Die 90-9-1-Regel
3. September 2010 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Neu, Social WebHeute habe ich während eines Social-Media-Seminars für Redakteure und Marketingmitarbeiter eines Frankfurter Fachverlags die 90-9-1-Regel des dänischen Webexperten Jakob Nielsen erklärt. Sie besagt, dass im sozialen Netz über alle Plattformen hinweg ein erstaunlich konstistentes Verhältnis von passiver zu aktiver Teilhabe besteht:
- Auf ungefähr 90 Leute, die bei Wikipedia Einträge lesen aber dort niemals auch nur ein fehlendes Komma korrigieren, kommen ungefähr neun, die bestehende Beiträge redigieren oder aktualisieren. Und nur einer von 100 veröffentlicht einen eigenen neuen Eintrag.
- Auf 90 Käufer bei Amazon kommen ungefähr neun, die eine von jemand anderes verfasste Produktrezension bewerten. Aber nur einer setzt sich hin und schreibt selbst eine.
- Auf 90 Facebookfans einer großen Marke kommen vielleicht zehn, die bei einem Beitrag auch mal den “Gefällt mir”-Button anklicken. Aber nur einer macht sich die Mühe, auch mal einen Kommentar in eigenen Worten zu formulieren – und sei es nur ein “LOL!”.
Heute morgen habe ich im “Silicon Alley Insider”, der mir jeden Tag eine neue Grafik als Email-Newsletter liefert, diese Statistik zu YouTube gefunden:
Jeder fünfte YouTube-Nutzer lädt demnach mehrere Videos pro Jahr bei YouTube hoch. Das scheint auf den ersten Blick der 90-9-1-Regel zu widersprechen. Doch auf den zweiten Blick sind die üblichen Verhältnisse im sozialen Netz wieder hergestellt. Die Nutzerstichprobe in der Analyse von Tubemogul ist mit über 130.000 Nutzern zwar sehr groß, aber keineswegs repräsentativ. Gezählt wurden nämlich nur Nutzer, die überhaupt schon mal ein eigenes Video hochgeladen haben, seit sie ihren Account eingerichtet haben. Und das ist nur eine kleine Minderheit.
Ebay wiederum schafft es, die 90-9-1 Regel zu brechen. Auf der E-Commerce-Plattform geben wesentlich mehr Nutzer Bewertungen ab, denn der Anreiz ist, als Käufer oder Verkäufer selbst eine – natürlich positive – Bewertung zu bekommen. Bewertungen sind neben Geld die Parallelwährung, mit der bei eBay bezahlt wird.
Was können Journalisten, Medienhäuser oder andere Unternehmen tun, um ihre Nutzer zu aktivieren, gute Beiträge mehr zu retweeten, kommentieren, verlinken, “liken”, “faven” oder zu flattern? Sie können Diskussionen anregen, indem sie Fragen stellen, um Meinungen bitten und selbst mit kommentieren. Sie können mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie selbst freigiebig auf gute Beiträge anderer verlinken und diese retweeten. Sie können Social Buttons installieren, die Nutzer nur noch anzuklicken brauchen, um ein “Gefällt mir” auszudrücken oder ein Lesezeichen bei Delicious abzulegen.
Und sie sollten sich keinen Illusionen hingeben. Es geht um die Aktivierung einer Minderheit, die sich überhaupt aktivieren lässt. Die Mehrheit der Nutzer des sozialen Netzes bleibt trotzdem eine schweigende Mehrheit. Was nicht unbedingt heißt, dass die schweigende Mehrheit gute Inhalte oder guten Service nicht zu würdigen weiß, oder niemals darüber spricht. Vielleicht bekommt man es als Blogger oder Webseitenbetreiber nur nicht mit, weil die Wertschätzung ganz woanders ausgedrückt wird. Als Email an jemand Drittes. Als Lesezeichen in einem Browser. Als Kollegengespräch an irgendeinem Kaffeeautomaten. Oder sonst irgendwo jenseits der Reichweite von Webstatistiken und Analysetools.
Illustration: www.90-9-1.com








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