Sollen wir dieses geheime Gutachten ins Netz stellen?


Nicht alle Lokalzeitungen sind vornehmlich auf auf die Auslastung ihrer Druckmaschinen erpicht, fabrizieren “Bratwurstjournalismus” und kippen ihre Printtexte einmal täglich ins Netz, ohne sich weiter darum zu kümmern, wie Heddesheimblogger Hardy Prothmann in diesem lesenswerten Interview mit Medienberater Marian Semm beklagt. Es gibt im Lokaljournalismus durchaus Inseln der Innovation. Einige Beispiele: Bei der Hannoversche Allgemeine Zeitung bloggen zwei ausgewiesene Onliner. Die Ruhrnachrichten haben ein sehr gut angenommenes Fotoportal namens nahraum.de mit einem hohen Maß an Integration sozialer Funktionen gestartet. Die Madsack Heimatzeitungen bringen über die Kooperation mit der Bürgerreporter-Plattform myheimat.de auch Geschichten online und ins Blatt, auf welche die Lokalredaktion alleine nie gestoßen wäre und sie bringt über die myHeimat-Plattform Vereins- und Jubiläumszeitungen heraus, kümmert sich also intensiv um ihre lokalen Wurzeln.

Und dazu noch zwei aktuelle Beispiele aus der Rheinzeitung, die zeigen, wie Community und sensible Themen und auch Community und investigativer Journalismus sich hervorragend ergänzen können. Die Rhein-Zeitung stürzt sich geradezu mit Verve ins soziale Netz und nutzt dabei vor allem Twitter und Werkenntwen.de (WKW). Gestern machte mich Chefredakteur Christian Lindner darauf aufmerksam, wie Lokalredakteurin Vera Müller aus der Redaktion Idar-Oberstein (die Rhein-Zeitung erscheint dort als Lokalausgabe Nahe-Zeitung)  mittlerweile WKW nutzt.

WKW-Eintrag

Lindner: “Vera Müller kündigt in der WKW-Gruppe der Lokalausgabe an, etwas über Depression schreiben zu wollen – und bekommt umgehend Postings von Betroffenen, Angehörigen und Interessierten. In einem Posting kam zudem ein wichtiger Tipp für eine Weiterung eines lokalen Skandals, über den die Kollegin seit Jahren berichtet.” Insgesamt seien schon 15 oder 16 gute Geschichten auf diesem Weg in der Rhein-Zeitung gelandet. Die Gruppe” Nahe-Zeitung” bei WKW existiert seit fünf Monaten und zählt über 1600 Mitglieder.

Heute nutzte die Rhein-Zeitung außerdem zum ersten Mal bei einer brisanten Enthüllungsgeschichte crossmediale Möglichkeiten inklusive das soziale Netz richtig aus. Das Blatt hatte ein geheimes Gutachten zu einem Finanzskandal am Nürburgring (ein landeseigenes Unternehmen) zugespielt bekommen. Nachdem der Text in Print und online erschien, fragte Lindner per Twitter den Schwarm, ob es ein Interesse gebe, das Original-Dokument einzusehen:

Twitter Frage Lindner

Nach mehreren Antworten wie dieser:

Twitter Antwort Charlie

stellte die Rhein-Zeitung das Dokument ins Netz (pdf) und erhielt daraufhin solche Reaktionen:

Twitter Antwort gute Aussicht

Twitter-ges

twitter-dletzetler

Lindner fasst die Reaktionen auf die Veröffentlichung des Original-Dokuments (nicht des Beitrags!) wie folgt zusammen: “Der Wirtschaftsminister des Landes (traf ihn eben) ist nicht eben amused, Opposition, Interessierte und Netzverfolger sind happy.” Aber fast noch wichtiger als die Resonanz bei Politikern und Bürgern ist die Resonanz nach innen in die Redaktion der Rhein-Zeitung. “Wir haben das zum ersten Mal so gemacht – und merken, wie sich unser Denken und Arbeiten mit, durch und wegen Web2.0 ändert”, bekennt Lindner.

Traffic-erzeugender Nebeneffekt der Aktion: Wer momentan bei Google die Stichworte “Ernst&Young” (aus diesem Haus stammt das Gutachten), “Gutachten” und “Nürburgring” eingibt, sieht durch durch die vielen Retweets jede Menge Treffer, die per Twitter auf die Rhein-Zeitung verweisen:

Google E&Y

Linktipps zum Thema:

Revolution am Rhein (meine Titelgeschichte über den Umbau der Rhein-Zeitung im medium magazin 10+11/09, jetzt frei online)

“In letzter Zeit greif ich lieber zur RZ” – Was twittern einer Lokalzeitung bringt (netzfeuillleton.de)


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14 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Glückwunsch zu dem Mut der Rhein-Zeitung, so eine Quelle als Originaldokument geschwärzt online zu stellen. Hoffe nur, dass die Schwärzungen ausreichend waren, um die Mittlerquelle zu schützen. Gerade bei Faxen über Geschäftsgeheimnisse könnte da leicht etwas schief gehen.

  2. Pingback: Tweets die Medial Digital» Neu Twitter Zeitungszukunft » Sollen wir dieses geheime Gutachten ins Netz stellen? erwähnt -- Topsy.com

  3. Super! Vielen Dank für die Analyse und Zusammenfassung!
    Der Post musste geschrieben werden!

    Die Aktion der Rhein-Zeitung war auf vielen Ebenen genial.
    1. Einerseits der Community-Effekt: Die Leute fühlen sich extrem eingebunden und das schafft Nähe, besonders weil das Haus damit große Verantwortung übernimmt!
    2. die Legitimation: Ich kann mir vorstellen, wie man einem wütenden Wirtschaftsminister der einen antobt mit: “Wie konnten Sie das online stellen?” ganz kühl mit: “Die Leute wollten es haben und haben ein Recht darauf” den Wind aus den Segeln nehmen kann.
    und 3. der in der Tat interessante mediale Wirkungseffekt durch Verknüpfung bei Google und Konsorten!

  4. Pingback: synapsenschnappsen » Blog Archive » Linkdump for 23. Januar 2010

  5. Pingback: Nicht alle Lokalzeitungen sind schlecht — CARTA

  6. Wer sonst wäre in der Lage, solchen Verbrechern auf die Spur zu kommen und unfähigen, verlogenen Politikern das Handwerk zu legen, wenn nicht Journalisten, die solche Skandale an die Öffentlichkeit bringen – natürlich nach gewissenhafter Prüfung der Fakten.
    Sorry für diese deutlchen Worte.

  7. Pingback: KoopTech » KoopTech empfiehlt ... Medien » Ulrike Langer über guten Lokaljournalismus

  8. Pingback: Lesetipps für den Tage 25. Januar | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0

  9. Guten Tag!

    Ulrike Langer hat Recht.

    Erstens gibt es engagierte Redakteure, die ambitionierten Lokaljournalismus machen und noch zufällig bei einer Zeitung oder zumindest einem Zeitungsverlag arbeiten.

    Marcus Schwarze zum Beispiel von der HAZ. Der hat die Debatte über Bratwurstjournalismus erfrischend frei in seinem blog verarbeitet und zeigt mit seinem Kommentar hier im blog, dass er denkt, bevor er was tut. Ich kenne den Kollegen nur durch eine kurze email-Kommunikation, aber der erste Eindruck ist sehr positiv.

    Und 2. gibt es auch den ein oder anderen Redaktionsleiter oder sogar Chefredakteur (ich kenne welche), die einen guten Job machen und einen mindestens ordentlichen Lokaljournalismus machen wollen, was Ihnen auch immer wieder gelingt.

    Trotzdem ist die Lage des Lokaljournalismus insgesamt mehr als desolat – vor allem in der Fläche und auf dem Land.

    In Stadtredaktionen und dort, wo noch Konkurrenz herrscht, gibt es (noch) immer wieder Glanzstücke im Lokaljournalismus.

    Tendenziell ist die Lokalzeitung aber ein Patient unterm Sauerstoffzelt. Noch gibt es über 300 Lokalzeitungen – meine Prognose: Die Zahl wird in den kommenden Jahren rapide abnehmen.

    Als Zeitungsverleger würde ich in erster Linie auch meine Druckmaschinen auslasten wollen. Die sind oder waren schweineteuer – das Geld muss wieder rein.

    Aber das Produkt Zeitung wird zu teuer: Die Maschinen, der Produktionsapparat, das Material, die Zustellung.

    Nahraum.de. kannte ich nicht und will ich auch nicht kennenlernen, wenn es kein Showcase gibt, ohne dass ich meine Daten preisgeben muss. Der Verleger Lensing hat sich ja nicht gerade mit Ruhm bekleckert, als er seine Redaktion rausgeschmissen hat.

    Auch die Rheinzeitung steht, was Honorare und den Umgang mit Mitarbeitern angeht, nicht gerade ganz vorne in der Schlange, wenn es um Schlagworte wie anständige Bezahlung usw. geht, was man so hört und liest.

    Andererseits ist gerade die Rheinzeitung in Koblenz ein gutes Beispiel für eine Redaktionsleitung, die sich Mühe gibt, am Ball zu bleiben und schon sehr früh erfolgreich den Sprung ins Internet geschafft hat. Wenigstens etwas.

    Aber, was solls, das ist EINE Zeitung. Dann fallen uns noch zwei, drei andere ein und dann beginnt das lange Schweigen und das Grübeln.

    Vom myheimat-Chef habe ich Post bekommen, weil ich im Interview mit Marian Semm locker sagte: Ich halte das für „unanständig“. Das fand er nicht gut.

    Ich habe mir myheimat nochmals angeschaut, weil ich nicht gerne dummes Zeug rede. Danach fand ich myheimat noch immer nicht gut und bleibe dabei: Wie hier auf kostenlose Content-Jagd gegangen wird, gefällt mir nicht. Das ist Bild-Bürgerreporter in anderer Verpackung, aber ganz ohne Geld.
    Und letztlich solls wieder ein, wer hätte es gedacht, ein Printprodukt werden. Ob Vereinszeitschrift, Jubiläumsheft oder sonstwas.
    Meine Prognose: Ich glaube nicht, dass myheimat funktioniert. Und wenn doch, wird der Erfolg ein Problem werden. Die Leute sind nicht doof und werden am Erfolg partizipieren wollen, was der Anfang vom Ende sein dürfte.

    Ich komme von der Zeitung, habe jahrelang davon gelebt, bin aber mittlerweile überzeugt, dass die alten Konzepte nicht mehr greifen.

    Meine blogs sind ganz kleine Lichter am großen Medienfirmament. Aber ich glaube, dass meine Idee und die vieler anderer, ob Fußball Passau, aber auch vielleicht die Rheinzeitung oder Ruhrbarone oder Carta oder Jens Weinreich Vorboten einer Revolution sind, von der die lokal-regionalen Zeitungsverlage noch überhaupt keine Ahnung haben, wie es sie wegreißen wird.

    Was kommt, weiß ich nicht. Das was kommt, weiß ich sicher. Warum? Nennen wir es, journalistischen Instinkt.

    Einen schönen Tag wünscht
    Hardy Prothmann

  10. Pingback: KoopTech » Titelgeschichte » Hyperlocal-Diskussionen

  11. @Hardy
    Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich glaube, dass wir uns, was den Zustand des durchschnittlichen deutschen Lokaljournalismus betrifft, ziemlich einig sind: vieles ist grauenhaft zusammengestümperter PR-Brei und Vereinsmeierei und genau das, was Du mit Deiner genialen Wortschöpfung Bratwurstjournalismus treffend beschrieben hast. Mit am unteren Ende der Skala angesiedelt ist offenbar der Mannheimer Morgen, sonst gäbe es das Heddesheimblog vielleicht gar nicht. Du bist in Deiner Region mit den journalistischen Tugenden “Recherche”, “Ausdauer” und “Hartnäckigkeit” offenbar in eine Marktlücke gestoßen. Mir ging es hier aber darum, einige positive Beispiele herauszustellen. Es gibt sicher noch weitere, aber die obigen sind Beispiele, mit denen ich mich schon näher befasst habe.

    Das MyHeimat-Konzept gehört für mich unbedingt in diese Reihe. Ich glaube, dass es zukünftig immer weniger eine Rolle spielen wird, aus welchen Motiven jemand über lokale Themen schreibt – ob haupt- oder nebenberuflich für Geld, für die Anerkennung oder weil ihn ein bestimmtes Thema berührt. Die Rolle von Journalisten wird zunehmend sein, die Themen, Texte und Recherchen zu kuratieren, werbliche und von journalistischen Interessen zu trennen, Diskussionen zu moderieren etc. Diese Rolle haben die Kooperationspartner von myHeimat in unterschiedlichen Abstufungen angenommen – allen voran die Madsack Heimatzeitungen und die Gießener Zeitung. Andere Zeitungen, z.B. die Rhein-Zeitung, versuchen diesen Prozess über soziale Netzwerke in Gang zu bringen.

    “Meine Prognose: Ich glaube nicht, dass myheimat funktioniert.” – was Du glaubst, ist in diesem Fall nicht mehr sonderlich relevant, denn die Plattform gibt es seit 2005, sie ist profitabel, Media Lab (Madsack und WAZ) ist daran inzwischen beteiligt, weitere Verlage kooperieren. Allein in den letzten anderthalb Jahren haben über myHeimat 30.000 Bürgerreporter über 170.000 Beiträge verfasst. Ein solches Projekt hält man nicht so lange am Laufen, wenn die Inhaltelieferanten sich ausgebeutet fühlen. Aber das habe ich ja weiter oben schon gesagt: Es will ja gar nicht jeder für Geld schreiben.

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