“Gab’s in der DDR…?” fragen Medienstudenten in Mittweida

7. November 2009 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Journalismus, Neu


Den 20. Jahrestag des Mauerfalls nehmen seit einer Woche Studenten der Fakultät Medien an der Hochschule Mittweida in Sachsen zum Anlass einer selbsterstellten journalistischen Webserie. Der betreuende Professor Horst Müller hat mich gefragt, ob ich das Projekt in meinen wöchentlichen Linktipps vorstellen möchte. Ich finde aber, es hat eine ausführliche Besprechung verdient.

MittweidaDer Titel  der Serie “Gab’s in der DDR…?” ist gut gewählt – er macht neugierig mit einer Frage, die wir immer häufiger hören werden. Eine Frage, die meine Generation der in den 60er-Jahren Geborenen typischerweise mit der Zeit des Nationalsozialismus verbindet (“Durfte man unter Hitler…?”).  Doch für die Generation der heute 25-Jährigen und Jüngeren, zu denen die Studenten des Webprojekts größtenteils gehören dürften, ist auch die DDR Geschichte. Selbst an den Mauerfall haben heute  junge Erwachsene höchstens noch vage Kindheitserinnerungen. Was liegt also näher, als diejenigen zu befragen, die dieses Kapitel deutscher Geschichte selbst erlebt haben und sich eloquent dazu äußern können?

In den bisherigen elf Folgen machten die Studenten interessante Zeitzeugen ausfindig. So sprach zum Beispiel Jan Holubek zur Frage Gab’s in der DDR die Gleichberechtigung von Mann und Frau? mit Prof. Dr. Herta Kuhrig. Sie war von 1968 bis 1977 Leiterin der Forschungsgruppe „Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft” und übernahm ab 1981 den Vorsitz des gleichnamigen Wissenschaftlichen Rates bei der Akademie der Wissenschaften der DDR. Gestützt durch die Ausagen von Kuhrig zieht Holubek das Fazit: “…die soziale Gleichheit befand sich schon immer in einem Entwicklungsprozess. Die Frage aber, ob in der DDR gleiches Recht für Männer und Frauen galt, kann sicher mit “Ja” beantwortet werden.”

Die Studenten stellen in ihrer Serie aber nicht nur die gesellschaftlich bedeutetenden “Must”-Fragen, sondern interessieren sich auch für originelle Themen, zu denen man nicht schon zig mal etwas gelesen hat: So fragt Evelyn Lorenz, ob in DDR-Krimis auch Genossen Täter sein durften, und Tom Rosenkranz beleuchtet die Geschichte des Heimcomputers in der DDR.

Jede Folge ist relevant, stellt gute Fragen und stellt sie vor allem auch den richtigen Leuten. Allerdings reizen die Studenten die Möglichkeiten, die das Web gerade beim Umgang mit Zeitzeugeninterviews bietet, noch nicht wirklich aus. Formal sehen alle Folgen gleich aus: Fließtext plus ein Featurebild, dass sich vergrößern lässt, wenn man draufklickt. Fotos der Zeitzeugen fehlen, weiterführende Links zu den Quellen ebenso. In dieser Aufmachung hätten die Beiträge ebensogut in Print veröffentlicht werden können, ohne das etwas fehlt.

Gabs-in-der DDRDabei bietet das gewählte Thema eine Fülle von Möglichkeiten, die Texte multimedial anzureichern und so noch interessanter zu machen. So könnte ich mir als ideale Ergänzung zum Fließtext über die Gleichberechtigung eine abrufbare Audiodatei mit dem Originalinterview vorstellen. Die eingestreuten Zitate im Wortlaut sind so gut – sie verlangen förmlich danach, im O-Ton zu hören, was die heute 79-Jährige Zeitzeugin im Zusammenhang gesagt hat. Ich empfehle den Studenten, sich als gutes Beispiel für eine solche Integration die Grimmepreis-gekrönte Plattform Zeitzeugengeschichte anzusehen. Hier interviewen Jugendliche Zeitzeugen des Nationalsozialismus und stellen ihre Audio- und Videoclips auf die Plattform.

Bei der Frage nach der Täterschaft von Genossen in Krimis würden sich ergänzend kurze Originalausschnitte aus den vorgestellten Krimis “Blaulicht” und “Polizeiruf 110″ anbieten. Vielleicht scheitert solch ein Versuch an der Rechtefrage, aber einen Versuch ist es wert. Man könnte auch zwei oder drei der zahlreichen (Trailer-)-Clips bei You-Tube einbinden, z.B. diesen hier.

Und die Geschichte des Heimcomputers in der DDR wäre ein wunderbares Thema für eine Audio Slideshow. Als Beweis dafür, dass diese in Deutschland noch recht genutzte Darstellungsform in seiner relativen Schlichtheit viel eindringlicher als so manches professionelle Video sein kann, empfehle ich die Audio Slideshow Sammlung von Reuters.com . Und außerdem natürlich die unübertroffen markante und opulente Audio-Foto-Plattform One in 8 Million der New York Times. Weniger aufwändig gemacht und dennoch sehr überzeugend ist auch diese aktuelle Slideshow des Freitag. Eine gute Informationsquelle zum Thema Audio Slideshow sind die Blogs Rufposten von Matthias Eberl und  Soundphotographer von Fabian Schweyher.

Fazit: “Gab’s in der DDR…?” ist ein journalistisch interessantes Projekt mit noch ungenutztem multimedialem Potenzial. Aber das kann  jederzeit schrittweise ergänzend erschlossen werden. Und dafür spielt es dann auch keine Rolle, ob der Anlass “20 Jahre Mauerfall” inzwischen verstrichen ist.


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