“Eine Ära für Experimente und Kollaboration” – Interview mit Tanja Aitamurto


Ein Gespräch über neue Journalismusformen und webaffine Hühnerhaltung in San Francisco.

Tanja Aitamurto ist eine finnische Journalistin und Medienberaterin in San Francisco. Sie studierte Innovation Journalism an der University of Stanford im Silicon Valley, sie bloggt für die Huffington Post und für die führende finnische Tageszeitung. Sie beschäftigt sich mit neuen Finanzierungsmodellen für Journalismus und schreibt momentan ihre Doktorarbeit über Crowdfunding und Crowdscourcing-Modelle. Am Beispiel von Spot.Us hat sie untersucht, was Journalisten und Spender motiviert, sich auf dieser Plattform zu engagieren. Nachtrag: Tanja Aitamurtos Präsentationsfolien bei Slideshare und ihre Zusammenfassung der Studienergebnisse in zwei Beiträgen für Mediashift hier und hier.Über Crowdfunding (freiwillige Bezahlung von journalistischen Angeboten durch die Nutzer) und Crowdsourcing (freiwilliges Engagement von Nutzern auf journalistischen Plattformen, Einbeziehung von Nutzern) habe ich mich mit Tanja Aitamurto am Pier von San Franciscos renoviertem historischem Ferry Building (Foto) unterhalten. Das leicht gekürzte Videointerview (knapp 20 Minuten) ist unten eingebettet.

Die wichtigsten Aspekte aus dem Interview:

  • Tanja Aitamurto sieht Crowdfunding und Crowdsourcing als Formen kollektiver Intelligenz. Schwarmintelligenz kann im Journalismus genutzt werden, um Angebote gemeinsam zu finanzieren, aber auch, um Themen zu finden, die von Nutzern herangetragen werden.
  • Erstaunlich: Nutzer, die sich freiwillig finanziell für gesellschaftlich relevanten Qualitätsjournalismus engagieren, sind eher wenig daran interesiert, was im Detail mit ihren Geldbeträgen geschieht. Bei Aitamurtos Untersuchung der Plattform Spot.Us, auf der Nutzer bestimmte Recherchen vorschlagen und gemeinsam finanzieren, zeigt sich, dass viele Nutzer die Plattform insgesamt unterstützenswert finden. Die freiwilligen Spender sind weniger an einzelnen Themen und den Ergebnissen einzelner Recherchen interessiert und hinterlassen ungern Kommentare. Sie fürchten, sich nicht kundig und konstruktiv genug äußern zu können. (d.h. sie sind das komplette Gegenteil der berüchtigten Forentrolle).
  • Motivation der Spender: Sie möchten vor allem erreichen, dass von den von ihnen finanzierten journalistischen Beiträge und der Plattform Spot.Us insgesamt ein gesellschaftlicher Wandel ausgeht. Die Stücke sollen nicht nur gelesen werden, sondern auch etwas im gesellschaftlichen Interesse bewirken.
  • Journalisten könnten das Interesse der Bürger, sich sich zu engagieren, sehr viel stärker nutzen, indem sie interessierten Bürger dafür Plattformen bieten. Damit sind keine Kommentarghettos gemeint, in denen wertvolle Kommentare zwischen abgesondertem verbalem Unrat versickern, sondern einfach zu bedienende Werkzeuge, mit den Bürger z.B. Missstände melden können, wie z.B. bei der Plattform seeclickfix.com. Das müssen nicht unbedingt Skandale, sondern können auch Schlaglöcher in den Straßen sein.
  • Die Rolle der Journalisten in einem spendenfinanzierten, am Gemeinwohl interessierten Journalismus, ist nicht nur zu berichten, sondern auch gesellschaftlichen Wandel zu ermöglichen. Die Erwartungshaltung der Nutzer ist in diesem Fall keine journalistische Distanz, sondern gemeinsames Engagement für eine Sache.
  • Wer spendet bei Spot.Us? Noch ist der Anteil von Journalisten und Early Adoptern aus dem Silicon Valley überdurchschnittlich hoch. Es sind aber auch “ganz normale” Leute.
  • Die spendenfinanzierten Geschichten bei Spot.US haben in der Regel einen lokalen Bezug – im Gegensatz zu den Beiträgen von ProPublica oder Center for Investigative Reporting, die überwiegend von Stiftungen und großen Einzelspenden finanziert werden  und nationale Themen aufgreifen.
  • Freiwillige Mikrofinanzierungs-Plattformen wie Kachingle und Flattr (“social payment plattforms”) geben Nutzern größtmögliche Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Themen sie besonders unterstützenswert finden.
  • Journalisten können die Integrität Ihres Berufsstands erhalten, wenn sie sich um Recherchen, investigative Recherche und Aufklärung gesellschaftsrelevanter Themen bemühen. Solche Geschichten sind nicht unbedingt rekord-klickverdächtig und sie sind oft ein Minusgeschäft für Medienunternehmen. Sie lassen nicht durch klassische Anzeigenwerbung refinanzieren. Medienunternehmen sollten sich bei gesellschaftsrelevanten Themen verstärkt um Nutzerfinanzierung bemühen. Das ist ein ganz anderer Ansatz als eine Paywall vor dem Gesamtangebot.
  • Crowdfunding nach dem Spot.Us Modell nicht nur hat Einfluss auf den Journalismus, sondern auch auf journalistische Abläufe und das Selbstverständnis von Journalisten. Wer als Reporter bei Spot.Us ein Thema vorschlägt, tut das nicht als Redakteur vor Kollegen in der Redaktionskonferenz, bzw. (als freier Journalist) nicht als Themenanbieter für einen Redakteur, sondern wendet sich direkt an die interessierte Öffentlichkeit. Ob ein Thema recherchiert wird oder nicht, entscheiden die Nutzer mit ihren Schecks und Überweisungen. Manchen Journalisten fällt diese Art des öffentlichen “Themenpitchings” leichter als anderen.
  • Die Zukunft des “Crowdfunding” liegt im Plattformgedanken. Journalistische Webangebote sollten Widgets oder Buttons integrieren, mit denen man ganze Angebote oder einzelne Beiträge unterstützen kann. Kachingle und Flattr sind solche Modelle.
  • Crowdfunding à la Spot.Us geht einher mit Prozessjournalismus. Journalisten müssen sich für den gesamten Zyklus eines Themenangebots verantwortlich fühlen: Vom Themenpitching über Berichte zum Fortschritt der Recherche, Einbeziehung von Anregungen Dritter bis zum eigentlichen Bericht und dem Kuratieren der Kommentare, aus denen gegebenenfalls neue Themenanregungen hervorgehen.
  • Freie Journalisten können per Crowdfunding neue Finanzierungsformen für ihre Angebote entwickeln. Noch kann davon niemand seinen Lebensunterhalt bestreiten, aber die Modelle stehen ja auch erst am Anfang. Nutzer können per Crowdfunding einzelne Journalisten und ihre Beiträge “abonnieren”.
  • Crowdfunding-Angebote und klassische Medienangebote stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern sie können sich ergänzen. Immer mehr Verlagsportale übernehmen auch bereits Beiträge, die spendenfinanziert umgesetzt wurden. “Dies ist eine Ära für Experimente und Kollaboration”, sagt Tanja Aitamurto.

Nicht uninteressant: Tanja Aitamurto lebt im Mission-Bezirk, mitten in San Francisco und hält gemeinsam mit Mitbewohnerin vier Hühner. Sie stammen aus dem  Tierheim. Über das Abenteuer der Hühnerhaltung mitten in der Stadt gibt ein eigenes Blog mit dem doppeldeutigen Namen  – Mission Chicken . Das Gefieder ist längst Star im sozialen Netz: Die Hühner wurden interviewt, Blogleser schicken Fotos und Geschichten mit eigenen Hühnererlebnissen, die Namen der Hühner wurden  per Crowdsourcing gefunden (durch Vorschläge von Bloglesern), Nutzer schicken eigene Hühner-Bilder und Geschichten von ihren Erlebnissen mit Hühnern. (Das ist erstaunlich, weil es längst nicht so viele Hühner- wie Hunde oder Katzenhalter gibt). Wahrscheinlich entwickelt sich gerade ein  Hühner-Mem. Und übermorgen steigt im Mission eine Namegiving-Party for Chickens. Aber das wird ein anderer Blogpost.

Interview with crowdfunding expert Tanja Aitamurto from Ulrike Langer on Vimeo.

N.B. Seltsamerweise zeigt Vimeo meine älteren Video-Interviews nur an, wenn man hier klickt.

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7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Interessantes Interview, aber noch eine Bemerkung zur MissionChicken: Hier wird mal wieder über Hühner geredet statt mit ihnen! Warum z.B. gibt es noch immer kein Hühner-Facebook, wo Hühner sich austauschen können, Körner und Pickplätze empfehlen und kleine selbst gedrehte Hühnervideos hochladen können?

  2. Lieber Wolfgang,
    das ist ein sehr berechtigter Einwand. Ich bin heute abend bei der “Namegiving-Party for chickens” und werde das anregen. Ins Bild passt natürlich auch, dass die Hühnernamen per Crowdsourcing ermittelt wurden – die Hühner aber nicht beteiligt wurden…

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