Aktuelle NRW-Wahlergebnisse? Bei @popkulturjunkie

10. Mai 2010 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Journalismus, Neu, Twitter


Gestern nacht gab es ein gutes Beispiel dafür, wie die Berichterstattungshoheit traditioneller journalistischer Institutionen immer weiter schwindet. Und zwar nicht mehr nur bei plötzlichen Ereignissen, wo es rein statisch betrachtet wahrscheinlicher ist, dass ein Bürger schneller als ein Journalist das Handy zücken und ein Bild um die Welt schicken kann. (zum Beispiel, wenn ein Flugzeug im Hudson River notlandet). Sondern selbst dann, wenn es sich um ein Ereignis handelt, dessen Eintreffen und Bedeutung Monate im Voraus bekannt war und von dem man erwartet, dass sich eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalten generalstabsmäßig darauf vorbereitet. Zum Beispiel die gestrigen Landtagswahlen in NRW.

Es ist nicht so recht nachvollziehbar, dass das ZDF auf seiner Internetseite heute.de dem tatsächlichen Stand der Hochrechnungen um Stunden hinterhinkte. Doch genauso war es. Dies ist ein Screenshot von gestern nacht um kurz nach 2 Uhr:

heutede-screenshot

Zu diesem Zeitpunkt lag die SPD schon längst nicht mehr knapp vor der CDU. Und tatsächlich war das auch schon um 23.46 Uhr nicht mehr der Fall. Die Hochrechnung war also nicht bloß veraltet, sondern von vornherein falsch. Das hätte das ZDF eigentlich bemerken müssen, denn die bis dahin ausgezählten Wahlkreise ließen eine solche Hochrechnung schon vor Mitternacht nicht mehr zu.

Aufgefallen ist das dem Twitterer @popkulturjunkie, der eigene Zahlen sammelte und veröffentlichte. Natürlich stellt sich dabei die Frage, warum ein einzelner Twitternutzer glaubwürdiger sein sollte als eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt. Doch hier kommt der Reputationsfaktor im sozialen Netz ins Spiel. Hinter @popkulturjunkie steckt der Düsseldorfer Journalist Jens Schröder. Er ist nicht nur politisch interessiert, sondern hat auch ein Faible für Statistiken. Er pflegt beim Branchendienst meedia die Quoten- und Auflagenrankings und betreibt seit drei Jahren die Deutschen Blogcharts. Blogger und seine über 3000 Twitter-Follower wissen, dass man Schröders Zahlenwerken trauen kann.

Jens Schröder twitterte gestern abend und nacht fortlaufend selbst aktuelle Hochrechnungen aus seiner selbstgepflegten Excel-Liste, wobei er auf die jeweils neusten amtlichen Zahlen der Landeswahlleiterin zurückgriff:

popkulturjunkie1popkulturjunkie2

Als das vorläufige amtliche Endergebnis noch nicht bekanntgegegeben wurde, weil die Kölner Stimmbezirke noch fehlten, besorgte sich Jens Schröder die Zahlen vom amtlichen Portal der Stadt Köln und veröffentlichte gegen 1 Uhr in der Früh ein eigenes “amtliches” Endergebnis, das bis auf die zweiten Stellen hinter dem Komma bemerkenswert richtig war:

wahleergebnis

Die Leistungen von Jens Schröder blieben natürlich nicht unbemerkt. Hier eine typische Reaktion bei Twitter:

homofaber-tweet

Es bleibt die interessante Frage, warum das ZDF mit seinem gesamten Apparat, seinen direkten Drähten nach Düsseldorf und wesentlich mehr Rechenleistung nicht schaffte, was ein einzelner Journalist mit Bordmitteln und Engagement hinbekam: Zuverlässig und auf dem aktuellen Stand berichten. Natürlich habe ich heute morgen auch beim ZDF nachgefragt, warum die heute.de Webseite gestern nacht so inaktuell und inakkurat war. Man hat mir eine Antwort versprochen, die ich hier nachreichen werde, sobald ich sie habe.

Update von Montag, 17:20 Uhr:

Soeben hat die ZDF-Pressestelle per Email auf meine Anfrage von heute morgen geantwortet:

Die Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim erstellt seit langem Umfragen, Prognosen und Hochrechungen für das ZDF, und das stets mit hoher Präzision. Auch am Wahlabend in NRW am 9.5. war die durchschnittliche Fehlerabweichung des um 18 Uhr prognostizierten Ergebnisses vom amtlich festgestellten Wahlergebnis nach Mitternacht sehr gering. Sie betrug durchschnittlich 0,3 Prozentpunkte (ARD 0,27). Die Abweichungen von -0,6 beim Wert für die CDU und 0,5 für die SPD liegen im statistischen Rahmen, waren aber wegen der durchweg sehr knappen Stimmverhältnisse auffälliger als sonst. Wie anspruchsvoll die Aufgabe für die Demoskopen bei dieser Wahl war, verrät schon die Tatsache, daß der Abstand zwischen CDU und SPD im größten Bundesland Deutschlands diesmal nur rund 6000 Stimmen beträgt. Die letzte Hochrechnung der Forschungsgruppe Wahlen wurde online 23.46 präsentiert. Das Endergebnis kam nach 02.00 Uhr und wurde entsprechend online gestellt.

Mein Fazit bleibt: Weil Jens Schröder Eigeninitiative ergriff und selbst Zahlen zusammenrechnete, anstatt sich auf die Autorität Forschungsgruppe Wahlen zu verlassen, bot er im Netz gestern nacht den besseren Service – wie übrigens auch wahlrecht.de (s. Kommentar von Till).

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  • http://opalkatze.wordpress.com/ vera

    Hab’s auch verfolgt, zunächst mit Vergnügen, dann mit zunehmendem Kopfschütteln – über das ZDF. Schade, daß die meisten Twitterati schon geschlafen haben.

  • http://blog.till-westermayer.de Till

    Ja, stimmt – allerdings muss ich doch auch auf wahlrecht.de hinweisen, die ebenfalls sehr viel schneller als ARD, ZDF oder gar die Landeswahlleiterin darüber berichtet haben (u.a. auf dem Twitter-Account @wahlrecht_de ), wie das Endergebnis aussehen wird. Und die These, dass das Netz neue Institutionen schafft, damit klar bestätigen.

  • Ulrike Langer

    @ vera
    Für die Uhrzeit war ja noch überraschend viel los bei Twitter. Und für den Rest gibt’s ja diesen Beitrag ;-)

    @Till
    Guter Hinweis, danke für die Ergänzung.

  • Kai

    Ich sag’s mal so: Ja, @popkulturjunkie war schneller. Aber ich brauch es gar nicht so genau. Die Regierungsbildung dauert. Wochen, da kann das vorläufige amtliche Endergebnis auch ein paar Stunden auf sich warten lassen.

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  • Pabl0

    Auf die eigentlichen Fakten (die meisten Endergebnisse standen bereits offen im Netz, als noch stundenlang eine uralte – und falsche – Hochrechnung auf heute.de zu lesen war) geht die Pressestelle des ZDF leider nicht ein, sondern liefert nur standardisierte Textbausteine. Schade. Chance vertan.

  • splendid

    @kai es geht ja auch nicht unbedingt um nen paar zehntelprozent beim wahlergebnis ne stunde früher sondern eher um das potential was in den netzmedien steckt. währen dass die strahlungswerte einer radioaktiven falloutwolke über deutschland gewesen hätt ichs schon gerne ne stunde vorher gewußt, auch im fernsehen ;-)

  • http://tvundso.com Thomas Television

    Ich glaube, wenn man einen hochmotivierten Spezialisten wie den guten Jens Schröder etwa und eine Institution wie das ZDF gegenüberstellt wird es in allen anderen vorstellbaren Lebensbereichen auch so sein, dass der eine Spezi aus dem Internet schneller und besser war.

    Von mir aus muss das aber nicht der Maßstab sein, andem sich solche institutionalisierten Prozesse messen lassen müssen.

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  • Tim

    Der Punkt ist doch, dass es für hochmotivierte Spezialisten möglich ist, selber seriöse Prognosen zu erstellen. Bis vor wenigen Jahren, als die Ergebnisse der Wahlkreise nicht zeitnah ins Internet gestellt worden sind, wurde die Verkündung der Ergebnisse und die Hochrechung in den Medien wie eine Raketenwissenschaft behandelt und entsprechend mit Mythos aufgeladen. Das ZDF leistet sich mit der “Forschungsgruppe Wahlen” sogar ein eigenes Institut. Die Wahlprognose ist für die Meinungsforschungsinstitute sowas wie die Kür, ein Benchmark, der die Reputation und damit auch den Geschäftserfolg beeinflusst. Das ist eine Symbiose. Das Covering in den Medien ist Marketing und Werbung für die Institute, die Medien wiederum schmücken sich gerne mit der Aura der Wissenschaft der politischen Meinungsforschung. Nun kommt jemand und nutzt alternative Kanäle wie twitter oder blogs, um denen ins Handwerk zu pfuschen und zeigt, dass die auch nur mit Wasser kochen – was Leuten vom Fach bekannt ist.

    Die Kanäle sind da: Twitter, blogs, Internstreams. Das Handwerkszeug ist da: Kalkulations- und Statistikprogramme, Grafikprogramme, um z.B. schicke animierte Grafiken mit den Wahlergebnissen und -prognosen zu erstellen. Das Wissen ist da: Sozialwissenschaftler, Statistiker, Coder, Grafiker. Noch wird das nicht genutzt. Die Aktion des popkulturjunkies war die Leistung eines motivierten Einzelkämpfers. Aber auch an Blogs wie “Wir in NRW” hat man beim Wahlkampf gesehen, dass die Medien begründete Angst haben müssen, ihre Deutungshoheit und Einflussmacht zu verlieren. Wie schreiben das jahr 2010. Wer hätte denn vor 10 Jahren an sowas gedacht – und wie wird es erst in 10 Jahren aussehen?

  • Tim

    Nachtrag: Selbst die für die 18:00 Uhr Prognose nötige Befragung der Wähler in ausgewählten Stimmbezirken, wenn sie aus dem Wahllokal kommen, könnte man mit ein wenig Aufwand organisieren. Dank Social Media und Internet. Fehlen nur noch die Live-Statements der Spitzenpolitiker für einen alternativen Wahlkanal, auf die man aber getrost verzichten kann.

    Solche alternativen Angebote sind aufwändig, keine Frage. Aber für Events, wie Wahlen oder herausragende Sportveranstaltungen könnte das Zukunft haben.

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  • Alex

    Noch eine kleine Anmerkung zur Qualität dieser Wahlsendung im ZDF:
    Zumindest bis 20:30 war die Quellenangabe bei den Hochrechnungen falsch. Den ganzen Abend stand klein am rechten Bildschrimrand: “Forschunsgruppe Wahlen”. Der Fehler ist zwar sehr menschlich, bei einem solchen Medienereignis darf das aber aus meiner Sicht nicht passieren!

  • Pingback: Das ZDF verliert die Wahl - Igel-Blog

  • FG

    Interessanter als dieser Beweis der Fleißarbeit ist die Frage ab wieviel Uhr ungefähr die Prognose des Junkies sich einigermaßen an das tatsächliche Endergebnis angenähert haben. Das primäre Ziel der Demoskopen in ZDF und ARD ist nicht um Mitternacht eine Hochrechnung zu präsentieren, die auf die zweite Nachkommastelle dem Endergebnis entspricht sondern schon früher, so gegen 19 Uhr eine, die dem Endergebnis möglichst nahe kommt. (Ob ich das brauche ist eine andere Frage.) Zu dem Zeitpunkt hat man noch nicht viele amtliche Ergebnisse und ob der Popkulturjunkie zu dem Zeitpunkt besser ist als ARD und ZDF wage ich zu bezweifeln (ich ziehe allerdings meinen Hut, wenn er es doch geschafft haben sollte),

  • abc

    @Thomas Television: Um Zahlen, die im Internet stehen zusammenzurechnen, braucht man keine “hochmotivierten Spezialisten”; davon abgesehen, dass bei der Forschungsgruppe Wahlen hoffentlich Spezialisten arbeiten, aber keine Ahnung, ob die hochmotiviert sind. Wenn man sagen wir mal gegen 23 Uhr, die Seite der Landeswahlleiterin angeschaut hätte, und dann die noch fehlenden Ergebnisse auf den Seiten der Städte nachrecherchiert, was mit dem Personal, was der Forschungsgruppe Wahlen zur Verfügung steht mit Sicherheit überhaupt kein Problem ist, hätte man um kurz nach 11 vermutlich eine Ergebnis von ungefähr 98% aller Wahlbezirke gehabt und hätte außerdem noch ganz genau sagen, wie sicher es ist, dass sich – bsw. an der Tatsache, wer die stärkste Partei ist – noch etwas ändert. Zusammen mit den Daten aus der Nachwahlbefragung, die zur Verfügung stehen, bekommt man natürlich noch bessere Ergebnisse.
    Vermutlich hätte die Forschungsgruppe Wahlen sogar genug Personal zur Verfügung um ab 18 Uhr direkt die Ergebnisse aller Wahlbezirke zu beobachten wenn sie veröffentlicht werden und direkt einzupflegen. Zusammen mit den Prognosedaten, hätte man dann viel früher akurate Daten und könnte auch sehr sichere Einschätzungen über einzelne Fragen abgeben,