Aktuelle NRW-Wahlergebnisse? Bei @popkulturjunkie


Gestern nacht gab es ein gutes Beispiel dafür, wie die Berichterstattungshoheit traditioneller journalistischer Institutionen immer weiter schwindet. Und zwar nicht mehr nur bei plötzlichen Ereignissen, wo es rein statisch betrachtet wahrscheinlicher ist, dass ein Bürger schneller als ein Journalist das Handy zücken und ein Bild um die Welt schicken kann. (zum Beispiel, wenn ein Flugzeug im Hudson River notlandet). Sondern selbst dann, wenn es sich um ein Ereignis handelt, dessen Eintreffen und Bedeutung Monate im Voraus bekannt war und von dem man erwartet, dass sich eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalten generalstabsmäßig darauf vorbereitet. Zum Beispiel die gestrigen Landtagswahlen in NRW.

Es ist nicht so recht nachvollziehbar, dass das ZDF auf seiner Internetseite heute.de dem tatsächlichen Stand der Hochrechnungen um Stunden hinterhinkte. Doch genauso war es. Dies ist ein Screenshot von gestern nacht um kurz nach 2 Uhr:

heutede-screenshot

Zu diesem Zeitpunkt lag die SPD schon längst nicht mehr knapp vor der CDU. Und tatsächlich war das auch schon um 23.46 Uhr nicht mehr der Fall. Die Hochrechnung war also nicht bloß veraltet, sondern von vornherein falsch. Das hätte das ZDF eigentlich bemerken müssen, denn die bis dahin ausgezählten Wahlkreise ließen eine solche Hochrechnung schon vor Mitternacht nicht mehr zu.

Aufgefallen ist das dem Twitterer @popkulturjunkie, der eigene Zahlen sammelte und veröffentlichte. Natürlich stellt sich dabei die Frage, warum ein einzelner Twitternutzer glaubwürdiger sein sollte als eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt. Doch hier kommt der Reputationsfaktor im sozialen Netz ins Spiel. Hinter @popkulturjunkie steckt der Düsseldorfer Journalist Jens Schröder. Er ist nicht nur politisch interessiert, sondern hat auch ein Faible für Statistiken. Er pflegt beim Branchendienst meedia die Quoten- und Auflagenrankings und betreibt seit drei Jahren die Deutschen Blogcharts. Blogger und seine über 3000 Twitter-Follower wissen, dass man Schröders Zahlenwerken trauen kann.

Jens Schröder twitterte gestern abend und nacht fortlaufend selbst aktuelle Hochrechnungen aus seiner selbstgepflegten Excel-Liste, wobei er auf die jeweils neusten amtlichen Zahlen der Landeswahlleiterin zurückgriff:

popkulturjunkie1popkulturjunkie2

Als das vorläufige amtliche Endergebnis noch nicht bekanntgegegeben wurde, weil die Kölner Stimmbezirke noch fehlten, besorgte sich Jens Schröder die Zahlen vom amtlichen Portal der Stadt Köln und veröffentlichte gegen 1 Uhr in der Früh ein eigenes “amtliches” Endergebnis, das bis auf die zweiten Stellen hinter dem Komma bemerkenswert richtig war:

wahleergebnis

Die Leistungen von Jens Schröder blieben natürlich nicht unbemerkt. Hier eine typische Reaktion bei Twitter:

homofaber-tweet

Es bleibt die interessante Frage, warum das ZDF mit seinem gesamten Apparat, seinen direkten Drähten nach Düsseldorf und wesentlich mehr Rechenleistung nicht schaffte, was ein einzelner Journalist mit Bordmitteln und Engagement hinbekam: Zuverlässig und auf dem aktuellen Stand berichten. Natürlich habe ich heute morgen auch beim ZDF nachgefragt, warum die heute.de Webseite gestern nacht so inaktuell und inakkurat war. Man hat mir eine Antwort versprochen, die ich hier nachreichen werde, sobald ich sie habe.

Update von Montag, 17:20 Uhr:

Soeben hat die ZDF-Pressestelle per Email auf meine Anfrage von heute morgen geantwortet:

Die Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim erstellt seit langem Umfragen, Prognosen und Hochrechungen für das ZDF, und das stets mit hoher Präzision. Auch am Wahlabend in NRW am 9.5. war die durchschnittliche Fehlerabweichung des um 18 Uhr prognostizierten Ergebnisses vom amtlich festgestellten Wahlergebnis nach Mitternacht sehr gering. Sie betrug durchschnittlich 0,3 Prozentpunkte (ARD 0,27). Die Abweichungen von -0,6 beim Wert für die CDU und 0,5 für die SPD liegen im statistischen Rahmen, waren aber wegen der durchweg sehr knappen Stimmverhältnisse auffälliger als sonst. Wie anspruchsvoll die Aufgabe für die Demoskopen bei dieser Wahl war, verrät schon die Tatsache, daß der Abstand zwischen CDU und SPD im größten Bundesland Deutschlands diesmal nur rund 6000 Stimmen beträgt. Die letzte Hochrechnung der Forschungsgruppe Wahlen wurde online 23.46 präsentiert. Das Endergebnis kam nach 02.00 Uhr und wurde entsprechend online gestellt.

Mein Fazit bleibt: Weil Jens Schröder Eigeninitiative ergriff und selbst Zahlen zusammenrechnete, anstatt sich auf die Autorität Forschungsgruppe Wahlen zu verlassen, bot er im Netz gestern nacht den besseren Service – wie übrigens auch wahlrecht.de (s. Kommentar von Till).

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30 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe gestern morgen dann auch gestaunt, als ich in der Printausgabe des Darmstädter Echo die SPD mit 34,6 Prozentpunkten vor der CDU mit 34,5 Prozent vor mir sah, mit Quellenangabe: Forschungsgruppe Wahlen/ZDF.

  2. Was für ein Unsinn! Man verläßt sich also auf Hochrechnungen und Prognosen, OBWOHL es schon konkrete Zahlen gibt? Das ist nicht zu entschuldigen. Bei der letzten Landtagswahl in Hamburg habe ich auch immer die Seite der Landeswahlleitung offen gehabt und gelegentlich aktualisiert. Solche simplen Tätigkeiten kann man jedem Praktikanten anvertrauen (und selbst der ist unterfordert). Copy&Paste der Daten in eine vorbereitete Tabelle, eine Grafik daraus machen und fertig. Hirnaufwand nahezu Null, aber dennoch hochaktuell. Da interessiert es mich eigentlich herzlich wenig, wie gut die Daten geschätzt wurden. Ich verlasse mich da lieber auf Fakten. Und für sowas soll man GEZ zahlen… ein weiterer Grund zum Schwarzsehen…wenn man sich mit diesem Medium überhaupt noch abgeben möchte.

    ZAF

  3. Pingback: Lesenswerte Artikel 11. Mai 2010

  4. gibt ja auch nix wichtigeres auf der welt, als die frage, ob man wahlergebnisse ein paar minuten früher oder später hat… kopfschüttel

  5. “Um Zahlen, die im Internet stehen zusammenzurechnen, braucht man keine “hochmotivierten Spezialisten””

    Das vielleicht nicht. Dennoch halte ich Jens Schröder für einen solchen ;)

    “Zusammen mit den Prognosedaten, hätte man dann viel früher akurate Daten und könnte auch sehr sichere Einschätzungen über einzelne Fragen abgeben”

    Zumindest zeigt der Fall, dass es schneller ginge, wenn man wollte.

  6. Die Pressemitteilung macht klar: Das ZDF hat das Problem immer noch nicht kapiert. Mit der üblichen Hochrechnungsmethode ist man nach drei, vier Stunden durch und mit seinem Latein am Ende – und hat immer noch eine Schwankungsbreite von ein paar Zehntelprozent. Bei engen Wahlergebnissen, das hat man schon mehrmals erlebt, kann da noch alles völlig offen sein. Und dann ist Funkstille in der bis dahin hyperventilierenden Wahlberichterstattung. Dabei könnte man bis zur Verkündung des vorl. amtl. Endergebnisses durchaus noch einiges anstellen. Zum Beispiel die Stichprobe vergessen und mit der im Internet bekanntgemachten, immer weiter anwachsenden Summe der Einzelergebnisse arbeiten. Und so hat es Schröder ja wohl auch gemacht. Die Sender als Ganzes sind zu doof für eine kleine Rechenaktion, zu der Hunderte ihrer Mitarbeiter aus dem Stand in der Lage wären. Von der Fälschungsgruppe Wahlen mal ganz abgesehen…

  7. Die Fernsehsendung selbst war ja auch kein Genuss. Ein vollkommen zerstreuter, sich beim Tabellen ablesen laufend versprechender Theo Koll war schon ein sehr starker Abschaltimpuls.

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