WeTab-Enthüllung? Wir WeDeppen schreiben einfach ab

Die Berichterstattung zur neuesten Posse beim WeTab – überschwängliche Rezensionen bei Amazon von Firmenchef Helmut Hoffer von Ankershoffen über sein eigenes Produkt unter falschem Namen, aufgedeckt von Richard Gutjahr, – zeigt exemplarisch, woran der durchschnittliche Onlinejournalismus krankt: Statt auf die Originalquelle zu verlinken wird die Geschichte von den meisten Medienportalen einfach nur wiedergekaut. Eine Online-Presseschau mit elf Beispielen und vier  Schulnoten: 6 mal “mangelhaft”, 1 mal “setzen, sechs!”, 3 mal “gut gemacht! und 1 mal “vorbildlich!”

1. Focus Online

Dieser Text könnte einer dieser typischen ins Netz gekippten Printtexte sein – ohne jegliche Verlinkung auf Originalquellen. Aber es gibt ja zwei Links. Verlinkt sind die beiden Worte “Apple” und “Amazon”, sie führen zum Portal Finanzen 100 und zeigen den Verlauf der Aktienkurse der beiden Unternehmen. Liefern die Aktienkurse im Zusammenhang mit dieser Geschichte irgendeinen Mehrwert für den Leser? Nein. Was soll das dann? Finanzen 100 ist ebenso wie Focus Online ein Portal der Tomorow Focus AG. Halten wir fest: Die Promotion einer nicht sachdienlichen aber konzerneigenen Webseite ist wichtiger als ein Link auf die Quelle der Nachricht. Immerhin ist der Journalist und Blogger Richard Gutjahr, der den Amazon-Fake entlarvte, namentlich genannt.

2. Frankfurter Rundschau

Die Fakten stimmen, die Geschichte ist fein nacherzählt. Aber wäre es zuviel verlangt gewesen,  zumindest bei der zweiten Nennung der Quelle “Veröffentlichung des Vorfalls im Blog von Gutjahr” einen Link auf eben jene Veröffentlichung zu setzen?

3. RP Online

Wir wissen nichts Genaues, wir haben auch nichts recherchiert, aber irgendwas müssen wir ja schreiben, wenn alle was dazu schreiben  – immerhin das kann man aus dem dürren Bericht der Onlineausgabe der Rheinischen Post herauslesen. Mit der Stellungnahme von Helmut Hoffer von Ankershoffen zitiert das Regionalportal die Onlineseite Chip.de, dabei ist diese Stellungnahme auch aus erster Hand verfügbar, z.B. auf der WeTab-Facebookseite. Dass der Ex-WeTab-Chef Rezensionen unter Pseudoym “verfasst haben soll”, ist eine sinnlos zaghafte Formulierung, wenn im gleichen Beitrag steht, dass von Ankershoffens Eingeständnis dieser Tatsache der Grund dafür ist, dass er seine Position ruhen lässt. Dass Richard Gutjahr dokumentiert hat, auf welche Klarnamen die Pseudonyme führen, ist richtig. Warum dann kein Link, um die Richtigkeit dieser Ausage zu dokumentieren?

4. Welt Online

Welt Online nennt korrekterweise Richard Gutjahrs Blogpost als Quelle, verlinkt wird aber nicht etwa die Quelle, sondern zwei Links führen von den Begriffen “WeTab” und “Apples iPad” auf ältere Veröffentlichungen bei Welt Online.

5. n-tv.de

Der Nachrichtensender n-tv verlinkt im Bericht auf seiner Website auf zwei weitere Berichte – bei n-tv.de und bei n-tv.de. Aus dem Blogger Richard Gutjahr werden hier im Pluralis Majestatis gleich mehrere “aufmerksame Blogger”. Aber welche bloß? Und könnte man die Webseiten dieser “aufmerksamen Blogger” nicht ebenfalls verlinken?

6. PC Welt

Der PC Welt war es offenbar zu heikel, in ihrem Bericht auf einen Blogger als Quelle zu verlinken. Dass dieser Blogger zugleich ein namhafter Rundfunkjournalist mit einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule und 15 Jahren Berufserfahrung ist – geschenkt. Sicherer erschien es dem Webportal da schon auf Spiegel Online als Quelle zu verlinken (immerhin ein externer Link!) Dumm nur, dass sich der Bericht bei Spiegel Online wiederum auf den Blogger Richard Gutjahr als Quelle beruft.

Absurd ist die Passage “Blogger wollen nun herausgefunden haben”. Das liest sich so, als ob der Bericht in Spiegel Online Anlass für die Recherche von “Bloggern” (welche denn?) war. Dabei war es genau umgekehrt: Spiegel Online griff die Recherche von Richard Gutjahr auf. Der Konjunktiv ist damit zu erklären, dass der Bericht am 4. Oktober um 14 Uhr online gestellt wurde, also einige Stunden bevor von Ankershoffen mit seinem Eingeständnis an die Öffentlichkeit ging. Ein Update gibt es bei der PC Welt auch 24 Stunden später noch nicht.

Halten wir fest: PC Welt berichtet aus dritter Hand, hat Probleme mit der Chronologie und Kausalität der Ereignisse und kommt mit der Aktualität nicht hinterher, schafft es aber noch, einen Verweis auf eigenen Test des WeTab unterzubringen (ohne Link).

7. heise online

heise online berichtet knapp und nachrichtlich und verlinkt anstatt fremde Recherchen in eigenen Worten ausgiebig nachzuerzählen. Einziges Manko: Ein Deep Link auf den entsprechenden Bericht bei Richard Gutjahr wäre sinnvoller gewesen als ein Link auf seine Homepage.

8. Spiegel Online

Spiegel Online verlinkt nicht bloß eigene ältere Berichte, sondern nennt Gutjahr als Quelle und verlinkt seinen Originalblogpost. Korrekt! Und ein paar eigene Gedanke stecken in dem Bericht auch noch drin.

9. Der Standard

Mit seiner inhaltlichen Webkompetenz und Beherrschung von Netzgepflogenheiten fällt das Portal der österreichischen Tageszeitung Der Standard immer wieder positiv auf. So auch mit diesem Bericht: kurz, knapp und korrekt. Quelle genannt, Quelle verlinkt. Alles Wesentliche wird zusammengefasst. Es gibt keine eigene Einordnung oder weiterführende Recherche, aber das ist in diesem Fall okay, denn die gibt es ja schon woanders – hinter dem Link.

10. Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ.de)

Marcus Schwarze, Redakteur bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, ist nicht nur ein ausgewiesener Kenner digitaler Themen, sondern er bloggt auch für HAZ.de. Und das macht sich immer wieder positiv bemerkbar. So auch in diesem Fall. Marcus Schwarzes schreibt nicht einfach nur in eigenen Worten ab, was andere recherchiert und geschrieben haben, sondern ordnet ein, was da eigentlich passiert ist und verfasst einen Kommentar dazu. Während man alle anderen Berichte eigentlich nicht lesen muss, wenn man Richard Gutjahrs Blogpost schon kennt, kommen hier noch eigenständige Gedanken dazu. Weil Schwarze selbstverständlich auf Gutjahr verlinkt, entsteht hier vielleicht gerade eine plattformübergreifende Webdebatte.

11. Kölnische Rundschau

Und hier kommt der Joker, der absolute Knüller, der mehr über den Zustand des deutschen Onlinejournalismus aussagt als alle vorherigen Beispiele zusammen. Die Kölnische Rundschau schafft es, eine simple dpa-Meldung im Vorspann und in der Bildunterschrift so sinnentstellend wiederzugeben, dass plötzlich Richard Gutjahr der WeDepp ist.

Update 15 Uhr: Inzwischen hat die Kölnische Rundschau den falschen Namen in Vorspann und Bildunterschrift kommentarlos korrigiert. Dass die Redaktion nach wie vor keinen blassen Schimmer hat, wovon sie schreibt, beweist allerdings immer noch die Benennung dieses Links unter dem Beitrag (immerhin: es ist ein Link!). Hier der Screenshot:

Update 22:30 Uhr: Die Kölnische Rundschau bemüht sich um Netzetiquette: Der Linktipp mit fehlerhafter Benennung wurde kommentarlos entfernt, dafür steht unter dem Text jetzt der Hinweis: “(Der Text wurde aufgrund eines Leserhinweises korrigiert. Wir bitten die Namensverwechslung zu entschuldigen. )”



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67 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Super Bericht!
    Übrigens, ein großer Teil der genannten Seiten wie z.B. Finanzen100 sind Kunden der Neofonie ;)

  2. Für mich ist das der wichtigste Beitrag zum Thema Online-Journalismus im laufenden Jahr. Deshalb werde ich das Beispiel in meinen Lehrveranstaltungen einsetzen.

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  4. Zu #20 und #21: Bei dpa liefern wir Texte in der Tat mit externen Links aus. Diese erhalten Medienkunden im sogenannten dpa-Notizblock unter dem eigentlichen Artikel (dort stehen auch die Kontaktdaten von Ansprechpartnern, beispielsweise Interviewpartnern oder Pressesprechern). Die Texte über das WeTab enthielten dementsprechend den Verweis auf Richard Gutjahrs Blogpost.

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