Ach, Herr Grupp


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Erschütternd ist nicht, dass Trigema-Chef Wolfgang Grupp Twitter-Nutzer als Idioten beschimpft, sondern dass er Augen und Ohren vor den Möglichkeiten des Internets verschließt.

Ein Shitstorm zieht seit gestern durch Twitter, denn Trigema-Chef Wolfgang Grupp, der das Internet nicht mag und seine Emails von seiner Sekretärin ausdrucken lässt, hat  dem Business-Blog innovativ.in ein Interview mit einer etwas unbedachten Äußerung gegeben:

Twitter ist für mich einfach nur dumm und die Menschen, die das nutzen, sind für mich Idioten. Haben die Menschen eigentlich nichts Besseres zu tun, als über belanglosen Kram zu schreiben? Wen interessiert das?

Jetzt fühlen sich einige Twitter-Nutzer beleidigt. Das mag Herr Grupp bei seiner rüden Bemerkung sogar noch einkalkuliert haben. Womit er aber sicherlich nicht gerechnet hat, ist die Empörungswelle im sozialen Netz. Denn das kennt er gar nicht. Damit will er sich nicht befassen. Und deshalb konnte er auch nicht ahnen, welche Kreise seine dumme Bemerkung ganz schnell ziehen würde. Um 21 Uhr an Tag 1 nach dem Interview: 79 Blogkommentare, 279 Tweets, die auf das Interview verlinken, hunderte von weiteren Tweets ohne Link, zwei Reaktionen auf anderen Blogs, eine Facebook-Fanseite, die jetzt so aussieht:

Trigema-Facebook

und eine Google-Suchergebnisseite (Option: letzte 24 Stunden), die jetzt so aussieht:

Trigema-google

Unter die ernsthaft Beleidigten mischen sich Stimmen, die sich über den Internetausdrucker lustig machen. Außerdem Stimmen, welche die Werbung mit dem Affen immer schon doof und Trigema immer schon spießig fanden. Diejenigen, die sich immer freuen, wenn ein Shitstorm über einen Konzern losbricht und ihn nach Kräften anfachen. Und natürlich die Social-Media-Berater, die sich anbieten, um die Kuh vom Eis zu holen.

Ich finde diesen Faux-Pas halb so schlimm. Dieser Shitstorm wird schnell abflauen, denn:

  1. Wolfgang Grupp wird als deutscher Vorzeigeunternehmer nicht deshalb durch alle Talkshows gereicht, weil er die Leute mit nichtssagendem Marketing-Neusprech einlullt, sondern weil er geradeaus sagt, was er denkt.
  2. Wolfgang Grupp hat dieses Kurzinterview ganz offensichtlich nicht von seiner Pressestelle überarbeiten lassen. Das macht ihn wiederum authentisch.
  3. Herr Grupp wird jetzt erfahren haben, dass sein Unternehmen nicht nur einen Affen in Fernsehnachrichten erzählen lässt, dass mit jedem Kauf eines Trigema-Trikots Arbeitsplätze in Deutschland gesichert werden, sondern dass Trigema in diesem so unnützen sozialen Netz, wo soviel dummes Zeug geredet wird, ebenfalls  facebookt, youTubet und twittert. Vielleicht liest er jetzt sogar mal, was die Leute über Trigema sagen. (Beileibe nicht nur dummes Zeug).
  4. das Letzte, was Herrn Grupp in den Sinn kam, war wahrscheinlich treue Markenfans zu beleidigen. Vielleicht wird er sich für diese Dummheit morgen ohne Umschweife entschuldigen. Wenn er schlau ist.

Damit könnte es dann auch gut sein. Ist es aber nicht. Weil Herr Grupp nämlich im gleichen Interview noch etwas anderes sagte, das weniger Empörung entfachte, aber in seiner  Tragweite viel tragischer ist. Auf die Frage: “Aber Trigema hat doch einen Online-Shop…” antwortete Grupp:

Ja, natürlich, aber die Online-Shops machen die Geschäfte kaputt. Die Kunden vergleichen im Internet die Preise und kaufen das billigste Angebot. Inzwischen werden Milliarden Umsätze über das Web gemacht, aber die kleinen Einzelhändler bleiben auf der Strecke. Die guten Geschäfte müssen schließen und unsere Innenstädte bluten aus und verkommen. Viele Einzelhändler und auch Karstadt sind durch das Internet pleite gegangen.

Keine Rede davon, wievielen guten Geschäften, die auf Individualität statt Massengeschmack setzen, das Internet überhaupt erst die Grundlage für ihre Geschäftsmodelle ermöglicht. Ich bin keine E-Commerce-Expertin, aber Beispiele wie MyMüsli, Spreadshirt, Wine Library TV, Etsy und Dawanda fallen mir dabei sofort ein. Stattdessen das altbekannte Gejammer vom bösen Internet, in dem sich so viel neue Konkurrenz tummelt, dass die alten Geschäftsmodelle unrentabel werden, wenn man es verpasst, sich darum zu kümmern, welche Chancen im Wandel liegen.

Dabei könnte aus einer bodenständigen, ein bisschen spießigen und dank Wolfgang Grupp auch irgendwie ein bisschen coolen Marke wie Trigema mit einem guten Marketingkonzept für das soziale Netz wahrscheinlich sogar eine richtige coole Marke werden. Deshalb Herr Grupp: Entschuldigen Sie sich. Und dann lesen Sie bitte diese beiden Bücher.

Foto: Anderson Mancini / Flickr

Update: 7.5.10: Inzwischen hat Wolfgang Grupp seine Aussagen relativiert. Es bleibt allerdings offen, ob er die Aussagen in dem Interview ursprünglich wirklich so scharf oder abgeschwächter formuliert hatte. Mehr dazu im Update von innovativ.in.


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26 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  4. Ich stolpere mal hier hinein, auf der Suche nach dem Interview mit Herrn Grupp vor angehenden Managern (imho Studenten), welches ich zufällig im TV sah.

    Ich muß ehrlich sagen, daß mir die kritisch-hämische Betrachtung seiner unbedachten Äusserungen nicht gefällt. Sie lenkt nämlich vom Wichtigen ab:

    Der Ruf nach Verantwortung. Die ist längst überfällig, in allen Bereichen. Ich will gar nicht mal auf den Erfolg hinweisen, den der Mann in den letzten Jahrzehnten gehabt hat und der definitiv nicht wegzudiskutieren ist, auch wenn wir in Deutschland leider allzusehr unserer Neid- und Kritik-”Kultur” nachgeben (!möchten!).

    Man sollte über seinen “Lapsus” hinwegsehen. Von mir aus kann er mich gerne als Idi0t bezeichnen, weil er die Bedeutung des Webs marginalisiert. Er kommt halt aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der noch angepackt wurde, statt getippt und hoch-/runtergeladen.

    Einer Zeit, in der Mann dem anderen noch seine Meinung ins Gesicht sagte, statt Shitstorms über Webdienste zu verfassen oder auf andere, billige Weise Aufmerksamkeit erheischen und zum “Star” mutieren kann (zB. YT).

    Ich kann ihn gut verstehen, der Mann sollte als Vorbild dienen. Vielleicht hat er einfach keine Zeit, sich mit dem pösen Internetz zu beschäftgen. :-)

    Das weist allerdings auch darauf hin, daß eine seiner Stärken, Entwicklungen zu erkennen und sein Unternehmen danach auszurichten, einer gewissen Alterserscheinung weicht. Aber: in seinem Alter darf das so sein.

  5. anscheinend haben Sie diese Interviews nicht einmal gesehen. Herr G. hat die vollkommen überschuldete Firma übernommen, außerdem mit seinem Vorgänger über die Zukunft im Streit und in einer Zeit als die Textilindustrie in DE im sterben lag (!), die Firma auf Erfolgskurs gebracht.

    Haben Sie denn schon etwas aufgebaut?

  6. …ich find’ ihn und seine Werte vorbildlich – und ich beim besten Willen nicht konservativ oder spießig!
    Ob man ihn und seine Macken jetzt persönlich mag oder nicht spielt in meinen Augen keine Rolle – doch einen Online-Shop empfehle ich ihm auch…