Der Digitalspezialist – Multimediajournalist Mark Luckie

Mark Luckie ist amerikanischer Multimediajournalist. Er war bis vor wenigen Tagen Multimedia Producer der spenden- und stiftungsfinanzierten unabhängigen Journalismus-Organisation California Watch (ein Ableger des Center for Investigative Reporting) mit 27 Mitarbeitern und Sitz in Berkeley. Mark Luckie wird Ende August den neugeschaffenen Posten des National Innovations Editor bei der Washington Post übernehmen – ein Job, für den ihn vor allem seine vielseitigen Multimedia-Kenntnisse und seine Erfahrung als Online-Journalist qualifizieren.

Mark Luckie war allerdings auch schon ein hochqualifizierter und dennoch arbeitsloser Multimediajournalist. Er nutzte diese mehrmonatige Phase im vergangenen Jahr um intensiver zu bloggen – sein Blog 10000words ist eine Fundgrabe für Multimedia-Ressourcen  und taucht regelmäßig in meinen Linktipps auf. Außerdem schrieb er in dieser Zeit seinen Ratgeber “The Digital Journalist’s Handbook” . Beides machte ihn auch ohne festen Arbeit- oder Auftraggeber an den journalistischen Schaltstellen im Netz sehr sichtbar und half ihm dabei, seine Attraktivität für künftige Arbeitgeber zu steigern.

Mit Mark Luckie habe ich vor einigen Tagen in Berkeley gesprochen. Einige seiner Originalaussagen sind als kurze Videoexzerpte in diesen Beitrag eingebettet. (Zum Zeitpunkt des Gesprächs wusste Luckie noch nicht, dass er von “California Watch” zur “Washington Post” wechseln würde.)

Was zeichnet California Watch aus?

Einer der bemerkenswertesten Beiträge, den California Watch bisher veröffentlicht hat, ist die “Seismic Story” aus dem Frühjahr 2010, eine detaillierte multimediale Dokumentation über die Erdbebensicherheit, bzw. -gefährung aller kalifornischen Hochschulen. Der Ansatz ist konsequent vom Nutzer her gedacht. “Wir fragten uns, was würden die Nutzer sehen wollen? Und wir entwickelten dann eine interaktive Karte mit den besonders gefährdeten Gebäuden”, sagt Mark Luckie, der den Beitrag produzierte. (Er beschreibt hier in einem Blogpost, wie die Geschichte entstand und wie die einzelnen Komponenten ineinander greifen). Die Online-Komponenten standen als erstes fest, noch bevor der Bericht geschrieben wurde. Und – ein wesentlicher Unterschied zu traditionellen journalistischen Gepflogenheiten – sämtliche Originaldokumente wurden nicht nur als Rohmaterial für die Recherche verwendet, sondern den Lesern zugänglich gemacht.

Investigativer Journalismus beruhe in hohem Maße auf Daten und Dokumenten. Aber im Internet gehe es vor allem um Transparenz, glaubt Luckie. “Die Leute wollen die Originaldokumente lesen.” Die Aufgabe von Journalisten sei es deshalb , den Nutzern einen Zugang zu diesen Informationen in organisierter Form zu verschaffen, zum Beispiel über Datenbanken. “Wenn Journalisten das schaffen, erbringen sie einen besseren Dienst für ihre Leser”, so der Datenjournalist. (Konsequentes Offenlegen von Quellen ist natürlich auch für deutsche Verlage noch etwas Ungewöhnliches: Sollen wir dieses geheime Gutachten ins Netz stellen?)

Der aufwändigste Aspekt beim “Seismic”-Beitrag sei allerdings nicht der Aufbau der Datenbank gewesen, sondern das Füttern mit Informationen. Denn alle Daten sollten auf dem neusten Stand sein und mussten zum großen Teil aufwändig besorgt und eingegeben werden. Dazu durchforstete California Watch zigtausende von Dokumentenseiten.

Ungewöhnlich ist auch die Methode, mit der California Watch in Berkeley auf den multimedialen Beitrag aufmerksam machte – mit verteilten Handzetteln auf dem Campus. Dazu muss man wissen, dass UC Berkeley die erbebengefährdetste Universität in ganz Kalifornien ist – sie liegt genau auf der Hayward-Spalte (aktiver als die San Andreas Spalte). Mark Luckie:

Die Reaktionen waren ausgesprochen positiv. Die Leute nahmen die Handzettel und waren schockiert. Das waren Leute, die nicht unbedingt unsere Geschichte im Internet gelesen hatten. “California Watch ist ja als Nachrichtenorganisation noch sehr neu und viele kennen uns gar nicht. Aber indem wir auf sie zugegangen sind und ihnen gesagt haben: Hier ist eine Geschichte, die Euch betrifft, die zeigt, was in Eurer Stadt schiefläuft – das ist auf großes Interesse gestoßen.

Typischerweise versucht California Watch seine Reichweite zu erhöhen, indem die Organisation ihre Beiträge klassischen Medien zur Übernahme anbietet, teilweise mit regionalen Varianten, oder indem sie von vornherein mit Verlagen, Sendern oder weiteren unabhängigen Nachrichtenorganisationen kooperiert. Für die Seismic Story erläutert Robert Rosenthal, Executive Director des Center for Investigative Reporting, die Kooperationen in einem Blogpost.

Wie eine Kooperation ablaufen kann,  beschreibt auch Mark Katches, Editorial Director von California Watch, am Beispiel des Beitrags über die geringe Zahl von Schultagen in Kalifornien beschrieben.

Werden unabhängige Organisationen wie California Watch, Spot.Us oder Voice of San Diego künftig die Watchdog-Aufgaben übernehmen, die traditionelle Medien nicht leisten?

Mark Luckie glaubt, dass unabhängige Nachrichtenorganisationen traditionelle Medien ergänzen werden:

Die Ressourcen von Verlagen schwinden zusehends. Sie können nicht mehr alle wichtigen Themen bearbeiten und die nötigen Recherchen leisten. Unabhängige Organisationen – vor allem im Lokalen – können Lücken füllen. Das ist ihre Stärke: Über Themen berichten, über die in traditionellen Medien nicht mehr berichtet wird. Ob sich dieser Trend fortsetzen wird, bleibt abzuwarten, aber im Moment hängt der Aufstieg der unabhängigen Medien mit der Schwäche der Verlage zusammen.

Sollten Journalisten programmieren können?

Mark Luckie konnte die “Seismic Story” multimedial verzahnt und mit einer öffentlich zugänglichen Datenbank im Mittelpunkt konzipieren und umsetzen, weil er nicht nur recherchieren und schreiben kann, sondern auch folgende Programme und Fähigkeiten beherrscht: Flash, Photoshop, HTML, CSS, Javascript, Dreamweaver, Quark, Map mashups, Video- und Audiobearbeitung. Doch das ist nicht der Normalfall für Journalisten und müsse es auch nicht unbedingt sein, sagt Luckie:

Ich glaube nicht, dass die meisten Journalisten Datenbanken programmieren können müssen. Programmieren ist eine sehr technische Angelegenheit, und selbst wenn Journalisten die Grundlagen beherrschen, dann wäre das noch lange nicht ausreichend um redaktionelle Angebote zu programmieren. Es ist aber nützlich, wenn Journalisten wissen, was man mit Programmieren erreichen kann und was nicht. Und es auf jeden Fall nützlich, wenn sie in Grundzügen Webseiten mit HTML und CSS programmieren können. Viele andere Programmiersprachen bauen darauf auf und man bekommt dadurch einen Einblick ins Programmieren.

Bei California Watch gibt es Spezialisten für Datenbank-Programme und Journalisten, die zwar keine Webseiten oder Datenbanken programmieren können, aber zumindest wissen, was möglich ist. Mark Luckie:

Als Journalist muss man nicht unbedingt alles von Grund auf selbst machen können, aber Journalisten sollten wissen, wie ihre Storys und ihre Webseiten im Ergebnis aussehen sollen. Sie sollten wissen, wen sie kontaktaktieren müssen, damit Programmierer das umsetzen, was ihnen als Idee vorschwebt.

Können freie Journalisten mit multimedialen Kenntnissen und einer guten Onlnepräsenz ihre Selbstvermarktung verbessern?

Welche Kenntnisse sich vor allem Freiberufler zulegen sollten, hänge davon ab, auf welchem Gebiet sie arbeiten (wollen): “Webdesigner müssen HTML und CSS beherrschen, sich mit Dreamweaver auskennen. Designer müssen Photoshop und Illustrator können. Aber einen grundlegenden Überblick darüber, was diese Programme können, wozu man sie braucht und wie Kenntnisse davon ins eigene Portfolio passen könnten, sollte jeder haben”, so Luckie.

Freiberufler müssen auf sich und ihre einzigartigen Fähigkeiten aufmerksam machen. Sie brauchen ein Online-Portfolio, das zeigt, was sie besonders gut können und sie einzigartig macht, so Luckie. Deshalb sollten sie eine Webpräsenz haben, die Besuchern signalisiert: „Wow, das ist etwas Besonderes, das ich so noch nicht gesehen habe.“

Sein Blog 10000 words gestaltete Luckie bewusst auffällig und anders als die meisten Blogs – mit einer bunten Ringbuchoptik.  Auch inhaltlich ist 10000 words kein typisches Medien- oder Journalistenblog, sondern eher eine Sammlung von Ressourcen, Tipps und “How to”-Anleitungen. “Es gibt schon sehr viele Blogs, die analysieren, wie es um den Journalismus steht und wo er sich hinbewegt. Ich wollte nicht darüber reden, sondern lieber zeigen, wie man etwas macht”, so Luckie. Durchschnittlich erreicht der Journalist mit seinem Blog pro Monat rund 60.000 Nutzer.

An wen richtet sich Mark Luckies Buch “The Digital Journalist‘s Handbook“? Und warum ist es kein E-Book?

Zielgruppe sind vor allem die digalen Einsteiger unter den Journalisten: erfahrene Journalisten, die versuchen, den Übergang zum Onlinejournalismus und zu digitalen Medien zu meistern und Journalismusstudenten.

Zum Parodoxon, dass man von einem Multimedia-Handbuch eigentlich eine digitale Version mit vielen Links und fortlaufenden Aktualisierungen erwarten würde, sagt Luckie:

Ich habe absichtlich keine E-Book-Version veröffentlicht, denn was fehlt, ist genau der Übergang von Analogen zum Digitalen. Bücher werden gerne gelesen. Wennn ich jemandem ein Buch gebe, und sage: „Hier das hilft Dir beim Übergang in die digitale Medienwelt“, dann ist das Buch selbst eine Brücke. Außerdem gibt es viele Hindernisse, wenn man ein E-Book veröffentlichen will, nicht zuletzt die verschiedenen Formate. Aber der Hauptgrund ist wirklich, dass Bücher großartige Ressourcen sind. Ich glaube, meine Leser mögen den Inhalt, egal ob er gedruckt oder elektronisch veröffentlicht wird.