Linktipps zum Wochenstart: Saitenwechsel

A Vanishing Journalistic Divide

Howard Kurtz, einer der bekanntesten US-Medienkritiker, hat seinen langjährigen Redakteursposten bei der Washington Post gekündigt und ist zur Online-Plattform Daily Beast gewechselt. David Carr vergleicht in der New York Times den daraus resultierenden Atemstillstand in der US-Medienszene mit 1965: Damals vollzog Bob Dylan einen Saitenwechsel: akustisch gegen elektrisch. Carr sieht in Kurtz einen Trendsetter: “More and more, media outlets are becoming a federation of individual brands like Mr. Kurtz. Journalism is starting to look like sports, where a cast of role players serves as a platform and context for highly paid, high-impact players. And those who cross over, after years of pushing copy through the print apparatus, will experience the allure of knocking some copy into WordPress and sending it out into the world to fend for itself.” (s. Überschriftenlink). Mit Kurtz führte Mark Glaser von Mediashift dazu ein interessantes Twitter-Interview.

We thought the internet was killing print. But it isn’t

“Das Internet ist nicht für fallende Printauflagen verantwortlich”, stellt Peter Preston im Observer (Schwesterblatt des Guardian) fest. Es gebe da trotz eines allgemein angenommenen Naturgesetzes überhaupt keinen Zusammenhang. Manche Auflagen steigen trotz ebenfalls steigender Internetreichweite des Titels. Andere seien stark in Print und schwach im Netz. Manche schwächeln analog und digital. Und wiederum andere kannibalisieren tatsächlich ihre gedruckte Auflage zugunsten eines starken Internetauftritts.

fiene & radio in 20 jahren

Daniel Fiene, seit vier Jahren Redakteur bei Antenne Düsseldorf, macht sich Gedanken zur Zukunft seines Mediums. Unter anderem: “Das Radio ist dort, wo der Hörer ist. Es gibt ein Gerät im Bad, in der Küche und im Auto. Online müssen Sender dort sein, wo die Hörer sich befinden. Wenn die Hörer die meiste Zeit bei Facebook sind, muss dort der Sender sein. Es reicht nicht, ein virtuelles “Radiozimmer” in Form einer Homepage einzurichten.” Und: “Es werden Über-Sender überleben, aber vor allem auch kleine Lokalsender. Sender für ganze Regionen oder Bundesländer werden es schwer haben: Was interessiert den Bauern im Münsterland, was die Bürger einer rheinischen Kreisstadt auf die Straße treibt?”

It’s the hyperlocal and data driven journalism, stupid!

Philipp Ostrop war neulich beim Scoopcamp, bei der WAN-Ifra Expo und beim World Editors Forum (fand alles in Hamburg statt) und zieht Bilanz mit vielen Links und eingebetteten Folien und Videos: “In einem Jahr werden wir über Datenjournalismus breit diskutieren. Allerspätestens.”

But we love you The New York Times. My conversation with Mr. Digital and Mr. Legal and Mr. Paywall

Cynthia Typaldos, Gründerin der Crowdfunding-Plattform Kachingle, stößt mit ihrer Guerilla-Aktion “Stop the Paywall” nicht auf das Wohlwollen der New York Times, sondern hat jetzt die Anwälte des Medienkonzerns im Nacken. Typaldos und ihr Team sammeln Spenden von Kachingle-Mitgliedern, um die Blogs der New York Times vor dem angekündigten Verschwinden hinter der Bezahlschranke ab 1. Januar zu retten. “Die Aktion ist natürlich ein sehr geschickter Marketing-Streich der resoluten Gründerin Typaldos: Da Kachingle beim Henne-Ei-Problem zwischen unterstützungssuchenden Sites und unterstützenden Nutzern nicht so recht weiterkommt, schafft sie ein Werkzeug, mit dem sie die Zahl der partizipierenden Sites einfach vergrößert”, glaubt Robin-Meyer Lucht bei Carta. Es ist dennoch zweifelhaft, ob die Aktion außerhalb des noch arg begrenzten Kachingle-Nutzerkreises überhaupt wahrgenommen worden wäre, aber dafür hat die New York Times jetzt selbst gesorgt. Dieser Meinung ist auch Steve Outing: “So, rather than let an innovative marketing campaign by a tiny company run its course, Times executives are doing Kachingle a potentially big favor by flexing their legal muscles. If this gets much press/Twitter/blogosphere attention, then Kachingle will benefit from a big boost in visibility. (Perhaps NYTimes.com could run a news story about the dispute!)”

Manchester police tweets – live data visualisation by the MEN

Die Polizei von Manchester brachte Transparenz in ihre Arbeit, indem sie ein Tag lang jeden Einsatz twitterte und damit zeigte, wieviele Einsätze wirklich auf Kriminalität zurückzuführen waren, und wieviele eher unter Sozialarbeit fielen (nächtliche Ruhestörung, Bettelei etc.). Paul Bradshaw analyiert im Online Journalism Blog, wie vor allem die Manchester Evening News aus den polizeigenerierten Daten Visualisierungen gestaltete, um ihre Thesen zu verdeutlichen.

ProPublica’s Guide to Mechanical Turk

Die spendenfinanzierte Journalismusplattform ProPublica hat eine ausführliche Anleitung veröffentlicht, unter welchen Szenarien und wie Medien zeitraubende, einfache und repetitive Arbeiten über Amazons Dienst “Mechanical Turk” crowdsourcen (an die Masse verteilen) können. Solche Arbeiten fallen vor allem bei aufwändigen Datenjournalismusprojekten an.

Mit Spiegelei und Spinat – Tipps zur Produktion von Webvideos

Radio- und Multimediajournalist Michael Prätorius zeigt anhand eines simplen Beispiels (er filmt sich selbst in seiner Küche beim Zubereiten von Spiegeleiern mit Spinat), wie man am Webvideos aufnimmt, was beim Schnitt zu beachten ist und wie ein Video lebendiger wirkt, wenn man aus verschiedenen Perspektiven filmt. Ein gelungenes Tutorial für Anfänger. Als Ergänzung empfehlen sich die Folge 12 und Folge 13 des McAdams-Tutorials.

23 Thesen zur Zukunft der Medien – von Jochen Wegner

Jochen Wegners knackige Thesen von den Tutzinger Medientagen zu den gängigen Irrtümern von Verlegern und Journalisten gibt es jetzt auch zum Nachhören. Wegner hat die Thesen auf den Münchner Medientagen leicht variiert noch einmal vorgetragen und Was mit Medien hat sie aufgenommen und neu transkribiert.

The True Size of Africa

Eine gut gestaltete Karte sagt manchmal mehr als 1000 Worte: Afrika ist so groß wie alle in den Umriss hineingepackten Länder zusammengenommen: USA, China, Indien, Japan und alle europäischen Länder. Die USA ist bedecken in der Karte von Kai Krause (mediaite) gerade mal die Sahara und die Sahelzone. Mit der Aktion will Krause der in den Industrieländern weit verbreiteten “immappancy” entgegenwirken – unzureichende geographische Kenntnisse oder: Kartenleseschwäche. Weitere sehenswerte geographische Vergleiche gibt es bei Information is Beautiful.

Illustration: mediaite, cc-Lizenz Public Domain

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