Kuratieren, Crowdsourcing, Prozessjournalismus: Was soll das?

Um die Chancen und Grenzen einer Zusammenarbeit mit den Leuten, die man in linearen und analogen Medien (vulgo: Zeitungen, Radio, Fernsehen) Leser, Hörer und Zuschauer nennt, ging es im Speedlab 5 beim Speedlab Journalism der Kooperative Berlin und Partner. Sebastian Horn und ich diskutierten nacheinander mit fünf Gruppen von jeweils zehn bis 15 Journalisten und anderen Medieninteressierten in jeweils nur 25 Minuten.

Wir haben es wie folgt gemacht: Nach meinem einleitenden Vortrag zu Begriffen und einigen unterschiedlichen Medienbeispielen (unten eingebettet), schilderte Sebastian Horn wie bei Zeit Online kuratiert, d.h. die Nutzer mit einbezogen werden. Anschließend blieben zehn bis 15 Minuten für die Diskussion. Die verlief tatsächlich fünfmal unterschiedlich (was wir auch gehofft hatten).

Einige der interessantesten Aspekte der Diskussionen, die ich hier wiedergebe und mit Links ergänze:

  • Gibt es Wege möglichst sinnvolle Nutzerbeiträge zu fördern? Dazu sagte Sebastian Horn etwas Interessantes: Gewöhnlich werde diffamierenden Kommentaren mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den guten Kommentaren. (Meine Anmerkung: Allein das kommentarlose Löschen ist schon mehr Aufmerksamkeit als die meisten konstruktiven und intelligenten Nutzerkommentare von Redaktionen je bekommen). Bei Zeit Online will man es jetzt umgekehrt versuchen: Trolle ignorieren, auf die wirklich interessierten Nutzer und interessanten Beiträge eingehen. Allein das aktive Mitdiskutieren kann schon früh die Tonlage setzen. In meinen Folien ist der Guardian aufgeführt, der schon vor anderthalb Jahren seine Nutzer erfolgreich zur Mithilfe bei der Auswertung von zigtausend Dokumenten zum Spesenskandal der Unterhausabgeordneten aufforderte. Inzwischen gibt es beim Guardian einen Datastore. Dort kann sich jeder kostenfrei mit Daten bedienen – und sollte im Gegenzug nach Möglichkeit seine daraus resultierende Ergebnisse (Infografiken, iPad-Apps etc.) lizenzfrei der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Auch das ist Kuratieren.
  • Gibt es bereits überzeugende Ansätze, auch während des Schreibens zu kuratieren – d.h. Journalisten und Nutzer schreiben gemeinsam einen Text? Uns sind im Journalismus keine bekannt. Allerdings gibt es bereits mehrere Experimente, schon während des Recherchierens, Meinungen und Informationen von Nutzern einzuholen. Eines davon ist Sascha Lobos Versuch, gemeinsam mit den Nutzern von WiWo Online, seinen Bloglesern, Fans und Followern, einen Beitrag zu kuratieren. Dabei herausgekommen ist der Beitrag Vom Wert der Vielen im Internet. Unklar blieb bei diesem Experiment, wieviel an mehr Erkenntnissen die Schwarmintelligenz wirklich beigetragen hat. Mir erschien, als ob Sascha Lobo diesen Text im wesentlichen auch ganz allein hätte schreiben können. Sprich: Das Experiment war interessanter als das Ergebnis. Aber das liegt bei Innovationen wohl manchmal in der Natur der Sache. Ebenso bei Michalis Pantelouris Versuch, einem Mordfall in Form einer Live-Reportage kollaborativ auf den Grund zu gehen. Der Ansatz war spannend, die Ergebnisse weniger.  Mehr dazu bei Journalist.de: Der gläserne Reporter. Nachtrag vom 4.12.: Ein aktuelles Beispiel für einen gelungenen kollektiv mit den Nutzern geschaffenen journalistischen Beitrag: Das interaktive Live-Interview, der der Guardian gemeinsam mit seinen Nutzern mit Wikileaks-Gründer Julian Assange führte.
  • Ist es hilfreich, wenn man mit erklärungsbedürftigen Begriffen Journalisten das Gefühl vermittelt, es werde jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf getrieben? Nein, sicherlich nicht, weil das Um-Sich-Werfen mit Buzzwords viele Journalisten eher abschreckt als neugierig macht, sich auf Innovationen einzulassen. Es ist aber eben nicht so, dass kollaborativer Journalismus konsequent immer schon gemacht wurde. Es gab ihn bisher nur in Ansätzen. Ob ein Leserbrief abgedruckt oder ein Hörer ins Studio duchgestellt wird, entscheidet die Redaktion. Zum kollaborativen Journalismus gehört die Freiheit des Nutzers (im Rahmen geltenden Rechts) mit seiner Meinung ungefiltert zu Wort zu kommen. Ausgewählt (d.h. kuratiert) wird erst danach. Das kann schon aus Platzgründen nur im Internet stattfinden. Auch das Offenlegen und Zugänglichmachen von Rohdaten – neuer Begriff: Datenjournalismus – ist nicht etwas, was immer schon gemacht wurde. An die Rohdaten, die für eine Infografik nicht verwendet wurden, kommt in der Regel kein Nutzer heran. Das ist es aber, was Datenjournalismus neben der Interaktivät ausmacht: Die Haltung, dass auch andere mit den Daten Nützliches anfangen können.
  • Geht für das Kuratieren nicht wahnsinnig viel Zeit verloren, die für die eigentliche journalistische Arbeit fehlt? Ja, die Betreuung von Kommentaren und Communities, das Überprüfen von Links und nutzergenerierten Beiträgen ist aufwändig. Aber Prozessjournalismus und kuratierender Journalismus begreift diese Aufgaben als Kernaufgaben, nicht als lästige Mehrarbeit, der man sich widmen kann, wenn noch Zeit und Ressourcen übrig sind. Wer wissen will, wie wertvoll Nutzerbeiträge sein können, sollte diese beiden Essays von zwei Chefredakteuren lesen, die mit ihren jeweiligen Medien ernsthaft ausloten, was eine Zusammenarbeit mit Amateuren bringen kann:

Rusbridger: Openness, Collaboration Key to New Information Ecosystem (Guardian Chefredakteur Alan Rusbridger bei Poynter)

Es geht erstaunlich gut (Zeit Online Chefredakteur Wolfgang Blau in der SZ Online-Serie Wozu noch Journalismus?)

Videos und Fotos vom Speedlab soll es demnächst auf dem Tumblr Blog des Speedlab geben.

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