Was Jeff Jarvis schreibt – und was “Die Welt” daraus macht


Jeff Jarvis hat als Nachbetrachtung zur seiner Keynote auf den Münchner Medientagen einen Beitrag über sein Dauerthema Linkökonomie für Die Welt Welt Online / Welt Kompakt geschrieben. Auf Englisch, was Die Welt Welt Online / Welt Kompakt (nachfolgend der besseren Lesbarkeit halber Die Welt genannt) dann ins Deutsche übersetzt hat. Nur die Bedeutung seiner Worte ging an manchen Stellen ein wenig verloren. Sie lässt sich allerdings rekonstruieren, denn Jarvis hat seinen Originaltext auch auf sein Blog gestellt.

Bei Jarvis heißt es:

I have been impressed with the innovation and openness to change I have seen in German media: Axel Springer shifted a large proportion of its revenue to digital; Bild equipped Germans with video cameras to report news; Burda invested in the networks Glam.com and Science Blogs; Holtzbrinck innovated in its incubator; WAZ created a world pioneer in DerWesten.

Die Welt macht daraus:

Ich war beeindruckt, welche Innovation und Offenheit für Veränderungen ich in der deutschen Medienbranche gesehen habe.

Ohne Verlagsbeispiele. Erstaunlich eigentlich, wird doch auch Springer lobend erwähnt. Vielleicht aber doch nicht so erstaunlich, denn so bezieht sich dann in der deutschen Version auch der nächste Satz mit der Kritik nicht unbedingt auf Springer:

Als aber in der Finanzkrise die Zeiten härter wurden, sah ich die deutschen Medien plötzlich nach einem Feind suchen, um ihn für ihre Probleme verantwortlich zu machen.

Aber wer in Deutschland sucht nach Sündenböcken für verlegerisches Versagen? Jarvis nennt Namen und Institutionen:

The head of the Deutscher Journalisten-Verband called for legislation to condemn Google as a monopoly, an enemy of the press. Dr. Hubert Burda, a digital visionary I greatly admire, urged that copyright law should be expanded to protect publishers, whom he said deserve a share of search engines’ revenue. Chancellor Merkel is considering such changes in copyright. A group of publishers issued the Hamburg Declaration saying that all online content need not be free (though that has always been completely in their control).

Am geplanten Leistungsschutzrecht, von Springer und Burda maßgeblich propagiert und von Kanzlerin Merkel befürwortet, will man sich von Herrn Jarvis dann wohl doch lieber nicht herummäkeln lassen.

Jarvis schreibt:

Today, in America, we see hyperlocal bloggers earning $100-200,000 a year in advertising; these are real businesses.

Daraus macht Die Welt:

Heute sehen wir in den USA überörtliche Blogger, die 100.000 bis 200.000 Dollar im Jahr durch Werbung verdienen.

“Hyperlocal bloggers” sind Blogger, die über einzelne Stadteile oder einzelne Straßen schreiben – über Gebiete, die Tageszeitungen zu kleinteilig und unwirtschaftlich erscheinen, um sie zu beackern. Das ist das Gegenteil von “überörtlichen” Bloggern. Das wird aber wohl ein unbeabsichtigter Übersetzungsfehler sein.

Dass in der “Welt” Fassung auch Jarvis Lob für das Burda-Netzwerk Glam nicht erwähnt wird – geschenkt.

Komplett unwichtig erschien in der Übersetzung wohl auch Jarvis Schlussfolgerung mit der Handlungsauffordung, denn die ist unter den Tisch gefallen:

Publishers will not get to that bright future by urging government to protect them from innovators and competitors. No, if we want anything from government, it should be universal broadband to encourage society’s migration to a digital economy, and a lack of regulation to assure a level playing field for innovation.

I hope that once the desperation of the current economic crisis subsides, my German media friends will not try to retreat to their old models but will instead continue to invent new ways and to again become leaders in innovation. That is the only sensible path to survival and success.

So verläuft sich das an sich mutige Ansinnen, einen kritischen Text von Jeff Jarvis zu veröffentlichen, der mit seinen Haupthesen nicht auf Verlagslinie liegt, im Ungefähren: Mit Ihnen als Autor schmücken wir uns gerne, Mister Jarvis, aber nass machen lassen wir uns nicht.


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19 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  4. Na, liebe Frau Langer, das ist aber eine hauchdünne Argumentation von Ihnen. Eine Übersetzungsunschärfe, zwei oder drei Stellen, die von uns redigiert wurden. Und damit wollen Sie den Anschein erwecken, dass hier ein Text von Jeff Jarvis “auf Linie getrimmt” ist. Sehr gewagt. Oder besser gesagt: grober Unsinn. An der Aussage des Textes hat sich durch unsere Kürzungen nichts, aber auch gar nichts geändert. Die Hauptthese von Jarvis natürlich auch nicht. Ach und übrigens: Der Text ist in WELT KOMPAKT und auf WELT ONLINE erschienen. Nicht in der WELT.

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  6. Pingback: Welt Online: Verlegerkritische Passagen fehlen in Jeff Jarvis-Übersetzung — CARTA

  7. @ Frank Schmiechen: Wenn ich Ihren Kommentar lese, weiss ich wieder, warum ich so froh bin, dass es Blogs gibt.

    – Was war den Ihr Redigier-Anliegen?
    – Gehört es zum editorischen Arbeit bei Welt Kompakt, den Autor über solche Kürzungen in Kenntnis zu setzen?

    Schade, ich hätte mir eine andere Reaktion von Ihnen erhofft.

  8. Da hätte ich mir aber jetzt auch eine souveränere Retourkutsche vom CR der Welt Kompakt gewünscht: “Eine Übersetzungsunschärfe, zwei oder drei Stellen, die von uns redigiert wurden…”

    Ich mag jetzt gar nicht darauf eingehen, was bei der “Übersetzung” alles auf der Strecke blieb, das zeigt ja der Textvergleich. Den Autor hat offensichtlich keiner gefragt, ob ihm das Redigierte noch gefällt. Jeff Jarvis war nämlich gestern über Twitter auf der Suche nach dem Text.

    Zitat von @jeffjarvis”: “@sachark Haben sie ein Link? Ich habe das nicht schon gesehen.”
    Nachdem er’s gesehen hat, war Jeff Jarvis wohl wichtig, dass die Ursprungsform auch in die Öffentlichkeit gelangt. Ich nehme mal an, die Überarbeitung des Textes ohne sein Wissen hat ihm nicht so gefallen…

    Dafür fragt aber Weltkollege Romanus Otte pikanterweise bei Frau Langer an – ebenfalls über Twitter: “Liebe Frau Langer, haben Sie fairerweise den Kollegen gesprochen, der übersetzt hat?” Herrlich. Was sollte sie denn da bitte den Übersetzer fragen, wenn sie 2 veröffentlichte Texte miteinander vergleicht und Weltkompakt es nicht mal für nötig befindet, den Autor über die Textveränderungen zu informieren…

    BTW: “Na, liebe Frau Langer…” – wie herrlich gönnerhaft männlich das doch wieder klingt.

  9. Tut mir leid dass mein Deutsch so schlimm ist, also muss ich auf Englisch schreiben.

    Thanks, Ulrike for the attention.

    I was warned that the piece would be trimmed. I didn’t see the trims in translation before publication. But given the state of my German, I would have missed subtleties.

    I’m glad that Welt Kompakt ran a piece that disagrees with the Axel Springer’s company line. (Full disclosure: I was paid to come speak to Axel Springer editors at their corporate meeting; I’ve also spoken at Burda events, including DLD, and for Die Zeit at Holtzbrinck.)

    I tried to get a version of this commentary in another paper that had run a piece with a contrary opinion. The editor asked for a change (saying that national papers such as his weren’t necessarily going to die). I made the chance. Then he sat on it for weeks. Then he said it was too late to run it, though the delay was all his.

    I know this message isn’t popular with publishers but I was surprised at the applause it got – from the audience though not so much the panel on stage – when I delivered it at Münchener Medientage.

  10. Pingback: Huffington: „Herr Döpfner, Sie wollen Konsumenten umerziehen, die gerade die neuen Möglichkeiten der Online-Nachrichten entdecken. Das ist anmaßend.“ « Ich sag mal

  11. @Jeff
    Thanks for commenting. I agree with you that the willingness as such to run your opinion piece that disgrees with Springer’s company line is brave. In fact, that’s what I wrote. But they either shied away from their own braveness or never intended to run the full piece. The point is, that through the omissions it’s now a softened version that doesn’t disagree so much with the company line. Especially your conclusion is missing: that it’s wrong to seek government protection for an old business model. But that’s what Springer and other publishers don’t want to be dissuaded from.

  12. Herr Schmiechen, ob das nun vorauseilender Gehorsam, Absicht oder ein sehr speziell anmutendes Priorisieren beim redigieren war: der vermeintliche Gatekeeper hat hier gezeigt, was ihm wichtig ist. Und das ist in der Form eher peinlich fuer Sie.

  13. Bleibt festzuhalten: Dank Internet und dank Blogs kann ich den unredigierten Text selbst nachlesen. Herrn Schmiechens Kommentar muss man dabei nicht weiter kommentieren, der spricht für sich. Und auch der ist öffentlich und bleibt öffentlich.

    Manchmal frage ich mich, wie ich früher nur mit den Informationen ausgekommen bin, die die Journalisten zu mir durchgelassen haben. Gut, dass es diese Abhängigkeit heute nicht mehr gibt. Und das sage ich als Journalist.

  14. Pingback: Frank Schmiechen, Welt Kompakt: Glaubwürdigkeit dahin in 555 Zeichen » hogenkamp.com

  15. OMG – gerade schreib ich noch in meinem Blog über die Unfähigkeit von uns Journalisten, mit den eigenen Fehlern umzugehen, und dann diese belämmerte Antwort des stellv. Welt (Kompakt) Chefredakteurs. – Was in der Welt (sic!) ist so schwer, zu den eigenen Fehlern zu stehen? Wir sollten den Lesern dankbar sein, statt sie zu verspotten. Äußerst unsouverän – um nicht zu sagen: peinlich.

  16. Ich denke die von Frau Langer aufgeführten Beispiele zeigen ganz deutlich, dass es sich hier nicht (nur) um “Übersetzungsunschärfe” und harmloses Redigieren handelt. Die “offizielle” (?) Reaktion sagt schon alles.

    Ich bin wirklich froh, dass es kein Monopol mehr gibt auf Information.

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