“Qualitätsjournalismus” versus “Blogorrhoe”
23. Oktober 2009 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Blogs, Journalismus, Neu
Manchmal kann man nur noch den Kopf schütteln darüber, welche anachronistischen Vorstellungen namhafte Leute im Jahr 2009 über das Verhältnis zwischen Journalisten und Bloggern und zur Zukunft des Journalismus verbreiten. Da hält Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, bei einer journalistischen Preisverleihung in Berlin (“Der lange Atem”) eine Rede über die Gefahr der “Blogorrhoe” .
Was Staeck befähigt, das Bedrohungspotenzial – zu analysieren, bleibt unklar. Denn, so erklärt er gleich zu Anfang:
Ich gestehe, ich bin kein Blog-Leser oder Verfasser, und deshalb auch nicht in der Gefahr, der Blogorrhoe zu erliegen.
Dennoch fühlt sich Staeck berufen, vor den weitläufigen Gefahren aus dem Netz zu warnen, die aus einem Netz ohne redaktionelle Filter emporkriechen. Diese Gefahren reichen laut Staeck von bloßem Klamauk bis zu einem möglichen unkontrollierten / unkontrollierbaren Mob:
Welche ethischen, letztlich juristischen Grenzen zum Beispiel bei öffentlicher Jagd auf Andersdenkende, Andersrassige, Andersgläubige wird es noch geben, wenn Blogs aus dem Ruder redaktioneller Filterung laufen und zu Sammelbecken von zunächst anonymen geistigen und politischen Finsterlingen werden?
Der kaum verhohlene Widerwille gegenüber einem nicht durch Ausbildung oder Presseausweise, sondern nur demokratisch legitimierten Verständnis von Publizistik erinnert mich an den vielfach zitierten Ausspruch von Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges vom vergangenen Jahr: „Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt.“
Zudem: Wer stolz bekundet, keine Blogs zu lesen, und eine derartige Schwarz-Weiß-Malerei betreibt, ignoriert und unterschlägt die Existenz von immer mehr Grenzgängern zwischem klassischem, redaktionell gefiltertem, Journalismus und eigenverantwortlich aber dennoch in journalistischem Ethos betriebenen Blogs. Als ob es nicht in der Blogosphäre neben dem überstrapazierten Katzencontent, dem rein Privaten, dem Extremismus und dem Boulevardeskem auch Perlen gäbe, die den Qualitätsvergleich mit klassischen Zeitungen ohne weiteres bestehen? Mit an vorderster Stelle zu nennenden mehrfach preisgekrönten Blogger-Journalisten wie Stefan Niggemeier oder Jens Weinreich. Und mit ebenso erwähnenswerten Blogs von Journalisten und Redaktionen einiger Regionalzeitungen, die mit Einsatz und Experimentierfreude neue Wege für den Journalismus von morgen auszuloten versuchen. Ich nenne hier nur beispielhaft die Blogs der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Rhein-Zeitung.
Wer im Jahr 2009 noch immer künstliche Gräben zwischen Journalisten und Bloggern aufreisst und Journalisten bei einer Preisverleihung zuruft: “Lassen Sie sich nicht beirren von Schreckensmeldungen, die uns aus der digitalen Zukunft erreichen!”, der tut ihnen keinen Gefallen, sondert schottet sie von der Medienrealität ab. Es ist, anders als Staeck glaubt, nicht das noch immer “analog raschelnde Papier”, das Journalisten beruhigen sollte. Sondern der Wille von Kollegen mit Pioniergeist, nach – überwiegend noch unbezahlten – Wegen zu suchen, gehaltvollen Journalismus in ein Zeitalter zu transferieren, in dem er nicht mehr notwendigerweise an bedrucktes Papier gekoppelt ist.
P.S. Ironischerweise erschien Staecks Rede im Tagesspiegel fast zeitgleich mit einem desavouierenden und ihn konterkarierenden Beispiel von klassischem “Qualitätsjournalismus” versus bedrohlicher ”Blogorrhoe”. Ich sage nur: Regividerm.








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