Ach, Herr Grupp

5. Mai 2010 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Neu, Social Media Marketing, Twitter


3-wise-monkeys

Erschütternd ist nicht, dass Trigema-Chef Wolfgang Grupp Twitter-Nutzer als Idioten beschimpft, sondern dass er Augen und Ohren vor den Möglichkeiten des Internets verschließt.

Ein Shitstorm zieht seit gestern durch Twitter, denn Trigema-Chef Wolfgang Grupp, der das Internet nicht mag und seine Emails von seiner Sekretärin ausdrucken lässt, hat  dem Business-Blog innovativ.in ein Interview mit einer etwas unbedachten Äußerung gegeben:

Twitter ist für mich einfach nur dumm und die Menschen, die das nutzen, sind für mich Idioten. Haben die Menschen eigentlich nichts Besseres zu tun, als über belanglosen Kram zu schreiben? Wen interessiert das?

Jetzt fühlen sich einige Twitter-Nutzer beleidigt. Das mag Herr Grupp bei seiner rüden Bemerkung sogar noch einkalkuliert haben. Womit er aber sicherlich nicht gerechnet hat, ist die Empörungswelle im sozialen Netz. Denn das kennt er gar nicht. Damit will er sich nicht befassen. Und deshalb konnte er auch nicht ahnen, welche Kreise seine dumme Bemerkung ganz schnell ziehen würde. Um 21 Uhr an Tag 1 nach dem Interview: 79 Blogkommentare, 279 Tweets, die auf das Interview verlinken, hunderte von weiteren Tweets ohne Link, zwei Reaktionen auf anderen Blogs, eine Facebook-Fanseite, die jetzt so aussieht:

Trigema-Facebook

und eine Google-Suchergebnisseite (Option: letzte 24 Stunden), die jetzt so aussieht:

Trigema-google

Unter die ernsthaft Beleidigten mischen sich Stimmen, die sich über den Internetausdrucker lustig machen. Außerdem Stimmen, welche die Werbung mit dem Affen immer schon doof und Trigema immer schon spießig fanden. Diejenigen, die sich immer freuen, wenn ein Shitstorm über einen Konzern losbricht und ihn nach Kräften anfachen. Und natürlich die Social-Media-Berater, die sich anbieten, um die Kuh vom Eis zu holen.

Ich finde diesen Faux-Pas halb so schlimm. Dieser Shitstorm wird schnell abflauen, denn:

  1. Wolfgang Grupp wird als deutscher Vorzeigeunternehmer nicht deshalb durch alle Talkshows gereicht, weil er die Leute mit nichtssagendem Marketing-Neusprech einlullt, sondern weil er geradeaus sagt, was er denkt.
  2. Wolfgang Grupp hat dieses Kurzinterview ganz offensichtlich nicht von seiner Pressestelle überarbeiten lassen. Das macht ihn wiederum authentisch.
  3. Herr Grupp wird jetzt erfahren haben, dass sein Unternehmen nicht nur einen Affen in Fernsehnachrichten erzählen lässt, dass mit jedem Kauf eines Trigema-Trikots Arbeitsplätze in Deutschland gesichert werden, sondern dass Trigema in diesem so unnützen sozialen Netz, wo soviel dummes Zeug geredet wird, ebenfalls  facebookt, youTubet und twittert. Vielleicht liest er jetzt sogar mal, was die Leute über Trigema sagen. (Beileibe nicht nur dummes Zeug).
  4. das Letzte, was Herrn Grupp in den Sinn kam, war wahrscheinlich treue Markenfans zu beleidigen. Vielleicht wird er sich für diese Dummheit morgen ohne Umschweife entschuldigen. Wenn er schlau ist.

Damit könnte es dann auch gut sein. Ist es aber nicht. Weil Herr Grupp nämlich im gleichen Interview noch etwas anderes sagte, das weniger Empörung entfachte, aber in seiner  Tragweite viel tragischer ist. Auf die Frage: “Aber Trigema hat doch einen Online-Shop…” antwortete Grupp:

Ja, natürlich, aber die Online-Shops machen die Geschäfte kaputt. Die Kunden vergleichen im Internet die Preise und kaufen das billigste Angebot. Inzwischen werden Milliarden Umsätze über das Web gemacht, aber die kleinen Einzelhändler bleiben auf der Strecke. Die guten Geschäfte müssen schließen und unsere Innenstädte bluten aus und verkommen. Viele Einzelhändler und auch Karstadt sind durch das Internet pleite gegangen.

Keine Rede davon, wievielen guten Geschäften, die auf Individualität statt Massengeschmack setzen, das Internet überhaupt erst die Grundlage für ihre Geschäftsmodelle ermöglicht. Ich bin keine E-Commerce-Expertin, aber Beispiele wie MyMüsli, Spreadshirt, Wine Library TV, Etsy und Dawanda fallen mir dabei sofort ein. Stattdessen das altbekannte Gejammer vom bösen Internet, in dem sich so viel neue Konkurrenz tummelt, dass die alten Geschäftsmodelle unrentabel werden, wenn man es verpasst, sich darum zu kümmern, welche Chancen im Wandel liegen.

Dabei könnte aus einer bodenständigen, ein bisschen spießigen und dank Wolfgang Grupp auch irgendwie ein bisschen coolen Marke wie Trigema mit einem guten Marketingkonzept für das soziale Netz wahrscheinlich sogar eine richtige coole Marke werden. Deshalb Herr Grupp: Entschuldigen Sie sich. Und dann lesen Sie bitte diese beiden Bücher.

Foto: Anderson Mancini / Flickr

Update: 7.5.10: Inzwischen hat Wolfgang Grupp seine Aussagen relativiert. Es bleibt allerdings offen, ob er die Aussagen in dem Interview ursprünglich wirklich so scharf oder abgeschwächter formuliert hatte. Mehr dazu im Update von innovativ.in.

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23 Kommentare
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  1. Von wegen, Herr Grupp kennt nicht das soziale Netz. Erst Anfang März hat er SF eBusiness mit der Konzeption und Realisierung von Social Media Aktivitäten beauftragt: http://bit.ly/c5urpz Und mit der Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes scheint er sich auch bestens auszukennen ;-)

  2. Sollte ein ‘Vorzeigeunternehmer’ wirklich über Dinge urteilen, die er ganz offensichtlich nicht kennt hat?

  3. Da sind wir ja zu ziemlich den gleichen Schlüssen gekommen… Der Affe kündigte gestern Abend schon eine Entschuldigung an.

  4. Glaubt hier wirklich jeder, dass das Interview ernst gemeint war? Die wollen doch nur mehr Follower für ihr Twitter-Account und mehr Fans auf Face-Book. Das einzige, worin Grupp sich offenbar verschätzt hat, ist die Ironiefähigkeit der Internetgemeinde. Kenne übrigens mehrere (auch jüngere) Leute, die die Aussagen von Grupp sehr sympathisch fanden, weshalb ich sagen würde, er hat sein Ziel erreicht: Offline-Sympathien, Online-Aufmerksamkeit.

  5. @Jörg

    Was beweist denn das? Dass er offenbar gute Leute hat, die sich im sozialen Netz auskennen. Wenn er sie machen lässt, gut. Dann muss er sich auch nicht persönlich damit befassen, wenn er damit so wenig anfangen kann. Aber dann sollte er auch nicht solche Interviews geben.

    @vera
    Den Tweet habe ich auch gesehen. Er ist allerdings windelweich formuliert. Mal sehen, ob Grupp die Größe hat, sich geradeheraus zu entschuldigen oder ob er sich damit herausreden, er sei ja völlig falsch zitiert worden.

    @ Name (erforderlich)
    Für mich deutet nichts darauf hin, dass dies ein Scherzinterview sein sollte.

  6. Bei jedem Talkshow-Beitrag wie auch hier in dem Interview wird klar, auf welchem geistigen Niveau der Herr argumentiert. Es ist eben nicht so, dass viel Umsatz auch viel differenzierte Einsicht begründet. Warum Karstadt “plötzlich” pleite war hat viele Gründe. Das Internet als Ursache zu nennen ist nicht allein deswegen lächerlich, weil es monokausal begründet, sondern weil es die wesentlichen Gründe geschickt verschleiert. Es ist zu beobachten, dass von Menschen, die zu schlichten Gedankengängen neigen, und die irgendwie Erfolg haben, offenbar eine große Wirkung in Deutschland ausgeht. Wir haben sogar eine erfolgreiche Zeitung, die schwierige Sachverhalte immer auf eine einfache Prinzipien oder Lösungen reduziert und damit grundsätzlich schädlich vorgeht, aber mit ganz großem Beifall. Aber bei Betrachtung des Verhaltens all der Schirrmacher und Grupps scheint eines klar: Die Schäfer treiben ihre Herden eng zusammen, weil sie offenbar berechtigte Angst haben, dass die riesige Herde des Web ihnen sowohl ihre Pfründe als auch ihre leicht beeinflussbaren Schäfchen abzuluchsen. Und wie leicht die beeinflussbar sind, liest man wöchentlich in der FAZ und kann es allabendlich in den adrett inszenierten Quasi-Monologen namens talkshow betrachten.

  7. @Wittkewitz

    D’accord! Mit der Bewunderung schlichter Gedankengänge stehen wir hierzulande allerdings nicht alleine, siehe Sarah Palin. In einer bemerkenswerten logischen 180-Grad-Wende argumentieren inzwischen einige, das Interview sei eine intellektuelle “Titanic”-Aktion gewesen und wir seien nur zu schlicht, das zu erkennen. Halte ich für abwegig: Grupp und Ironie? Und dann noch über ein solches Thema?

  8. Danke @UlrikeLanger für diesen so schön ruhigen Beitrag zum Thema!
    Was die Aufregungswelle (shitstorm) angeht: Social Media wirkt – schöner kann man es ja eigentlich nicht demonstrierfen und belegen….
    Ich glaube; Wenn dieses Interview Ironie war, dann ist sicherlich auch die gesamte Werbung von Trigema ironisch gemeint, und fast alle haben sie seit Jahren einfach nicht richtig verstanden. Damit wären dann nicht nur die Twitterer Idioten (Das nehme persönlich, wer unbedingt will. Ich entschuldige mich dann gern persönlich ;-)

  9. Was soll daran ironisch sein, domestizierte Tiere aus den Zoogefängnissen oder von Tiercoaches für eine paar Stunden zu befreien für einen Werbedreh. Zumal der Werbedreh ja schon offenbar über 20 Jahre alt ist. Wer mal die Dokumentation über Grupp sehen durfte, der kann erfahren, was patricharchiales Gehabe im Detail bedeutet. Ich hatte lange geglaubt, dass das was ich da sehen musste, wie er mit seinen Mitarbeitern umging, von einem Redaktionsteam als Satire inszeniert war. Nein. Das ist das Deutschland. So geht Erfolg im Mittelstand. Wie sollte es sonst entstanden sein, dass die unwählbare SPD durch die undenkbare FDP ersetzt wurde. Das sind die Mitbürger im Land. Jaron Lanier hatt Unrecht, als es von der Mobisierung des Web sprach. Es ist die Roboterisierung der vielen Menschen um uns, die solche “Erfolgsgeschichten” überhaupt erst ermöglicht. Das führt dann im Endeffekt zu einer Hybris wie wir sie bei Westerwelle, Oettinger und Grupp beobachten dürfen. Der Gehorsam ist die Seele auf. Aber noch schlimmer ist es offenbar für diejenigen, denen gehorcht wird. Die werden zur Karikatur eines Menschen.

  10. Das bestätigt einfach nur den Eindruck, dass Herr Grupp – wie so manche Unternehmer seiner Generation – eben auch viel Glück hatte und sein Unternehmen in einer Zeit aufzubauen konnte, in der Erfolg noch planbarer und die Konkurrenz überschaubar war. Wer ihn in Features oder Interviews schon erlebt hat kennt seine chauvinistische Oberflächlichkeit, und dass er kein Marketing- und PR-Fachmann ist, wird gerade jetzt offenbar. Herr Grupp, Glückwunsch, dass sie die richtigen Mitarbeiter zur Verwaltung Ihres Konzerns gefunden haben. Genießen Sie Ihren Wohlstand, lernen Sie Loslassen und torpedieren Sie nicht Ihr Lebenswerk durch unbedachte Äußerungen. Besser einfach mal die Klappe halten, wenn man keine Ahnung hat.

  11. Sieht für mich nach einer ganzheitlichen Social-Media-Strategie aus: Der Trigema-Boss hält Twitter-Nutzer für Idioten – und sein Unternehmen lässt einen Affen twittern.

  12. ich hab die empfohlenen bücher gelesen und halte sie für mies.
    und herrn grupp geb ich in allen belangen recht.

  13. Hallo,

    mal kurz abseits von Herrn Grupps Bemerkung, über die man sich aufregen kann oder auch nicht: was ist ein “Shitstorm” im deutschen Sprachgebrauch, was bedeuten “facebookt” sowie “youTubet”?

    Dass man inzwischen “twittert” und es Begriffe gibt, die keine sinnvolle deutsche Entsprechung haben, macht für mich vom Sprachgefühl her ja irgendwo noch Sinn und ich mache das auch teilweise. Eben genannte Begriffe gehen aber mal gar nicht. Die deutsche Sprache ist nicht wie die Englische, wo man aus fast jedem Substantiv ein Verb machen kann, ohne dass es behindert aussieht. Hier ist das leider nicht gelungen.

  14. @Polyfragmentiert

    Das haben Sie allerdings Recht. Ich gelobe Besserung für die Zukunft! Ich bekenne mich zwar zum häufigen Gebrauch von Anglizismen. Wer ständig über Social Media mit andauerndem transatlantischen Blick schreibt, dem fällt das kaum noch auf. Für viele Begriffe gibt es auch keine treffende deutsche Ensprechung, bzw. nur Begriffe, die altbacken und “sprachreinheitserhaltend” wirken. Für die von ihnen angeführten Begriffe gilt das allerdings nicht. Sprache sollte nicht insiderisch sein und nicht dazu führen, dass interessierte Leser außerhalb der Insiderkreise sich mit Schaudern abwenden.

    also:
    1. Trigema nutzt die Social Media Plattformen Twitter, Facebook und Youtube.

    2. Ein Shitstorm ist ein sich zusammenbrauendes Unheil. So wird im Social Media Marketing Jargon neuerdings eine Krisensituation oder PR-Gau bezeichnet. Ein Shitstorm entsteht, wenn Unternehmen sich durch Fehleinschätzungen oder auch vollkommen unwissend im sozialen Netz Feinde machen, weil sie die viralen Effekte ignorieren oder völlig unterschätzen, und weil sie fälschlicherweise glauben, sie könnten kontrollieren, was über über sie gesagt wird. Bekanntes Beispiel: Jako.

  15. Zitat von @Polyfragmentiert “Die deutsche Sprache ist nicht wie die Englische, wo man aus fast jedem Substantiv ein Verb machen kann, ohne dass es behindert aussieht.”

    Wie, bitte, sieht denn “behindert” aus?
    Und was verrät die Wortwahl über unser Denken?

    Ich lese im Blog von Ulrike Langer immer wieder sehr gerne, staune über viele gute Kommentare -
    und hoffe, die Autorin stimmt @Polifragmentiert in seiner laxen Wortwahl nicht ohne Bedenken zu. ;-)

    Zum Trigema-Coup-2.0 und Kommunikation a la Grupp: Well done – “Gib dem Affen Zucker”. #twitter

  16. @Andrea Ramsteck

    Ich gebe ihm nur in der Sache recht, nicht bei seiner eigenen Wortwahl.

Trackbacks

  1. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Daniel Schultz, Ulrike Langer und Michael Hein, Piet erwähnt. Piet sagte: RT @mauisurfer25: Das eigentlich Erschütternde ist nicht, dass Trigema-Chef Wolfgang Grupp Twitter-Nutzer als Idioten beschimpft: http://bit.ly/bpBeM8 [...]

  2. [...] http://www.konterfai.com/?p=3244 http://medialdigital.de/2010/05/05/ach-herr-grupp/ http://www.michaeljaeger.tv/gib-dem-affen-von-trigema-zucker/ http://rz.koepke.net/?p=5159 [...]

  3. [...] nicht, so dass sich vermehrt Stimmen finden, die das Interview für eine virale Kampagne halten. Einen lesenswerten Beitrag zum Thema hat auch Ulrike Langer geschrieben. Darin erklärt sie beispielsweise, warum sie den Faux-Pas nur halb so schlimm findet. Interessant [...]

  4. [...] Medienjournalistin Ulrike Langer bedauert lediglich, dass der Unternehmer „Augen und Ohren vor den Möglichkeiten des Internets verschließt“. [...]

  5. [...] Vermutlich hat das Image des Unternehmens nur leichte Kratzer bekommen, schreibt mediadigital hier. [...]

  6. [...] Trigema, nachdem der Chef Wolfgang Grupp sich etwas unkundig über Social Media und mehr als unglücklich über Twitter-Nutzer geäußert hat („Idioten“). Diese reagierten prompt und verkündeten [...]

  7. [...] geschickt, Twitterer als Idioten zu bezeichnen. Das musste unlängst Trigema erkennen. Dazu hat Ulrike Langer eine gute Analyse gebloggt. Sie haben keine Lust auf Twitter.com? Kein Problem: Tweets lassen sich [...]

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