Stay hungry, stay foolish – Nach dem Freischreiber-Kongress und vor einem Buch

“Stay hungry, stay foolish” – so lauteten die letzten Worte auf der Rückseite der letzten Ausgabe des  Whole Earth Catalog. Steve Jobs gab vor fünf Jahren diese Botschaft in seiner Stanford Commencement Speech College-Absolventen mit auf ihren Lebensweg. Der Medienprofessor Bernhard Pörksen zitierte am Samstag in Hamburg beim ersten Zukunftskongress des Journalistenverbandes Freischreiber (erste Reaktionen , Programm) vor rund 200 freien Journalisten ebenfalls den legendären Spruch aus der ausklingenden Hippie-Ära.

Pörksen spannte in seiner intellektuell glänzenden und unterhaltsamen Keynote den Bogen weit zurück ins 18. Jahrhundert, um von Kant ausgehend neue Handlungsmaximen für freie Journalisten zu formulieren:

  1. Aus Kants erkenntnisphilophischer Grundfrage “Was kann ich wissen?” wurde bei Pörksen: “Das Großartige an diesem Beruf ist, dass man mit einer Idee, die noch niemand hatte, sehr weit kommen kann.
  2. Aus “Was soll ich tun?” wurde “Finde Deine Rolle, stehe für etwas.”
  3. Und aus “Was darf ich hoffen?” folgt kein Heilsversprechen, sondern die Hoffnung, dass freie Journalisten Elan, Mut und Experimentierfreude nicht aufgeben: “Stay hungry, stay foolish!”

Wie können wir hungrig bleiben? Hungrig nach all dem, was den Beruf des Journalisten seit jeher spannend und vielseitig macht, ohne hungern, weil die Aufträge ausbleiben während die Honorare und die Zahlungsmoral sinken?

Und wie können wir “foolish” bleiben, uns den naiven unverstellten Blick erhalten? Nicht so naiv, zu glauben, dass es immer noch lohnenswert sei, sich an klamme (und nicht so klamme) Verlage zu klammern, die ihre Vertragsbedingungen für freie Journalisten immer weiter schlechtern. Aber naiv genug, um Neues zu wagen und dabei wie die Amerikaner mehr die Chancen anstatt überall Risiken zu sehen?

Über solche Fragen hätte ich gern den ganzen Tag lang geredet. Aber im Fokus vieler der rund 200 Teilnehmer stand erst einmal weniger die Zukunft zu entwerfen, als über die Gegenwart zu debattieren. Sonst hätte beispielsweise im Workshop “Die Marke ‘Ich’ – Selbstvermarktung und Spezialisierung”, an dem ich als Referentin teilgenommen habe, zeitlose Fragen wie “Unter einem Pseudonym schreiben?, “Wie überkommt man Akquise-Allergie?” oder  “Sind Redakteure ignorant, böswillig oder überlastet?” nicht so großen Raum eingenommen. Pörksen nannte das immerwährende Beklagen der widrigen Umstände des freien Journalistentums in seinem Vortrag “selbstreflexiven Negativismus.” Ich nenne es langjährig aufgestauten Ärger, den sich viele freie Journalisten, sobald sie zusammentreffen, offenbar erst einmal gruppentherapeutisch von der Seele reden müssen. Ähnliche Beobachtungen schimmern in Felix Schwenzels Resümée mehrfach durch, z.B. hier:

im weiteren verlauf wurde dann vor allem übers geld geredet — erstaunlich offen, aber auch erstaunlich frustriert. so sagte susanne frömel, dass sie mittlerweile nicht mehr für die zeit schreiben würde, weil die „unwahrscheinlich wenig“ zahlen würde. für tageszeitungen zu schreiben, das schien zumindest der konsens aller auf dem kongress anwesenden zu sein, lohne sich überhaupt nicht mehr.

Matthias Spielkamp merkt an:

Ich habe die Diskussion auch als eher unbefriedigend empfunden – wie allerdings die meisten Diskussionen zu diesem Thema, denn es fehlt ja bekanntlich die große Lösung, und die kleinen Vorschläge, wie man Journalismus weiter betreiben kann, sind eben nicht glamurös.

Mein Gesamteindruck ist dennoch, dass die Zukunft des freien Journalismus trotz ausgiebiger Gegenwartsbetrachtung immer wieder durchschimmerte. Teilweise in den Workshops, mehrfach in Gesprächen am Rande, und dann wieder in der Abschlussdiskussion. Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert, als Forscher und Lehrender an der Macromedia Hochschule unser Gastgeber, sagte:

Ich glaube, die Zukunft gehört den Freien. Sie sind die treibende Kraft dabei, dass sich der Journalismus neu erfindet”, sagte er in der Schlussdiskussion. “Die Verlage denken hingegen immer noch, das Internet ist irgendwann voll und wird wieder abgeschaltet (nachzulesen in der taz).

Klar ist aber auch: Die Zukunft des freien Journalistentums kann nicht an einem Samstag in Hamburg quasi am Reißbrett erfunden werden. Sie erfindet sich ständig in kleinen Schritten. Teilnehmer Dirk Liesemer hat das in einem Kommentar im Freischreiber-Blog sehr treffend ausgedrückt:

Eine super Veranstaltung! Sehr anregend, sehr inspirierend – und viele nette Kollegen kennen gelernt. So, jetzt muss ich aber arbeiten … habe da nämlich ein paar neue Ideen …

Genau das sollte der Kongress bewirken: Einer fühlt sich plötzlich inspiriert zu bloggen, eine andere fasst den Mut, bessere bezahlende Zeitschriftenligen zu kontaktieren. Eine Frau erzählt mir am Rande, dass sie nun Twitter als Journalistin mit anderen Augen sähe. Mir hat es jedenfalls großen Spaß mit so vielen anderen Journalisten über mein Lieblingsthema zu diskutieren: Die Zukunft des Journalismus.

Und auch bei mir ist am Kongresstag und danach eine Einsicht gereift: Wenn man auf Seminaren, Kongressen und Workshops, so auch jetzt in Hamburg, immer wieder darauf angesprochen wird, ob es Tipps zum Twittern, Anleitungen für eigene Audioslideshows, Strategien zur Selbstvermarktung im sozialen Netz – kurzum all die vielen verschlungenen Wege in die journalistische Zukunft – nicht auch irgendwo gesammelt zum Nachlesen gibt, dann sollte man das vielleicht als Wink mit dem Zaunpfahl begreifen und ein Buch darüber schreiben. Darüber denke ich schon seit einigen Wochen nach. Aber so ein Buch macht eine Menge Arbeit. Nicht nur das Schreiben, sondern auch alles drumherum, denn es soll ohne einen Verlag erscheinen. Und woher weiß man am Ende, ob es tatsächlich Abnehmer gibt, ob das Thema nicht zu nischenhaft ist, ob das Buch nicht doch besser gemeinsam mit anderen hätte geschrieben werden sollen…

Manchmal braucht man einen Anstoß von außen. Einen Tag nach dem Zukunftskongress lese ich gestern abend einen Blogpost von Christian Jakubetz, der darin ganz ähnliche Buchpläne bereits verkündet und um Mithilfe bittet. Wir werden uns als Herausgeber zusammentun und wie ich glaube, ideal ergänzen. Denn Christian Jakubetz bringt langjährige multimediale Lehrerfahrung mit und gute Kontakte in viele journalistische Ausbildungsinstitutionen (er unterrichtet seit mehreren Jahren Multimediakurse an der Deutschen Journalistenschule). Und natürlich sind wir in der Tat auf Hilfe angewiesen, denn das Thema ist viel zu vielseitig für zwei Autoren. Aber das scheint ja ganz erfreulicherweise kein Problem zu sein.

Bild: Whole Earth Catalog

7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Für diese journalistischen Durchhalteparolen ausgerechnet Kant in Beschlag zu nehmen, finde ich ja schon ne Frechheit.

  2. Hi Ulrike,

    danke für die Pörksen-Zusammenfassung! Ich fand den ja – offenbar im Gegensatz zu einigen anderen – super. Frage mich nur ob es vielerorts nicht viel mehr “become hungry” und “become foolish” heißen müsste…

    Super Idee, das mit dem Buch. Wenn Ihr noch ein Kapitel über Mobile Reporting unterbringen wollt, in dem verständlich erklärt wird wie und warum ich mit meinem Telefon multimedial journalistisch arbeiten und publizieren soll und kann, dann wüsste ich da jemanden ;-)

    Beste Grüße,
    Marcus

  3. Hi Marcus,

    sehr gerne! Ich habe Christian gestern schon vorgeschlagen, Dich für genau dieses Thema anzusprechen.

  4. Ihre Beiträge und Bernhard Pörksens inspirierender Appell waren eindeutig zwei Highlights. Schade nur, dass die vibrierende Aufbruchsstimmung sich im Publikum nicht so fortgepflanzt hat, wie man sich das gewünscht hätte. Was das Buch betrifft: ich werde es ungeduldig erwarten.

    Grüße,
    Anja T.

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