Die 90-9-1-Regel


Heute habe ich während eines Social-Media-Seminars für Redakteure und Marketingmitarbeiter eines Frankfurter Fachverlags die 90-9-1-Regel des dänischen Webexperten Jakob Nielsen erklärt. Sie besagt, dass im sozialen Netz über alle Plattformen hinweg ein erstaunlich konstistentes Verhältnis von passiver zu aktiver Teilhabe besteht:

  • Auf ungefähr 90 Leute, die bei Wikipedia Einträge lesen aber dort niemals auch nur ein fehlendes Komma korrigieren, kommen ungefähr neun, die bestehende Beiträge redigieren oder aktualisieren. Und nur einer von 100 veröffentlicht einen eigenen neuen Eintrag.
  • Auf 90 Käufer bei Amazon kommen ungefähr neun, die eine von jemand anderes verfasste Produktrezension bewerten. Aber nur einer setzt sich hin und schreibt selbst eine.
  • Auf 90 Facebookfans einer großen Marke kommen vielleicht zehn, die bei einem Beitrag auch mal den “Gefällt mir”-Button anklicken. Aber nur einer macht sich die Mühe, auch mal einen Kommentar in eigenen Worten zu formulieren – und sei es nur ein “LOL!”.

Heute morgen habe ich im “Silicon Alley Insider”, der mir jeden Tag eine neue Grafik als Email-Newsletter liefert, diese Statistik zu YouTube gefunden:

Jeder fünfte YouTube-Nutzer lädt demnach mehrere Videos pro Jahr bei YouTube hoch. Das scheint auf den ersten Blick der 90-9-1-Regel zu widersprechen. Doch auf den zweiten Blick sind die üblichen Verhältnisse im sozialen Netz wieder hergestellt. Die Nutzerstichprobe in der Analyse von Tubemogul ist mit über 130.000 Nutzern zwar sehr groß, aber keineswegs repräsentativ. Gezählt wurden nämlich nur Nutzer, die überhaupt schon mal ein eigenes Video hochgeladen haben, seit sie ihren Account eingerichtet haben. Und das ist nur eine kleine Minderheit.

Ebay wiederum schafft es, die 90-9-1 Regel zu brechen. Auf der E-Commerce-Plattform geben wesentlich mehr Nutzer Bewertungen ab, denn der Anreiz ist, als Käufer oder Verkäufer selbst eine – natürlich positive – Bewertung zu bekommen. Bewertungen sind neben Geld die Parallelwährung, mit der bei eBay bezahlt wird.

Was können Journalisten, Medienhäuser oder andere Unternehmen tun, um ihre Nutzer zu aktivieren, gute Beiträge mehr zu retweeten, kommentieren, verlinken, “liken”, “faven” oder zu flattern? Sie können Diskussionen anregen, indem sie Fragen stellen, um Meinungen bitten und selbst mit kommentieren. Sie können mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie selbst freigiebig auf gute Beiträge anderer verlinken und diese retweeten. Sie können Social Buttons installieren, die Nutzer nur noch anzuklicken brauchen, um ein “Gefällt mir” auszudrücken oder ein Lesezeichen bei Delicious abzulegen.

Und sie sollten sich keinen Illusionen hingeben. Es geht um die Aktivierung einer Minderheit, die sich überhaupt aktivieren lässt. Die Mehrheit der Nutzer des sozialen Netzes bleibt trotzdem eine schweigende Mehrheit. Was nicht unbedingt heißt, dass die schweigende Mehrheit gute Inhalte oder guten Service nicht zu würdigen weiß, oder niemals darüber spricht. Vielleicht bekommt man es als Blogger oder Webseitenbetreiber nur nicht mit, weil die Wertschätzung ganz woanders ausgedrückt wird. Als Email an jemand Drittes. Als Lesezeichen in einem Browser. Als Kollegengespräch an irgendeinem Kaffeeautomaten. Oder sonst irgendwo jenseits der Reichweite von Webstatistiken und Analysetools.

Illustration: www.90-9-1.com

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14 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Ulrike!

    Ich habe selbst mehrere Jahre lang Sozialforschung betrieben und bin einigermaßen fit mit Statistiken, Tabellen und Interpretationen.

    Die von Dir zitierte Studie kann sehr wohl repräsentativ sein – wenn man die die Datenbasis kennt und entsprechend wissenschaftlich damit arbeiten kann.

    Du kennst sie nicht, ich auch nicht – seis drum.

    Ich habe ebenfalls eine empirisch nicht valide Datenbasis, die sich Instinkt, Gefühl, Einschätzung nennt.

    Mich spricht der Metzgergeselle auf einen politischen Kommentar an und ich merke, er hat ihn gelesen. Sicherlich harte Arbeit für den Mann. Im Gespräch merke ich, dass er auch über andere Dinge Bescheid weiß, die er aber nicht gelesen hat.

    Ein ältere Dame spricht mich auf einen Kommentar an, den sie selbst gelesen hat – ihr Eindruck über meine localblogs wurde aber aus anderer Quelle gebildet.

    Bei Facebook befreunden sich Menschen mit mir, die noch niemals was gelesen haben, sich aber am positiven Image orientieren.

    Die Messzahlen wie Statistiken zeigen, wie oft Texte angeklickt wurden. Wurden sie aber auch gelesen? Wie wurden sie verstanden? Wurden sie kommuniziert? Fragen über Fragen, die nicht ohne Instinkt, Gefühl und Einschätzung verstanden werden können.

    Das Web 2.0 liefert zwar viele Möglichkeiten, sich selbst einzubringen, das ist aber nicht allen gegeben. Viele “folgen” auch nur. Manche blind, manche interessiert und manche kritisch.

    Neu ist, dass der Audiance-Flow nichts mehr mit früheren wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun hat. Gate-Keeping ist vollständig out, Gate-Opening ist das, was “draußen” entscheidet.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  2. Guter Post. “Die Mehrheit der Nutzer des sozialen Netzes bleibt trotzdem eine schweigende Mehrheit.” Warum ist das so? Vielleicht müssen wir erst noch lernen, die Gewohnheiten des Konsumierens abzulegen, um in das Zeitalter der Partizipation durchzustarten.

  3. Schade eigentlich, dass es genauso ist, wie es hier beschrieben wird. Hier müsste der Trend ein deutlich anderer werden und es wäre schön, wenn die Entwicklung dahingehend sich auch verändern würde.

  4. Der Artikel ist klasse. Vor allem die Gedanken zum Schluß zeigen, dass wir auch im Internet über die 1 zu 9 zu 90 sprechen.

    Ich erkläre mir die 1 so:

    Mein Beispiel – alle reden über das Iphone, in meinem Wohnbezirk haben vielleicht drei ein Iphone, die meisten Haushalte haben mit Ach und Krach mittlerweile einen PC und eventuell ein Handy und Schluss.

    Das ist die erste Selektion: um uptodate zu sein muß ich viel Geld in die Hand nehmen und ein Iphone kaufen. Ach so, vom Ipad rede ich gar nicht, das hat hier bisher keiner.

    Wer davon jetzt ins Internet geht, muss tippen können. Die Maus hilft zwar, aber irgendwann muss ich bei google etwas eingeben.

    Das ist die zweite Selektion: ich muß tippen können.

    Wer dann noch längere Texte liest oder viele Klickseiten mit viel Werbung, der braucht Geduld und Lesevermögen.

    Das ist die dritte Selektion: ich brauche Geduld und muß länger sinnerfassend lesen können.

    Dann sollten es Artikel sein, die auch verstanden werden. Welche Artikel benutzen denn Sätze, die aus deutschen Worten bestehen? Und die nicht zu lange Sätze haben?

    Das ist die vierte Selektion: ich muss auf deutsch kurz und bündig schreiben können.

    Und dann in einem Blog oder sonstwo etwas veröffentlichen, was einen echten (das wäre die 6. Selektion) Inhalt hat, das wird noch schwieriger, denn es kostet Zeit, man erhält dafür nichts und oft noch dumme Sprüche, neudeutsch Kommentare.

    Das ist dann die fünfte Selektion. Im übrigen glaube ich daran, dass inhaltlich gute Texte ebenfalls im Verhältnis 90 zu 9 zu 1 stehen, wobei die 1 für die guten Texte steht.

    Das wars.

  5. @alle Vielen Dank für Eure guten Kommentare.

    @Hardy Um die Empirie ging es mir hier weniger als ums Prinzip. 90-9-1 ist bei manchen Beispielen sicher mehr eine Metapher als eine belegbare Statistik. Die Beispiele, die Du aus Deinem persönlichen Erleben aufführst, weisen ja auch alle in die Richtung. Meine Grundthesen:

    1. Es wird immer einen großen Prozentsatz von Nutzern geben, die sich nicht unmittelbar nachweisbar äußern.

    2. Geringschätzt die “schweigende Mehrheit” nicht. Manche von denen sind gar nicht so schweigsam wie man glaubt. Manchmal bekommt man etwas zurück aus einer Ecke und zu einem Zeitpunkt, mit dem man überhaupt nicht gerechnet hat.

  6. 80/20 (Pareto) passt tatsächlich nicht in diese Betrachtung. Knappe 10% die etwas bewegen, bzw. in Bewegung halten… sehr interessant … werde das weiter beobachten.

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