“Community-focused sponsorship” – David Cohn über neue Entwicklungen bei Spot.Us

Die Journalismus-Spendenfinanzierungsplattform Spot.Us in San Francisco gibt es seit fast zwei Jahren. Zeit, um zurück zu blicken: Wofür wird gespendet? Was für Geschichten erzeugen die meiste Aufmerksamkeit? Und wohin wird sich die Plattform entwickeln? Neu bei Spot.Us ist beispielsweise eine neue Form von Sponsorenfinanzierung: Die Nutzer entscheiden dabei, in welche Recherchen die Einahmen fließen sollen. Ein der ersten Sponsoren ist der New Yorker Journalismusprofessor Clay Shirky, der auf diesem Weg sein neues Buch “Cognitive Surplus” promotet.

Dies ist Teil 1 meines Interviews mit Spot.Us-Gründer David Cohn, mit dem mich Ende Juli in Oakland bei San Francisco getroffen habe. Cohn lebt dort und betreibt Spot.Us in seinem Apartment. Das Original-Videointerview (engl.) ist am Ende dieses Blogbeitrags eingebettet. (Hier geht es zu Teil 2 des Interviews mit den Aspekten: Wodurch unterscheiden sich die neuen Spot.Us Ableger in Los Angeles und Seattle von der Originalplattform für San Francisco und die Bay Area? Was wird aus dem geplanten Spot.Us Netzwerk? Werden künftig auch nationale und internationale Beiträge gefördert?)

Wo steht Spot.Us heute – fast zwei Jahre nach dem Start?

David Cohn: Wir sind im November 2008 gestartet und fast zwei Jahre später haben wir rund 80 Beiträge verwirklicht. Weitere 15 bis 20 Projekte sind unterschiedlich weit vorfinanziert. Projekte sind dabei völlig unterschiedlich definiert. Manche sind kleinere Beiträge, die nur einen Tag zur Umsetzung benötigen, andere sind große Recherchen, die über drei oder vier Monate mit Zwischenstandsberichten laufen. Wieviel für die Beiträge gespendet wird, ist schwer zu sagen, weil die Beträge so stark schwanken. Der kleinste Betrag war bisher 100 Dollar, der größte über 10.000 Dollar. Der Durchschnitt dürfte bei ungefährt 1.500 Dollar pro Beitrag liegen und die Gesamtsumme in fast zwei Jahren bei rund 150.000 Dollar.

Für welche Art von Beiträgen spenden die Nutzer am liebsten?

Generell wird für Recherchen zu Umweltthemen wurde bisher am meisten gespendet. Vor allem aber kann ich mittlerweile sagen, was gar  nicht gut ankommt: Erstens Themen, die zu lokal sind. Ein Beispiel dafür war ein Themenvorschlag, die Parksituation am Kaiser Hospital in Oakland zu untersuchen. Das interessiert niemanden, der nicht dort parken will. Zweitens laufen Themen, die zu allgemein sind, auch nicht gut. Einmal schlug jemand eine Recherche vor, die sich mit den psychologischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit bschäftigen sollte. Das führte nirgendwo hin. Denn wir wissen ja, wie es ist, arbeitslos zu sein: Es ist Mist. Wir brauchen dafür keinen Pyschologen, der uns das bestätigt.

Ein Reporter hat neulich eine Recherche zu Schlaglöchern in einer bestimmten Straße in San Antonio, Texas, vorgeschlagen. Wie stehen denn da die Chancen auf Verwirklichung?

Wir sagen immer, dass wir keine Stiftung sind. Wir verteilen keine Gelder für Recherchen. Wir sind eine Organisation, die Spenden sammelt und wir können keine bestimmten Summen für bestimmte Projekte garantieren. In diesem Fall habe ich dem Reporter zu bedenken gegegeben, dass der Blick auf eine Straße zu speziell sein könnte. Aber er wollte das unbedingt machen. Dann soll er es auch tun, es kann ja nicht schaden. Nur zu. Aber es wird natürlich schwer 100 oder auch nur 50 Leute dazu zu bewegen, für eine Geschichte über Schlaglöcher in einer Straße in San Antonio zu spenden.

Sind Reporter, die ihre Themenvorschläge in aller Öffentlichkeit ausbreiten (“pitching in public“), anders gestrickt? Braucht es dazu eine bestimmte Denkweise?

„Pitching in public“ ist für mich einer der interessanteren Aspekte beim Spot.Us Modell. Es braucht tatsächlich einen anderen Denkansatz. Tanja Aitamurto hat dazu eine interessante Studie veröffentlicht (s. dazu auch medialdigital Interview mit T. Aitamurto). Einige Journalisten fühlen sich stärker für ihre Recherchen verantwortlich und sagen, sie seien engagierter, als wenn sie einen Themenvorschlag nur einem Redakteur oder einer Redakteurin unterbreiten. Den oder die kennt man vielleicht ganz gut, man hat schon häufiger zusammengearbeitet und schneidert sein Angebot auf dessen Bedürfnisse zurecht. Das ist der positive Aspekt, dieses stärkere Sich-verantwortlich-fühlen im Sinne der Öffentlichkeit. Als möglichen Nachteil nennen manche Journalisten die Gefahr, dass Themenvorschläge geklaut werden können. Das ist aber bisher noch nicht ein einziges Mal passiert. Es kann eigentlich auch nicht passieren, denn in dem Moment, wo ein Journalist seinen Themenvorschlag veröffentlicht, hat er damit seinen Claim abgesteckt und alle anderen ausgestochen. Aber die Angst vor dem Themenklau ist natürlich da, dafür habe ich Verständnis.

Einige Spender scheinen nicht so sehr am Fortgang und Ausgang bestimmter Beiträge interessiert zu sein, für die sie gespendet haben, als daran Spot.Us als Idee zu unterstützen. Das ist seltsam, oder?

Es ist interessant die Beweggründe von Spendern zu untersuchen. Tanja Aitamurto ist wohl auf diese spezielle Gruppe der Idealisten und Förderer gestoßen, der ich auch begegnet bin. Daneben gibt es aber auch Spender, die sich sehr für den Fortgang bestimmter Recherchen interessieren und welche, die sagen, dass sie sich durch das Verfahren  bei Spot.Us als Nutzer stärker ermächtigt fühlen. Am Ende eint aber alle Spender das gleiche Motiv, egal, ob sie viel oder wenig partizipieren: Sie wollen mithelfen, etwas zu verbessern.

Widerlegt Spot.Us Zyniker, die behaupten, die Leuten erwarten vom Onlinejournalismus ja doch nur Sex, Crime und Promiklatsch?

Das höre immer wieder wieder: Die Leute wollen nur Sex und Celebrities. Ich würde aber nicht sagen, dass Spot.Us der Gegenbeweis für diese These ist, denn die Internutzer beweisen täglich, dass diese These stimmt. Ich glaube aber, dass man von den Leuten nur das bekommt, was man ihnen gibt. Das gilt für Inhalte genauso wie für Respekt. Es ist keine Einbahnstraße: Wenn sich die Nutzer nur für Sex, Drugs und Rock & Roll entscheiden, dann deshalb, weil wir ihnen nur das anbieten. Je mehr Auswahl wir anbieten, um so mehr werden wir Menschen sehen, die intelligente Entscheidungen treffen.

Ist eine Zusammenarbeit zwischen den am Gemeinwohl orientierten Journalismus-Organisationen wichtig?

Auf jeden Fall. Es gibt ein paar Kernpunkte, die integral wichtig sind für das Modell Spot.Us. Einer davon ist die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Spot.US ist keine Redaktion, schon deshalb sind wir in vielerlei Hinsicht auf journalistische Kooperation angewiesen. Wir sind eine Spendenfinanzierungs-Plattform. Wir stellen die Werkzeuge bereit, mit denen Journalisten ihre Recherchen über Spenden finanzieren können. Darauf haben wir uns spezialisiert. Wir kooperieren mit anderen Organisationen, die inhaltlich richtig gut sind. Ein Beispiel dafür: Wir haben gerade ein Projekt über das Oscar Grant Gerichtsverfahren abgeschlossen. Oscar Grant war ein junger Mann, der hier in Oakland von einem Polizisten erschossen wurde, aber der Prozess fand in Los Angeles statt. Es gab viele Journalismus-Plattformen hier in der Bay Area, die über das Verfahren berichten wollten. Anstatt jeder einen eigenen Reporter hinzuschicken, haben sie sich zusammengeschlossen und über Spot.Us gemeinsam einen Reporter finanziert, der über den gesamten Prozess berichtete. Durch die Kooperation haben sie alle mehr gehabt, als wenn sie jeder für sich nur eine kleine Geschichte gehabt hätten. Auch klassische Medienorganisatione können daraus eine Menge lernen: Tue, was Du am besten kannst und such Dir Partner für den Rest.

Im Mai 2010 hat Spot.Us auf seiner Plattform  „community-centered advertising“ eingeführt. Wie funktioniert das?

Wir nennen das jetzt „community-focused sponsorship“. Es funktioniert ähnlich wie eine finanzielle Risikoübernahme für eine Nonprofit-Nachrichtenorganisation. Ein Unternehmen oder eine Stiftung oder eine Person gibt Spot.Us Geld. Aber nicht ich entscheide, wohin dieses Geld fließt. Wir verzichten auf die Kontrolle über das Budget und lassen die Öffentlichkeit entscheiden. Die Nutzer können Entscheidungsmacht erhalten, indem sie sich mit der Botschaft des Sponsors auseinandersetzen, zum Beispiel mit seinem Fragebogen oder Quiz. Dafür erhalten die Nutzer Belohnungen im Wert von zum Beispiel fünf oder sieben Dollar. Die Nutzer können dann darüber entscheiden, in welche Recherchen diese Beträge fließen sollen. Wir haben also eine Werbefinanzierung, aber die Kontrolle über Einnahmen liegt bei den Nutzern.

Wie gut läuft das bisher?

Sehr gut. Vor der Einführung dachte ich, dass sich dadurch vor allem die Zahl der Spender bei Spot.Us erhöht, und das hat sich auch bewahrheitet. Normalerweise ist es schon ein guter Wert, wenn von 100 Besuchern der Plattform ein oder zwei für eine Recherche spenden. Die Kreditkarte zu zücken ist eine hohe mentale Hürde. Mit dem neuen Prinzip beantwortet man einfach ein paar Fragen und hat sofort Geld zur Verfügung, das man spenden kann. Dadurch hat sich die Spenderquote auf zehn bis 15 Prozent erhöht, worüber ich mich sehr freue.

Aber was, wenn die Nutzer nur noch über dieses System spenden und kein eigenes Geld mehr einfließen lassen?

Genau diese Befürchtung hatte ich zuerst auch: Jegliche Spendenzuflüsse von Nutzern würden sofort versiegen. Ich hatte wirklich die Sorge Pandoras Büchse zu öffnen. Aber das komplette Gegenteil ist passiert. Die Leute spenden jetzt mehr als vorher. Die Credits wirken wie eine Einstiegsdroge in das System Spot.Us. Sie machen es einfach sich erstmals zu engagieren. Später kommen die Leute dann wieder und spenden nochmal zehn Dollar oder sie legen von vorherein noch eigenes Geld darauf, weil sie finden, dass 20 Dollar angemessener sind als fünf.

Spot.Us founder David Cohn – interview part 1 from Ulrike Langer on Vimeo.

Lesetipp: In diesem Blogpost für Mediashift fasst David Cohn die Entwicklungen bei Spot.Us zusammen.