Sollen wir dieses geheime Gutachten ins Netz stellen?
22. Januar 2010 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Neu, Twitter, Zeitungszukunft
Nicht alle Lokalzeitungen sind vornehmlich auf auf die Auslastung ihrer Druckmaschinen erpicht, fabrizieren “Bratwurstjournalismus” und kippen ihre Printtexte einmal täglich ins Netz, ohne sich weiter darum zu kümmern, wie Heddesheimblogger Hardy Prothmann in diesem lesenswerten Interview mit Medienberater Marian Semm beklagt. Es gibt im Lokaljournalismus durchaus Inseln der Innovation. Einige Beispiele: Bei der Hannoversche Allgemeine Zeitung bloggen zwei ausgewiesene Onliner. Die Ruhrnachrichten haben ein sehr gut angenommenes Fotoportal namens nahraum.de mit einem hohen Maß an Integration sozialer Funktionen gestartet. Die Madsack Heimatzeitungen bringen über die Kooperation mit der Bürgerreporter-Plattform myheimat.de auch Geschichten online und ins Blatt, auf welche die Lokalredaktion alleine nie gestoßen wäre und sie bringt über die myHeimat-Plattform Vereins- und Jubiläumszeitungen heraus, kümmert sich also intensiv um ihre lokalen Wurzeln.
Und dazu noch zwei aktuelle Beispiele aus der Rheinzeitung, die zeigen, wie Community und sensible Themen und auch Community und investigativer Journalismus sich hervorragend ergänzen können. Die Rhein-Zeitung stürzt sich geradezu mit Verve ins soziale Netz und nutzt dabei vor allem Twitter und Werkenntwen.de (WKW). Gestern machte mich Chefredakteur Christian Lindner darauf aufmerksam, wie Lokalredakteurin Vera Müller aus der Redaktion Idar-Oberstein (die Rhein-Zeitung erscheint dort als Lokalausgabe Nahe-Zeitung) mittlerweile WKW nutzt.
Lindner: “Vera Müller kündigt in der WKW-Gruppe der Lokalausgabe an, etwas über Depression schreiben zu wollen – und bekommt umgehend Postings von Betroffenen, Angehörigen und Interessierten. In einem Posting kam zudem ein wichtiger Tipp für eine Weiterung eines lokalen Skandals, über den die Kollegin seit Jahren berichtet.” Insgesamt seien schon 15 oder 16 gute Geschichten auf diesem Weg in der Rhein-Zeitung gelandet. Die Gruppe” Nahe-Zeitung” bei WKW existiert seit fünf Monaten und zählt über 1600 Mitglieder.
Heute nutzte die Rhein-Zeitung außerdem zum ersten Mal bei einer brisanten Enthüllungsgeschichte crossmediale Möglichkeiten inklusive das soziale Netz richtig aus. Das Blatt hatte ein geheimes Gutachten zu einem Finanzskandal am Nürburgring (ein landeseigenes Unternehmen) zugespielt bekommen. Nachdem der Text in Print und online erschien, fragte Lindner per Twitter den Schwarm, ob es ein Interesse gebe, das Original-Dokument einzusehen:
Nach mehreren Antworten wie dieser:
stellte die Rhein-Zeitung das Dokument ins Netz (pdf) und erhielt daraufhin solche Reaktionen:
Lindner fasst die Reaktionen auf die Veröffentlichung des Original-Dokuments (nicht des Beitrags!) wie folgt zusammen: “Der Wirtschaftsminister des Landes (traf ihn eben) ist nicht eben amused, Opposition, Interessierte und Netzverfolger sind happy.” Aber fast noch wichtiger als die Resonanz bei Politikern und Bürgern ist die Resonanz nach innen in die Redaktion der Rhein-Zeitung. “Wir haben das zum ersten Mal so gemacht – und merken, wie sich unser Denken und Arbeiten mit, durch und wegen Web2.0 ändert”, bekennt Lindner.
Traffic-erzeugender Nebeneffekt der Aktion: Wer momentan bei Google die Stichworte “Ernst&Young” (aus diesem Haus stammt das Gutachten), “Gutachten” und “Nürburgring” eingibt, sieht durch durch die vielen Retweets jede Menge Treffer, die per Twitter auf die Rhein-Zeitung verweisen:
Linktipps zum Thema:
Revolution am Rhein (meine Titelgeschichte über den Umbau der Rhein-Zeitung im medium magazin 10+11/09, jetzt frei online)
“In letzter Zeit greif ich lieber zur RZ” – Was twittern einer Lokalzeitung bringt (netzfeuillleton.de)











