommen? Schaffen Sie ein anregendes Debattenklima, dann ist diese Befürchtung grundlos. Oder dass Linkschleudern Ihre Kommentarspalten zuspammen? Nutzen Sie ein guten Spamfilter, setzen Sie alle Links auf “nofollow” (dann entfällt der Anreiz, Links nur für ein besseres Ranking bei Suchmaschinen zu setzen), nehmen Sie Kommentare mit einem oder mehr Links in die Moderationswarteschleife. Und unterstellen Sie nicht grundsätzlich verwerfliche Motive, wenn Ihre Kommentatoren Links setzen möchten.

2. Diskutieren Sie mit – oder warum wollen Sie mit Ihrem Beitrag nichts mehr zu tun haben, sobald er online steht?

Auch dafür ist die genannte Kolumne in der FR ein Paradebeispiel: Der Autor ignoriert die – größtenteil sachlich vorgetragene – Kritik und schaltet sich nicht ein einziges Mal in die Diskussion ein. Deutlicher kann man gar nicht ausdrücken, wie egal einem die Meinung derer ist, für die man schreibt (oder schreiben sollte). Aber was ältere Leser vielleicht noch widerspruchslos hinnehmen, weil es sie nicht anders kennen, werden sich erfahrene Webnutzer  künftig immer weniger gefallen lassen. Kein Autor ist unfehlbar, keine Meinung verträgt nicht auch eine Gegenmeinung, und für eine lebendige Debattenkultur ist es unabdingbar, dass derejenige, der die Debatte mit seinem Text angestoßen hat, auch aktiv daran teilnimmt. Deshalb gehören Aufforderungen wie diese

SPON-Regelnbei Spiegel Online ersetzt durch “Diskutieren Sie mit anderen Lesern und der Redaktion”. Es ist sicherlich zeitaufwändig, einen Beitrag nicht wie bisher mit der Veröffentlichung als abgeschlossen zu betrachten. Aber Journalismus im Netz ist immer weniger Ergebnis und immer mehr Prozess. Und damit ändern sich auch die Aufgaben von Journalisten. Sie werden auch zu Moderatoren. Positive Beispiele von Autoren und Online-Redakteuren, die sich in Debatten mit Lesern einschalten: Der Freitag, Zeit Online.

3. Geben Sie Ihren Lesern Raum: Oder wollen Sie nicht wissen, was sie zu sagen haben?

SZ-OnlineDieses Beispiel stammt aus der SZ. Schade, dass der durchaus niveauvoll und interessant argumentierende Kommentator zweimal ansetzen musste. Vielleicht lässt er es beim nächsten Mal lieber gleich bleiben. Dass Leserbriefschreiber der gedruckten Ausgabe sich möglichst kurz fassen sollen, damit mehr Zuschriften abgedruckt werden können, ist nachzuvollziehen. Aber Platzmangel ist kein Thema im Netz. Lassen Sie die Nutzer doch selbst entscheiden, welche Äußerungen sie lesenswert finden. Viele Onlineausgaben haben doch ohnehin ein System zur Kommentarbewertung. Wer nur schwafelt, wird dann halt schlechter bewertet. Weiteres Beispiel für unnötig restriktive Platzbeschränkung: Focus Online

Focus Online

4. Wer nimmt, sollte auch geben.

Online-Redaktionen sind dankbar für die Klicks, die rege Kommentatoren generieren. Die Kommentatoren tragen als unbezahlte Inhaltelieferanten zur Werbefinanzierung von Onlineseiten bei. Das tun sie freiwillig. Aber das Mindeste, was ein Verlag seinen vielen Tausenden unbezahlten Mitautoren zugestehen sollte, ist ein Hinweis auf ihre Online-Präsenz – für diejenigen, die das möchten. Genauso wie bei Blogs ein Klick auf den Namen des Kommentators zu dessen selbst gewählter Netzidentität führt (z.B. zum eigenen Blog oder zum Facebook-Profil) sollten auch Verlage davon absehen, die Namen von Kommentatoren nur zu ihren eigenen abgeschotteten Communities zu verlinken. Beispiele dafür, dass es auch besser geht: FAZ, Die Zeit.

5. Ihre Kommentatoren sind Ihre aktivsten Nutzer – behandeln Sie sie nicht wie Klickvieh.

Focus-Kommentare

Schon 938 Kommentare zum heutigen Beitrag über das kontroverse Thema “Pflegeversicherung: Schwarz-Gelb plant private Zusatzabsicherung” bei Focus Online. Ich lese gerne Kommentare. 233 Kommentare zu einem interessanten Thema zu scannen und bei den interessanteren intensiver hinzuschauen, ist durchaus möglich, wenn es dem Nutzer leichtgemacht wird. Aber ganz bestimmt lese ich höchstens drei oder vier mit markanten Überschriften, wenn ich die Kommentare alle einzeln anklicken soll. Denn ich habe keine Lust, mich als Klickvieh missbrauchen zu lassen.

Nicht viel besser sind die Kommentarstrecken der SZ oder der Welt, wo man immer nur einige Kommentare auf einmal auf einer Seite dargestellt findet, dafür jedes Mal auch den Ursprungstext. Liebe Redaktion: Den habe ich schon gelesen – deswegen möchte ich ja gerne die Kommentare dazu lesen. Aber nicht, wenn es so umständlich ist.

Für mich persönlich habe ich die Konsequenz gezogen. Auf Online-Seiten von Zeitungen, die ihre aktiven Nutzer nicht auf Augenhöhe behandeln, schreibe ich keine Kommentare mehr. Zu befürchten ist ohnehin, dass sie kaum jemand lesen würde.


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31 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Medial Digital – Medien, digitale Medien, Medienwandel, Journalismus, Internet, soziales Internet, Social Web, Web 2.0» Neu Zeitungszukunft » 5 Fehler von Printmedien beim Umgang mit Online-Kommentaren « urban-listening

  2. Wirklich ein toller Artikel-er spiegelt genau meine Beobachtungen wieder. Ich habe es aufgegeben, bei den großen Seiten zu kommentieren oder auch nur die “Diskussion” zu verfolgen. Es macht einfach keinen Spaß. Oft werden Kommentare sogar gelöscht, die völlig harmloser Natur sind und Kommentare, die offensichtlich provozieren oder einfach unter Niveau sind bleiben seitenweise stehen.

    Und hiermit bedauer ich dann mal noch alle Redakteure, die nicht mehr kommentieren wollen oder können. LG Kaddi

  3. Hallo,
    ich möchte gern die “andere Seite” des Schreibtischs ein wenig stärken, weil vermutlich der eine oder andere in dieser Diskussion noch keine Erfahrungen dort gesammelt hat: Insbesondere die rechtliche Angreifbarkeit eingestellter Beiträge ist ein großes Problem. Es gab bereits Fälle, in denen Kommentatoren, weil sie mit der Aussage eines anderen Kommentators nicht einverstanden waren, den Plattformbetreiber rechtlich angegriffen haben. Damit werden die rechtlichen Regelungen zwar missbraucht, leider eignen sich diese aber auch dazu. Wenn also hohe Kosten für die Rechtsberatung nicht im Budget des Plattformbetreibers vorgesehen sind, wird sich dieser hüten, unmoderiert oder allzu offen mit Kommentaren umzugehen. Hier ist die Rechtssprechung gefordert.

    Ich hoffe, ich gelte nicht als Verhinderer oder Besserwisser.

  4. @Frank Schmidt, Peter Panter

    Ich kenne die redaktionellen Zwänge aus vielen Gesprächen mit festangestellten Kollegen. Ich verstehe auch die unvermeidlichen ”Ja, aber…” Einschränkungen. Dennoch führt kein Weg daran vorbei, dass Redaktionen sich einem echten (!) Dialog mit Bürgern öffnen müssen, wenn sie nicht die Zukunft verspielen wollen. Dazu gehört nun mal auch die möglichst zeitnahe Veröffentlichung von Kommentaren. Wer den Dialog wirklich ernst nimmt, kann ihn nicht am Wochende abschalten.

    Zur rechtlichen Angreifbarkeit: Ich weiß, ich habe gut reden – noch komme ich auf diesem Blog ohne Moderationsschleife aus, aber das wird sich sicher bald ändern, denn auch ich habe keine Lust, mich wegen absurder Rechtsprechung angreifbar und haftbar zu machen. (s. Fall Niggemeier). Allerdings: Ich bewundere Stefan Niggemeier für seinen Mut, den Rechtsstreit wegen eines nachts hinterlassenen zweifelhaften Kommentars, der ihm angelastet wurde, als einzelner Blogger juristisch auszufechten. Auch wenn es letztlich nichts genützt hat. Redaktionen mit einer Rechtsabteilung des Verlages im Rücken sollten sich da leichter tun.

    Möglicher Ausweg: Man kann den Dialog auch über Twitter pflegen und damit Zeiten schwacher redaktioneller Besetzung überbrücken. Das hat den Vorteil, dass die Nutzer für Ihre Äußerungen selbst juristisch verantwortlich sind, da sie nicht auf der Plattform des Verlags stattfinden.

    @sebsn
    Gut gesagt. Medienhäuser sollten auf Nutzer wie Dich in der Tat mehr hören. Das sind konstruktive Ratschläge zum Nulltarif.

    @Katrin: Danke!

  5. Ich erlaube mir noch einen kurzen Nachtrag: Wir haben ausreichend schlechte Erfahrungen mit echtem Dialog gemacht. Insbesondere damit, dass der offene Dialog so offen war, dass er rechtlich angreifbar wurde. Gleichgültig, ob sich dann Rechtsanwälte von Konkurrenzunternehmen, Betriebsräte, Datenschutzbeauftragte oder andere berufen fühlen, den Rechtsweg einzuschlagen: Für den Webseitenbetreiber ist das am Ende nicht mehr nur nicht mehr lustig, sondern zudem auch sehr teuer. Und realistischerweise spielt in der nivellierten Online-Welt auch kaum mehr eine Rolle, ob man als Anbieter dann David oder Goliath ist: Die Kosten sind proportional (Quantität der Angriffsfläche * Qualität des Angegriffenen) zur Größe des Anbieters und damit für jeden hochgefährlich. Mein Plädoyer: Eine sichere Rechtsgrundlage, eine klare Verantwortlichkeit beim Verfasser und nicht beim Webseitenbetreiber – und dann beginnt auch der Dialog!

  6. Dann sollten die Verlage vielleicht Lobbyarbeit in diese Richtung betreiben statt für Subventionen

  7. Ich versteh grad gar nichts mehr. Fühlen sich die Falschen angesprochen? Wegen rechtlicher Probleme kann nicht kommentiert und moderiert werden? Was ist denn mit den großen Communities, die sehr wohl offene Dialoge führen, werden die grad von Abmahnungen, Anzeigen etc. überschwemmt und wir (das übliche Userfussvolk) bekommen es nur nicht mit? Ich bitte um Aufklärung, warum es auf einigen Seiten möglich ist und auf anderen nicht. Oder hatten die bisher Glück? LG Kaddi

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  11. Spiegel Online ist zwar erwähnt, nicht aber aufgrund des eigentlichen Problems der Seite kritisiert worden. Das Abschieben der Diskussionen in ein vom Content getrenntes Forum nervt und ist unübersichtlich, die Kommentare gehen in diesem Quasi-”Paralleluniversum” total unter…