“Auf lokaler Ebene können wir am meisten bewirken” – Spot.Us-Gründer David Cohn im Interview (2)

In Teil 2 meines Interviews mit David Cohn, dem Gründer von Spot.Us, einer Plattform für spendenfinanzierte lokaljournalistische Recherchen, geht es es darum, warum Spot.Us nicht wie Craigslist, sondern eher wie eBay wachsen muss. Außerdem geht es um die Fragen: Warum hat die Kooperation von Spot.Us mit der “New York Times” so gut funktioniert, mit anderen journalistischen Institutionen aber nicht? Warum klauen Verlage nicht einfach die grundlegende Spot.Us-Idee (Reporter schlagen ihren Lesern Themen vor und sammeln Spenden direkt für konkrete Beiträge)? Und: Wird es ein Spot.US auch auf nationaler oder internationaler Ebene geben? Am Ende dieser ins Deutsche übersetzten Abschrift ist das Video des Original-Interviews (engl.) eingebettet. Und hier geht es zum Interview Teil 1 (ebenfalls mit engl. Video): “Community-focused sponsorship” – David Cohn über neue Entwicklungen bei Spot.Us).

Inwiefern unterscheiden sich die Spot.Us Ableger in Los Angeles und Seattle von San Francisco?

David Cohn: Wir dachten anfangs, dass wir wie Craigslist expandieren und weitere lokale Netzwerke gründen würden. Spot.Us Los Angeles und Spot.Us Seattle unterscheiden sich schon deshalb von San Francisco, weil ich Spot.Us von San Francisco aus leite. In Los Angeles kooperieren wir mit der der University of Southern California School of Journalism. Aber mittlerweile weiß ich, dass wir nicht wie Craigslist wachsen werden. Wir haben uns von der Idee der Netzwerke komplett verabschiedet. WIr haben jetzt einen Themenvorschlag (= Pitch) aus Champaign-Urbana in Illinois und einen aus Texas. Als ich den Pitch aus Champaign-Urbana sah, habe ich mich riesig gefreut. Ich wollte nicht noch drei weitere Pitches aus der gleichen Region suchen müssen, um ein Netzwerk aufbauen, nur weil ich dort diesen einen richtig guten Pitch hatte. So eine Denkweise ist sinnlos, so sollte Spot.Us nicht funktionieren. Deshalb nehmen wir jetzt von überall in den USA Pitches an. Die Themenvorschläge müssen aber immer noch einen lokalen oder regionalen Bezug haben. Wir kümmern uns nicht um nationale Themen.

Was ist so schwierig an einer Verankerung in Seattle? Es gab wohl einen recht kühlen Empfang?

In Seattle haben wir drei wirklich gute Themenvorschläge bekommen. Zwei davon sind schon finanziert und veröffentlicht, einer läuft noch. Also habe ich meine Fühler ausgestreckt und versucht, weitere lokale Reporter dazu zu bewegen, Themenideen einzureichen. Das hat mich eine Menge Zeit gekostet und letztlich nichts gebracht. Währenddessen habe ich aber jede Menge guter Pitches aus anderen Regionen bekommen, von Leuten, die sich aktiv darum bemüht haben, bei Spot.Us vertreten zu seien. Denen musste ich sagen: Sorry, Ihr könnt leider nicht mitmachen, weil ihr nicht in Seattle seid. Das erschien mir immer unsinniger. Ich würde furchtbar gerne mit Kollegen in Seattle arbeiten, dort gibt es fantastische hyperlokale Projekte, aber unter zeitökonomischen Aspekten ist es besser, sich auf Journalisten einzulassen, die wirklich mitmachen wollen, egal, in welcher Stadt oder Region sie sind. Wir haben einen neuen Pitch aus Minnesota von “Twin Cities Daily Planet“. Sie können jetzt natürlich die Plattform benutzen, weil wir den Netzwerkgedanken aufgehoben haben.

Wird Spot.Us in Seattle als Konkurrenz angesehen?

Nicht so sehr als Konkurrenz, aber als als Außenseiter. Das ist auch verständlich. Seattle hat eine sehr sehr robuste und ausgereifte hyperlokale Blogszene. Es gibt das West Seattle Blog, Neighborlogs, Capitol Hill Blog und jede Menge weitere fantastische lokale Blogs. Ich dagegen kam aus dem Nirgendwo. Ich war wie der Neue in der Schule, und die anderen wollten erstmal sehen, zu welcher Clique ich gehören würde. Aber wir sind keine redaktionelle Organisation, sondern eine offene Plattform für jeden. Ich gehöre zu keiner Clique.

Wenn Spot.Us nicht wie Craigslist expandieren kann, dann vielleicht wie eBay? Bei eBay ist es für die Nutzer völlig egal, ob es auch andere interessante Angebote in der Region gibt, wenn sie an genau diesem einem Angebot interessiert sind.

Ja. Der großartige Pitch aus Champaign-Urbana zeigt genau das. Es wäre Zeitverschwendung auf andere gute Pitches aus der gleichen Region zu warten – Angebote, die viellleicht mittelmäßig wären – nur, um das eine gute Angebot auf die Plattform zu hieven. Aber so ist das ja oft: Wenn man etwas anfängt, hat man eine bestimmte Vision. Natürlich findet man seine Ursprungsidee ganz toll, und man glaubt, dass der Präsident einem dafür die Hand schütteln wird. Aber so hat Spot.Us in der Realität nie funktioniert. Es war unsere Aufgabe, eine andere Strategie für das Wachstum  zu entwickeln.

Wahrscheinlich sind die einzigen Leute, die sich für den Pitch in Champaign-Urbana interessieren, die Leute, die dort wohnen. Wie erfahren sie davon?

Weil wir kein Illinois-Netzwerk haben, kommen die Leute nicht zu Spot.Us, um zu schauen, was es Neues aus Illinois gibt. Und der Pitch ist wirklich nur interessant, für diejenigen, die dort wohnen. Es ist die Aufgabe des jeweiligen Reporters, für Traffic und Aufmerksamkeit zu sorgen. In diesen Fall ist es das Onlinemagazin “Smile Politely“, das die Geschichte über Recycling in Champaign-Urbana vorsgeschlagen hat. Wir stellen aber die Werkzeuge bereit für eine Spendenfinanzierung durch die Nutzer oder für unser neues Finanzierungstool “community-focused sponsorship” (David Cohn erklärt im ersten Teil des Interviews, wie das funktioniert). Wir hoffen, dass “Smile Politely” aus diesem Programm Anzeigenerlöse zugute kämen.

Was können andere Crowdfunding Plattformen von Spot.Us lernen?

Da gibt es einiges zu lernen, und auch wir haben von anderen gelernt. Das Prinzip, dass die Nutzer sich aussuchen können, wohin ihr Geld fließen soll, zum Beispiel von donors choose. Ich glaube, dass sich andere crowdfunding Organisationen vor allem an unseren neuen community-focused sponsorships orientieren können. Das ist momentan soweit ich weiß noch ziemlich einzigartig. Wenn man sich das Engagement der Nutzer wie ein Stufenmodell vorstellt, dann haben wir damit eine neue unterste Stufe eingezogen, die das Erklimmen der Leiter erleichtert. Wer erst einmal auf der untersten Stufe steht, engagiert sich später vielleicht mehr. Dieses Modell sollten sich aber nicht nur andere spendenfinanzierte Plattformen anschauen, sondern auch traditionelle Nachrichtenorganisationen. Vielleicht finden sie darin Elemente, die sie übernehmen können.

Wird sich Spot.Us noch finanzieren können, wenn die Anschubfinanzierung der Knight Stiftung ausläuft?

Ich glaube ja. Spot.Us ist eine gemeinnützige Einrichtung und auf einen gewissen Betrag aus öffentlichen Mitteln oder institutionellen Spenden werden wir wohl immer angewiesen sein, aber ich will Spot.Us so weit wie möglich auf finanziell eigene Beine stellen. Die Community-focussed Sponsorships sind ein potentenziell sehr lukrativer Einnnahmestrom. Unsere Fixkosten sind im Vergleich mit anderen Nachrichtenorgsanisationen sehr niedrig, weil wir keine Redaktion sind. Wenn man die Kosten für Entwicklung und mein Gehalt abzieht, bleiben eigentlich nur die Serverkosten. Wenn ich nicht mehr bezahlt würde, müsste ich mir natürlich einen anderen Job suchen, aber die Plattform würde immer noch funktionieren. Spot.Us rechnet sich also im Grunde jetzt schon. Die Frage ist nur, ob wir uns auch in Zukunft noch weiterentwickeln können.

Wie gut kooperiert Spot.Us mit traditionellen Medien?

Die Kooperation funktioniert meisten sehr gut. Dafür hatten wir schon einige Beispiele. Die Zusammenarbeit mit der “New York Times”, die 10.000 Dollar für eine Geschichte über den pazifischen Müllteppich bezahlt hat, ist eine der reibungslosesten überhaupt gewesen. Das hat mich sehr beeindruckt. Manchmal klappt es aber auch nicht, weil es Missverständnisse gibt und falsche Erwartungen. Es ist ein Glücksspiel und hängt sehr stark davon ab, ob die Redaktionen herausfinden, wie sie Spot.Us in ihre Arbeitsstrukturen integrieren können. Wir sind nun mal anders.

Warum übernehmen Verlage die Grundidee von Spot.US nicht einfach selbst? Reporter schlagen ihren Lesern Themen vor und sammeln Spenden direkt für konkrete Beiträge?

Ich sage immer, dass das Konzept von Spot.US viel größer als die Plattform ist. Wir sind Pioniere des gemeinschafltich finanzierten Journalismus. Aber es ist nur ein Konzept, jeder kann es übernehmen. Ich evangelisiere die Idee genauso wie die Plattform. Ich bin sehr dafür, dass andere Organisationen das Prinzip ebenfalls ausprobieren, selbst wenn es am Anfang kleine Schritte sind. Meiner Meinung nach liegen große Chancen und nur wenige Risiken darin, die Community per Abstimmung – auch mit dem Geldbeutel – entscheiden zu lassen, welche Themen recherchiert werden sollten. Ich glaube, dass jede Nachrichtenorgansiation das zu einem gewissen Grad ausprobieren kann.

Wird Sich Spot.Us künftig auch um nationale oder internationale Themen kümmern?

Das werden wir oft gefragt. Zur Zeit lehne ich das ab, und zwar aus zwei Gründen. Zum einen glaube ich, dass Demokratie vor allem auf lokaler und regionaler Ebene stattfindet und gerade da sind die Zeitungen am meisten bedroht. Deshalb agieren wir dort, wo wir am meisten bewirken können. Außerdem glaube ich persönlich, dass spendenfinanzierter Lokaljournalismus eine größere Herausforderung ist. Wenn wir versuchen würden, Themen wie eine Recherche über das Gesundheitssystem der Vereinigten Staaten zu finanzieren, wäre das zwar sicher informativ, würde aber nicht den gleichen emotionalen Bezug herstellen. Den schafft vor allem räumliche Nähe. Aber jemand sollte unseren Code nehmen und es einfach ausprobieren. Vielleicht ändere ich ja auch in einem oder zwei Jahren meine Meinung. Aber momentan lautet das Ziel von Spot.Us spendenfinanzierten Lokaljournalismus überall in den USA zu unterstützen.

Spot.Us founder David Cohn – interview part 2 from Ulrike Langer on Vimeo.