“Eine neue soziale Bewegung” – Interview mit Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos

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Cynthia Typaldos aus Mountain View, Kalifornien (bekannt als Stammsitz von Google), ist die Frau hinter Kachingle. So heißt eines von zwei freiwilligen Mikrobezahlsystemen, deren Embleme man in letzter Zeit immer häufiger auf Blogs und weiteren Webseiten sieht (das andere heißt flattr). Mittlerweile machen fast 160 Webseiten mit, davon rund ein Drittel aus Deutschland. Auch dieses Blog hat einen Kachingle-Button. Wer darauf klickt, kann dem Kachingle-Netzwerk beitreten und über ein Paypal-Konto künftig beliebig viele teilnehmende Webseitenbetreiber unterstützen. Dabei wird ein Fixbetrag von fünf Dollar monatlich auf die Webseiten verteilt, die man unterstützen möchte. Ganz simpel also. Warum Kachingle den Nutzern lieber ganz wenige als ganz viele Wahlmöglichkeiten bietet, ob freiwillige Micropayments (Crowdfunding) auch Teil einer neuen Finanzierungsstruktur von Verlagen sein können, was Kachingle tun wird um bekannter zu werden, warum Spenden Ausdruck der Persönlichkeit sind, und ob Mikropayments für favorisierte Webinhalte eine neue soziale Bewegung werden können – darüber habe ich mit Cynthia Typaldos ein Skype-Interview geführt. Dies ist die deutsche Abschrift. (Click here to read the English version).

Was bedeutet das Wort Kachingle?

Cynthia Typaldos: Das habe ich erfunden. Es ist eine Kombination des Wortes “kaching” – das Geräusch der alten Registrierkassen – und “jingle” – dem Klimpern von Münzen. Ich weiß nicht, wie das Wort auf deutsch klingt, aber auf englisch klingt es sehr niedlich.

Warum haben Sie Kachingle gestartet?

Die Grundidee hatte ich schon 2003. Meine beste Freundin Laura in Argentinien hatte einen Gehirntumor. Ihr Englisch war nicht besonders gut, deshalb bat sie mich im Internet Fakten und Therapien zu ihrer Krankheit zu recherchieren. Ich habe überall im Netz Informationen gesammelt und ein Dossier für sie zusammengestellt. Als ich damit fertig war, wollte ich die Webseiten nochmal aufsuchen und 100 Dollar zur Belohnung auf die diversen Seiten verteilen. Aber ich konnte nicht mehr feststellen, wo ich überall gewesen war. Es war mir egal, ob es nicht-kommerzielle Organisationen waren oder Blogs oder Foren. Ich wollte nur sicherstellen, dass es diese Webseiten auch noch für die nächsten Suchenden geben würde. 2004 und 2005 habe ich dann ernsthaft an dem Projekt eines freiwilligen Mikrobezahlsystems gearbeitet, ein Konzept entworfen und mich mit diversen Leuten getroffen. Und dann habe ich es erst einmal zurückgestellt, weil ich merkte, dass die Zeit noch nicht reif war. Erst ab 2007 habe ich das Projekt weiterentwickelt (mehr zur Geschichte von Kachingle erzählt C. T. in diesem Video).

Was hat damals noch gefehlt?

Eine Menge. Vor allem gibt es inzwischen soziale Netzwerke. Die Macht von Netzwerken mit Menschen, die sich darüber austauschen wollen, wer sie sind und was sie tun. Kachingle ist nicht als Portal gedacht, sondern soll sich mit sozialen Netzwerken verzahnen. Wir arbeiten an einer Twitter-Applikation, über die man Statusmeldungen absetzen kann, wen man unterstützt. Und wir planen eine Facebook Schnittstelle, weil die Nutzer dort ihren Freunden mitteilen wollen, welche Webseiten sie unterstützen. Dort bauen sie ihr Image auf mit allem, was sie im Internet mögen.

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Bedeutet das, dass man bald auch Twitter oder Facebook Profile mit Kachingle unterstützen kann?

Möglicherweise. Wir prüfen das. Aber wir sind vor allem nutzerzentriert. Jedes Mal, wenn wir uns für eine neue Kachingle-Option entscheiden, geschieht das aus der Nutzerperspektive, nicht aus der Anbieterperspektive. Die Nutzer sollen ihr individuelles Unterstützer-Profil entwickeln können. Das bedingt, dass die unterstützten Webseiten einen Namen haben. Es können nicht einfach nur überall im Netz verteilte Fragmente sein. Aber wir geben den Nutzern die Wahl: Sie können öffentliche Profile entwickeln oder völlig anonym bleiben.

Wie können Unterstützer sicher sein, dass ihr Geld an den richtigen Stellen landet?

Wir sind völlig transparent. Wir zeigen, wohin die Geldströme fließen. Weil wir Vermittler zwischen zwei Parteien sind, müssen wir den Verbleib von jedem einzelnen Cent nachweisen. Ich nenne das „crowdsourced auditing“, ein an den Schwarm ausgelagertes Controlling. Sowohl die Unterstützer als auch die Seitenanbieter können sehen, wieviel Geld fließt, und die Rechnungen von beiden Seiten müssen natürlich übereinstimmen. Es gibt überhaupt keine Möglichkeit, dass Kachingle die Gelder nicht fair verteilt. Das halten wir für sehr wichtig. Wir wollen zwar Vertrauen aufbauen, aber Sie müssen uns nicht vertrauen, Sie können die Zahlungsströme auch selbst nachprüfen.

Überproportional viele Early Adopter bei Kachingle sind deutsche Blogger, obwohl Blogs hier gar nicht solch eine hohe Relevanz haben wie in der amerikanischen oder auch französischen Medienlandschaft. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Eigentlich wollte ich Sie das fragen.

Ich weiß die Antwort auch nicht. Ich kenne aber viele der Blogger, die Kachingle bereits beigetreten sind. Sie sagen alle, dass sie die Idee eines freiwilligen Mikrobezahlsystems gut finden und die Idee unterstützen wollen. Das erklärt aber nicht, warum viel mehr deutsche als französische Blogger so denken.

Darüber spekulieren wir ebenfalls. Unser Kernteam besteht aus sechs Leuten. Zwei sind Amerikaner, drei sind Deutsche, einer ist Franzose. Ich glaube allmählich, das ist kein Zufall. Kachingle hat irgendetwas, auf das Deutsche besonders ansprechen, so dass sie möglichst früh dabei sein wollen. Es scheint den Wunsch zu geben, etwas an die digitale Gemeinschaft zurück zu geben und eine digitale Tragik der Allmende vermeiden zu wollen. Wenn jeder bloß nimmt und keiner gibt, dann werden eine Menge guter Dinge verschwinden.

Die deutschen Zeitungsverleger argumentieren, die „Kostenloskultur“ sei ein Geburtsfehler des Internet. Sie bereuen, dass sie nicht von vornherein verpflichtende Bezahlschranken errichtet haben, weil es nun bereits zu spät dafür sein könnte.

Die Verlage jammern und klagen. Ich aber sehr froh, dass wir vorwaerts.de gewonnen haben. Es ist unsere größte Webseite und ich freue mich, dass sie die Vorreiterrolle unter den Zeitungswebseiten übernommen haben. Und außer den deutschen Bloggern haben wir jetzt auch schon mindestens drei oder vier deutsche Reiseportale. Und wir haben gerade eine Schweizer Trainspotting-Seite dazu bekommen. Blogger werden immer die Early Adopter sein, aber die Portale sind ebenfalls sehr wichtig, weil sie die Idee freiwilliger Vergütung über Kleinbeträge in den Massenmarkt hineintragen können, wo man nicht unbedingt Blogs liest.

Wäre es nicht auch wichtig, die Unterstützung einflussreicher amerikanischer Medienblogs zu bekommen, damit Kachingle richtig abheben kann?

Außerhalb des engen Einflussbereichs von Medienblogs müssen vor allem die ganz normalen Konsumenten von der Idee überzeugt werden. Wir konzentrieren uns momentan sehr darauf, die Zahl der teilnehmenden Inhalteanbieter zu erhöhen, weil wir glauben, dass wir vor allem so mehr Nutzer anziehen. Nutzer wollen eine große Auswahl an Webseiten sehen, die sie kachingeln können. Momentan thematisieren die Early Adopter noch sehr stark Kachingle, sie berichten über uns und ermutigen ihre Freunde und Kontakte mitzumachen. Es ist aber sehr typisch für neue Webanbieter in einer Nische zu starten. Facebook hat als reines College-Netzwerk angefangen. Wir stellen fest, dass unsere erste Nische offenbar der deutsche Markt ist. Wir nehmen das sehr ernst. Ab sofort gibt es das Kachingle Medailon auch auf deutsch und wir werden künftig noch weitere Optionen speziell für den deutschen Markt anbieten.

Warum kann man bei Kachingle nicht so wie bei flattr einzelne Beiträge unterstützen?

Das hängt alleine davon ab, wo man das Medaillon platziert. Große Webseiten oder Mehrautorenblogs können beliebig viele Medaillons haben. Vorwaerts.de wird viele Kachingle-Medaillons einbauen. Das Blog Carta könnte jedem Autor sein eigenes Medaillon zuweisen. Aber ich wiederhole: Kachingle ist aus der Nutzerperspektive konzipiert. Wenn eine Webseite mit einer Stimme spricht, dann macht es auch Sinn, dass man die Webseite insgesamt unterstützt. Wenn es dort viele Stimmen und Meinungen gibt und die Nutzer sie als verschieden wahrnehmen, kann man sinnvollerweise auch mehrere Medaillons einbauen.

Kachingle-mashup

Also kann man theoretisch auch einzelne Beiträge kachingeln, wenn der Anbieter das möchte?

Technisch würde das funktionieren, aber das ist nicht nutzerzentrisch gedacht. Die Nutzer können so keine richtige Unterstützer-Reputation aufbauen. Ein weiterer Aspekt: Ich habe absichtlich ein System entwickelt, dass für den ganz normalen Webnutzer verständlich ist und keine komplizierten Entscheidungen voraussetzt. Deshalb ist es so einfach sich einzutragen und deshalb kann man auch nur fünf Dollar monatlich und keine alternativen Beträge bereitstellen. Wenn man den Leuten die Wahl lässt, dann fangen sie an zu grübeln, wie viel sie denn spenden sollten und fühlen sich vielleicht überfordert. Das ist das bekannte „Paradox of Choice“ Phänomen.

Viele Blogleser klicken gar nicht auf die Webseiten, sondern lesen die Blogfeeds in ihrem Feedleser. Wird es auch Kachingle für Feeds geben?

Absolut. Wir sind von Bloggern schon darum gebeten worden. Bei solchen Weiterentwicklungen lassen wir uns vom Markt leiten. Das erste, was wir laut und deutlich vernommen haben, sind die erwünschten Verbesserungen für den deutschen Markt. Das betrifft nicht nur die Sprachoption, sondern auch Paypal.

Wie wollen Sie deutsche Bedenken gegen Paypal ausräumen?

Wir reden mit Paypal. Wir glauben, dass diese Plattform großartig für die Zukunft von Mikrobezahldiensten ist. Aber sie ist noch nicht weit genug entwickelt. Es ist zum Beispiel nicht einsichtig, dass wir sowohl für eingehende als auch auch für ausgezahlte Beträge eine Gebühr an Paypal zahlen müssen. Insgesamt sind das 11 Prozent. Das ist zuviel und Paypal sieht das auch ein. Wir werden die Gebühr bald senken können. Wir helfen Paypal auch, den deutschen Markt zu verstehen, zum Beispiel, dass die meisten Deutschen online am liebsten per Überweisung bezahlen. Deutschland ist sein zweitgrößter Markt, deshalb ist das Land für den Dienst und seinen Eigentümer Ebay so wichtig. Paypal ist sehr daran interessiert mit uns zu kooperieren, weil sie uns als Vorreiter für sehen für eine Bewegung, die wir „soziale Cents für digitale Inhalte“ nennen. Sie glauben, dass dieser Markt richtig groß wird.

kachingle-system

Kann Crowdfunding – Mikrobezahlströme aus dem Schwarm – dazu beitragen, sterbende Zeitungen zu retten?

Wir hoffen, dass Crowdfunding einen bedeutenden Teil dazu beiträgt. Manche Zeitungswebseiten sind sehr groß, und das ist für uns natürlich sehr attraktiv, weil es nur einen kleinen Teil der Nutzer braucht, um nennenswerte Beträge zu generieren, sowohl für uns als auch für die Zeitungen. Der andere Aspekt aber ist: Es geht nicht nur ums Geld. Unser System ist sozial angelegt. Wenn Nutzer eine Unterstützer-Reputation aufbauen, dann denken sie darüber nach, worüber sie sich definieren. Ist die Tatsache, dass ich „Vorwärts“ lese, ein wichtiger Teil meiner Identität? Dann werde ich das Kachingle-Medaillon anklicken und das auch öffentlich machen. Noch ein Effekt – und wahrscheinlich auch ein Grund, warum sich Kachingle vor allem in Blogosphäre verbreitet – wenn Sie sehen, dass ein Bloggerkollege Ihr Blog kachingelt, dann werden Sie wahrscheinlich überlegen, ob Sie nicht auch sein Blog kachingeln sollten.

Dann soll also „kachingeln“ eine neue soziale Norm werden?

Wir ermutigen alle teilnehmenden Webseiten, auf ihre engagierten Nutzer zuzugehen und sie zu fragen, ob sie sich nicht bei Kachingle eintragen wollen. Viele Webseitenanbieter wissen genau, wer ihre engagierten Nutzer sind, denn die schreiben ja die ganzen Kommentare. Wenn die Nutzer sehen, dass ihresgleichen diese Webseiten unterstützt, dann werden sie das auch tun. So startet man eine soziale Norm. Das Schwierige daran ist, Leute zu finden, die den Anfang machen und eine Bewegung mitziehen können. Im Kern wissen die meisten Menschen, dass dies der richtige Weg ist, aber sie brauchen Vorbilder, denen sie folgen können. Deshalb machen wir möglichst viel öffentlich und deshalb wollen wir soziale Mechanismen wie Twitter und Facebook nutzen.

Der Medienberater Robin Meyer-Lucht, Herausgeber von Carta, hat den Begriff „Kultur der verantwortlichen Vergütung“ geprägt, als er vor einigen Monaten in „Spiegel Online“ über neue Medienfinanzierungsmodelle und Kachingle berichtete.

Ich liebe diesen Begriff. Ich habe den Artikel mit Hilfe von Google Translate gelesen, habe aber die Nuancen nicht verstanden. Ich stimme absolut zu. Es wird Zeit brauchen und es müssen sich mehr Webseiten beteiligen und vielleicht brauchen wir auch Prominente, die sagen: Hier geht‘s lang. Aber wir planen langfristig. Die Early Adopters sind jetzt erst mal diejenigen, auf die es ankommt. Crowdfunding kann eine neue Bewegung werden. Es gehört zum Wesen einer Demokratie zu zeigen, welche Anliegen man unterstützt.

Außerdem lesenswert:

Die deutschen Kachingle-Charts oder: Quo vadis, Kachingle? (Medienökonomie-Blog)

Die Zukunft von Paid Content: Hier wäre ein Ansatz. (Carta)

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