Sie wollen Journalist werden? Herzlichen Glückwunsch!
24. September 2010 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Journalismus, NeuBeim Jugendmedienevent des Vereins junge Presse e.V. habe ich heute vormittag im Kölner Mediapark mit dem Kommunikationsforscher Christian Nürnbergk, Pottblogger Jens Matheuszik, Moderator Thorben Geyer und rund 50 Nachwuchsjournalisten (Durchschnittsalter 17, 18 Jahre) über Social Media als Startrampe in den Journalismus diskutiert. Julia Seeliger von der “taz” hatte krankheitsbedingt leider absagen müssen. Zu Beginn des Workshops wurde jeder der Referenten um ein fünfminütiges Impulsreferat gebeten. Hier ist mein kleiner, ketzerischer Vortrag:
Sie wollen also Journalist oder Journalistin werden? Sind Sie sich da wirklich sicher? Die fetten Jahre sind vorbei. Journalisten mit fetten Spesenkonten gibt es höchstens noch in Filmen mit schlechten Drehbüchern. Die Auflagen der Tageszeitungen sinken seit 20 Jahren. Bei immer mehr Redaktionen werden Volontäre nur noch befristet als Pauschalisten eingestellt – zu deutlich schlechteren Konditionen als ihre älteren Kollegen. Immer mehr Journalisten werden entlassen. Ihre Redaktionen werden zusammengelegt, wie die Wirtschaftsredaktionen bei Gruner + Jahr. Oder sie werden so weit ausgedünnt, dass man sich wie im Fall der “Frankfurter Rundschau” fragt, wie die Kollegen dort überhaupt noch jeden Tag eine Zeitung zustandebringen – und obendrein seit gestern auch noch eine iPad App, eine zur Recht hochgelobte übrigens.
Wenn Sie bei einem Printverlag überhaupt noch als Redakteur oder Redakteurin unterkommen werden, dann wahrscheinlich in einer Onlineredaktion. Dort werden Sie schlechter bezahlt als Ihre Printkollegen. Die werden dafür auf Sie als Journalisten zweiter Klasse herabschauen, weil in Print, so heißt es, immer noch das Geld verdient wird, und online nur “lousy pennies”. Das hat der Verleger Hurbert Burda vor zwei Jahren mal gesagt, und jetzt ist es für Journalisten und Verleger ein Mantra.
Sie können natürlich auch mit viel Glück beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk landen. Erwarten Sie allerdings nicht, dass die einst so großzügigen Pensionsregelungen auch noch irgendwann für Sie gelten werden. Diesen Topf haben die älteren Jahrgänge längst unter sich aufgeteilt. Oder Sie gehen zum privaten Dudelfunk, wo sie vor allem damit beschäftigt sein werden, die Charts rauf- und runter zu spielen und nervtötende Gewinnspiele anzukündigen.
Sie wollen Journalist werden? Dann Herzlichen Glückwunsch. Sie kommen genau zur richtigen Zeit. All das, was ich Ihnen eingangs geschildert habe, das gibt es. Aber das ist nicht Ihr Problem. Die Wahrheit ist: Es war noch nie so spannend wie in diesen Zeiten, Journalist zu sein. Und erst recht Journalist zu werden. Denn im Jahr 2010 brauchen Sie weder einen Verlag noch einen Sender im Rücken um Journalist zu sein. Sie brauchen nur einen Laptop, eine Internetverbindung und Ihr Handy und dann legen Sie los. Ihre Druckmaschine ist Ihr Blog, Ihr Sender ist ein eigener YouTube-Kanal, ihr Nachrichtenticker ist Twitter, statt auf Fluren von Verlagshäusern halten Sie über Facebook Kontakt mit Ihren Kollegen. Was Sie vor allem brauchen, ist Leidenschaft, Mitteilungsdrang und Themen, die Ihnen so sehr unter den Nägeln brennen, für die Sie sich so sehr interessieren, dass Sie dazu publizieren, egal, ob es dafür einen zahlenden Abnehmer gibt.
Das heißt natürlich nicht, dass Sie darauf verzichten sollen, das journalistische Handwerk zu erlernen. Bewerben Sie sich an Journalistenschulen und freuen Sie sich, wenn Sie genommen werden, denn die Nachfrage überschreitet die Zahl der angebotenen Plätze bei weitem. Und der alte Spruch – Journalismus lernt man am besten in einer Lokalredaktion – gilt meines Erachtens noch immer.
Machen Sie Praktika, sammeln Sie Erfahrungen als freier Mitarbeiter. Lernen Sie von den alten Hasen. Aber schreien Sie laut “Ich!”, wenn in Ihrer Redaktion der erste mobile Reporter gesucht wird, der mit dem Handy live von unterwegs berichten soll. Machen Sie mit, wenn ein Team für den verlagseigenen Web-TV-Kanal zusammengestellt wird. Denn das sind die journalistischen Verbreitungswege von morgen. Bei der “Rhein-Zeitung” in Koblenz werden sie schon heute praktiziert. Andere Zeitungen werden folgen. Nebenbei: Bei der “Rhein-Zeitung” haben Sie ohne unter Beweis gestellte Erfahrung bei YouTube, Blogs, Twitter und Co. schon heute schlechte Karten, wenn Sie sich um ein Volontariat bewerben. Diese Zeitung hat übrigens zum ersten Mal zwei Volontariate explizit für Blogger ausgeschrieben.
Aber die freie Mitarbeit bei der Lokalzeitung sollte nur Ihr Einstieg in den Journalismus sein. Machen Sie nicht den Fehler, jahrelang tageaus, tagein, für ein mickriges Zeilengeld die örtliche Postille zu beliefern. In der Hoffnung auf ein Volontariat und eine anschließende Festanstellung, die es für viele von Ihnen niemals geben wird. Ausbeuten können Sie sich auch selbst.
Nutzen Sie Ihre Zeit lieber, um sich ein unverwechselbares Profil zu verschaffen – indem Sie zum Bespiel programmieren lernen und Bleiwüsten im Internet in wunderbare multimedial funktionale Auftritte verwandeln. Sie planen ein Austauschjahr in Japan? Sie machen demmächst ein freiwilliges soziales Jahr in Brasilien? Wunderbar – bloggen Sie darüber! Lernen Sie fotografieren und wie man Audioslideshows produziert. Drehen Sie Videos. Und vernetzen Sie sich mit inspirierenden Kollegen im Internet.
Stehen Sie für etwas – trauen Sie sich eine Meinung zu. Auf Ihrem eigenen Blog kann Ihnen die niemand nehmen, solange Sie auf dem Boden des Rechtsstaats bleiben. Personalchefs von Medienunternehmen, die nach Ihrem Namen googeln, sollten idealerweise schon auf der Startseite auf ein ganzes Portfolio ihres Schaffens, Ihrer Interessen und auf das, wofür Sie stehen, stoßen. Das alles können Sie erreichen, ohne dass Ihnen Medienunternehmen Ihre journalistische Karriere auf dem Silbertablett servieren.
Wie gesagt, es ist spannend, ausgerechnet im Jahr 2010 Journalist werden zu wollen. Ich wünschte, ich wäre nochmal 20.









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