“Qualitätsjournalismus” versus “Blogorrhoe”


Manchmal kann man nur noch den Kopf schütteln darüber, welche anachronistischen Vorstellungen namhafte Leute im Jahr 2009 über das Verhältnis zwischen Journalisten und Bloggern und zur Zukunft des Journalismus verbreiten. Da hält Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, bei einer journalistischen Preisverleihung in Berlin (“Der lange Atem”) eine Rede über die Gefahr der “Blogorrhoe” .

Was Staeck befähigt, das Bedrohungspotenzial – zu analysieren, bleibt unklar. Denn, so erklärt er gleich zu Anfang:

Ich gestehe, ich bin kein Blog-Leser oder Verfasser, und deshalb auch nicht in der Gefahr, der Blogorrhoe zu erliegen.

Dennoch fühlt sich Staeck berufen, vor den weitläufigen Gefahren aus dem Netz zu warnen, die aus einem Netz ohne redaktionelle Filter emporkriechen. Diese Gefahren reichen laut Staeck von bloßem Klamauk bis zu einem möglichen unkontrollierten / unkontrollierbaren Mob:

Welche ethischen, letztlich juristischen Grenzen zum Beispiel bei öffentlicher Jagd auf Andersdenkende, Andersrassige, Andersgläubige wird es noch geben, wenn Blogs aus dem Ruder redaktioneller Filterung laufen und zu Sammelbecken von zunächst anonymen geistigen und politischen Finsterlingen werden?

Der kaum verhohlene Widerwille gegenüber einem nicht durch Ausbildung oder Presseausweise, sondern nur demokratisch legitimierten Verständnis von Publizistik erinnert mich an den vielfach zitierten Ausspruch von Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges vom vergangenen Jahr: „Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt.“

Zudem: Wer stolz bekundet, keine Blogs zu lesen, und eine derartige Schwarz-Weiß-Malerei betreibt, ignoriert und unterschlägt die Existenz von immer mehr Grenzgängern zwischem klassischem, redaktionell gefiltertem, Journalismus und eigenverantwortlich aber dennoch in journalistischem Ethos betriebenen Blogs. Als ob es nicht in der Blogosphäre neben dem überstrapazierten Katzencontent, dem rein Privaten, dem Extremismus und dem Boulevardeskem auch Perlen gäbe, die den Qualitätsvergleich mit klassischen Zeitungen ohne weiteres bestehen? Mit an vorderster Stelle zu nennenden mehrfach preisgekrönten Blogger-Journalisten wie Stefan Niggemeier oder Jens Weinreich. Und mit ebenso erwähnenswerten Blogs von Journalisten und Redaktionen einiger Regionalzeitungen, die mit Einsatz und Experimentierfreude neue Wege für den Journalismus von morgen auszuloten versuchen. Ich nenne hier nur beispielhaft die Blogs der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Rhein-Zeitung.

Wer im Jahr 2009 noch immer künstliche Gräben zwischen Journalisten und Bloggern aufreisst und Journalisten bei einer Preisverleihung zuruft: “Lassen Sie sich nicht beirren von Schreckensmeldungen, die uns aus der digitalen Zukunft erreichen!”, der tut ihnen keinen Gefallen, sondert schottet sie von der Medienrealität ab. Es ist, anders als Staeck glaubt, nicht das noch immer “analog raschelnde Papier”, das Journalisten beruhigen sollte. Sondern der Wille von Kollegen mit Pioniergeist, nach – überwiegend noch unbezahlten – Wegen zu suchen, gehaltvollen Journalismus in ein Zeitalter zu transferieren, in dem er nicht mehr notwendigerweise an bedrucktes Papier gekoppelt ist.

P.S. Ironischerweise erschien Staecks Rede im Tagesspiegel fast zeitgleich mit einem desavouierenden und ihn konterkarierenden Beispiel von klassischem “Qualitätsjournalismus” versus bedrohlicher ”Blogorrhoe”. Ich sage nur: Regividerm.

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  3. Ist das eigentlich ein Zeichen von Altersenilität, wenn einstige Freiheitsapostel wie Klaus Staeck und Otto Schily zu Kontrollfreaks mutieren?

  4. Staecks Rede zeigt für mich nur eines: Dass es doch bei fast jedem Menschen einen Punkt im Leben gibt, von dem ab er nicht mehr aufnahmefähig, lernwillig oder in der Lage ist, Neues gedanklich zu verarbeiten. Die eigene Würde bewahrt sich leichter, wenn man ab diesem Punkt auch nicht mehr das Drängen verspürt, die nun scheinbar bedrohlichen Neuerungen öffentlich und vor großem Publikum zu kommentieren. Wenn ich auch Staeck nie für einen Künstler gehalten habe, hat er doch in den 70er Jahren Trends in der politisch-agitativen Grafik gesetzt. Inzwischen scheint er aber mehr als arriviert, und man verspürt fast den Anreiz, Staecks Rede unter dem Stichwort Altersstarrsinn abzuheften.

    Anything that is in the world when you’re born is normal and ordinary and is just a natural part of the way the world works. Anything that’s invented between when you’re fifteen and thirty-five is new and exciting and revolutionary and you can probably get a career in it. Anything invented after you’re thirty-five is against the natural order of things. – Douglas Adams

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  6. Es ist schon bemerkenswert, dass Kritik an neuen Kommunikations- und Interaktionsformen wiederholt von Persönlichkeiten artikuliert wird, die in einem Atemzug mit den schablonenhaft formulierten Argumenten auch feststellt keine Blogs zu lesen (bzw. keinen Facebook-Account zu haben und Twitter nicht zu nutzen). (In Österreich hat zuletzt der Falter-Chefredakteur eine ähnliche Debatte entfacht) Wer nicht mitmacht bzw. nie den Versuch unternommen hat, diese Plattformen zu nutzen kann sie nicht beurteilen und versteht sie nicht. Es ist noch jedem so gegangen – bis er aktiv wurde, erst dann ist er für ein Urteil qualifiziert) Grauenhaft ist natürlich diese immer wiedergekauten Klisches und Metaphern, dass getwittert werde, wenn man am Klo sitzt, auf Facebook sich Fotos von betrunkenen Leuten auf Parties finden und Blogs ausschließlich für Beschimpfungstiraden genutzt werden. Vielmehr ist herauszuheben, dass gerade viele Journalisten abseits der Redaktionen Blogs von Relevanz betreiben. Und dass viele deutsche Qualitätsszeitungen (das fällt mir stark in der SZ auf) keine Probleme haben etwa US-Blogs zu zitieren, wenn es um Analysen zu Obama usw. geht. Keine der der großen Web 2.0-Plattformen ist sui generis irgendetwas (Facebook-Mitbegründer Chris Hughes: “Facebook ist agnostisch” http://tinyurl.com/yzfov7o), sondern das, was der einzelne User daraus macht. Printmedien werden auch nicht ständig nach unten über Bild, Blick oder Kronen Zeitung definiert.

  7. es ist schon schwierig, zu vestehen, was für ein wandlungsprozess mit dem menschen passiert. die alte these, der mensch regiert die technik, scheint nicht mehr zu stimmen, denn überbordend an informationen kommt eine wahnsinnige flut von informationen auf uns zu, dass junge menschen kaum noch schreiben bzw. ordentlich lesen können, ist vielleicht auch eine folge davon, denn zusammenhänge werden kaum von insidern verstanden geschweige denn von etablierten star-intellektuellen wie staeck oder schily. dass nun der mensch aber auch größeren gestaltungsspielraum, neue künstlerische fähigkeiten, neue politische möglichkeiten (nicht diese abgedroschenen wahllügen und milchmädchenrechnungen zum bundeshaushalt), evtl. internetmacht durch einsprüche… scheint dem ganz normalen menschen noch nicht zu bewußtsein gekommen zu sein. nun ja, wir werden sehen… vorher sollte man aber auch die rudimente in den alten köpfen verstehen, angst vor einem polizeistaat… (die angst der alten westkommunarden)…
    michael

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