Linktipps zum Wochenstart: Blauflossenthunfisch-Syndrom

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Top-Tipp:

Wie der Blauflossenthunfisch

Eva-Maria Schnurr vergleicht in einem exzellenten Essay für den Freitag die Lage der Presseverlage mit der Steinkohleindustrie Mitte der 90er Jahre. Ein Leistungsschutzrecht für Verlage könne in dieser Situation nur das Leiden verlängern, “die derzeitige Medienkrise ist im Kern eine Legitimationskrise des Journalismus. Es ist Verlagen und Journalisten in den vergangenen Jahren nicht gelungen, deutlich zu machen, was Journalismus leistet, was die Netzöffentlichkeit nicht kann und warum das einen Wert hat.” Schnurr stellt die These auf, dass die drei Begriffe Verlage, Journalismus, und Presse als unersetzlicher Pfeiler der Demokratie von Verlagen stets gleichbedeutend dargestellt werden, was nicht stimme. Zwei Merkmale, mit denen Journalismus im Netz wirklich punkten könnte – aufwändige Recherchen und unabhängige Infomationen – seien seltener als der Blauflossenthunfisch. Eines ihrer Kernargumente: “Während sich die Verlage nach außen als Hüter der Demokratie aufspielen und deshalb fordern, mit einem Leistungsschutzrecht Marktmechanismen außer Kraft zu setzen, entziehen sie den Journalisten die Grundlagen dafür, dieser Aufgabe im Alltag gerecht zu werden. Und erklären das mit – dem Markt. Warum aber sollten die Leser bereit sein, für Qualität zu zahlen, wenn die Verlage selbst es nicht mehr sind?” In einer schönen Geste der Transparenz setzte der Freitag eine Bemerkung unter den Text: “Eva-Maria Schnurr ist freie Wissenschafts­journalistin in Hamburg. Sie ist stellvertretende Vorsitzende von Freischreiber e.V., Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten. Sie hat an diesem Beitrag 16 Stunden gearbeitet und dafür 125 Euro erhalten.

weitere Tipps:

Clay Shirky: Three reasons why a small news startup couldn’t break the Boston Globe’s abuse scandal

Clay Shirky nennt drei Gründe, warum die Zeitungen Boston Globe beim Aufdecken des Missbrauchsskandals der Katholischen Kirche in Boston kleineren, unabhängigen Netzmedien stets mehrere Schritte voraus war:

  1. Struktur: Die Zeitung konnte es sich erlauben, ein vierköpfiges “Spolight”-Reporterteam monatelang auf die Story anzusetzen.
  2. Zugang: Es gelang ihr, Zugang zu bisher geheimgehaltenen Dokumenten zu bekommen.
  3. Zeitfaktor: Die Kirche in Massachussetts hatte die Probleme bisher einfach ausgesessen, bis ihre Kritiker aufgaben. Dieses Warte-Spiel beherrschte der Globe jedoch ebenso gut.

Die Thesen sind Teil eines längeren Gesprächs (Audio und Transkript) zwischen Shirky und Walter Robinson, der das “Spotlight”-Team beim Boston Globe leitete. Beides bei Nieman Journalism Lab.

Why Newspapers Need to Heed Facebook, Now

ReadWriteWeb beschreibt, welchen zunehmenden Einfluss Facebook darauf hat, ob journalistische Inhalte im Netz gefunden, verlinkt und diskutiert werden. Facebooks Dominanz werde bald  auch personelle Auswirkungen haben: “Newspapers no longer need traditional Web developers. Papers now need Facebook developers, experts who can partner with creative social-savvy businesspeople who know how to take advantage of the social graph. In the wake of Facebook’s new features, it will not be long before newspaper and media executives are attacking and blaming Facebook for their problems in the way they do Google today. However, those publications that more progressively pursue the opportunities and value opened to them by Facebook’s new tools will have a very different reaction.”

Skype: Das alternative Social Network

Martin Weigert wünscht sich bei netzwertig, dass der Voice-over-IP- und Instant Messaging Dienst Skype mehr von seinen “ungenutzten Potenzialen” nutzen möge: “Skype könnte eine Lücke füllen, welche die nach “Offenheit” strebenden Konkurrenten hinterlassen: persönliche Online-Kommunikation in einem sicheren, stabilen Rahmen.” In der Tat machte der Social-Network-Riese zuletzt höchstens Schlagzeilen, weil er von eBay wieder abstoßen oder wenn er als Applikation mal wieder von einer Mobilfunkplattform verbannt wurde. Wie bedeutend Skype wirklich ist, zeigt auch diese Infografik von Royal Pingdom.

Interview: Emily Bell sees mixed-model future on way to Columbia

Emily Bell, langjährige Leiterin Digital Content beim Guardian, die im Juli Leiterin des Tow Center for Digital Journalism an der Columbia University in New York wird, skizziert gegenüber dem Guardian die nach ihrer Ansicht wichtigsten Punkte des digitalen Wandels im Journalismus, die Zukunft des Guardian und die Zukunft von Paymodellen versus Anzeigenfinanzierung.

Interview: Mario Sixtus über die Zukunft und Trends des mobilen Internets

Mario Sixtus hat dem Management-Blog onpulson ein interessantes Interview gegeben. “Das offene Internet ist Mobilfunkunternehmen unheimlich, und sie versuchen, wo es geht, den Nutzer in seinen Freiheiten einzuschränken – siehe die Sperrung von VoIP-Diensten wie Skype. Mittelfristig werden die Unternehmen diese Position aber aufgeben und die Daten frei fließen lassen müssen. Das ist eine Art Naturgesetz“, prophezeit Sixtus den Mobilfunkunternehmen. Zu Paid-Content von Verlagen im Mobilen sagt er: “Ausprobieren ist allerdings nicht die große Stärke deutscher Verleger; statt mit Unternehmertum, Experimentierfreude und Phantasie gegen ihre momentane Misere anzusteuern, versuchen sie bekanntlich lieber, solch absurde Kopfgeburten wie das so genannte Leistungsschutzrecht herbei zu lobbyieren. Man könnte das einen unternehmerischen Offenbahrungseid nennen und dagegen helfen auch keine kostenpflichtigen iPhone-Apps.”

Volcano-stranded travellers find help at Hitchhiker’s Central

Kristin Lowe beschreibt, wie Norwegens größte Nachrichtenseite VG.no (gehört Schibsted) ihr half, einen britischen Referenten vor dem Stranden unter der Aschewolke zu bewahren. Sie hatte ihn als Trainer für ein Seminar in Norwegen engagiert, und dank der Fahrgemeinschaftenvermittlung “Haikesentralen” von VG.no kam er wohlbehalten wieder nach Hause.  “What VG.no could offer in this situation was scale, with it’s close to 3m unique users a week it offered people a brilliant connection point that few other sites could. It’s a great service to its readers and, I’m sure, a great click winner too“, schreibt Lowe. Olaf Kolbrück wundert sich unterdessen bei Off the Record: “So ein Angebot hätte auch deutschen Verlagen gut gestanden. Stattdessen: Liveticker, Bilderstrecken. Vielleicht sind die Skandinavier einfach schneller im Denken oder nur näher im Leser. Vielleicht haben sie das Web und seine Chancen schlichtweg bereits verstanden. [...] Das Web, es sei deutschen Verlagen noch einmal gesagt, ist nicht nur ein Publikationsmedium, es ist vor allem ein Medium zur Kommunikation.

Privacy, publicness & penises

Jeff Jarvis hat auf Buzzmachine seine eigene Presseschau allein mit Berichten über seinen Vortrag über das deutsche Privatshäre-Paradoxon auf der re:publica zusammengestellt. “The coverage of the talk in German media amazes me”, schreibt Jarvis und verlinkt auf 29 Berichte. Und darum wird er wohl noch lange über Google Street View versus Nacktheit in deutschen Saunas sprechen: “I use Germany as a laboratory and illustration of the topic not only because I was there but because they have something nearing a cultural obsession on the topic of privacy.

Data journalism pt1: Finding data (draft – comments invited)

Der Online Journalism Blog hat eine sehr nützliche Aufstellung möglicher Quellen für Datenjournalismus begonnen und bittet um Ergänzungen in den Kommentaren.

Illustration: Wikimedia Commons

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