Sollen freie Journalisten twittern? Zehn Antworten auf den #DJV-fail
1. Dezember 2009 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Neu, Twitter“Sollten freie Journalisten auf Twitter aktiv werden?“ lautet die Überschrift eines Beitrags auf den “Freien Infos” des Deutschen Journalisten Verbandes DJV. Die Antwort darauf gibt es gleich zu Beginn:
Die Frage ist natürlich sinnfrei. Freie Journalisten sind bereits massiv auf/in/mit Twitter aktiv, teilweise so intensiv, dass das iPhone-Display kracht. Und das ist gut so.
Doch leider ist der Rest des Textes dann ebenso sinnfrei wie die Frage.
- “Denn es wäre ein mutmaßlicher Horror, wenn 40.000 Journalisten alle wechselseitig Abonnenten (noch Twitter-vulgo: Follower) voneinander wären.” Nein, weder ist es nötig, noch macht es irgendeinen Sinn, dass 40.000 Journalisten sich alle gegenseitig bei Twitter verfolgen. Die meisten Journalisten kenne ich nicht und werde ich niemals kennenlernen. Es geht doch darum, dass man Leuten folgt, mit denen man einen persönlichen Austausch pflegt (oder pflegen möchte) und solchen, von denen man sich fachliche und persönliche Anregungen erhofft.
- “Sie müssten dann 40.000 x 5 Tweets lesen”. Noch so eine Polemik. Nur sehr wenige Twitterer wollen und können jeden einzelnen Tweet von jedem einzelnen ihrer Friends lesen. Diejenigen, die das wollen und können, folgen meist sehr bewusst höchstens 100 oder 150 Leuten aus ihrer Peer Group. Wer mehr Twitterer interessant findet, kann auch bei Tweetdeck oder Seesmic Desktop Gruppen einrichten oder Listen auf der Twitter Website anlegen, um den Überblick zu behalten.
- “Wenn Sie feste Kunden und Auftraggeber haben, brauchen Sie Twitter nicht unbedingt.” Was für eine fatale Fehleinschätzung. Mit diesem Rat erweist der DJV freien Journalisten, die darauf vertrauen, einen echten Bärendienst. Der feste Kunde von heute kann morgen schon insolvent sein und der vertraute Redakteur nutzt statt Beiträge vom jahrelang zuverlässig liefernden freien Journalisten lieber die kostenfreien Texte aus dem verlagseigenen Syndication Pool. Vielleicht nicht einmal freiwillig, aber auf Anordnung von oben. Natürlich gibt es keine Garantie, dass Freie über das Twittern neue Auftraggeber finden (das kommt auch auf die Art des Twitterns an), aber vor allem die Kombination von Bloggen und Twittern schafft Öffentlichkeit. Es macht freie Journalisten für potenzielle neue Kunden sichtbar und unkompliziert ansprechbar – ohne den Umweg über eine Redaktion.
- “Sie können Twitter gleichwohl in ihren Blog einbauen, als Serviceleistung. Jedes Mal, wenn Sie einen neuen Eintrag in Ihrem Blog haben, wird eine Twittermeldung abgesetzt.” Wer diesen Rat befolgt – womöglich noch als automatisierten Feed – braucht sich nicht zu wundern, dass er oder sie bei Twitter ziemlich einsam bleiben wird. Wer sich als pure Linkschleuder für das eigene Blog betätigt, sollte entweder die Marktmacht von @Spiegel_Eil haben, oder natürlich, wie @DJVde, der Meinung sein, dass Twitter kein Dialogmedium ist.
- “Darüber hinaus besteht wie immer die Gefahr, kostenlose Arbeit für nichts und wieder nichts zu erbringen.” Ja, die Gefahr besteht. In gleichem Maße, wie sie besteht, wenn ich aus purem Interesse ein Thema im Netz recherchiere, ohne einen konkreten Auftrag zu haben. Wenn ich mich mit einem Informanten treffe, ohne vorher zu wissen, ob er wirklich etwas Relevantes zu sagen hat, oder einen Fachkongress besuche, ohne sicher sein zu können, dass die Inhalte und Gespräche Zeit und Aufwand Wert sind. Das ist Berufsrisiko. Man nennt es auch Unternehmertum. Nur Festangestellte wissen vorher, wieviel Geld sie damit verdienen, dass sie heute ins Büro gehen.
- “Gleichzeitig besteht für Freiberufler natürlich die Gefahr, durch das offenherzige Freigeben der eigenen Bezugsquellen (die angezeigten Tweets, denen man folgt) wie auch der Abonnenten (derjenigen, die einem folgen) schnell kopierbar zu werden.” Ja, in der Tat. Woodward und Bernstein sollten lieber nicht öffentlich @deepthroat folgen. “Kopierbar werden” – dafür gibt es bei Twitter sogar die Listenfunktion. Ich habe vor allem anfangs eine Menge interessante Leute gefunden, indem ich “kopiert” habe, wem diejenigen folgen, denen ich bereits folge. Inzwischen tue ich das kaum noch. Aber wer meine Followings kopieren möchte – bitte sehr. Sie sind öffentlich. Kleiner Tipp für den DJV: Es gibt auch die Möglichkeit, mit einem privaten Account in einem geschützten Raum zu twittern. Als private Gruppe, die nicht “kopiert” werden kann.
- “Umgekehrt kann man mit Tweets (Abonnenten und abonnierten Quellen) natürlich auch Vernetztheit simulieren. Wer weiß schon, dass das russische oder italienische Blog, das mit im Abonnement ist, gar nicht verstanden wird (nun, hoffentlich ist es halbwegs seriös). Oder einfach kreatives Chaos vortäuschen, wo in Wirklichkeit nur Spießertum vorhanden ist.” Das ist einfach nur abwegig.
- “Ohnehin setzt auf dem kleinen, sympathischen Werkzeug (man sagt auch: Tool) Twitter ein ganzer, zunehmend widerwärtiger Überbau auf. Die Rede ist von sage und schreibe 101 Twitter-Tools, die man einsetzen kann.” Ja, kann. Nicht: muss. Widerwärtig?
- “Gehirne werden überflutet, warnen schon Feuilletonisten, die ansonsten noch nie Probleme damit hatten, selbst die Welt mit den eigenartigsten Theorien zuzuplappern.” Nöö, eigentlich wird vor allem Frank Schirrmachers Hirn überflutet. Der twittert aber nicht. Er weiß nicht einmal, wie man “Tweets” schreibt.
- “Vermutlich verstößt alles gegen das Presserecht und die Ethik. Das Berufsbild der Agenturjournalisten muss überarbeitet werden, ein ganzer Berufsstand wird ersetzt oder muss umdenken. Beides wäre vermutlich mindestens genau so schlimm.” An dieser Stelle vermute ich, der Beitrag soll eine Glosse sein, die einfach nur missraten ist. Sicher bin ich mir allerdings nicht. Und das ist nicht lustig.
P.S. Vor einiger Zeit habe ich für das mediummagazin mal aufgeschrieben, warum Journalisten twittern sollten.
Update vom 2. Dezember: Es gibt jetzt ein DJV-Wiki als Google Doc zum gemeinsamen Erarbeiten: Twitter für freie Journalisten. Man beachte den ersten Absatz darin: “Twitter wird schon von vielen Freien genutzt. Die Frage ist nicht, ob oder warum. Sondern wie! [...]”








Pingback: Tweets die Medial Digital» Neu Twitter » Sollen freie Journalisten twittern? Zehn Antworten auf den #DJV-fail erwähnt -- Topsy.com
Pingback: uberVU - social comments
Pingback: Medienlinks: Kritik an ARD und ZDF
Pingback: KoopTech » Inspiration » Inspiration (2)