Immer und überall online – Chancen und Risiken des Echtzeitwebs (3)


Dies ist die leicht überarbeitete schriftliche Fassung eines Vortrags, den ich am 5. Juni zum Abschluss der 3. Berliner Mediensucht-Konferenz gehalten habe. Der vollständige Titel meines Vortrags hieß: “Immer und überall online – ein verheißungsvolles Leben mit Facebook, Foursquare und Co?”  Dies ist der dritte und letzte Teil: Die Zukunft des sozialen Netzes.

(bitte hier klicken für Teil 1: Warum das Internet kein Zukunfts- sondern ein Gegenwartsthema ist – und für manche Nutzer das Thema Nummer 1 überhaupt) und hier klicken für Teil 2: Wie und ab wann manifestiert sich Mediensucht im sozialen Echtzeitnetz? Welche Strategien gibt es dagegen? )

Ausblick und Fazit

  • Wir werden immer und überall online sein. Wir werden uns schon in wenigen Jahren nicht mehr vorstellen zu können, wie es ist, von unseren Informationen und Netzwerken abgeschnitten zu sein. Wenn es doch mal passiert, wird es die gleichen Ärgernisse verursachen wie heute ein vorübergehender Stromausfall. Wir werden in einer Wolke von WLAN-Netzen leben.
  • Augmented Reality (AR) Anwendungen werden unsere physische Realität um eine virtuelle Realitätsebene bereichern. Die virtuelle Ebene werden wir als ebenso real empfinden, weil sie uns reale Informationen liefert. Wie solche Anwendungen, die wir ganz selbstverständlich nutzen werden, aussehen können, dazu gibt es schon heute konkrete Beispiele. Hier sind zwei aus London:

Die iPhone Applikation des Museum of London zeigt im Kamerasucher des iPhone den jeweiligen Standort als historische Stadtansicht. Dazu wurden tausende von historischen Fotos, Stichen und Gemälden eingescannt und mit Geodaten markiert. Das iPhone lässt also den Betrachter London mit den Augen eines Bewohners oder Besuchers aus früherer Zeit erleben.

Eine weitere App namens Nearest Tube zeigt im iPhone-Sucher an, wo sich die nächstgelegenen U-Bahn-Stationen befinden, welche Linien dort jeweils abfahren, wohin und wann. Eine nützlichere App kann ich mir kaum vorstellen. Solche Anwendungen werden unseren Alltag durchdringen. Denkbar ist außerdem die Ergänzung solcher Dienste um ortsbasierte soziale Funktionen – ich bekomme dann angezeigt, welcher meiner Kontakte gerade welche U-Bahn benutzt. Oder nutzergenierte Echtzeit-Meldungen zeigen mir an, welche Bahn gerade mal wieder steckengeblieben ist (ein leidiges Thema gerade in London).

  • Das Internet wird nicht mehr an spezielle Empfangsgeräte wie Laptop, iPad oder Mobiltelefon gekoppelt sein. Immer mehr Alltagsgegenstände wie Navigationsgeräte oder Fernseher werden selbständig Verbindung zum Internet aufnehmen und sich darüber aktualisieren. Das meiste davon werden wir nicht mitbekommen. „Online sein“ wird als Begriff seine Bedeutung verlieren, wenn „online sein“ gleichbedeutend ist mit „sein“.
  • Das Netz wird intuitiver werden und es wird mehr Sinne ansprechen. Einfach zu bedienende virtuelle 3D-Welten werden entstehen. Schon heute nutzen 350 Millionen Menschen weltweit virtuelle Welten – wenn auch nicht unbedingt Second Life.

Nach dem Hype vor drei Jahren ist es zwar in den Medien um Second Life sehr ruhig geworden, aber das heißt nicht, dass die Plattform tot ist. Sie hat Nischennutzer: Virtuelle 3D Pornografie und (davon getrennt!) Forschung und Bildung. Vor allem amerikanische Hochschulen nutzen Second Life für virtuelle Konferenzen, für Simulationen und für E-Learning.

  • Für den größten Teil unserer Interaktionen mit dem Netz werden wir keine Tastatur mehr benötigen. Wir werden Webseiten und Gegenstände auf dem Touchscreen berühren und wir werden mit Eingabegeräten ganz normal reden – egal, ob auf dem Schirm eine reale Person zu sehen ist oder ob ein Computerprogramm unsere gesprochenen Worte sofort in Text umwandelt. Das wird einerseits den Zugang für jene Bevölkerungsgruppen erleichtern, denen Computer und Internet immer noch zu technisch sind, und die deshalb bislang dort nur das Nötigste erledigen oder sich ganz fernhalten. Anderseits wird diese Entwicklung dazu führen, dass digitale Verweigerer noch mehr zu Außenseitern werden.
  • Das Netz wird noch sozialer und lokaler. Schon heute ist Facebook die weltweit am meisten genutzte Internetdomain, nicht mehr Google. Unsere Netzzeit wird vor allem unsere sozialen Beziehungen abbilden und weniger unsere isolierte Suche nach Informationen. Auch diese Entwicklung hat schon begonnen – beispielsweise mit ortsbasierten Diensten wie Foursquare, Gowalla oder Google Latitude. Auch Facebook plant die Integration ortsbasierter Dienste.

Ortsbezogene Statusmeldungen meiner Freunde werden vollautomatisch auf meinem Handy auftauchen. Mein Handy meldet beispielsweise, dass ich gerade eine bestimmte Pizzeria betrete. Und schon bekomme ich eine Nachricht aus meinem Netzwerk, das heute besser nicht zu tun, weil jemand gerade vor einer halben Stunde dort war und sagt: “Das Tagesgericht schmeckt nicht und der Service ist heute schlechtgelaunt.”

  • Wir brauchen intelligente Filter und Techniken, um die Informationsdichte und Schnelligkeit zu bewältigen. Wir brauchen Strategien für einen bewussten Umgang mit dem Netz – damit es unser Leben bereichert und nicht uns auffrisst.
  • Gerade wir Deutschen diskutieren bei digitalen Entwicklungen oft sehr intensiv die potenziellen Risiken und kümmern uns weit weniger um die potenziellen Chancen – aktuell zum Beispiel bei den Datenschutzdebatten rund um Google und Facebook, die in keinem Land so heftig geführt werden wie in Deutschland. Wir sollten bei allem Gefahrenbewusstein für exzessive Mediennutzung und sorglosem Umgang mit Daten im Netz nicht aus dem Blick verlieren, dass wir in unserer Gesellschaft der sehr realen Gefahr einer immer größere werdenden digitalen Spaltung entgegensehen. Mit anderen Worten: Einige Menschen sind internetsüchtig oder suchtgefährdet – aber viel mehr sind gefährdet, weil sie die Chancen des Internets nicht nutzen (können). Bei der immer noch eher rudimentären Medienbildung in Schule, Elternhaus aber auch in der Erwachsenenbildung gehören deshalb nicht nur Fragen wie „Wie schütze ich meine persönlichen Daten?“ und „Wieviel Internetkonsum ist für mein Kind zuviel?“ beantwortet, sondern auch: Wie befähigen wir junge Menschen, das soziale Netz souverän als neue Kulturtechnik zu nutzen, um Wissen anzuzapfen, zum kollektiven Wissen beizutragen und um Informationen und Kontakte zu managen?

Zum Schluss noch eine technische Lösung für die Überforderung durch ständiges und exzessives Vernetzen und Status aktualisieren: einfach zwischendurch mal die Social Media Firewall* einschalten:

*nicht mehr verlinkbarer Aprilscherz auf einem Schweizer Internetportal.

7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  3. Liebe Ulrike,

    ein Lob – Deine Seite gehört zu meinen must-see-Seiten.

    ein Tadel – weil viele Beiträge sehr umfangreich sind, kosten sie mich viel Zeit

    Fazit: Es lohnt sich trotzdem ;-)

    Gruß Hardy

    P.S. Endlich ein neues Autorenfoto von Dir und ein gutes noch dazu

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  5. Einer gleichermaßen interessante wie nervige Zukunftsvision. Immer alles sofort anklicken zu können und zur Verfügung zu haben. Das kann Menschen nervlich auch überfordern und überanstrengen und sie gerade im Urlaub, wo sie sich erholen wollen, überlasten. Ich denke, dass ein Fundamentaleingriff wie solches Echtzeitweb auch größerer evolutionärer Anpassungen bedarf, um es dauerhaft ohne Schäden ins Alltsgsleben integrieren zu können.