Journalisten als Gründer: Bereiten Journalistenschulen ihre Absolventen darauf vor?

11. Januar 2010 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Journalismus, Neu

the local

Die dramatischen Umwälzungen in der amerikanischen Medienlandschaft haben nicht nur Nachteile. Aus Wandel entsteht auch Neues – zum Beispiel “entrepreneurial journalism” (Unternehmer-Journalismus). Journalistenschülern von Jeff Jarvis hat der Wandel jetzt sogar die komplette redaktionelle Verantwortung und Produktion der hyperlokalen NYT-Website “The Local” beschert (s.u.). Doch wie sieht es hierzulande aus? Sind auch deutsche Journalistenschulen Wegbereiter eines “entrepreneurial journalism”? Bereiten auch sie ihre Absolventen auf eine journalistische Zukunft in eigener unternehmerischer Verantwortung vor?

In den USA lernen immer mehr Journalistenschüler bereits in ihrer Ausbildung neue unternehmerische Formen des Journalismus zu entwickeln. Namhafte Journalistenschulen (in den USA der klassische Weg in den professionellen Journalismus) haben sich darauf eingestellt, dass auch vielen ihrer guten Absolventen der Weg in die etablierten Medien verbaut sein wird. Sie entwickeln sich daher nicht nur notgedrungen, sondern aktiv gestaltend zu Laboren einer neuen Medienwelt, in der Journalisten nicht nur schreiben und redigieren, sondern z.B. auch Communities organisieren, Marketing betreiben und Werbung akquirieren. Zum Beispiel:

Doch was sind unternehmerischen Ansätze im Journalismus, die von deutschen Journalistenschulen gefördert werden? Ausgehend von der Annahme, dass uns “amerikanische Verhältnisse” auf dem Zeitungsmarkt mit dem Tod vieler Titel bald auch hier ereilen werden, würden Kurse und Einblicke in die Gründung eigener Medienplattformen für angehende Journalisten zumindest berufliche Alternativen im Journalismus eröffnen anstatt nur die heute üblichen Auswege: Arbeit in Pressestellen oder in der PR. Deshalb: Sollten sich Journalistenschulen als aktiv gestaltende Labore des medienökonomischen Wandels hervortun? Und wenn ja, was geschieht konkret an den jeweiligen Journalistenschulen? Darüber sprach ich für medialdigital mit den Leitern von vier renommierten deutschen Instituten.

ASA

  • Für die Axel Springer Akademie antwortete der neue Direktor Marc Thomas Spahl per eMail: “Wir sehen in unserem Verlag neben der strategischen Grundausrichtung vor allem die Unternehmenskultur als Voraussetzung für Erfolg. Neben Kreativität und Integrität gehört da Unternehmertum zu den Schlüsselfaktoren. Und dafür ein Bewusstsein zu wecken, beginnt bei uns schon in der Ausbildung. Wir legen die Produktion von “Welt Kompakt” weitgehend in die Hände unserer Journalistenschüler. Wir sagen jedem Team am Anfang dieser Phase: “Die Zeitung gehört jetzt ein halbes Jahr lang Ihnen.” Eine tolle Motivation und ein wichtiger Impuls. Natürlich hat es mich gefreut, dass wir die ersten Lehrgänge der Akademie fast vollständig in den Redaktionen des Hauses unterbringen konnten, aber ich denke schon, dass es zu einer zeitgemäßen Ausbildung heute gehört, unternehmerisches Denken zu fördern, Selbstvermarktung zu trainieren, und damit natürlich auch Kreativität. In dem Sinn ist auch unser Ideenwettbewerb  Scoop zu verstehen, den wir gerade zum zweiten Mal ausgeschrieben haben und an dem sich jeder beteiligen kann. Wir fördern ein neuartiges Medienprojekt mit bis zu 500.000 Euro und stehen natürlich mit Rat und Tat zur Seite. Hilfe zur Selbsthilfe, wenn man so will. Unser erster Gewinner, das Reportagemagazin Humanglobaler Zufall, ist mehrfach ausgezeichnet worden, und heute arbeitet sein Erfinder Dennis Buchmann an der Fortsetzung des Konzepts fürs Fernsehen. Auch wenn nicht unbedingt Massenmedien daraus werden, können Journalistenschulen bei der Entwicklung neuer medienökonomischer Modelle – siehe jetzt auch Jeff Jarvis und The Local – eine Vorreiterrolle spielen.”

Burda journalistenschule

  • Die Burda Journalistenschule steht laut ihrem Leiter Jens Schröter in engem Kontakt mit Jeff Jarvis und der CUNY und beobachtet die Erkenntnisse aus seinem zweisemestrigen Studiengang “entrepreneurial journalism”. An der Burda Journalistenschule gab es auch bereits Überlegungen, das CUNY-Modell einer wirtschaftlich tragfähigen webbasierten Journalismus-Plattform für eine Region ab 100.000 Einwohner auf deutsche Regionen zu übertragen – z.B. auf die Ortenau bei Offenburg. Allerdings, so gibt Schröter zu bedenken, sei bei potenziellen hyperlokalen Werbekunden noch große Überzeugungsarbeit für webspezifische Werbeformen zu leisten: “Ein deutscher Bäckermeister weiß in der Regel nicht, was Google Adwords sind und hat große Bedenken, sich auf Experimente im Netz einzulassen.” Ansätze, die Wirtschaftlichkeit  journalistischer Produkte in Form möglicher Sponsoren oder als Long-Tail-Verwertung gleich mitzudenken, gibt es in den Burda-Kursen, wenn auch nicht als fester Teil des Lehrplans. So entwickelten Journalistenschüler beispielsweise eine Serie für das Burda-Magazin Mein schöner Garten mit einem Video, das z.B. in Gartenbau-Fachmärkten gezeigt werden kann. ”Es ist natürlich eine Gratwanderung zwischen Journalismus und PR, mit der man extrem sensibel umgehen muss”, sagt Schröter. Ich stimme mit ihm aber überein, dass es sinnvoll ist, mögliche ethische Konflikte frühzeitig anzusprechen und den Umgang damit auch in der Praxis zu erproben, weil die Situationen, in den Journalisten mit der nötigen Abwägung zwischen erlaubten Content-Verlängerungen und Schleichwerbung konfrontiert werden, ohnehin immer mehr zunehmen.

gvH-Schule

  • Die Georg von Holtzbrinck Schule für Wirtschaftsjournalisten in Düsseldorf bildet Journalisten bewusst und gezielt für Festanstellungen als Redakteure in den Objekten des eigenen Hauses aus (u.a. Wirtschaftswoche, Handelsblatt). “Die Schule wurde 20 Jahren gegründet, um den Mangel an qualifizierten Wirtschaftsredakteuren zu beheben”, sagt Leiter Klaus Methfessel. Und angesichts der wirtschaftlichen Lage mache es heute “wenig Sinn, für den freien Markt auszubilden.” In der Regel bekommen die Absolventen einen Jahresvertrag. Schaute man sich aber die Kurzportraits der Ehemaligen an, dann fällt auf, dass viele von ihnen inzwischen dennoch frei arbeiten.

Henri Nannen Schule

  • Die Henri-Nannen-Schule in Hamburg, deren Absolventen keineswegs mehr wie in früheren Jahren mit einer wahrscheinlichen Festanstellung bei Gruner + Jahr rechnen können, befähigt Journalisten inzwischen stärker als früher, sich als Freiberufler selbstständig zu machen und eine “Marke” zu werden. “Das geschieht nicht nur in den Lehrinhalten, sondern auch durch unsere Abendgäste, die wir zu Gesprächen einladen”, betont Schulleiter Andreas Wolfers. Existenzgründung – wie gründe ich mit Kollegen ein Journalistenbüro? – komme dabei durchaus zur Sprache, nicht aber journalistisches Unternehmertum frei von klassischen Auftraggebern. ”Das wäre zu speziell”, glaubt Wolfers, da nur wenige Journalisten auf diese Weise auskömmlich arbeiten könnten. Wichtigstes Ziel der Schule sei nach wie vor, Qualitätsjournalisten auszubilden, egal, wo sie später arbeiten würden.

DJS

  • Außerdem: Mit Ulrich Brenner, dem Leiter der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München hat Christian Jakubetz über die Feiertage ein Videointerview geführt. Darin sagt Brenner: ”Als freier Journalist kannst Du, wenn Du nicht sehr gut etabliert bist, fast nicht mehr existieren.” Doch Anleitungen für journalistische Gründer, die den Weg zu eine besseren Existenz auf dem freien Markt eröffnen könnten, gibt es an der DJS nicht. Auch gibt es bisher laut Brenner keine Schulungen für mobilen Journalismus (die gibt es an der Axel Springer Akademie schon seit zwei Jahren). Offenbar ein Missverständnis: s. dazu die beiden Kommentare von Christian Jakubetz. Eine aktiv gestaltende Rolle einzunehmen bei der Entwicklung neuer medienökonomischer Modelle, gehört offenbar nicht zu den erklärten Aufgaben der DJS. Brenner im Jakubetz-Interview: “Wir sind mit den Verlagsmodellen ganz gut gefahren, aber wenn das nicht mehr funktioniert, dann muss man überlegen, was gibt es sonst noch? Da vermute ich, dass in Amerika in nächster Zeit eine Menge passieren wird. Und was funktioniert, das sollten wir uns in Deutschland ganz genau angucken und vielleicht das eine oder andere nachmachen.”

Mein Fazit: Ansätze für die Entwicklung eines eigenständigen deutschen unternehmerischen Journalismus sehe ich nur bei Springer und Burda. Andere Journalistenschulen halten sich noch an Curricula aus der Zeit vor den medialen Umwälzungen (Printanzeigenkrise, Web 2.0). Die Gründe dafür sind sicherlich vielschichtig. Erstens: Die meisten renommierten deutschen Journalistenschulen sind im Gegensatz zu ihren von unabhängigen Stiftungen betriebenen US-Pendants  verlagsgebunden (Die DJS gehört einer Stiftung, einem Trägerverein, an dem u.a. der Süddeutsche Verlag beteiligt ist). Schon von daher besteht wenig Anlass und Neigung, verlagsunabhängige Geschäftsmodelle zu ersinnen. Zweitens: Den deutschen Zeitungsverlagen geht es im Vergleich mit ihren amerikanischen Pendants noch vergleichsweise gut. Es fehlt wohl (noch) der Leidensdruck, mit aller Kraft neue Businesssmodelle zu entwickeln. Und drittens: Anders als die US-Verleger, deren Ansinnen einer Mehrwertsteuerbefreiung für Zeitungen von der Aufsichtsbehörde FTC mit offenem Ausgang noch geprüft wird, steht der Vorstoß deutscher Verleger für ein eigenes Leistungsschutzrecht mit sehr guten Chancen auf Durchsetzung im Koalitionsvertrag. (Zu dieser Debatte gibt es unzählige Links, hier einer zu einem Beitrag bei Carta mit interessanten Kommentaren.) Doch Energie, die in den Erhalt alter Strukturen gesteckt wird, fehlt für Entwicklung von Innovationen. 

Deshalb fallen hierzulande sicher nicht zufällig eher freie Journalisten und Webunternehmer auf, die auf eigene Faust, auf eigenes Risiko und oft auch im David-gegen-Goliath-Kampf gegen etablierte Medienkonkurrenten neue  Journalismusprojekte entwickeln, zum Beispiel:

  • Hardy Prothmann mit seinem Heddesheimblog. Der 43jährige freie Journalist ist inzwischen schon zu einer Art Star der Medienszene avanciert. (Das beste Interview mit Prothmann erschien bei meedia). Die hyperlokale Plattform ernährt Prothmann nach seinen Angaben inzwischen zumindest auf “studentischem Level”.
  • Christoph Zeuch mit seiner hyperlokalen Webzeitung altona.info. Zeuch will mit unternehmerisch denkenden freien Journalisten ein altona.infoganzes Netzwerk hyperlokaler Blogs aufziehen, die Investoren nach Vorbild der Spiegel Beteiligungs-KG zu Anteilseignern machen und lokale Werbekunden gewinnen. Er betont: “Damit hat man als Journalist die Chance, ein Vielfaches mehr zu verdienen als über einen Standard-Angestelltenvertrag oder über freie Honorare.” (Lesetipp: Mit Christoph Zeuch habe für die Dezember-Printausgabe des mediummagazin ein Interview zu seinem Projekt geführt. Das Interview steht noch nicht frei online.)
  • Robert Basic mit seiner geplanten Bürgerjournalismusplattform Buzzriders.
  • Michael Wagner mit seiner lokalen Plattform Fußball-Passau (Wagner ist eigentlich weder Journalist noch Webunternehmer, sondern einfach nur ein fußballbegeisterter und webversierter 20Jähriger. Details dazu in einem schönen Bericht bei Christian Jakubetz.)
  • Nachtrag vom 12.01.: Magda – das Magazin der Autoren verkündete soeben seinen Start. Aus der Pressemeldung: “[...] Das „Magazin der Autoren“ ist ein journalistisches Experiment in einer Welt ohne Geschäftsmodelle. In dieser Welt müssen auch Journalisten sich erst noch zurechtfinden. Aber genau das haben wir gelernt: Uns auf unbekanntes Terrain zu begeben, neugierig zu bleiben und Antworten auf drängende, nie gestellte oder angeblich unsinnige Fragen zu suchen. Die Autoren von MAGDA arbeiten unter neuen redaktionellen Bedingungen: ohne Apparat, ohne Aufpasser, ohne Sicherheiten. Als freie Journalisten sind wir erstmals wirklich frei, und das heißt: für alle Unzulänglichkeiten und Geniestreiche selbst verantwortlich.” ()

Linktipps zum Thema:

Das Marketing-Fachblatt W&V hat vor einigen Monaten fünf deutsche Journalistenschulen (Springer, Burda, Holtzbrinck, RTL, DJS) auf ihre Zukunftsorientierung getestet. Testsieger ist Springer. Der Bericht (”Trendreport Journalistenschulen 2.0″) kann beim jep-Blog der Springer Akademie als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Elektrischer Reporter: Zukunft des Journalismus: Wer soll das bezahlen?

Mashable: How to launch your own indie journalism site

journalism.co.uk: Ten things every journalist should know in 2010

Carta: Picard: Der größte Fehler des Journalismus…

Anmerkung: Dieser Blogpost beruht auf Recherchen, für die ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe. Es gibt natürlich weitere deutsche Journalistenschulen, von denen es auch interessant wäre, zu erfahren, was sie in Bezug auf neue unternehmerische Medienmodelle lehren oder planen zu lehren. Ergänzungen, Anregungen oder auch Kritik an meinen Thesen in den Kommentaren sind deshalb hier besonders willkommen.

Nachtrag: Kurz nachdem dieser Beitrag online gegangen ist, hat Jeff Jarvis einen Beitrag (“Teaching entrepreneurial jounalism”) für das CUNY Blog (und Buzzmachine) geschrieben und auf meinen Blogpost hier verlinkt. In Jarvis’ Post geht es um internationale Fortschritte und Kooperationen zu entrepreneurial journalism. Dazu wurde auch ein Wiki eingerichtet.

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  5. Brennpunkt – multimediale Regionalplattform von Journalistenschülern
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23 Kommentare
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  1. Gute Punkte! Stellt sich nur die Frage, ob junge Journalisten in Deutschland derzeit überhaupt die Notwendigkeit sehen und die Bereitschaft / den Willen haben, um überhaupt Gründer zu werden. Bin bei Workshops & Trainings jedes mal wieder überrascht wie gering die Breitschaft ist, sich eine Nische zu schaffen, sich mehr als notwendig reinzuhängen und abseits ausgetretener Pfade zu denken. Das kann man natürlich nicht verallgemeinern. Trotzdem frage ich mich: Wo sind die ganzen tollen Videoblogs die man mit einem handelsüblichen Computer plus Internetverbindung plus 150 Euro Kamera basteln kann? Wo sind die jungen Nachwuchsblogger die die Blogcharts stürmen wollen? Mein Eindruck: Bis auf Ausnahmen passiert da seit geraumer Zeit relativ wenig. Freue mich über Beispiele die das widerlegen.

  2. Danke für den gelungenen, umfassenden Beitrag zu einem wichtigen Thema! Eigenverantwortung, eigenen Ideen und Kreationen, eigene Kollegen-Netzwerke und der Aufbau einer eigenen Marke als Journalist sind Aufgaben, auf die Fachschulen unbedingt vorbereiten müssen. Die Zeit, in der man es sich als Journalist unter dem Imageschirm einer großen Medienmarke “bequem machen” und von deren Meinungsführerschaft profitieren konnte, ist für viele vorbei.

  3. Es fragt sich, wie Journalismus die Blogcharts stürmen soll, wenn ihm dort hochspezialisierte Blogchartstürmer im Weg stehen. Von den vielen wunderbaren “Longtail”-Beiträgen, die vom Relevanzgehalt eine höhere Aufmerksamkeit verdient hätten, finde ich die meisten selbst nur durch akribisches Entlanghangeln an den wenigen vielversprechenden Signale aus dem Noise – zum Beispiel in den Kommentarspalten selbst weitgehend unbekannter Blogs.

    Das ist allerdings kein spezielles Blogchart-Phänomen sondern vielmehr symptomatisch für das Spannungsfeld von “Inhalten um der Vermarktung willen vs Vermarktung um der Inhalte wegen”.

    Gegen die PR-Profis, die Selbstvermarktung zum Lebensinhalt machen, kommen Leute, die nur Inhalte schaffen und notgedrungen vermarkten wollen, entgegen der romantischen Idee von “Qualität setzt sich durch” schwer an. Und dann gehen auch noch die Ansichten von Qualität bei jedem auseinander. Boulevard beispielsweise verkauft sich nun einmal auch im Print besser, wieso sollte das im Netz anders sein?

  4. @Marcus:
    “Bin bei Workshops & Trainings jedes mal wieder überrascht wie gering die Breitschaft ist, sich eine Nische zu schaffen, sich mehr als notwendig reinzuhängen und abseits ausgetretener Pfade zu denken.” Darüber wundere ich mich auch (ich gebe z.B. jedes jahr ein ganztägiges Seminar zum Thema journalistische Selbständigkeit an der Kölner Journalistenschule) Solange so wenige Journalisten den Mut besitzen, Neues auszuprobieren, ist es fast noch ein Alleinstellungsmerkmal und sehr lohnenswert, für diejenigen, die es wagen.

    @erz
    Da muss ich Ihnen widersprechen, weil ich selbst erst etwas mehr als einem Jahr blogge und dabei gemerkt habe, wie rasant sich die sich die Selbstvermarktung im Web (Aufmerksamkeit durch das Blog, bei Twitter, bessere Präsenz bei Google) auch in bezahlten Aufträgen niedergeschlagen hat. Das geschieht allerdings indirekt (Vorträge halten, Seminare geben etc.) und nicht direkt über dieses Blog. Die Chancen, von Blogeinnahmen unmittelbar zu leben, sind in der Tat minimal. (Der Google Adsense Kasten hier ist ein Experiment. Bisherige Einnahmen in zwei Monaten: nicht einmal 8 Euro. Allerdings stecke ich auch null Energie in SEO etc.)

  5. @Ulrike Langer
    Ich bezog mich gar nicht auf die Refinanzierung, sondern explizit auf die Frage von Marcus, wo die jungen, wilden Nachwuchsblogger seien. Wobei ich dem Grundtenor zustimmen muss – auch ich bin immer wieder erstaunt, wie “alt” angehende Journalisten teilweise sind. Die Berührungsängste mit neuen Medien, vor allem aber neuen Arbeitsumfeldern und Produktionsmitteln, sind doch erstaunlich, gerade wenn sie von Studenten, statt von bereits saturierten Redakteuren kommen.

    Ich wollte auch nicht die Sinnhaftigkeit der Selbstvermarktung in Abrede stellen, sondern vielmehr unterstellen, dass einige Stimmen in all dem PR-Lärm, der in Twitter und den Blogcharts tost, untergehen, die es verdient hätten, gehört zu werden. Nur wenn die etablierten Kräfte der neuen Medien (machen wir uns nichts vor, die gibt es längst) einer leisen Stimme Gehör verschaffen (wie dankenswerterweise unlängst Stefan Niggemeier mit einem wunderbaren Blog über Beobachtungen des Alltagsrassismus) ragen diese aus dem Grundrauschen heraus.

    Mit Verlaub, Kontakte sind nun einmal auch in den neuen Medien eine kostbare Währung. Und ich unterstelle mal, dass ambitionierte, neue Projekte, wie Carta oder auch der neue Freitag zum Beispiel, kaum zum Vorbild für junge Wilde ohne vergleichbares offline-Netzwerk taugen. In den Rankings weit vorne sind doch augenfällig oft jene, deren Noise am höchsten ist, ohne dass ihre Inhalte höheren journalistischen Ansprüchen genügten, als zum Beispiel Thomas Trappes Berichte aus Riesa.

  6. @erz Jetzt verstehe ich, was Sie meinen. Ja, das sehe ich auch so. Ich gebe aber zu bedenken, dass es beim entrepreneurial journalism um mehr als nur ums Bloggen geht. Es können auch werbefinanzierte Videoplattformen sein, spendenfinazierte Communityprojekte oder Sites, die sich vom Verkauf von eBooks finanzieren, etc., etc. Letzlich geht es darum, Modelle zu entwickeln, welche die Abhängigkeit von klassischen Auftraggebern (Journalist recherchiert und schreibt, Verlag kauft und veröffentlich Text) verringern. Dabei stehen wir in Deutschland noch ganz am Anfang.

  7. Da kommen wir aber so was von zusammen, dass es darum geht, neue Modelle zu entwickeln.

  8. Hallo Ulrike,

    zumindest, was die DJS angeht, würde ich gerne noch zwei Sachen ergänzen:

    Zum einen: Natürlich werden DJS-Absolventen auf das Thema Freiberuflichkeit und Selbständigkeit vorbereitet. Dazu gibt es eigene Lehreinheiten, sowohl was den journalistischen Aspekt als auch den rechtlichen/bewtriebswirtschaftlichen Teil angeht. In meinen Onlineeinheiten dort lege ich zudem auch ziemlich viel Wert auf das Berufsbild “Digitaler Journalist”, über das wir uns im Dezember ja auch an der BLM ausführlich unterhalten haben. Die “Studentenklassen” an der DJS bekommen dieses Thema sogar schon während ihrer Einführungstage an der Schule vor dem Beginn ihrer eigentlichen Ausbildung nahegelegt. Ich glaube, dass wir bei den Einführungstagen für die aktuellen Klassen im vergangenen Oktober nicht einen Tag gehabt haben, an dem wir nicht über dieses Thema ausführich gesprochen hätten.

    Und zum anderen: Doch, mobiler Journalismus ist natürlich ein Thema in unserer Ausbildung. Seit rund zwei Jahren mehr denn je. Wir hängen das vieleicht nicht so an die ganz große Glocke wie andere, aber natürlich weiß nach der DJS-Ausbildung jeder, was ne Flip ist, wie man vom Handy aus twittert, wie man via UMTS-Karte oder WLAN und Laptop einen Beitrag online stellt. Wir arbeiten übrigens, genau wie Du, mit Wordpress und dem Branford-Theme (http://www.klartext-magazin.de) und davon gibt es selbstverständlich auch eine mobile Version.

    Also, summa summarum: Manchmal fürchte ich sogar, dass ich die DJSler während der Ausbildung sogar etwas nerve mit meinem ständigen Gerede von neuen, digitalen, digitalen, selbständigen Journalismus. Frag nach – manche verdrehen, da bin ich mir sicher, die Augen, wenn sie mich sehen. Und ansonsten haten wir es tatsächlich so, wie es Uli Brenner auch im Video formuliert: Wir sehen uns die Dinge, die da passieren, sehr genau an. Das, was relevant ist, nehmen wir mit in die Ausbildung auf. Aber auch nur das. Würden wir es anders machen, hätten wir jetzt ne Präsenz in Second Life :-)

  9. @Christian Jakubetz

    Vielen Dank für Deine Ergänzungen. Ich werde oben im Text noch einen Hinweis auf Deinen Kommentar einfügen. Um journalistische Freiberuflichkeit im klassischen Sinne (Arbeiten für Auftraggeber) geht es allerdings nicht in meinem Beitrag. Die meisten Journalistenschulen bereiten darauf vor (Holtzbrinck allerdings nicht). Ich selbst halte jedes Jahr ein ganztägiges Seminar zu diesem Thema an der Kölner Journalistenschule. Das befähigt die Teilnehmer allerdings nicht, ihre eigene Medienplattform zu gründen und sich von klassischen Auftraggebern unabhängig zu machen – darum geht es ja.

    Zu MoJo: In dem Videointerview, das Du geführt hast, sagt Ulrich Brenner: “Was wir jetzt an der Journalistenschule überlegen müssen: Welche Rolle wird Mobile spielen? Müssen wir nicht eine völlig andere Fernseh- und Videoausbildung machen? Auch da sind sich die Experten nicht einig, in welcher Schnelligkeit da etwas passieren wird. Das behalten wir sehr genau im Auge. Die Journalistenschule ist in der Lage, relativ schnell ihre Lehrpläne zu ändern.” Daraus habe ich geschlossen, die Ausbildung zum Mobilen Journalisten spielt an der DJS derzeit noch keine Rolle. Offenbar ein Missverständnis. (Nebenbei: Es wäre sicher wünschenswert gewesen, mit noch weiteren J-Schulen direkt zu sprechen, auch um solche Missverständnisse zu vermeiden, aber das hätte mein Zeitbudget, das ich für dieses Blog aufbringen kann, gesprengt. Deshalb habe ich für die DJS einen Link auf Dein Interview gesetzt und Auszüge daraus zitiert.)

  10. @Ulrike: Wir meinen das gleiche. Ich erzähle jedesmal ausreichend von den Segnungen des wirklich unabhängigen Publizierens, also eben nicht über das klassische “für andere Auftraggeber arbeiten”. Wir hatten zu dem Thema letztes Jahr Christoph Schultheis da, das Jahr davor Stefan Niggemeier. Dirk von Gehlen (jetzt.de) ist jedes Jahr da — und auch erzählt von diesen völlig neuen Freiheiten, die Journalismus im digitalen Zeitalter bietet.

    Und was das Thema MoJo angeht, das hast du vielleicht missverstanden: Die Rede war lediglich von einer veränderten Fernsehausbildung. Das soll heißen, dass man möglicherweise auch über die Auswirkungen von mobilen Plattformen auf die Gestaltung und Produktion von Videos nachdenken muss. Konsequenz (vielleicht): weniger klassische TV-Ausbildung, kleinere Kameras, mobileres Equipment. Und vielleicht auch: weniger klassisches “erzählendes” Fernsehen mit seinem ganzen wahnsinnigen Aufwand, stattdessen einfacheres, unmittelbareres Produzieren. Das sollte keineswegs heißen, dass bisher das Thema MoJo noch gar nicht berücksichtigt wurde.

  11. An der Uni Hamburg, Institut für Journalistik, Master-Studiengang “Kommunikation als Beruf”, leite ich gerade ein Seminar mit dem Titel “In Zukunft ohne Verlage? Geschäftsmodelle für freie Journalisten”. Ziel ist die Analyse alternativer Finanzierungsmodelle für Journalismus (Stiftungen, Spendenfinanzierung, Werbefinanzierung, Micropayment etc.) im Hinblick auf wirtschaftliche Details und Übertragbarkeit auf den deutschen Markt aber auch im Hinblick auf das jeweils vertretene Konzept von “Journalismus”.

    Ist natürlich erst mal recht theoretisch-abstrakt, akademisch eben (das ganze soll ein Theorie-Seminar sein!). Aber natürlich geht es auch darum, den Blick der Teilnehmer zu weiten über die klassischen Berufsfelder für Journalisten hinaus.
    Und das Bewusstsein dafür zu wecken, dass das Nachdenken über Geschäftsmodelle in Zukunft Teil des (freien) Journalismus sein wird.
    Mein Eindruck ist allerdings auch: Dieser Bewusstseinswandel ist bisher in der Journalistenausbildung überhaupt noch nicht angekommen. Dort tut man sich teilweise ja schon schwer mit der Erkenntnis, dass “frei” arbeiten tatsächlich eine Option, ist, dass man sich freiwillig dafür entscheiden kann und dass freier Journalismus nicht nur von den “Übriggebliebenen” betrieben wird, die sonst nicht unterkommen.

  12. @Christian Jakubetz: Okay, dann habe ich das wirklich missverstanden, sorry. Ich habe die Duchstreichung in der entsprechenden Passage noch erweitert.

    @Eva-Maria Schnurr: Das ist interessant. Und auch wenn der Kurs theoretisch ausgerichtet ist, kann ja jederzeit Praxis daraus werden, wenn jemand die Erkenntnisse zur Grundlage eines neuen Geschäftmodells macht.

  13. Die DJS “gehört” keiner Stiftung. Der Süddeutsche Verlag ist eines von 52 Mitgliedern im Trägerverein der DJS (und wir sind dankbar dafür). Und – ach ja – die Ortenau liegt allenfalls bei Freiburg, aber keinesfalls bei München. Aber sonst stimmt sicher alles in dieser Geschichte.
    PS: 16vor.de, die erfolgreiche lokale Onlinezeitung aus Trier, hat der DJSler Marcus Stölb vor fast drei Jahren (mit) gegründet. Wie der das bloß hingekriegt hat???

  14. @Ulrich Brenner

    Entschuldigen Sie bitte, dass Ihr Kommentar erst jetzt (13.1., 14:45 Uhr) freigeschaltet wurde. Es hat nichts mit Ihrer Kritik zu tun, der Kommentar war im Spamfilter hängengeblieben.

  15. Danke für die umfangreiche Übersicht und das ineressante Fazit!
    Eine wunderbare Ergänzung unserer Empfehlungsliste zum Thema Kernkompetenzen:
    http://bit.ly/5HFFX5

  16. Zum Überprüfen bzw. zur Info: Der Link zum DJS-Interview verbrigt einen Trojaner. Zumindest weist mein Kaspersky darauf hin…

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