Wegsehen kann auch richtig sein…vor allem bei solchen Klickstrecken

“Wegsehen kann auch richtig sein” schreibt Julia Hohenadel vom “Kölner Stadt-Anzeiger” in einem Kommentar zu einem schweren Busunglück mit einem Toten und mehreren Verletzten in Lohmar:

Was sich in Lohmar abspielte, war zutiefst beschämend: Die Zuschauer drängten sich am Rande der Tragödie wie bei einem Volksfest. Mal ganz im Ernst: Wer Rettungsfahrzeuge sehen will, der soll zum nächsten Feuerwehrfest gehen. Dort zeigen die Helfer bereitwillig ihr Können und ihre Ausrüstung. Ohne Blut.

Und nochmal zum Thema Courage: Wenn schon hunderte Einsatzkräfte vor Ort sind, dann bedeutet dieses Wort ausnahmsweise das Gegenteil: Wegsehen!

Ein Grundsatz, der die Onlineredaktion des “KStA” natürlich nicht daran hinderte, die Beulen, das Blech und den Rettungsfuhrpark aus allen Perspektiven  in einer 17-teiligen Gaffergalerie zu präsentieren:


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33 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: onlinejournalismus.de - Das Magazin zum Thema » Blog Archive » Fotostrecken von der Hinrichtung

  2. Die Fotostrecke ist doch hochanständig. Keine “brutalen” Bilder, stattdessen eine Einsatzdoku, die fotografisch nicht besonders professionell, aber völlig harmlos und auch ohne Bildunterschriften durchaus informativ (nicht voyeuristisch) ist. Da kommt von Pressestellen, egal ob Feuerwehr oder Polizei, mancherorts regelmäßig viel, viel Übleres “mit der freundlichen Bitte um Veröffentlichung” reingeflattert. (Ich sage ausdrücklich nicht, dass das ok ist. Ich stelle nur fest, dass es so ist).

    Grundsätzlich sollten alle (Fotografen/Redakteure/etc.), die an der Produktion beteiligt sind, sich in diesen Fällen immer genau überlegen, was sie tun und ihre Einzelfallentscheidung nicht von zu erwartenden Klicks abhängig machen. Klar.

    Dem KSTA Klickschinderei mit der Bildergalerie vorzuwerfen, halte ich für überhaupt nicht belegbar. 17 Fotos, kein einziges verwerflich. Muss man nicht machen. Schlimm finde ich das aber nicht, wenn man es macht.

    Das Hauptproblem mache ich für mich viel mehr auf Seiten aller(!) beteiligten Schreiber dieser Posse aus, die wie üblich mehr oder weniger Ahnung haben.

    Aufmerksamkeit erzeugt doch nicht eine 17-teilige Bildergalerie eines schweren Unfalls, sondern der bedeutungsschwangere Gaffer-Kommentar. Aufgeregte Kommentare über Eltern, die ihren Kindern den besten Platz in der ersten Reihe sichern, sind ein alter Hut und werden seit Ewigkeiten von senioresken, freien Lokalschreibern publiziert, wenn sie mal wichtig genommen werden wollen. Gaffer! Eltern mit Kinder! Diese Art der Kommentierung ist die wahre Sensationsschinderei, das Thema ist so vielschichtig, dass man es gar nicht in einem solchen Wichtig-Wichtig-Kommentar abarbeiten kann. Nein, damit kann man einzig Aufmerksamkeit erregen, und den meisten, die solche Kommentare schreiben viel wichtiger: Zustimmung und Schulterklopfen in Strömen genießen. Wer wollte etwas gegen einen solchen Anti-Gaffer-Kommentar sagen? Da kann der KSTA 100 Bilder in die Galerie packen, so viele Klicks und so viel Zustimmung (“genau, böse Eltern, das musste mal gesagt werden. unglaublich. gut, dass wir kritische journalisten haben, die das mal was unternehmen”) wie mit diesem Kommentar kann er, kann die Autorin wahrscheinlich auch damit nicht generieren.

    Gehen wir mal davon aus, dass die Autorin (ich kann es nicht widerlegen) Recht hat und sich die Sache vor Ort exakt so dargestellt hat. Dann ist dieser Blogeintrag hier wiederum nicht zu Ende gedacht. Verantwortungslose Eltern, die mit ihren Kindern dort rumgeifern, wissen nicht, was dort vor sich geht, was ihre Kinder möglicherweise zu sehen bekommen. In der Einsatzhektik geht alles sehr schnell. Die KSTA-Fotografin (oder später die Redaktion) allerdings hat die Möglichkeit, dieses ungewünschte Foto, das ihr vielleicht ungewollt vor die Kamera gerät, auszusortieren und das online zu stellen, was sie online gestellt haben: Fahrzeuge, Hubschrauber, einen umgekippten Bus. Wo genau ist also dann der Widerspruch zwischen Galerie und Kommentar?

    Die Verwertungskette solcher (Blaulicht-)Geschichten ist immer ultimativ lang, die Aufregung (über die Gaffer, über die Fotografen, über die Redaktionen, über Gott und die Welt) so ultimativ einfach zu generieren. Aber wann schreibt mal jemand, der Ahnung hat, über all das?

    (Komme über BILDblog, lese aber auch sonst regelmäßig hier und halte Ulrike Langer für außerordentlich kompetent. Heute nicht.)

  3. ….und wenn von diesen Kommentatoren zwei, drei hintereinander auftauchen, die bedeutungsschwanger und möchtegern-kritisch Gaffer-Schelte betreiben und Blogs das dann auch noch aufgreifen, findet sich bestimmt auch irgendwo ein in der Versenkung verschwundener (in der Regel: CDU-)Politiker, der schnell aufspringt und irgendwelche (völlig praxisuntauglichen) Gaffer-Gesetze fordert, um mit genauso viel Beifall wie die Kommentatoren von der Geschichte zu profitieren. Von einem schweren Busunfall, bei dem Menschen zu Schaden kamen!

  4. @Fotograf:
    >Komme über BILDblog, lese aber auch sonst regelmäßig hier und halte Ulrike Langer für außerordentlich kompetent< Danke für das Kompliment.
    >Heute nicht.<
    Dann eben heute nicht. Ich bleibe bei meiner Meinung: Einen solchen Kommentar kann man nicht mit einer solchen Klickstrecke verbinden. Das ist Heuchelei, Gedankenlosigkeit oder eine unterbesetzte Onlineredaktion, in der auf solche “Feinheiten” keiner mehr achtet.

    Übrigens: Haben Sie auch mal die Leserkommentare unter dem Kommentar der Autorin/Fotografin gelesen?

  5. @ Fotograf: „Dem KSTA Klickschinderei mit der Bildergalerie vorzuwerfen, halte ich für überhaupt nicht belegbar. 17 Fotos, kein einziges verwerflich.“

    Interessantes Kriterium zur Bewertung der Relevanz von Bildern.

    Man kann Klickschinderei mit aufgeblasenen, nichtssagenden Bildstrecken ja legitim finden (insbesondere wenn man sich „Fotograf“ nennt) aber man sollte sie nicht zum journalistischen Standard erklären.

  6. @Ulrike Langer:

    Dann sollte sueddeutsche.de nicht kritisch darüber berichten, dass die Medien alle “Schneechaos” sagen, obwohl sueddeutsche.de voll ist mit “Schneechaos”-Artikeln? Selbst wenn ich Ihre Meinung teilen würde, wäre ich vorsichtiger damit, den Leuten “Heuchelei” vorzuwerfen. Im Zweifel *für* innere Pressefreiheit (zugegeben: im KSTA-Fall sogar in Personalunion, aber nur, wenn man die Galerie mit den Eltern-Kind-Gaffertruppen gleichsetzt ;-) Tut man das aus den von mir genannten Gründen nicht, geht das problemlos ).

    Ich mache diesen Job seit fast zwei Jahrzehnten und habe oftmals ähnliche Unglücke fotografiert, habe alle Sorten Kollegen da draußen kennen gelernt, anständige und abartige, nette und unfreundliche, kluge und dumme. Und ich habe Gaffer aller Couleur gesehen. Und die Kommentare über sie, über uns Fotografen, über “die” Medien gelesen. Die Meta-Betrachtung dieser Fälle ist oftmals geprägt von klugen Leuten, die grundsätzlich kluge Sachen aufschreiben, aber selten auch nur ein wenig Erfahrung/Ahnung haben (oder sich auf ein paar Leserkommentare ;-), einen dahergelaufenen Feuerwehrmann, der nicht weiß, um was es geht oder den Kripo-Mann aus Kleinkleckersdorf berufen, der Medien noch nie mochte).

    Nein, Erfahrung allein ist kein Argument. Aber die Leserkommentare unter dem Artikel bringen mich wirklich nicht von meinen Standpunkt ab. Sie sind geprägt von dem (meiner Meinung und Einschätzung nach) immer wiederkehrenden Denkfehler Gaffer = KSTA-Fotografin. Das ist zu einfach. Der Gaffer mit seinem Kind hat – so es ihn denn gibt- nicht die Möglichkeit, in irgendeiner Form verantwortlich zu reagieren. Die Fotografin oder die Redaktion hat die Möglichkeit nicht nur, es ist sogar der Job dieser Leute. Sortieren, gewichten, auswählen. Ob 17 Bilder zu viel oder zu wenig sind, liegt im Auge des Betrachters. Aber die Fotos (oder die Auswahl) sind mit Verantwortung entstanden.

  7. @recipient: Was habe ich wo erklärt? Zwischen Relevanz und grobem, journalistischem Fehler liegt ein weites Feld. Und da das Thema der Debatte der scheinbare Widerspruch zwischen Kommentar und Bildern ist, kann man ja drauf hinweisen, dass die anständig sind. Das was Gaffer ihren Kindern antun, ist nicht anständig. Das was der KSTA veröffentlicht hat, halte ich inhaltlich sehr wohl für anständig. Nicht mehr und nicht weniger.

  8. @Fotograf

    Für mich liegt der Widerspruch nicht in den Fotos begründet. Ich kritisiere auch an keiner Stelle die Fotografin für ihre Aufnahmen. An den einzelnen BIldern nichts auszusetzen, an dem Kommentar auch nicht. Natürlich hat sie in der Sache Recht. Es ist die Kombination von Kommentar und Klickstrecke, die gar nicht geht. Eine Dokumentation des Unfalls mit drei oder vier Bildern auf einen Bick hätte völlig gereicht. Aber der Vorwurf geht an die Onlineredaktion. Eine Klickstrecke zu einem schweren Unfall nutzt voyeuristische Instinkte. Das finde ich verwerflich, wenn es absichtlich geschah. Und peinlich, wenn es ein Automatismus war. So oder so ist es nicht in Ordnung.

  9. @ Fotograf: „Was habe ich wo erklärt?“

    Jetzt stellen Sie sich bitte nicht dumm. Ich weiß natürlich nicht, was Sie wirklich sagen wollten, ich kann nur interpretieren. Und nach meinem Verständnis negieren Sie mit oben zitierter Aussage den Vorwurf der „Klickschinderei“, also der missbräuchlichen Verwendung von inhaltlich überflüssigem Bildmaterial, generell mit dem Argument, dass ja keines der betreffenden Bilder für sich genommen „verwerflich“ sei.

    Und das halte ich, bei allem Respekt, für Unfug. Für mich ist die Klickschinderei ungeachtet des Themas hier offensichtlich und bedarf keiner weiteren Belege. Man mag diese durchaus weit verbreitete Unsitte mit der angespannten Situation der Branche rechtfertigen, sollte sie aber nicht zur Normalität erklären. Darum ging es mir.

    In jedem Fall ist solche Klickschinderei eine bewusste Irreführung der Leser. Und wenn sie dann auch noch im Zusammenhang mit Unfallberichterstattung auftritt, gleichzeitig aber Gaffer-Mentalität beklagt wird, dann ist der Vorwurf der Heuchelei für mich zumindest logisch absolut nachvollziehbar. Den Grad der Empörung im Einzelfall zu diskutieren, erscheint mir wenig sinnvoll.

  10. @recipient:

    Ich erkläre nichts zur Normalität. Ich sage nur:

    – Die Bilderauswahl, die der KSTA veröffentlicht hat, ist inhaltlich nicht verwerflich.

    – Was Gaffer ihren Kindern antun, ist verwerflich, da sie nicht wissen können, was ihre Kinder im nächsten Augeblick zu sehen bekommen.

    Deshalb sehe ich nicht unbedingt einen Widerspruch zwischen der Galerie und dem Kommentar (den ich aber für sich genommen nicht gut finde, weil ich in *ihm* und nicht in den Fotos Klickschinderei erkenne, die dem Thema nicht gerecht wird).

    Wer sagt eigentlich, dass 17 (oder fünf oder 100) Fotos irgendeine Grenze überschreiten? Mal angenommen, es bestünde kein Zusammenhang zwischen Klicks und Kohle. Im Print: Unfall (~1 Unfallbild), schwerer Unfall (~2, 3 Bilder), Katastrophe (Sonderseite). Daran sind wir gewohnt, aber das ist ja nicht nur irgendeine ethische Regel, das ist vor allem die Endlichkeit des verfügbaren Platzes. Den gibts im Netz ohne Ende, nun muss man -selbst ich bin dagegen ;)- nicht Bilder ohne Ende publizieren, aber -und da stimme ich Ulrike Langer hinsichtlich des Einspar-Arguments in den Redaktionen zu- wenn ich halt irgendjemand mit ner Knipse losschicke und keinen Fotografen, brauche ich unter Umständen schon eine Hand voll Bilder mehr, um zu dokumentieren, was dort passiert ist und los war. (@all: Nein, ich sage das nicht im Eigeninteresse, sondern schlicht aufgrund Erfahrungswerten). Klickschinderei würde ich dann sehen, wenn stumpf solche Bilder wie das mit den drei RTW (“Fahrzeugspotting”) aus allen Perspektiven veröffentlicht worden wäre. Ich erkenne in der Galerie aber durchaus den Versuch (und ich meine es ist im Rahmen der verfügbaren Bilder gelungen), dem Doku-Anspruch gerecht zu werden. Sachliche, erläuternde Bildunterschriften fehlen, da stimme ich gerne zu.

    Ich habe nochmal über die Leserkommentare nachgedacht, auf die mich Ulrike Langer hingewiesen hatte. Mir fällt auf, dass wenn Leser, User etc. sich kritisch über Inhalte äußern, insbesondere Medienjournalisten, diese schnell als ernst zu nehmend betrachten und nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass die Leser das alles gar nicht wollen. Ich erinnere mich aber gut, wie nach der Bombenexplosion in Göttingen neulich ein wahres Medienbashing im Netz stattgefunden hatte. Da ist von den Medienjournalisten (meines Wissens) niemand den Medien zur Seite gesprungen, als die User (bei Twitter und anderswo findet sich bestimmt noch was) massenweise eine Flut der Empörung über die Medien ausgeschüttet haben. Was sie kritisiert haben? Dass es nach einer geschlagenen halben Stunde noch Onlinemedien gibt, die NICHT mit der Bombe aufmachen, die noch keine Bilder aufgetrieben haben. Und so weiter und so fort.

    (Nur eine Feststellung am Rande).

  11. @ Fotograf: „Wer sagt eigentlich, dass 17 (oder fünf oder 100) Fotos irgendeine Grenze überschreiten?“

    So ganz allgemein? Ich habe überhaupt nichts gegen interessante oder ästhetisch ansprechende Bildstrecken. Ganz im Gegenteil. Ich halte viel von multimedialen Erzählformen. Aber Sie wollen doch nicht ernsthaft behaupten, dass die Bilder, über die wir hier reden, das eine oder andere Kriterium erfüllen? Machen wir uns nichts vor: Wer Bilder um ihrer selbst willen präsentiert, der tut das in der Regel auf eine Weise, die das Betrachten zum Vergnügen macht, aber nicht, in dem er jedes Bild auf einer neuen Seite platziert und damit einen Reload der dominierenden Werbebanner auslöst. Da gäbe es wirklich genug andere Möglichkeiten. Insofern frage ich mich, worüber wir hier diskutieren.

    Bei den anderen Punkten mögen Sie teilweise Recht haben, aber das war halt nicht mein Thema.

  12. einfach mal bei Leo nach Public Viewing suchen.
    Es heisst soviel wie Leichenschau…