Kuratieren statt Klickstrecken bauen: Meine Keynote beim Deutschen Fachjournalisten-Kongress (1)


Beim  Jahreskongress des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV) in Berlin habe ich am 29. Oktober eine Keynote zur Zukunft des Journalismus gehalten. Meiner Ansicht nach werden wir in fünf oder spätestens zehn Jahren nicht mehr von TV-, Hörfunk-, Print- oder Onlinejournalismus reden, sondern nur noch von Journalismus, der selbstverständlich auf allen digitalen Plattformen stattfindet (mit einigen analogen Nischen z.B. für Sammler von Hochglanzzeitschriften oder Karteikarten).

Deshalb habe ich mich bei meinem Vortrag von vornherein auf den heute noch sogenannten Online-Journalismus konzentriert. Beim DFJK, der zum fünften Mal mit traditioneller Preisverleihung stattfand, wurde übrigens zum ersten Mal eine Online-Journalistin zur “Fachjournalistin des Jahres” gekürt – Mercedes Bunz. (Verwirrenderweise gibt es auch noch einen anderen gleichnamigen Preis).

Dies ist die schriftliche Fassung meines Vortrags:

Paul-Josef Raue, Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, sprach kürzlich bei einer Journalistentagung in Rom eine unangenehme Wahrheit aus: “Die Zeitungen schaffen es inzwischen sogar, ihre Stammleser zu verlieren, die älteren, nicht mehr nur die jüngeren.” Er mahnte, Journalisten müssten endlich die Bedürfnisse der Menschen entdecken, die sie erreichen wollten.

Doch welche Bedürfnisse der Leser gilt es zu entdecken und zu erfüllen? An welchen Beispielen sollten wir uns orientieren? Ich möchte dazu einen Leitfaden mit sieben Thesen und Forderungen skizzieren. Wenn ich hierbei als leuchtendes Beispiel immer wieder den britischen Guardian hervorhebe, dann ist das kein Zufall, sondern Absicht. Der Guardian ist nicht nur meiner Ansicht nach derzeit die Speerspitze dessen, was Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter sein kann.

1. Klickstrecken sind der Feind von Qualität

Durchbrechen Sie die sich nach unten drehende Qualitätsspirale. Betrachten Sie Ihre Leser als mit Verstand ausgestatte Mitmenschen. Wieviele dämliche Klickstrecken will die deutsche Qualitätspresse ihren Nutzern eigentlich noch zumuten? Klickstrecken dienen nicht dazu, die Inhalte bestmöglich, nutzwertig und zeitsparend zu präsentieren, sondern die Zeit des Nutzers zu stehlen. Es geht um einen Wettlauf um Seitenimpressionen. Dies ist ein Wettlauf, den Onlinemedien letztlich nicht gewinnen können. Die Seiten auf denen Werbung geschaltet werden, vermehren sich viel schneller als die Internetnutzung zunimmt, weshalb die erzielbaren Preise immer weiter fallen.

Beispiele für den Klickstreckenirrsinn gibt es keineswegs nur in der Bild-Zeitung …

… wie 24 Sprüche von Ryanair-Chef O’Leary im Handelsblatt oder die allseits beliebten und immer wieder kopierten Zusammenstellungen von Photoshop-Pannen zeigen.

Entziehen Sie sich diesem für hochwertige Angebote ruinösen Wettlauf. Es könnte sich sogar finanziell lohnen. Laut einer amerikanischen Studie, die im Sommer 2010 die Seitenaufrufe und Online-Anzeigeneinnahmen bei den Webportalen von 21 großen US-Zeitungen zueinander in Beziehung setzte, stellt sich heraus, dass sich mit nutzwertigen Beiträgen über gesellschaftlich relevante Themen mehr Werbeeinnahmen erzielen lassen. An der Spitze stehen laut Studie Beiträge über Sozialversicherungen. Sie generierten laut Studie durchschnittlich 129 Dollar Anzeigenumsatz pro 1000 Seitenaufrufe, Celebrity-Klatsch über die Schauspielerin Lindsey Lohan dagegen nur 2,50 Dollar.

2. Holen Sie das Beste aus dem Netz heraus

Es gibt namhafte Medienmacher, die noch 2010 allen Ernstes erzählen, das Netz tauge vor allem für die flüchtigen Informationshäppchen, die tiefgehenden Analysen seien Wochenzeitungen vorbehalten, die brillianten opulenten Fotostrecken den Hochglanzmagazinen und neuerdings natürlich auch dem iPad. Lassen Sie sich das nicht einreden. Guter Journalismus ist keine Frage des Trägermediums. Wenn man schon anhand des Mediums argumentieren möchte, dann kann das Netz noch einiges mehr.

Erzählen Sie Ihre Geschichten, präsentieren Sie Ihre Recherchen, stellen Sie Ihre Fragen mit den jeweils besten Mitteln und Darstellungsformen, die das Internet zu bieten hat.

Das fängt beim ganz Banalen an: Nutzen Sie die Breite des Bildschirms. So und nicht in Postkartengröße kommen Bildstrecken im Netz zur Geltung:

Als beispielhafte digitale Umsetzungen möchte ich hier erwähnen: Die New York Times mit ihrer One in 8 Million – Audioslideshow und Zeit Online mit der interaktiven Karte zu Todesopfern rechter Gewalt.

Ein vierköpfiges Reporterteam recherchierte monatelang um alle mindestens 137 Fälle dokumentieren zu können, in denen Menschen aufgrund von rechter und rassistisch motivierter Gewalt ums Leben gekommen sind. Die Polizei führt lediglich 47 Tote in ihrer Statistik. Dies ist in erster Linie natürlich eine investigative Leistung, bei der die Redaktion sich überlegt hat, wie sie ihre Rechercheergebnisse über den reinen Text hinaus am besten visualisieren kann.

Erwähnenswert sind natürlich auch die Umsetzungen der Irak-Protokolle:

Zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten kooperierte Wikileaks mit der New York Times, dem Guardian, dem Spiegel und diesmal auch mit Al Jazeera. Nach den 90.000 aus dem Afghanistan-Krieg ging es diesmal um fast 400.000 Dokumente aus dem Irak-Krieg.

Wie bereitet man eine solche Datenflut auf, damit die Nutzer einen Sinn und eine Aussage hinter den Dokumenten erkennen können? Wie liefert man denjenigen, die sich tiefergehend mit der Materie befassen wollen, genügend Details zu genau solchen Aspekten, die sie interessieren? Ohne zugleich die anderen zu überfordern, die einfach nur an die Hand genommen und über das Wichtigste informiert werden wollen?

Jedenfalls nicht mit einer “One size fits all” Lösung – das hat Spiegel Online aus seiner kritisierten konventionellen ersten Dokumentenaufbereitung gelernt.

Diesmal gab es bei Spiegel Online einen als grafisches Herzstück einen  interaktiven Atlas. Das ist in etwa das, was der Guardian mit den Afghanistan Protokollen gemacht hat.

Der Guardian hat diesmal angesichts der Datenfülle einen vertikalen Querschnitt gewählt. Die Redaktion hat aus dem riesigen Datensatz einen besonders ereignisreichen Tag ausgewählt und in einer interaktiven Karte mit Zeitleiste nacherzählt.

Außerdem gibt es die Daten als Google Fusion Map (jeder Tote repräsentiert einen Stecknadelkopf auf der Landkarte) und als Excel-Tabelle zum Herunterladen.

Auch die New York Times griff sich für die interaktive Darstellung nur einen beispielhaft blutigen Tag heraus - den 20. Dezember 2006 – und beschränkte sich geographisch auf Bagdad.

3. Tue was Du am besten kannst und verlinke zum Rest

Dieser Satz stammt natürlich nicht von mir, sondern von Jeff Jarvis. Ich halte diesen Satz für einen der Grundsätze des Onlinejournalismus, aber eigentlich wird er nur von Bloggern, Portalen wie dem Perlentaucher, und fast nie von den Onlineportalen deutscher Medienhäusern beherzigt.

Das Intenet bietet durch das simple Mittel der Verlinkung auf andere Seiten viel einfacher als Print, Radio oder TV die Chance weitere Perspektiven und Meinungspluralität zuzulassen und Transparenz zu erzeugen. Aber diese Chance wird leider noch immer vertan. Mehr als 15 Jahre nach Start des World Wide Web will die Mehrheit der klassischen Medien mit Onlinepräsenzen immer noch nicht verstehen, dass “Netz” mit “vernetzen” zu tun hat. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist Online noch immer nur ein Kanal zum Hineinkippen von linearen Texten, die zumindest gedanklich für Print geschrieben wurden.

Neuerdings sieht man sogar mehr Links. Offenbar hat man den Verlagen gesagt, Ihr müsst Eure Sichtbarkeit für Suchmaschinen erhöhen. Allerdings kommt dabei auch semantischer Unsinn heraus. In einem Bericht über den Prozess von Ottfried Fischer gegen die Bild-Zeitung führt ein Klick auf das verlinkte Wort “Agentin”zur Übersichtsseite “Agent” und von dort auf  Texte über den Mossad und über Islamismus. Hier waren offensichtlich Algorithmen am Werk.

Die Sichtbarkeit für Suchmaschinen mag man diesen Mechanismen wohl tatsächlich erhöht werden, die Sichtbarkeit der Geringschätzung der eigenen Nutzer allerdings ebenfalls.

Ein künftige Definition von Qualitätsjournalismus im Internet könnte lauten, über Selbstreferenzialität hinauszuwachsen und zum Besten zu verlinken, was das Netz zu bieten hat. Man nennt das neuerdings gerne “kuratieren”.

Auch hier möchte ich wieder auf den Guardian verweisen, wo man dieses Prinzip bereits verstanden hat: Der Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, sagte vor einigen Tagen in einem Interview mit dem Medienbranchendienst “Meedia”:

Wir haben gelernt, dass nicht jeder Journalist jede Story schreiben muss. Wenn ein Flugzeug in Amsterdam abstürzt, dann war das eine Geschichte, zu der wir früher einmal einen Guardian-Journalisten hingeschickt hätten. Jetzt würden wir sagen: Lass das lieber jemand anderes machen! [...] Es geht wirklich darum, herauszufinden, was wir als Guardian am besten können und dann zum Rest zu verlinken [...] Einen Link zu setzen und hinzuzufügen, dass man dem Geschriebenen zustimmt, dauert eine Minute. Indem man offen und kollaborativ ist, spart man eine Menge Zeit.

Verlinken Sie als Medienunternehmen im Netz nur auf sich selbst, und ich werde Ihren Links nicht folgen, weil ich weiß, dass sie nur Ihrem wirtschaftlichen Eigennutz dienen. Ich werde Ihnen als Medienunternnehmern nicht trauen, dass Sie Ihre Empfehlung mit mir als Nutzer im Sinn aufstellen. Ebensowenig, wie ich einem Bankberater zutraue, etwas anderes zu wollen, als mir ein weiteres Produkt aus dem gleichen Unternehmen aufzuschwatzen.

Betreiben Sie aber als Journalisten und als Redaktion eine redaktionelle Vorselektion und weisen mir im Netz den Weg zu den vertrauenswürdigsten Quellen, zu den am besten geschriebenen Berichten zu einem bestimmten Thema, und ich weiß, dass Sie sich dabei von journalistischer Fachkompetenz haben leiten lassen, dann komme ich gerne immer wieder. Ich werde Sie weiterempfehlen. Ich werde diesen Knotenpunkt der Wissenssammlung meinerseits verlinken.

Dieses Modell setzt natürlich eine Spezialisierung voraus, hier gilt es den ersten Halbsatz des Jarvis’schen Mantras zu beherzigen: Tue, was Du am besten kannst. Also liefern Sie mir bitte nicht die Allerweltsmeldung, die mir Google hundertfach liefert.

Paul ist tot. Wie oft muss ich das erfahren? Einmal? Zehnmal? 20 mal? 441 mal?

Wie kommt eine solche Redundanz zustande? Weil Medien sich immer noch nicht als vernetzte Knotenpunkte, sondern als abgeschlossene Portale begreifen. Im Grund ihres Herzens sehen die Verleger und Chefredakteure die Startseite ihres Angebots als Startseite auf den Browsern ihrer Zielgruppe. Das ist sie aber nicht. Wir können nicht so tun, als ob Internetnutzer sich nur auf unseren Seiten aufhalten und ansonsten nichts mitbekommen.

Wenn Medien auf das Beste im Netz verlinken, was es zu einem Thema gibt, egal, ob es vom eigenen Medienhaus kommt oder überhaupt von einem klassischen Medienanbieter, dann würden sie ihren Nutzern einen großen Dienst erweisen. Jedes einzelne Angebot wäre hochwertiger, weil es wie ein Wegweiser zu den Perlen des Journalismus im Netz funktionieren würde. Dabei spielt es prinzipiell keine Rolle, ob es sich um Lokaljournalismus handelt oder um wissenschaftliche Hintergrundberichte oder um Finanzanalysen. Das Prinzip Verlinkung wirkt, wenn alle mitspielen.

Deutsche Verlage sind sich schnell einig, wenn es darum geht, den angeblichen Contentklau von Google oder die Art der Internetauftritte von ARD und ZDF zu verdammen oder ein eigenes Leistungsschutzrecht zu fordern. Warum können sie sich nicht ebenso darauf einigen, aufeinander zu verlinken?

Aufgrund der ganzen eingehenden Links würden die Verlagsangebote auch bei Google bessere Platzierungen in den Suchergebnissen erreichen. Die ganzen mühseligen und teuren Suchmaschinenoptimierungs-Tricksereien könnten Verlage sich und ihren Nutzern dann wohl ersparen. In einem solchen kuratierten Angebot sehe ich auch eine Möglichkeit für Paid-Content.

weiter zu Teil 2

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