Blogger und Journalisten – das ewige Feindbild


Blogger und Journalisten verhalten sich zueinander wie Radfahrer und Autofahrer. Die Argumente, warum sich die jeweils andere Seite total bescheuert benimmt und sich nicht einmal an die simpelsten Regeln des Zusammenlebens hält, sind zur Genüge ausgetauscht: Signalieren beim Abbiegen! Nicht die Vorfahrt nehmen! Korrekt zitieren! Miteinander reden statt gleich Anwälte loszuschicken!

Doch es ist eben noch nicht alles von allen gesagt. Auch von mir nicht. Was mir fehlt in dem heutigen “Blogosphäre gegen Journalistin”-Aufreger sind mäßigende Stimmen von Wanderern zwischen den Welten. Von Menschen, die aus beiden Positionen Stellung beziehen könnten. Radfahrende Autofahrer. Bloggende Journalisten. Von denen es ja so wenige nicht gibt. An prominentester Stelle natürlich Stefan Niggemeier, der aber für eine ausgleichende Rolle in der Sache Eva C. Schweitzer gegen nom nom nom Blogger Philip leider ausfällt, da er sich frühzeitig entschied, die Journalistin an den Pranger zu stellen:

Frau Schweitzers Antwort ist ein Manifest der Arroganz und als solches womöglich nicht untypisch und unbedingt lesenswert. Offenbar hat sie tiefsitzende Probleme mit Männern, Deutschen, Bloggern (und Apple).

Ich teile Stefan Niggemeiers Eindruck, dass Eva Schweitzers Verhalten in dieser Sache arrogant und unsympathisch ist. Ob sie darüber hinaus die oben zitierten Probleme hat, weiß ich nicht. Ich vermute, dass Stefan Niggemeier sie ebensowenig persönlich kennt wie ich. Ich lese allerdings ihre Texte ab und zu im Kölner Stadt-Anzeiger. Die sind oft etwas oberflächlich.

Das alles nur vorweg, damit klar ist, dass ich hier keinen Eva-C.-Schweitzer-Fanclub gründen will. Ich finde allerdings, was sich heute in den Kommentaren bei Spreeblick, bei Niggemeier und bei Twitter abgespielt hat, einfach kindisch und zum Teil auch widerlich. Hier wird so getan, als reihe sich die freie Journalistin Schweitzer nahtlos in die jüngste kaltschnäuzige und sture Abmahneritis von Jako und Jack Wolfskin ein. Doch während die Konzerne nur eingeknickt sind, weil der öffentliche Druck zu groß wurde, hatte die Journalistin wohl nicht vor, den Blogger abzumahnen. Jedenfalls hat sie das umgehend mitgeteilt, nachdem ihr offenbar jemand gesteckt hat, dasss ihr Fall bei Spreeblick breit und nicht zu ihrem Vorteil disktutiert wird. Vorher wusste sie nach eigener Darstellung nichts davon, weil der Blogger nach der Abmahnung nicht sie, sondern Spreeblick kontaktierte.

Nochmal: Ich finde es falsch, wenn Journalisten zur Wahrung ihrer Urheberrechte mit Kanonen auf Spatzen schießen. Wenn Frau Schweitzer vor allem Verlage und Reiseportale als Contentklauer im Visier hat, dann sollte sie sich die Mühe machen, die Fälle vorher selbst zu beurteilen, anstatt einem Abmahnanwalt einen Freibrief zu erteilen. Dennoch hat sie in der ursprünglichen Sache Recht: Blogger Philipp hat sie nicht bloß zitiert, sondern ein Drittel ihres Textes kopiert, notdürftig garniert mit zwei dürren eigenen Sätzen. Wahrlich kein Glanzstück des Bloggens. Allerdings sieht man dem dürren Posting auch sofort an, dass sich damit niemand ungerechtfertigt bereichern wollte. Abmahnung zurückgezogen. (Die Bemerkung, dass Blogger Philipp im Gegenzug ihren Mac reparieren solle, habe ich als einen nicht wirklichen lustigen Scherz aufgefasst, andere offenbar eher als Erpressung). Doch damit war die Sache eigentlich gegessen. So hätte es zumindest sein sollen.

Stattdessen baut sich den ganzen Tag lang bei Niggemeier, Spreeblick und bei Twitter eine kollektive Mobbing-Stimmung gegen Frau Schweitzer auf. Johnny Häusler wenigstens hat am frühen Nachmittag die Reissleine gezogen und die Kommentare dichtgemacht. Bei Stefan Niggemeier aber geht es weiter. Zum Beispiel mit einer kaum verhohlenen Aufforderung, die Bewertung ihres Buches bei Amazon kollektiv zu “korrigieren” (sie bewertete ihr eigenes Buch  in einer Videorezension mit fünf Sternen):

niggemeier

Solange dieser Kindergarten-Stellungskrieg zwischen Bloggern und Journalisten (wobei Eva Schweitzer auch selbst bloggt), beim geringsten Anlass immer wieder aufs Neue ausgefochten wird, solange braucht die deutsche Blogosphäre sich nicht zu wundern, dass sie außerhalb ihrer eigenen Kreise kaum wahrgenommen wird. Und dass in diesem Umfeld bisher auch mit Werbeeinnahmen kein Staat zu machen ist. Und weil es schön zum Thema passt, verlinke ich noch diese Studie, auf die ich vorhin über einen Tweet von @10000words aufmerksam wurde.

Nachtrag vom 1. November:

Bei Stefan Niggemeier hat jetzt der Journalist Ulf J. Froitzheim zwei bemerkenswerte Kommentare hinterlassen (#213 und #223).

31 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: der mob und das netz – oder 10% ist nicht genug! « qrios

  2. @Aerar

    Danke für Deinen Tipp. Ich werde mich darum kümmern müssen. Heute waren es schon weit über 300 Spamkommentare.

  3. vielen Dank, Ulrike, für die einordnenden Worte. So ein Mob macht mir Sorge, er verliert schnell jedes Maß (im Kommentar 45 auf Spreeblick steht “AUSPEITSCHEN” ). Das finde ich widerlich.

  4. @elli

    Ja, das habe ich auch gesehen. Doch während ich den Kommentar zur Not noch als “lustige” Anspielung auf Asterix einordnen kann (-> Asterix bei den Schweizern) , finde ich den Kommentar oben im Screenshot noch widerlicher, weil darin ein perfider Aufruf steckt, der Autorin zu schaden. Bis gestern hatte aber zum Glück nur einer mitgemacht…

  5. Ach, Sie waren das also, die wiederholt die Aufmerksamkeit auf die Amazon-Seite gelenkt hat?
    Was haben Sie sich denn dabei gedacht?

    Zugegeben, ich fand diesen Kommentar auch etwas zwiespältig, hätte mich aber auch geweigert, ihn zu entfernen. Dazu ist er erstens nicht explizit genug und zweitens hätte ich darauf vertraut, dass er im Gewimmel untergeht. Was er ja offensichtlich, trotz wiederholter Verweise, auch getan hat.

    Möglicherweise unterschätzen Sie, ebenso wie Frau Schweitzer, die “Bloggosphäre”. Vielleicht wissen diese Jungs im Schlafanzug ja doch ganz gut, wo ihr Spielplatz endet? Vielleicht wissen sie auch nur, dass sie sich in diesem Fall noch was anderes ausdenken müssen, um nicht bei nächster Gelegenheit gelöscht zu werden. Was u.a. auch bedeutet, dass da schon etwas mitgedacht wird. Was wiederum bedeutet, dass die dort verlautbarte Stimmung unter Bloggern in ihrer Gesamtheit deutlich ernster zu nehmen ist als die Profi-Holzmedien-SchreiberInnen glauben.

    Ich fand jedenfallls das beständige Insistieren auf Löschen des Kommentars ausgesprochen kontraproduktiv, habe jedoch auf diesbezügliche Bemerkungen verzichtet, um einen Schwerpunkt darauf zu vermeiden.

  6. @nick Sind Sie etwa noch stolz darauf, dass Niggemeier den Kommentar hat stehenlassen? Dann brauchen wir nicht weiter zu diskutieren. Im übrigen bezweifle ich, dass meinen Blogpost überhaupt richtig gelesen haben. Sonst wüssten Sie, dass ich als bloggende Printjournalistin keine Lust habe, mich an dem kindischen Streit “Profi-Holzmedien-Schreiberinnen” gegen “die Blogosphäre” zu beteiligen.

  7. Sehr geehrte Frau Langer,

    es ist zwar etwas schlechter Stil einen Kommentar doppelt zu hinterlassen, ich möchte es aber hier mal tun. Mein Artikel bbezieht sich auf Ihren Kommentar Nr.10 in http://carta.info/17282/journalisten-vs-blogger-ein-kriegsbericht/. Dort habe ich selbigen auch hinterlassen.

    @ Ulrike Langer (10) Bei allem Respekt (ich schätze Sie sehr als Journalistin) und der Sympathie für eine Kollegin; aber hier bin ich anderer Meinung. Es ist kein „geifernder Blogger-Mob bei Spreeblick über Frau Schweitzer hergefallen“. Sie pauschalieren da und setzen Leute, die aus der Anonymität des Netzes heraus Kommentare ablassen mit Bloggern gleich. Sie können mir glauben, ich stehe Blogs skeptisch gegenüber, Social Media-Enthusiasten finde ich lächerlich und Twitter mag ich gar nicht. Aber was ich seit der Jack Wolfskin-Debatte bis jetzt so mitgelesen habe, ist schon sehr pauschalierend und polemisch gewesen. Und nie hätte ich das erwartet: die meisten Phrasen kamen von Journalisten! Da habe ich viel gelesen: vom “Blogger-Mob“ (auch in Ihrem Kommentar wieder), vom „Möbchen“, von einer „Horde wutschnaubender Möchtegernpiraten, die ihre Nächte im Schlafanzug vom dem Computer verbringen“ von „Nerds“ und „Trolls“. vornehmlich von Journalisten wie Frau Schweizer und Ihren Kollegen bei der den taz-blogs. Ich habe nichts dergleichen direkt von Jonny Häusler oder Stefan Niggemeier gelesen. Das was ausfallend war (Beispiel im Artikel von Frau Schweitzer http://blogs.taz.de/newyorkblog/2009/11/03/sex_blogs_nazis) – wie kommen Sie darauf, dass dies alles eine Horde von Bloggern sind? So einfach machen Sie es sich doch sonst nicht! Auch dem Aufruf, Frau Schweizers Buch bei Amazon entsprechend zu bewerten, ist vermutlich nur einer gefolgt. Ich habe eben noch mal nachgesehen. Die anderen negativen Bewertungen sind alle älter. All zu viele sind das eh nicht. Und das ist auch gut so. Der „Mob“ ist also doch ein wenig intelligenter, als Sie ihm zugetraut hatten? Das soll den Schreiber des betreffenden Kommentars natürlich nicht freisprechen. Das ist unterste Schublade. Allerdings mag so manch Angestellter bei Jack Wolfskin die Boykott-Aufrufe im Internet gegen das Unternehmen ebenso ungerecht angesehen haben. Trifft ein Boykott doch als erstes die Angestellten der Firma. Allerdings haben die Konsumenten ja meist nur dieses eine Mittel in der Hand um ein Unternehmen in die Schranken zu weisen! Das ist schon eine verzwickte Sache mit der Macht des Konsumenten. Mal ist sie gerecht, mal überschreitet sie eine Grenze.

    Was mir aber an Ihrem Beitrag Nr.10 gar nicht gefällt, ist der letzte Absatz: Hier schreiben Sie: „Diese Sache hätte niemals so hochgekocht werden dürfen. Das ist einfach nur widerlich und hat mit dem positiven Zusammenhalt der Blogosphäre in Fällen wie jüngst Jako und Jack Wolfskin nichts zu tun. Hier geht es nicht um einen kaltschnäuzig abmahnenden Konzern, sondern um eine freie Journalistin, die nach einschlägigen Erfahrungen ihre Urheberrechte zu verteidigt. Ich würde an ihrer Stelle zwar schleunigst vom hohen Ross runterkommen, denn das macht sie nicht sympathisch. Aber ist das ein Grund für ein solches Pogrom?“ Hat also Jack Wolfskin weniger Rechte, weil er ein „kaltschnäuzig abmahnender Konzern“ ist, während eine freie Journalistin dass darf? Mit Verlaub, aber beiden mahnen das gleiche ab, Jack Wolfskin wollte seine Markenrechte um jeden Preis schützen und Frau Schweitzer um jeden Preis ihr geistiges Eigentum. Inwieweit das bei beiden rechtens war, dass hätte vor Gericht entschieden werden müssen. Das werden wir also nie erfahren und für die Abgemahnten ist das auch gut so. Beide hätten vorher die Abgemahnten kontaktieren können, haben aber vorgezogen Anwälte loszuhetzen. Bei Jack Wolfskin betrug die Strafe, die der Abgemahnten zahlen sollte, „nur“ die Gebühr für den Rechtsanwalt von etwas unter 1.000 EUR. Frau Schweizer wollte laut Spreeblick erst einmal 1.200,00 wegen Verstoß gegen das Urheberrechtsgesetz als Schadensersatz direkt, an den Anwalt sollten weitere 955,00 Euro gehen. Das ist in meinen Augen direkt noch etwas unverschämter als Jack Wolfskin. Jack Wolfskin hat zwei Presseerklärungen rausgegeben, sich sonst aber im Stillen um Behebung des entstandenen Schadens gekümmert. Frau Schweizer aber gießt mit ihren arroganten Kommentaren immer wieder Öl ins Feuer. Jack Wolfskin tritt zwar nicht von künftigen Abmahnen zurück, verspricht aber wenigstens mal künftig erst die Betroffenen zu kontaktieren bevor sie einen Anwalt einschalten. Frau Schweitzer beharrt auf der Schleppnetzfandung auch künftig über Anwälte (http://blogs.taz.de/newyorkblog/2009/11/03/sex_blogs_nazis/#comments). Müsste ich beides vergleichen, irgendwie find ich den „kaltschnäuzig abmahnender Konzern“ besser als die „freie Journalistin, die nach einschlägigen Erfahrungen ihre Urheberrechte verteidigt“. Das muss doch für Herrn Hell direkt ein innerer Vorbeimarsch gewesen sein, wenn er die ganze Diskussion hier lesen sollte. Aber vermutlich ist der schon wieder in der Wildnis unterwegs und testet Tatzenklamotten. Beide Sachen sind hoch gekocht worden. Bei den einen fanden Sie dass in Ordnung und schrieben von „positiven Zusammenhalt der Blogosphäre“ bei der anderen nicht. Mit Verlaub, die David gegen Goliath- Stimmung war immer die gleiche, da gab es keinen Unterschied. Der teilweise rüde Ton war auch so unterschiedlich nicht. Nur gab es im Fall Jack Wolfskin keine Gegenseite, die zurück gehauen hat. So ist das halt mit Blogs. Da rollt immer eine heftige Welle durch. Die ebbt aber auch immer ganz schnell ab. Nehmen Sie mich: ich habe erst alles gelesen, musste noch etwas recherchieren und bin nun mit meinen Kommentar viel zu spät dran für die Welle. Wie dem auch sei, ich habe den Eindruck, dass Sie Ihnen hier eine Kollegin näher steht als ein großes Unternehmen und das spiegelt sich hier in Ihren Kommentaren wieder. Bitte verzeihen Sie mir, aber das finde ich nicht sehr objektiv.

    Falls es wirklich einen Krieg zwischen Journalisten und Bloggern geben sollte, da schenken sich in der Summe beide Seiten nichts! Und das ist ja fast schon wieder eine Annäherung. Nun ja was bleibt: es hat lange gedauert all das zu lesen und ich bin etwas übernächtigt. Wenn ich mir aber die kleinen Erfolge im Fall Jack Wolfskin anschaue und folgenden taz-Artikel (http://blogs.taz.de/blogwart/2009/11/04/copyright_copywrong/), dann bin ich fasst geneigt ein wenig an Sozial Media zu glauben. Zumindest habe ich mehr Respekt vor Bloggern. Vor Journalisten hatte ich den ja schon immer, und ich will da auch nicht wegen wenigen davon abrücken, denn dann würde ich ja pauschalieren.

  8. Liebe Anna,

    ich freue mich über Ihren langen Kommentar und will versuchen, zu möglichst vielen Punkten Stellung zu nehmen. Ich fühle mich von Ihnen in wesentlichen Positionen missverstanden. Ich nehme Eva C. Schweitzer nicht in Schutz, weil sie wie eine Printjournalistin ist. Ich dachte, ich hätte das in Kommentaren und in meinem Blogpost ausreichend klargemacht. Ich kenne sie nicht persönlich, und ihr Auftritt in dieser Sache macht sie mir unysmpathisch. Stefan Niggemeier hingegen kenne ich, den finde ich sehr sympathisch und seine Kompetenz steht außer Frage. Dennoch kritisiere ich Niggemeiers Verhalten in dieser Sache und plädiere dafür, auch die Position einer unsympathischen und arrogant auftretenden Journalistin wenigstens versuchsweise zu verstehen. Außerdem blogge ich selbst und habe schon von daher nichts gegen “die Blogger”. So einfach sind die Frontlinien also nicht.

    Dass ein Mob über Frau Schweitzer hergefallen ist – zu dieser Aussage stehe ich nach wie vor. Das bedeutet natürlich nicht, dass sich jeder Kommentator oder Blogger daran beteiligt hat. Züge eines Mobs zeigen sich für mich auch darin, dass man einfach draufhaut, ohne nachzudenken. So behaupten viele, Philip habe nichts Falsches getan, es sei doch nur ein Zitat gewesen, ohne den Beitrag gesehen zu haben. Erst die verbale Keule schwingen und dann in einem zweiten Kommentar fragen: Was war eigentlich das Zitat? – das habe ich mehrfach gelesen. Schlimmer fand ich aber die Verbalinjurien und den unverhohlenen Sexismus in manchen Kommentaren.

    Gerade in den letzten zwei, drei Tagen – mit etwas Abstand zu Sache – gibt es aber auch immer mehr differenzierte Positionen zu lesen, die ich teile. Leider habe ich sie nicht gebookmarkt, sonst würde ich mal 4 oder 5 verlinken (und ich habe keine Zeit, mir alle Diskussion auf mittlerweile 10 oder 12 Blogs nochmal anzusehen). Aber vorhin habe ich z.B. diesen Blogeintrag gefunden: http://www.dragstripgirl.de/netzwelt/der-triumph-der-vernunft/

    Ich bleibe auch bei meiner Meinung, dass die Fälle Schweitzer und Jako / Wolfskin nicht vergleichbar sind. Der entscheidende Unterschied: Eva Schweitzer hat erkannt, dass sie über das Ziel hinausgeschossen ist und die Abmahnung sofort zurückgenommen. Aus dem anschließenden Wortgefecht mit wütenden Kommentatoren, die einfach nicht aufhörten – mit Zügen eines Mobs – hätte sie sich einfach heraushalten sollen. Aber so souverän ist sie wohl nicht. Jako und Wolfskin sind stur bei Ihrer Haltung geblieben und erst als der öffentliche Druck zu groß wurde, eingeknickt. Ich sehe da einen großen Unterschied, Sie offenbar nicht.

    Was ich wirklich schade fände: Wenn diese Diskussion als Empörungswelle beim Einzelfall verharrt und dann einfach wieder abebbt (bis zum nächsten Einzelfall. Bei Freischreiber (habe ich oben verlinkt) gibt es einen interessanten Ansatz, dass freie Journalisten für ihre berechtigten urheberrechtlichen Ansprüche ein gemeinsames praktikables und differenziertes Durchsetzungsmodell entwickeln sollten. Denn wie schon Eva Schweitzer (leider erst NACH der Abmahnung) erkannt hat: Nicht einzelne Blogger, die sich im Zitatrecht nicht auskennen, sondern systematisch contentklauende Verlage und kommerzielle Portale sind das Problem für freie Journalisten.

  9. Sehr geehrte Frau Langer,

    ich habe nicht gesagt, dass Sie etwas gegen Blogger haben. Ich selbst finde die Unterteilung Blogger /Journalist unangebracht, wenn gleich ich noch anmerken möchte, dass nicht jeder Journalist der blogt, ein Blogger im herkömmlichen Sinne ist. Frau Schweitzer bloggt auch, unterscheidet sich aber von Niggemeier und Co erheblich, indem sie den Blog für reichlich Werbung für ihr Buch nutzt (Link zu Amazon unter jedem Blogeintrag). Nur mal so am Rande bemerkt. Diese Bemerkung steht aber jetzt in keinem Zusammenhang zu ihren Blog oder Ihrer Beziehung zu Bloggern.

    Ich stimme vollkommen mit Ihnen überein, dass ein Mob über Frau Schweitzer hergefallen ist. Nur war es eben nicht ein „Blogger-Mob“ wie sie in den von mir kommentierten Artikel schrieben. Auch wenn das jetzt wie Haarspalterei klingt, es impliziert aber, dass nur Blogger diese Kommentare geschrieben haben. Und das ist sicher nicht so. Das klang für mich dann sehr pauschalierend. Das haben Sie aber in Ihren letzten Kommentar richtig gestellt. Ich hätte mir auch gewünscht, dass in so manchen Blogs die Kommentarfunktion eher geschlossen werden wäre. Dann wäre den Mob Einhalt geboten worden. Das ist aber sicher von Blog zu Blog unterschiedlich und liegt in der Verantwortung des Betreibers. Allerdings würde ich Menschen, die der Meinung sind der Blogger Philip habe nichts Falsches getan, ebenfalls nicht als Mob bezeichnen. Als Mob würde ich nur die Menschen bezeichnen, die mit unpassenden, beleidigenden oder sogar sexistischen Äußerungen Frau Schweizer angegriffen haben. Man muss hier sicher akzeptieren, dass das Unrechtsbewusstsein anderer Menschen eben anders ist. Frau Schweizer selbst lässt zu Beispiel in ihrem Blogeintrag http://blogs.taz.de/newyorkblog/2009/10/23/die_dunkle_seite_der_macht ein solches Unrechtsbewusstsein gegenüber Softwareherstellern und hier besonders gegen Microsoft vermissen. Sie beschreibt hier, dass sie sich liebend gern eine gehakte Seriennummer von Microsoft Word verwendet hätte, weil Microsoft eben nicht verdient hat, für deren geistige Arbeit bezahlt zu werden. Nun arbeite ich zwar nicht bei Microsoft, komme aber aus der Branche. Und hier ist der Diebstahl geistigen Eigentums seit Jahren ein Kavaliersdelikt. Das scheint auch Frau Schweitzer so zu sehen. Ich habe versucht in meinen Kommentaren zu diesen Blogeintrag (leider ein wenig zu sehr auf ihrem Niveau), sie auf das fehlende Unrechtsbewusstsein hinzuweisen. Und darauf, dass sie moralische Maßstäbe bei anderen an legt und selbst nicht befolgt. Meinen letzen Eintrag, wo ich nochmals darauf hingewiesen haben, dass der Diebstahl jeglichen geistigen Eigentums Unrecht ist, hat sie nicht frei geschaltet, bei den anderen beiden hat sie geantwortet und Tatsachen verdreht oder unwahre Behauptungen aufgestellt. Das soll jetzt kein Vorführen von Frau Schweitzer sein aber ich denke, gerade das Beispiel Frau Schweitzer und ihr Verhältnis zum Softwareklau zeigt ganz deutlich, dass die Menschen einfach unterschiedliche moralische Maßstäbe an den Tag legen. Und so war sicher für viele Kommentatoren der Diebstahl des Bloggers Philip einfach nicht ersichtlich. Nun spiegeln aber Blogs einfach nur Meinungen wieder und niemals Expertenwissen. Da in Blogs Themen nur kurzzeitig angerissen werden, bleibt auch keine Zeit für Recherche. Das ist zum Beispiel ein Problem, dass ich mit den Blogs habe. Aber nur, weil einer eine andere Meinung hat, sollte ihn die Gegenseite nicht als Mob bezeichnen.

    Auch ist es für mich definitiv ein Unterschied, ob jemand seine Meinung nur ändert, wenn der öffentliche Druck zu groß wird oder von allein zurück rudert. Jack Wolfskin hat erst nachgegeben, als der öffentliche Druck zu groß wurde. Das ist korrekt. Aber mit Nichten hat Frau Schweitzer erkannt, dass sie über das Ziel hinausgeschossen ist und die Abmahnung sofort zurückgenommen. Sie hat die Abmahnung überhaupt nicht zurück genommen. Das hat sie auch nie gesagt. Mal spricht Sie davon, dass sie in Verhandlung mit dem Blogger ist und bei der Zahlung berücksichtigen will, dass er Student ist und wenig Geld hat. http://blogs.taz.de/newyorkblog/2009/11/05/was_wuerde_captain_kirk_tun/
    Neuerdings spricht sie davon, er eine Spende an einen Verein wie Amnesty International zahlten soll. Das wäre schon mal edler als selbst zu kassieren, es ist jedoch keine Rücknahme der Abmahnung. Weiterhin will sie auch künftig Leute belangen, die in ihrer Schleppnetzfandung hängen bleiben, ohne diese Fälle differenziert zu betrachten. http://blogs.taz.de/newyorkblog/2009/11/03/sex_blogs_nazis/

    Und das ist auch der Punkt. So naiv die Ausrede auch war, dass der Blogger und Spreeblick Frau Schweitzer nicht innerhalb einer Woche erreicht habe, so naiv ist auch die Annahme, dass man eine Abmahnung einfach so zurück nimmt. Eine Abmahnung nimmt man höchstens auf öffentlichen Druck zurück. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits Kosten aufgelaufen, die einer der beiden Parteien bezahlen muss. Hätte Frau Schweitzer den Blogger nicht abmahnen wollen, hätte sie das stoppen können, bevor die Anwälte auf den Plan traten. Das ist nicht aus Versehen passiert! Und wen man eine Abmahnung erhält, gibt es nur noch eins: schnellstens einen Anwalt zu Rate zu ziehen, damit der Schaden so gering wie möglich bleibt. Das sind regelrechte Drohbriefe mit neuen versteckten Kostenfallen (z.B. die zu unterzeichnende Unterlassungserklärung), denen sich der Abgemahnte ausgesetzt sieht. Hier ist es schon zu spät für einen Anruf und eine Entschuldigung. Ab jetzt reden nur noch die Anwälte miteinander. Dazu kommt, dass die Kosten einer Abmahnung immer maßlos überzogen sind. Das hat in letzter Zeit zu einer wahren Heuschreckenplage von Kanzleien geführt, die sich nur dieser Tätigkeit widmen. Diese Verharmlosung von Abmahnungen aus Unkenntnis macht mich langsam sprachlos. Abmahnungen betreffen alle Brachen, nicht nur die schreibende Zunft. Natürlich muss geistiges Eigentum geschützt werden, aber nicht mit unverhältnismäßig hohen Abmahnungen. Hier ist die Politik gefragt (Abschaffung des “fliegenden Gerichtsstands”, moderate Anwalts-Gebühren, der Abmahnende sollten den Abgemahnten vor der Abmahnung auf das Vergehen in einem Brief oder einer E-Mail kostenfrei hinweisen und erst dann Rechtsmittel anwenden). Nun ist es fraglich ob die Politik schon etwas vom virtuellen Sturm, der immer nur mit Einzelfällen hoch kocht und wieder schnell abebbt, mitbekommen hat. Vielleicht wird der Sturm die Grenzen des Internets auch nie verlassen und damit nie in der realen Welt ankommen. Es wird für mich spannend sein, dass in der nächsten Zeit zu beobachten.

    Anna

  10. @Anna

    1. Ich nehme das Wort Blogger-Mob zurück (das habe ich hier auch gar nicht benutzt, sondern in einem Kommentar bei Carta, glaube ich) und ersetze es durch das Wort Kommentator-Mob.
    2. Frau Schweitzer hat inzwischen selbst gesagt, dass sie ein “Gesamtpaket” gebucht hat und keinen Anwalt zusätzlich bezahlt.
    3. Als Urheber wird man lange darauf warten, dass die Politik sich für ein sinnvolles Verfahren mit fairen Entschädigungen bei Urheberrechtsverstößen einsetzt. Die Politik tut höchstens etwas für die Rechteverwerter mit ihrer mächtigeren Lobby – s. Verlage und das Wohlwollen der Koalition gegenüber der EInführung eiens eigenen Leistungsschutzrechts (von dem die Urheber nichts haben werden).