Immer und überall online – Chancen und Risiken des Echtzeitwebs (2)


Dies ist die leicht überarbeitete schriftliche Fassung eines Vortrags, den ich am 5. Juni zum Abschluss der 3. Berliner Mediensucht-Konferenz gehalten habe. Der vollständige Titel meines Vortrags hieß: “Immer und überall online – ein verheißungsvolles Leben mit Facebook, Foursquare und Co?” Ich werde den Vortrag wegen seiner Länge in drei Teilen auf diesem Blog veröffentlichen. In diesem Teil (2): Wie und ab wann manifestiert sich Mediensucht im sozialen Echtzeitnetz? Welche Strategien gibt es dagegen?

(bitte hier klicken für Teil 1: Warum das Internet kein Zukunfts- sondern ein Gegenwartsthema ist – und für manche Nutzer das Thema Nummer 1 überhaupt) und hier klicken für Teil 3: Die Zukunft des sozialen Netzes.


Wenn wir über Mediensucht sprechen, dann sind bis auf die selektiven, kritischen und distanzierten Wenignutzer eigentlich viele Webuser gefährdet. Mit anderen Worten: Eine potenzielles Risiko, dass das Internet zum alles andere überragenden Lebensbereich wird, lässt sich zwar graduell am Alter festmachen, aber nicht am Einkommen und nicht am Bildungsgrad. Es gibt allerdings verschiedene Arten, sich im Internet völlig zu verlieren. Der kontaktfreudige pubertierende Jugendliche ist als Dauergamer ebenso gefährdet wie der 40jährige zwanghafte Pornokonsument oder der 50Jährige sozial gehemmte Internetsurfer, der sein Selbstwertgefühl damit aufbessert, dass er minderjährige Mädchen in Foren und Chatrooms anspricht.

Und diese Leute wiederum sind ebenso gefährdet wie Journalisten, Webdesigner oder Programmierer, die sich aus vorwiegend professionellem Interesse intensiv im Internet bewegen. Ihre berufliche Kontakte, ihre Informationskanäle, ihre Arbeitsmittel befinden sich im Netz. Vieles davon ohne Backup in der Offlinewelt. Eine unvorhergesehene mehrstündige Internetabstinenz – zum Beispiel ein Ausfall des WLAN kurz vor dem Abgabetermin für ein Projekt – so etwas kann Herzrasen und Panikattacken auslösen. Es ist ein Gefühl, das mir nicht fremd ist.

Diese letzte Art von Netzjunkies hat es besonders schwer das eigene Verhalten radikal zu ändern. Denn die Internet Professionals, vor allem die Selbstständigen, können nicht einfach sagen: Am Wochenende bleibt der Rechner aus. Nach 20 Uhr rühre ich mein Handy nicht mehr an. Oder: Nächste Woche mache ich mal Internetdiät. Dazu müssten sie ihren Beruf wechseln.

Viele Nutzer, die Gefahr laufen, sich im Internet zu verlieren  – und dazu zähle ich auch mich selbst – sind sich ihrer zwiespältigen Lage durchaus bewusst. Sie können und wollen darüber reflektieren. Deshalb gibt es im Internet auch keinen Mangel an Ratgebern für einen bewussten Umgang mit dem Netz. Der Webunternehmer Ibrahim Evsan empfiehlt in seinem Buch „Der Fixierungscode“ (Untertitel: “Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen) beispielsweise folgende Mediendiät:

  • Drei Mal am Tag zu einer bestimmten Uhrzeit E-Mails beantworten.
  • Zwei Mal am Tag max. 30 Minuten Social Media Netzwerke nutzen.
  • Auf keinen Fall zu viel BlackBerry oder iPhone »konsumieren«. Nur 5 Minuten pro Stunde müssen reichen.
  • News-Systeme besser einrichten – Was interessiert mich tatsächlich im Moment?
  • Aussortieren: Welche Newsletter geben mir keine für mich relevanten Informationen mehr?
  • Google Alerts optimieren: Man kann Begriffe zusammenfassen. Also beispielsweise – Facebook + Mitgliederzahlen -> Wenn es mich interessiert, wie schnell Facebook groß wird (ich aber nicht ständig alle Nachrichten über Facebook erhalten will).
  • Einmal pro Woche gar keine Computertechnik in die Hand nehmen, sondern die ganze Zeit nur mit der Familie oder Freunden verbringen.

Manche Ratgeber für einen bewussten Medienkonsum haben auch einen ironischen Unterton, der oft besser ankommt als der belehrende Zeigefinger.

Hier ist ein Vorschlag des US-Magazins „Wired“, aufgebaut nach dem bekannten Muster der Ernährungspyramide. Dass hier mehr oder weniger ironisch mit den Nutzungsgewohnheiten und der Selbstreflexion einer professionellen Zielgruppe gespielt wird, erkennt man an kleinen Details.

Balance your media diet

Grundlage ist ein täglicher durchschnittlicher Medienkonsum von neun Stunden, was sich auf amerikanische Verhältnisse bezieht. Ganz unten in der breitesten Stufe der Pyramide – dort wo in der klassischen Ernährungspyramide das Obst und Gemüse empfohlen wird – da steht in dieser Medienpyramide die empfohlene Aufnahme von täglich 3,5 Stunden lineare Medien wie Fernsehen, Video und Podcasts. Das macht auch Sinn, denn von linearen Medien, die ich nur passiv konsumieren kann, aber in die ich nicht aktiv gestaltend eingreifen kann, geht für echte Online-Junkies überhaupt kein Suchtpotenzial aus. Lineare Medien und Offline-Medien lassen Online-Junkies völlig kalt.

Über die Empfehlung 2,5 Stunden Nachrichtenkonsum – fein getrennt in anderthalb Stunden für klassische Medien und eine Stunde für Blogs – geht es über den Tipp 1,25 Stunden für Social Networking und eine Dreiviertelstunde für Twitter nach oben in die Pyramidenspitze, wo das Suchtpotenzial Gaming lauert. Gaming soll auf möglichst nur eine Stunde pro Tag begrenzt werden. Eine nahezu unmögliche Herausforderung beispielsweise für ambitionierte World of Warcraft Spieler, die sich zu festen Zeiten für bestimmte zu lösende Aufgaben und zu gewinnende Schlachten im Netz verabreden. Die können nicht einfach gehen und ihre Gilde (die Gamer-Kumpel)  im Stich lassen, nur weil die Stunde ablaufen ist.

Ganz klein oben in der Spitze steht ganz eine kleine Ausnahme: Wenn mit der Wii fit gespielt wird – also mit der Spielekonsole, wo mit der bewegungssensitiven Fernbedienung Tennis oder Golf etc. gespielt wird oder wo man auf einem Balancierbrett Aerobic machen kann – wenn also Wii fit gespielt wird, dann ohne zeitliche Einschränkung. Denn das ist ja Sport, also gesund.

The hierarchy of digital distractions

Eine schöne selbstironische Form der Reflexion über Automatismen, denen vor allem professionelle Webnutzer ständig ausgesetzt sind, ist auch die Die Grafik “Hierarchie der digitalen Ablenkungen”. Ganz unten (weil am unattraktivsten und deshalb leichtesten von abzulenken) steht jegliche Art von produktiver Arbeit. Wird ständig unterbrochen zum Emails und Facebook-Status checken. Das wird wiederum unterbrochen für Kontaktanfragen bei Facebook und Co., was wiederum getoppt wird für jegliche Form von Ego-Schmeicheleien, eine neue Voicemail oder eine neue Email mit einem Link zu einem lustigen YouTube-Video. Das wiederum ist alles weniger dringlich als als eine SMS, eine Email vom oder von der Liebsten oder ein Retweet. Was wiederum alles sofort ignoriert wird, wenn das Handy klingelt oder irgendwas auf dem iPhone passiert. Das wiederum wird nur noch getoppt von einem Systemausfall eines Gadgets oder – höchste Stufe der Dringlichkeit – wenn einem der Lebenspartner beim wutentbrannten Laptop-Zuklappen die Finger einklemmt.

Wo beginnt die Social Media Sucht?

Wahrscheinlich fragt sich der auch eine oder andere von Ihnen, was denn noch als Intensivnutzung durchgeht, und wo sich eine wirkliche Sucht manifestiert. Dafür gibt es natürlich keine eindeutigen Definitionen. Erstens, weil das Phänomen Internetsucht noch relativ jung ist und zweitens, weil die Grenze zur Sucht subjektiv unterschiedlich empfunden wird.

Ein ganz guter Gradmesser ist sicherlich das Empfinden von Entzugserscheinungen, ähnlich wie beim Entzug von Substanzdrogen.

In welchen Situationen sagen Nutzer, dass sie Drang empfinden, ins Netz zu gehen, obwohl es vielleicht gerade nicht angemessen ist?

Die Retrevo Gadgetology Studie befragte dazu im Frühjahr 2010 Nutzer von Facebook und Twitter, in welchen Situationen sie ihren Status checken oder Updates schreiben.

42 Prozent der Nutzer checken oder aktualisieren ihren Status als allererstes morgens.

48 Prozent tun das sogar mitten in der Nacht oder morgens noch im Bett.

Jeder fünfte Nutzer unter 25 Jahren lässt sich im Meeting wegen Twitter oder Facebook ablenken. Jeder Zweite während einer Mahlzeit. Jeder Vierte auf dem Klo. Und mehr als jeder Zehnte sogar während des Sex. (Letzteres gaben bei den über 25-Jährigen auch noch sechs Prozent der Nutzer an.)

Feldversuch an University of Maryland: 24 Stunden ohne Gadgets und Medien

Es gab vor kurzem an der University of Maryland in Baltimore einen Feldversuch mit 200 Studenten (“24 Hours: Unplugged”). Die Studenten sollten nur 24 Stunden lang auf Internet, Fernsehen und auf ihre elektronischen Geräte wie Handys, Laptops und iPods verzichten und anschließend über ihre Erfahrungen bloggen. Um die Sache zu erschweren, sollten sie ihre Handys, iPods etc. wie sonst auch dabei haben, durften sie aber nicht benutzen. Die Versuchung war also jederzeit da. Diese Wortwolke zeigt die Begriffe, die sie in ihren anschließenden Erfahrungsberichten am häufigsten benutzten:

Typisch ist zum Beispiel dieses Zitat aus dem Aufsatz eines Studenten:

“Ich bin eindeutig süchtig und diese Abhängigkeit macht mich wahnsinnig. Ich glaube, dass viele Menschen in einer ähnlichen Situation sind, denn mit all den Handys, Laptops, Fernsehern und iPods, von denen wir ständig umgeben sind, haben wir uns in eine Medienhaut gehüllt, die wir kaum noch abstreifen können.”

Eine zweite Aussage:

„Anfangs habe ich mich richtig gut gefühlt, aber ab mittags hat sich meine Stimmung verändert. Ich bekam einige Anrufe auf dem Handy, die ich nicht annehmen durfte. Dann fühlte ich den unwiderstehlichen Drang, Emails zu beantworten, und mir fielen 1000 Gründe ein, warum ich das jetzt unbedingt tun müsste. Ich fühlte mich wie auf einer einsamen Insel und ich wurde körperlich unruhig.“

Und noch ein drittes Beispiel:

„Obwohl ich mit tausenden von Leuten in der Uni umgeben bin, war es unerträglich, nicht mit ihnen über elektronische Wege kommunizieren zu können. Ich musste abwarten, ob ich meine Freunde zufällig treffen würde und konnte den Tag nicht richtig planen.”

Insgesamt waren die Ergebnisse und die Aussagen dieser jungen Erwachsenen von 18 bis 22 Jahren frappierend. Die Forscher stellten bei vielen von ihnen Entzugserscheinungen fest.  Die Studenten, die sich dem Versuch unterzogen hatten, zeigten teilweise Suchtverhalten oder Ängstlichkeit. Sie sagen, dass sie sich ohne Zugriff auf Facebook, SMS, Mail oder Chats von ihren Freunden und ihrer Familie isoliert gefühlt hätten. Manche hatten auch Schwierigkeiten, ihre alltäglichen Aufgaben und Herausforderungen zu bewältigen.

Wesentliche Erkenntnisse aus der Studie:

  • Die Studenten benutzten Begriffe wie Sucht, Entzug und Abhängigkeit , um ihre Gefühle zu beschreiben.
  • Sie haben den Tag gehasst. In ihrer Welt bedeutet ein Tag ohne Handy oder Internet soziale Isolation.
  • Sie unterscheiden nicht zwischen etablierten und persönlichen Nachrichten.  Alles vermischt sich im persönlichen Nachrichtenstrom.
  • Junge Erwachsene beschäftigen sich ständig mit SMS und Facebook.
  • Sie könnten ohne Fernseher oder Zeitungen leben, aber nicht ohne ihren iPod.

2 Beispiele für Social Media Diäten von Web Professionals

Ich möchte Ihnen nun noch zwei Beispiele vorstellen von Web Professionals (berufliche Internet-Intensivnutzer), die an sich selbst Formen von übermäßigem Webkonsum festgestellt haben – auf Kosten ihrer Produktivität oder ihrer sozialen Beziehungen. Sie haben auf ihre persönliche Art eine vorübergehende Diät gemacht.

Stephanie Booth ist eine 36jährige Schweizerin mit britischen Wurzeln und Social Media Beraterin in Lausanne. Sie berät vor allem mittelständische Unternehmen, die im sozialen Netz den Dialog mit ihren Zielgruppen aufnehmen wollen. Sie bloggt (“Climb to the Stars”) und hat Profile u.a. bei Facebook, Twitter, Disqus, Tumblr, Identi.ca, Delicious, Flickr, YouTube, Friendfeed, Google. Ich habe hier nur einige dieser sozialen Identitäten in einer Collage zusammengestellt:

Der Arbeitsaufwand, diese Onlinepräsenzen aufrechtzuerhalten, ist enorm. Booth verfasst täglich mehrere Blogeinträge. Sie dokumentiert ihr Leben mit Fotos, Videos und Audio-Aufnahmen. Ihre tausende von Kurzeinträgen bei Twitter sind aneinandergereiht länger als die Bibel.
Stephanie Booth hat laut Schweizer “Sonntagszeitung” (Beitrag nicht mehr auffindbar) zwei Wege gefunden, um den Dauer-Online-Wahnsinn beherrschbar zu halten:

  1. Sie flieht ab und zu auf eine Hütte in die Berge. Sie nimmt einen Stapel Bücher mit, aber kein Handy. Und sie hat dort kein Internet.
  2. Sie hat sich als allein arbeitende Freiberuflerin einer Bürogemeinschaft angeschlossen. Sie arbeitet jetzt in einem sogenannten „Co-Working Space“.

Letzteres sind kurzfristige mietbare Schreibtischplätze, gerne in Lofts oder schicken Altbauräumen und sehr beliebt bei den Vertretern der modernen Arbeitsform „digitale Nomaden“. Auch die digitalen Nomaden, die für ihre Arbeit an keinen physischen Ort gebunden sind, solange sie einen Laptop und einen schnellen Internetanschluss haben, vermissen nämlich in ihrem Arbeitsalltag oft die phyische Nähe realer Kollegen, mit denen man zwischendurch mal eben einen realen Kaffee trinken oder eine reale Zigarettenpause einlegen kann.

Und dann stelle ich Ihnen noch den Österreicher Luca Hammer vor:

Luca Hammer studiert noch und zwar in Wien. Er ist gleichzeitig freier Webentwickler und ebenfalls sehr viel in sozialen Netzen unterwegs.

Er hat in diesem Frühjahr 43 Tage lang auf alle Dienste im sozialen Netz verzichtet außer auf Blogs und über seine Erfahrungen in dieser Zeit einen ausführlichen Blogbeitrag verfasst. Ihm ging es in seiner Social Media Fastenzeit vor allem darum, die Finger von den hochfrequenten Echtzeitdiensten zu lassen – also überall dort, wo er ständig mal eben seinen Status gecheckt und Kommentare gelesen und verfasst hat.

Er berichtet davon, dass er in seiner Fastenzeit ruhiger geworden sei, was auch seine Freunde bemerkt hätten. Allein schon deshalb, weil vieles, was er nicht sofort mitgeteilt habe, schon kurze Zeit später unwichtig gewesen sei oder sich von selbst erledigt habe.

Trotzdem war sein Experiment befristet.

Sein Fazit: „Ich brauche Twitter und Facebook nicht zum überleben, aber es macht mein Leben besser. Auf beruflicher und privater Ebene. Ich mag die Menschen, mit denen ich hier kommunizieren kann. Es ist ein über Jahre aufgebautes Netzwerk, mit einem hohen Wert. Es tut gut wieder da zu sein.“

Weitere Lektüretipps:

Twitter-Fasten: Ich tu’s (aber nicht für Schirrmacher und Kluge)

Über radikale Vernetzung und radikale Ehrlichkeit

Das Slow Media Manifest