Linktipps zum Wochenstart: Wikileaks Edition

Wikileaks ist noch immer das überragende Medienthema in Blogs und Medienportalen. Nachdem ich mich in der vergangenen Woche der nationalen Selbstbespiegelung bewusst entzogen habe, finde ich inzwischen viele verlinkenswerte Beiträge zur Frage, ob und wie Wikileaks die Medienwelt verändert oder zur Reflexion zwingt. Deshalb sind die Linktipps diesmal eine weitgehend monothematische Ausgabe. Wen das stört, der möge bitte direkt weiter nach unten scrollen – einige andere interessante Themen gab es ja auch noch.

Now leaking: The one and only Ich

Ein furioser Aufsatz des Journalisten Michalis Pantelouris, der erstens feststellt, dass es jetzt eine “Identitätszentrale im Netz” gibt, die es Lügnern (oder Diplomaten) schwermacht, ihre diversen Versionen der Wahrheit für verschiedene Sphären voneinander getrennt zu halten. Zweitens den Glauben an die Geheimhaltung von etwas, “zu dem offenbar zweieinhalb Millionen Menschen Zugang haben”, für so naiv hält wie den Glauben, dass ein nicht angeschlossenes Fahrrad in Hamburg nicht geklaut wird. Und drittens die Argumentation in einem Beitrag der Welt (Verlinkung von mir) kritisiert. Pantelouris: “Nicht die Privatsphäre des Einzelnen gilt es zu durchbrechen, sondern die willkürlich behauptete Privatsphäre des Staates vor dem Einzelnen.

A few questions about the WikiLeaks release

Dan Gillmor argumentiert bei Salon in eine ähnliche Richtung wie Pantelouris und stellt allen Beteiligten Fragen. Unter anderem diese an Wikileaks und Julian Assange: “Could you kindly find someone to liberate internal documents from, say, the Chinese government?”. Diese an die US-Regierung: “Is stamping ‘Secret’ on everything that moves helpful or detrimental to our national security?” Diese an die Journalisten mit unmittelbaren Zugang zu den Dokumenten: “Why does it take WikiLeaks to get the information you agree is so worthy of public exposure? Why aren’t you doing your own jobs better in the first place?” Und diese an Sarah Palin: “Treason is an act against one’s own country. Are you aware that WikiLeaks is not based in the United States, and that Assange is not a U.S. citizen?” Lesenswert ist auch Gillmors Folgepost, in welchem er warnt: “Trusting the cloud is becoming an act of faith, and it’s time to question that faith.”

Like It or Not, WikiLeaks is a Media Entity

Matthew Ingram von GigaOm rät Medien den vorauseilenden Gehorsam bei Amazon sehr kritisch zu betrachten, denn die nächste Anordnung, Inhalte von den Servern zu nehmen oder gar nicht erst zu veröffentlichen, könnte mit gleicher Begründung sie selbst treffen: “WikiLeaks’ stated intention is to bring transparency to the political process and expose wrongdoing. Isn’t that the same thing the Times does? And yet one is being hounded by government agents, forced to remove its documents from Amazon’s servers and blocked from using PayPal, while the other is free to publish whatever it wants. What if the Times were to store some of its content on Amazon’s EC2 servers or use PayPal for transactions — would it be subject to the same treatment? And if not, why is WikiLeaks?”

The Shameful Attacks on Julian Assange

David Samuels argumentiert in einem Beitrag für The Atlantic, dass (journalistische) Kritiker, welche  die Bedeutung der über Wikileaks geleakten US-Botschaftsdepeschen gering einschätzen, die wirkliche Bedeutung von Wikileaks nicht erkennen: “The true importance of Wikileaks — and the key to understanding the motivations and behavior of its founder — lies not in the contents of the latest document dump but in the technology that made it possible, which has already shown itself to be a potent weapon to undermine official lies and defend human rights. Since 1997, Assange has devoted a great deal of his time to inventing encryption systems that make it possible for human rights workers and others to protect and upload sensitive data.

Julian Assange Ducks the Question A Lot of Us Have About Wikileaks

Journalismusprofessor Jay Rosen ärgert sich in seinem Posterous-Blog Public Notebook darüber, dass Julian Assange im interaktiven Interview mit den Nutzern des Guardian die Frage eines Diplomaten (“why should we not hold you personally responsible when next an international crisis goes unresolved because diplomats cannot function?”) elegant ignoriert hat.

Why WikiLeaks’ latest document dump makes everyone in journalism — and the public — a winner

Nieman Journalism Lab stimmt nicht ein in den Chor derer, die behaupten, erst das Versagen klassischer Medien bei ihrer investigativen Aufgabe beschere der alternativen Whistleblower-Plattform Wikileaks eine solche öffentliche Aufmerksamkeit: “Traditional journalists get to show the value that comes from parsing through complicated details — and now, from investing in resources that make that information visually appealing. In sorting through the WikiLeak-ed cables, traditional journalists generally took the time to shape and create a story that made sense — by putting together complicated diplomatic cables that only a select few in the public would be able to decode with the same comprehensive sweep.”

Julian Assange and the Computer Conspiracy; “To destroy this invisible government”

zunguzungu wundert sich, warum Journalisten sich wundern, auf welcher Mission Wikileaks Gründer Assange sei. Wer sich die Mühe mache, dessen Veröffentlichungen zu lesen, findet darin klare Aussagen. Wer sich die Mühe nicht macht, solle zumindest die im Beitrag zitierten Kernpassagen lesen Es gibt auch eine ins Deutsche übersetzte Version.

Wikileaks: Staatsfeind Nr. 1

Einen sehr ausgewogenen Beitrag hat Wolfgang Michal für Carta verfasst. Sein Fazit: “Man darf WikiLeaks deshalb weder überhöhen noch dämonisieren. Man sollte aber durchaus ein wenig dankbar sein, dass es eine Instanz gibt, die andere in Zukunft etwas weniger forsch, etwas weniger selbstherrlich und etwas weniger präpotent agieren lässt – weil sie fürchten müssen, dass es auffliegt. Die Existenz von WikiLeaks (und möglichen Nachfolgern) verringert die Ohnmacht der vielen.” Kritisch sieht Michal die Rolle mancher Medien: “Da gibt es die Leitmedien, die das Privileg genießen, die WikiLeaks-Dokumente auswerten, auswählen und veröffentlichen zu dürfen (der Spiegel, dessen Auflage zuletzt schwächelte, ist sogar in der glücklichen Lage, die aktuelle Ausgabe nachdrucken zu müssen). Zum anderen gibt es die Medien, denen zunehmend klarer wird, dass sie ein trojanisches Pferd in ihre uneinnehmbar erscheinende Medienfestung geholt haben. Und schließlich gibt es noch die Medien, deren Leitartikler sowieso lieber Politiker geworden wären, weil sie ‚Verbrecherwebsites’ wie WikiLeaks am liebsten ausräuchern würden (wenn sie denn wüssten, wie man im Internet etwas ausräuchert).”

Open Letter to Amazon.com

Der ehemalige US-Regierungsberater Daniel Ellsberg, der nach dem Vietnamkrieg mit der Weitergabe der “Pentagon Papers” als Whistleblower selbst Schlagzeilen machte und ein erhebliches juristisches Risiko einging, schreibt einen offenen Brief an Amazon (der E-Commerce-Riese hat Wikileaks von seinen Servern entfernt): “I’m disgusted by Amazon’s cowardice and servility in abruptly terminating its hosting of  the Wikileaks website, in the face of threats from Senator Joe Lieberman and other Congressional right-wingers. I want no further association with any company that encourages legislative and executive officials to aspire to China’s control of information  and deterrence of whistle-blowing.

Kill Switch – Mein Boykott von Amazon & eBay

Inzwischen haben auch viele deutsche Blogger und Twitterer angekündigt, ihr Amazon und eBay-Konto zu kündigen (eBay ist der Mutterkonzern des Bezahldienstes Paypal, der keine Spenden an Wikileaks mehr zulässt). Einer derer, die ihre Kündigung gut begründen, ist Richard Gutjahr: “PayPal und Amazon waschen ihre Hände in Unschuld, berufen sich auf ihre Geschäftsbedingungen. Doch galten diese AGB nicht schon vor Cablegate? Warum sollte es nach wie vor erlaubt sein, die New York Times über Amazon und PayPal zu beziehen, nicht aber die zugrundeliegenden Originaldokumente? Warum haben Amazon und eBay im vorauseilenden Gehorsam gehandelt, gibt es doch noch nicht einmal einen ordentlichen Gerichtsbeschluss? Wenn es sich jemand leisten könnte, einer Regierung die Stirn zu bieten, dann doch wohl zwei global aufgestellte Internet-Konzerne wie Amazon oder eBay.

Jenseits von Wikileaks:

Reiter: MDR-Intendant löscht Twitter-Account, Nachspiel im Rundfunkrat

Der Flurfunk Dresden weiß zu berichten, dass das inzwischen beendete Twitter-Gastspiel von MDR-Intendant Udo Reiter am Montag, 6. Dezember, ein Nachspiel im MDR-Rundfunkrat haben wird und sieht in dem Fall ein Zeichen für die Zukunft: “[...] es ist die Übertragung der 1.0er-Kommunikationsform, einzelne Äußerungen von Personen medial auszuschlachten, um ihnen zu schaden. Es war ein schlechter Witz, ja, Reiter hat sich gleich darauf entschuldigt – so what? Diese und ähnliche Erfahrungen werden eins zur Folge haben: Wir werden in Deutschland noch sehr lange warten müssen, bis sich Politik und andere Entscheiderkreise an Twitter und Co. herantrauen.”

First Look: New Knight News Challenge entries emphasize data, mobile, community, and games

Nieman Journalism Lab schaut sich einige der 136 eingereichten Projekte für den journalistischen Innovationswettbewerb Knight News Challenge an: u.a.  iBreakNews (eine kollaborative mobile Nachrichtenseite), The Pioneer Press Prediction Project – ein Programm, dass es erlaubt, Wetten auf den weiteren Fortlauf von Ereignissen abzuschließen. Was das mit Journalismus zu tun hat? Die Chancen zu gewinnen, steigen, wenn sich Nutzer zuvor intensiv mit den Nachrichten befassen, auf die sie Wetten abschließen. Ebenso wie beim Nachrichtenquiz Mobile Wits.

The Incredible Stupidity Of Investigating Google For Acting Like A Search Engine

Search Engine Land verteidigt Google vor dem Vorwurf das EU-Kartellrecht zu verletzen. Und zwar nicht mit dem simplen Argument, es sei ja niemand gewzungen Google zu benutzen. Sondern inhaltlich-logisch: “If you step back from the rhetoric, the political jockeying, the concerns that Google is just too big so let’s use any argument to stop it — if you logically think about this argument from a user perspective — it makes no sense. Google is a search engine. A search engine’s job is to point you to destination sites that have the information you are seeking, not to send you to other search engines. Getting upset that Google doesn’t point to other search engines is like getting upset that the New York Times doesn’t simply have headlines followed by a single paragraph of text that says “read about this story in the Wall Street Journal.

Hans Rosling’s 200 Countries, 200 Years, 4 Minutes – The Joy of Stats – BBC Four

Ein 4-Minuten-Video aus einer Sendung des Datenexperten Hans Rosling bei BBC4 zeigt den Mediziner und Statistiker inmitten einer lebensgroßen interaktiven Visualisierung der weltweiten Wohlstandsverteilung von 1810 bis heute. So machen nackte Zahlen Spaß.

The Evolution of the Blogger

Vom Webtagebuch zu den vielfältigen Formen heutiger Blogs (Modeblogs, Unternehmensblogs, Spamblogs etc.) und der Tendenz zum 140-Zeichen-Mikrobloggen – dargestellt in einer Infografik bei Flowtown.

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