Linktipps zum Wochenstart: 182 Tage im Leben des Malte Spitz

Verräterisches Handy

An diesem interaktiven Glanzstück bei Zeit Online zeigt sich, was Datenjournalismus leisten kann. Die Visualisierung zeigt anhand der eingeklagten Vorratsdaten von Malt Spitz ziemlich lückenlos, wo sich der Grünen-Politiker in den letzten sechs Monaten aufgehalten hat und ist damit ein eindringlicheres Plädoyer gegen die Vorratsdatenspeicherung als so manche juristische Abhandlung. Mehr zum Hintergrund schreibt Lorenz Matzat im Open Data Blog von Zeit Online.

A glimpse of journalism’s future

Paul Reynolds, World Affairs Correspondent der BBC Webseite, verabschiedt sich von der BBC mit einem lesenswerten Rückblick auf den Kulturschock, den er erlitt, als er vor neun Jahren in die Online-Abteilung wechselte: “I found that I was in direct contact with the public. Horror. This had not happened to me before.” Mit diesem Einstieg fängt er natürlich Leser ein, aber was folgt, sind interessante Erfahrungen, die Reynolds hoffentlich auch künftig an junge Journalisten vermitteln kann.

Metro after midnight: How The Washington Post tapped night owls to make a transportation story social

Nieman Journalism Lab stellt  Metro After Midnight vor, ein kollaboratives Erzähl-Experiment, das zwei Nächte in der U-Bahn von Washington aus der Perspektive von Nutzern beschreibt: “More than a series of strung-together ‘how the man on the street feels’ comments, Metro After Midnight was an experiment in deploying new newsroom tools to create a narrative, using comments as cues for reporting, curating Twitter reactions and photos, and packaging the whole affair (online, at least) using Storify. In the world of newspapers, it’s not atypical to put together a feature package in a matter of days, but Metro After Midnight is a case study of new media in action — not for the big, blow-out stories or events, but for the regular, week-to-week coverage that newspapers are typically consumed with.”

Innovative journalism for the future – an example from Norway

BetaTales stellt eine innovative datenjournalistische Anwendung aus Norwegen vor: Bergens Tidende begnügt sich nicht länger damit, Verkehrsunfälle zusammenhanglos zu vermelden und spektakuläre tragische Einzelfälle in größeren Berichten abzuhandeln, sondern spürt den Gründen für Unfallschwerpunkte in seinem Projekt “Killing Roads” systematisch und datenjournalistisch nach. Ein nachahmenswertes Beispiel.

State of the Spot: Moving forward with your help

David Cohn, Gründer der spendenfinanzierten Journalismus-Plattform Spot.Us zieht nach zwei Jahren Bilanz und fragt die Nutzer um Hilfe bei der Suche nach einem nachhaltigen Geschäftsmodell. Die Plattform erhielt neben den Spenden anfangs eine Anschubfinanzierung der Knight Foundation und hat außerdem ein bisher einzigartiges Werbemodell entwickelt. Bemerkenswert ist dieser Blogpost auch wegen des Schlagabtauschs zwischen David Cohn und dem anonymen Kommentator “Honestly”. Cohn Reaktionen zeugen von einem Willen, transparent zu sein und Kritik ernst zu nehmen, und zwar mit einem geradezu erstaunlichen Einsatz von Zeit und Geduld. (Ich hätte diesen Kommentator recht schnell als Paranoiker abgeschrieben).

What newsrooms can learn from tech startups

Lauren Rabaino plädiert in einem starken Beitrag bei 10000 words dafür, dass sich Medien in ihrer Redaktionsorganisation und Unternehmenskultur stärker an Tech-Startups orientieren sollten. Ihre Vorschläge reichen von mehr Transparenz im Impressum und leichtere Kontaktmöglichkeiten für Nutzer über den Ansatz, journalistische Beiträge als Software im Beta-Stadium aufzufassen, bis zum Vorbild Google mit seinem Experimentierfreiraum für Mitarbeiter, der immerhin ein Fünftel der Arbeitszeit umfasst.

Prof. Wolfgang Donsbach: “Medien verlieren zunehmend ihren Markenkern”

Der Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden hält es für einen Fehler, wenn sich klassische Medien ins soziale Netz begeben: “Ich zeige in Vorträgen oft ein Bild mit vier Webseiten, die sehen alle gleich aus. Ob das StudiVZ ist oder irgendein Blogger oder eine Unternehmensseite, die einem etwas verkaufen will: Die können ihre Inhalte heute alle so journalistisch aufbereiten, dass es für den Durchschnittsbürger keinen Unterschied macht. Es ist in meinen Augen ein Grundfehler der Medien, dass sie nun alle denken, sie brauchen Blogs und müssen bei Facebook oder sonstwas mitmachen.” Ich halte diese Denkweise für einen Fehler, weil Medien ihren Markenkern nicht werden retten können, indem sie sich modernem Mediennutzungsverhalten verweigern. Lesenswert ist der Text bei Flurfunk Dresden dennoch.

PR-Recycling: Churnalism.com entlarvt faule Journalisten

Was Guttenplag für die Deutschlands berüchtigste Ex-Dissertation wurde, könnte Churnalism.com für britische Journalisten werden. André Vatter stellt das neue Transparenz-Tool der Stiftung Media Standards Trust vor, “das es jedem Nutzer erlaubt, den Redaktionen in Großbritannien auf die Finger zu schauen: Wer betreibt unbekümmertes News-Recycling aus dem, was die PR-Schleuder den Journalisten jeden Tag vorsetzt?” In diesem Zusammenhang natürlich auch immer wieder erwähnenswert: Journalism Warning Labels.

Journalistensprech

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Illustration: Open Data Blog