Ein Jahr Social Media beim Kölner Stadt-Anzeiger – eine gemischte Zwischenbilanz


Vor ziemlich genau einem Jahr – am 13. März 2009 –  verkündete der “Kölner Stadt-Anzeiger” den Start seiner ersten Twitterfeeds. Deshalb ziehe ich heute eine Zwischenbilanz. Bei der Ankündigung damals war ich gespannt, mit welchem Konzept meine Heimatzeitung ans Twittern herangehen würde. Dann fand ich es enttäuschend, weil sich die ersten Accounts doch schnell als uninteressante Eigenlink-Schleudern herausstellten. Auch bei sporadischen Checks im vergangenen Jahr hatte sich das noch nicht geändert. Aber siehe da, zumindest aus einem der “KStA”-Accounts ist inzwischen doch etwas anderes geworden. Das Team hinter  @ksta_lokal twittert charmant…

charmant

… und mit Witz …

selbstironisch

… und im Dialog mit seinen Followern …

dialog

Der größte Teil der Tweets sind natürlich immer noch Verweise zu Beiträgen auf der eigenen Webseite, was ja auch legitim ist. Die Mühe zahlt sich aus: Immerhin 920 Follower, 211 Friends, denen KSTA_Lokal folgt, und ein gutes Follower/Listen-Verhältnis von 1:1o (KSTA_Lokal steht auf 92 Listen, also durchschnittlich bei jedem zehnten Follower auf einer). Da hat man offensichtlich dazugelernt in Sachen Dialog auf Augenhöhe mit den Nutzern.

Leider kann man das von der Sportredaktion nicht behaupten – ein reiner RSS-Feed der KSTA-Sportseitenüberschriften, den aber auch nur 232 Interessenten lesen wollen (Follower/Listen-Verhältnis 1:18). Das ist wirklich wenig für eine Millionenstadt (mit einer weiteren Million Einwohner im Umland). Blutleer und leblos wirkt auch der Account KSTA_FC (313 Fans, nur 12 mal gelistet, d.h. im Verhältnis 1:26) Dabei ließe sich aus der unerklärlichen Liebe der Kölner zu “ihrem” FC garantiert mehr machen, wenn man den Fans eine Plattform bieten würde. Doch der Account ist nur ein Feed mit Überschriften Links zu KStA-Beiträgen.

Halbherzig und uninspiriert wirken auch die zwischenzeitlich hinzugekommenen Accounts der Lokalausgaben wie Rhein-Sieg, Leverkusen oder Euskirchen, die alle jeweils nur alle paar Tage mal einen Tweet oder zwei absondern und dementsprechend herumdümpeln mit 134 Followern (Leverkusen), 125 Followern (Euskirchen) und 78 Followern (Rhein-Sieg). Die Accounts von Leverkusen und Euskirchen folgen keinem einzigen Nutzer aus der Region. Was für ein verschenktes Potenzial. Und dann gibt es da noch die Karteileiche Rhein-Erft, der auch Monate nach der Start-Ankündigung noch kein Leben eingehaucht wurde…

rhein-erft

… und ein rätselhaftes Phänomen namens Britta …

britta

Britta redet immerhin mit ihren 225 Followern und folgt selbst auch 161 Accounts, doch wer ist Britta? Man muss schon wissen, dass hinter diesem Account die KStA-Redakteurin Claudia Lehnen steckt, die auch die Kolumne “Meine Freundin Britta” schreibt. Auf der Twitter-Profilseite erfährt man das nicht – warum eigentlich nicht? Und warum führt der Link zur Startseite des KStA und nicht zu ihrer Kolumne?

Erfreulich: Der “KStA” ist inzwischen auch bei StudiVZ, MeinVZ und Facebook. Und das durchaus nicht unbeachtet, die Facebook-Beiträge bekommen Kommentare (wenn auch noch nicht viele), und es ist positiv anzumerken, dass die Facebook-Fans zumindest zwischendurch auch mal persönlicher angesprochen werden als auf bei ksta.de:

bombenentschärfung

Bei Facebook hat die Zeitung immerhin 709 Fans – wohl auch deshalb, weil auf jeder Unterseite des Online-Angebots das Facebook-Widget angezeigt wird, und man mit einem einfachen Mausklick Fan werden kann. Dagegen findet man Hinweise auf die übrigen Social-Media-Aktivitäten des KStA nur auf der Startseite KStA.de. Konsequent und Traffic steigernd wäre es auch, wenn Nutzer Beiträge auf ksta.de nicht nur bei diversen Social Bookmarking und Social News Diensten verlinken dürften, sondern auch per Mausklick auf ihren Facebook-Profilen und bei Twitter (“Tweet this”-Button).

Fazit: Insgesamt erkenne ich auch nach einem Jahr noch nicht viele Anzeichen beim “Kölner Stadt-Anzeiger”, dass man dort in Social Media mehr als bloß einen weiteren Online-Vertriebskanal sieht und dementsprechend Engagement in die Dialog-Plattformen stecken würde. Das mag auch daran liegen, dass mehr Zeitaufwand im Verhältnis zu den Nutzerzahlen wirtschaftlich ungemessen erscheint. Doch von nichts kommt halt nichts, vor allem in den Außenredaktionen: Wer nur alle paar Tage einen Link zu einer Lokalseite twittert und erkennbar an einem Austausch mit Followern als potenzielle Informanten, Kritiker und Multiplikatoren nicht interessiert ist, darf sich auch nicht wundern, wenn die Followerzahlen kaum steigen. Wie man als Regionalzeitung Twitter und soziale Netzwerke wirklich nutzen kann, wenn man erst einmal das Potenzial erkannt und als Maxime verankert hat – dafür verlinke ich auf meinen mediummagazin-Beitrag über den Umbau der “Rhein-Zeitung”.

Immerhin liegt der “Kölner Stadt-Anzeiger” mit seinem Social-Media-Engagement nach einer neuen Tabelle des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) noch über dem Durchschnitt deutscher Tageszeitungen. Laut dieser Auflistung hat sich nämlich bei den meisten deutschen Tageszeitungen in Sachen Social Media – außer der Einrichtung eines RSS-Feeds – noch gar nichts bewegt. (Allerdings scheint die Datenbank nicht in allen Fällen auf dem neuesten Stand zu sein – schon ein flüchtiger Blick zeigt beispielsweise, dass die Facebook- und VZ- und Twitter-Aktivitäten der “Kölnischen Rundschau” nicht gelistet sind).

Und zum Schluss noch ein Lektüretipp: Schiffeversenken zwischen Theorie und Wirklichkeit von Christian Jakubetz über die Diskrepanz zwischen zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung über den digitalen Forschritt in deutschen Zeitungshäusern.

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Also da finde ich die tweets vom Express meilenweit besser – ich meine, schaut Euch doch blos mal den letzten tweet an:

    “Die #rtl2 “Mädchen-Gang” lernt fürs Leben: Nutte schreibt man mit zwei T.”
    http://twitter.com/express24

    Das is doch super, oder?

  2. Pingback: Lesetipps für den 11. März | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0

  3. @ Michael Upps, Fehler – hab’s korrigiert. Die Rundschau ist bei Facebook, StudiVZ und MeinVZ aktiv, aber nicht bei Twitter.