Was Crowdfunding f

Im Vorfeld der re:publica Subkonferenz co:funding am 15. April, bei der ich auf dem Podium mitdiskutiere, habe ich mit dem CEO der Musik-Crowdfunding-Plattform SellaBand, Michael Bogatzki, ein telefonisches Interview geführt. Bei Sellaband können Fans in Musiker investieren und bekommen im Gegenzug exklusives CD-Material, Backstagepässe oder sogar Gewinnbeteiligungen oder mehr. Bands können dafür ihre Projekte (Studioaufnahmen, Konzerttouren o.ä.) unabhängig von einem Label realisieren.


Herr Bogatzki, wie funktioniert SellaBand?

SellaBand ist ein Marktplatz, der sich mit Crowdfunding beschäftigt. Das bedeutet, viele Menschen können mit kleinen Beträgen größere Summen zusammentragen, damit Künstler in der Lage sind, ihre Projekte zu realisieren. Das können CD- oder Videoproduktionen sein, Promotion, Marketing, Tourfundings, etc. Das steht den Künstlern völlig frei. Wir sind ein öffentlicher Marktplatz für verschiedene Interessen. Wir führen Künstler und Believer zusammen.

Was sind Believer?

Das sind die Menschen, die Musikprojekte unterstützen.

Für welche Genres von Musik und für welche Art von Projekte funktioniert dieser Marktplatz am besten?

Generell sind wir für alle Genres offen. Besonders gut funktionierte es aber in der Vergangenheit für Pop, Rock, Alternative, Singer-Songwriter. Dreiviertel der abgeschlossenen Fundings kommen aus diesen vier Genres.

Nun sind ja Pop und Rock auf dem Musikmarkt nicht gerade unterrepräsentiert…

Überhaupt nicht. Mit SellaBand erfüllen wir aber andersartige Mechaniken. Bei uns handelt es sich um eine demokratische Entscheidung, welche Musik gefördert wird und nicht mehr um eine Einzelentscheidung einer Person in einer Plattenfirma, welche Musik ist es wert ist, gefördert zu werden oder nicht.

Seit wann gibt es die Plattform, wieviele Projekte wurden abgeschlossen, und wieviele Unterstützer gibt es?

Startschuss von SellaBand war im Sommer 2006. Bis die Plattform dann mit dem ersten Konzept online ging, war es Anfang 2007. Dann sind auch die ersten Fundings relativ zügig durchgelaufen. Das Konzept war früher so, dass man immer mindestens 50.000 Dollar einsammeln musste, das war eine Bedingung.

Das war aber eine hohe Hürde…

Ja, das ist viel Geld für unbekannte Künstler. Das Konzept wurde aber über die Jahre öfter mal angepasst. Mittlerweile sind wir sehr flexibel. Wir haben jetzt 63 Fundings abgeschossen, darunter sind 47 Album-Produktionen. Der Rest sind beispielsweise Promotions oder Five-Track-Produktionen. Weitere Projekte sind jetzt gerade im Kreativprozess oder produzieren gerade im Studio.

Wieviele Believer gibt es insgesamt?

80.000 aus 138 Ländern.

Believer müssen mindestens zehn Euro einzahlen. Wenn man das mit dem monatlichen Mindestbetrag bei Flattr vergleicht, verteilt auf beliebig viele Webseiten, ist es ein recht hoher Betrag. Wirkt das nicht abschreckend?

Das Gros der Künstler auf unserer Plattform will ein Album produzieren. Im klassischen Handel oder online ist dafür zehn Euro ein gelernter Wert.

Bekommen die Unterstützer für ihr Geld ein Album?

Ja. Es steht den Künstlern aber total frei, einen Incentivierungsplan aufzustellen, für alle, die zahlen. Das kann ein Dowload oder eine CD sein oder eine sogenannte limited edition. Es kann Pakete geben aus T-Shirts, Autokgrammkarten, privaten Konzerten, Meet and Greets, da gibt es ganz unterschiedliche Stufen. Jonathan Davis, der Frontmann von Korn, hat ein exklusives Live-Konzert gegeben und finanziert jetzt bei SellaBand eine DVD nur für Fans. Es geht also nicht darum, dass man zehn Euro gibt und ein Album bekommt, sondern darum, dass der Künstler in seiner Freiheit überhaupt nicht eingeschränkt ist.

Die meisten Künstler bieten also ein abgestuftes Modell von Leistungen je nach bezahltem Betrag?

Ja, das fängt bei zehn Euro an und geht dann meistens mit 20 Euro und 50 Euro usw. weiter.

Was passiert, wenn sich ein Projekt finanziert hat? Werden die Believer an den Gewinnen beteiligt?

Das ist ganz unterschiedlich. Wir bieten technisch die Möglichkeit an, dass ein Künstler seine Believer an seinen persönlichen Einkünften beteiligen kann. Es gibt dann einen sogenannten Revenue Share. Wenn ein Künstler seine Alben verkauft und zum Beispiel die Hälfte seiner Einnahmen an seiene Believer ausschüttet, dann gibt es darüber Mitteilungen an uns und wir verteilen die Einnahmeanteile prozentual. Das machen viele. Einige geben sogar ihre gesamten Gewinne ab, die wollen einfach nur ein Album produzieren.

Wieviele handeln so uneigennützig?

Ich würde mal sagen, einer von 20. Das macht natürlich wirtschaftlich keinen Sinn. Aber es geht halt nicht darum, den nächsten Superstar zu finden, sondern darum, dass Musik überhaupt stattfinden kann. Die Musikindustrie wehrt sich immer mehr dagegen, deutsche Acts aufzubauen. Wir haben hier einen Anteil von 30 oder 35 Prozent nationaler Musik, der Rest ist international. In Frankreich gibt es Quoten, wieviel nationale Musik im Radio gespielt werden muss. In Japan sind das sogar 80 Prozent. In den USA ist fast alles einheimisch, aber der Musikmarkt ist riesig und beliefert den Rest der Welt. Auf der Plattform merken wir das auch. Es gibt Künstler, die kommen aus Neuseeland und sind dort bekannt, aber im Rest der Welt kennt sie niemand.

Und sie werden im Radio auch nicht gespielt?

Richtig. Man braucht Geld, um ein Album aufzunehmen, aber auch, um es zu promoten. Nur eine Verfügbarkeit im Handel reicht nicht, deshalb machen viele Künstler mehrstufige Pläne. Erst ein Album funden, dann Promotion, Marketing und so weiter.

Was ist der Vorteil für Künstler, SellaBand als Plattform zu wählen? MySpace ist trotz starker Verluste immer noch größer…

Auf den social networks wird in aller Regel kein Geld eingesammelt. Zu uns kommen die Leute, um Musik zu unterstützen, und sie sind bereit, Geld dafür auszugeben. Auch wenn es eine Umsatzbeteiligung gibt, die Hauptantriebsfeder für die meisten Leute ist die Nähe zum Künstler. Wenn ich als Unterstützer zehn Euro einzahle, schreibt mir der Künstler in den meisten Fällen eine Email, bedankt sich sogar öffentlich im Forum, schickt vieleicht im voraus schon mal einen Song. Da gibt es Interaktion, keine plumpe Geldabgabe am Eingang.

Berichten die Musiker zwischendurch von ihren Fortschritten?

Ja. Sie schreiben zum Beispiel: “War gestern im Studio, hab die Baseline aufgenommen, heute den Gesang eingespielt, XY kam auch vorbei.” Die Nähe macht es aus.

Wer hält die Rechte an den Songs?

Die Künstler behalten alle Rechte. Das ist eine liberale Entscheidung, die wir 2009 getroffen haben. Es gibt viele große Publisher, die sehr viele Rechte haben. Das war bei uns früher auch so. Die Rechte braucht man aber nicht, wenn man sich nicht um die Vermarktung dieser Rechte kümmert. Das hilft niemandem und schränkt die Künstler nur unnötig ein.

Vermarkten Sie keine Bands?

Wir suchen uns vereinzelt Künstler aus, mit denen wir intensiver zusammenarbeiten und schauen zum Beispiel, ob wir die Musik in Werbespots unterbringen können. 2010 haben wir für “Popstars” Songs auf der Plattform für das Album der Gewinner angeboten. Wir setzen das sehr zielgerichtet ein, das ist sinnvoller als Generalaussagen zu treffen, nach dem Motto: Wir vertreiben und vermarkten jeden, wir machen jeden zum Star. Die Künster sollen frei sein. Wir geben ihnen eine Starthife. Mit einem fertigen Produkt, zum Beispiel einem Album, können sie, wenn sie mögen, mit einem Musiklabel in Verhandlungen treten. Die Investitionshürde wird dadurch für ein Label auch niedriger.

Und die Verhandlungsposition für die Künstler ist stärker, weil sie schon etwas vorzuweisen haben?

Das sind heutzutage Dinge, die ein Künstler mitbringen muss. Ein Label fragt einen neuen Künstler als erstes: Hast Du eine Fanbasis? Hast Du ein Produkt? Hast du schon mal gespielt? Was bringt Du uns mit, was Dich für uns attraktiv macht? Da geht es nicht nur um die Musik, sondern um das gesamte Paket.

In welcher Beziehung steht der SellaBand Shop zur Plattform? Ist es für Künstler verpflichtend, ihre Produkte darüber zu verkaufen?

Nein, das ist Teil unserer Diversifikationsstrategie. Wir haben einen weltweiten Digitalvertrieb über iTunes und andere Kanäle.
Was sind die Konditionen auf der Plattform?

Wenn ein Believer einen Part kauft, dann gehört ihm dieser Part sozusagen auf Lebenszeit. Für die Administrierung dieses Parts berechnen wir zehn Prozent Provision, für einen zehn Euro Part muss man also elf Euro einzahlen.

Wie wird abgerechnet?

Über Paypal, Sofortüberweisung, Kreditkarten. Man kann ein höheres Guthaben hochladen und es gestückelt auf der Plattform ausgeben. Man kann Parts auch hin- und herschieben. Man kann sie nicht mehr herausholen, denn wir sind keine Bank und dürfen Einlagen nicht auszahlen. Es gibt allerdings mit über 4000 Projekten und über 25.000 Tracks auf der Plattform genügend Auswahl, um Parts zu platzieren.

Gibt es einen Zeitrahmen innerhalb dessen Projekte finanziert sein müssen?

Seit September 2010 schon. Wir haben eine Limitierung von zwölf Monaten eingeführt. In dieser Zeit muss man an seinem Ziel arbeiten. Das hat mehrerere Gründe. Wir wollen keine toten Fundings haben, die nach vier Jahren auf der Platform immer noch da sind, aber die Band hat sich längst aufgelöst. Vielleicht haben sie auch eine Plattenfirma gefunden und brauchen das Funding gar nicht mehr. Wir leben ja von der Aktivität auf der Plattform. Die Believer wollen, das etwas passiert. Wenn das nicht mehr geschieht, dann ist es für alle Beteiligen beser, wenn die Fundings beendet werden. Wir schaffen damit auch Anreize für die Künstler, aktiv zu werden. Wenn jemand nicht aktiv ist, schafft er es auch nicht.

Gibt es Länder, wo das Konzept SellaBand gut funktioniert und andere, wo es eher schleppend läuft?

Die Frage würde ich anders beantworten. In aller Regel kommen zwei Drittel der Einzahlungen in ein Projekt nicht aus dem Land, wo das Projekt herkommt. Das gilt  für jedes Land. Da ist das Seltsame am Phänomen Crowdfunding. Wir haben superstarke Believer in Südamerika oder Neuseeland. Dort haben Leute 100.000 oder 150.000 Euro auf nahezu jedes Projekt auf der Plattform verteilt. Die möchten jede Band entdecken. Das sind Trophäensammler. Es gibt immer den ersten Believer einer Band, der steht bei uns benannt für alle Zeiten. Man kann aber nicht sagen, dass es in einzelnen Ländern schlechter funktioniert. Es funktioniert nur anders und es gibt teilweise sprachliche Hürden. In Japan haben wir deshalb ein anderes Setup und auch ein etwas anderes Modell.

Man kann ja zum Beispiel auch Journalismus gemeinschaftlich vorfinanzieren wie bei der amerikanischen Plattform Spot.Us. Wollen Sie auch in andere Crowdfunding-Bereiche vordringen?

Ja, unbedingt. Wenn wir mal von dem Oberbegriff Crowdfunding ausgehen, kann man uns als Technologieanbieter sehen mit momentan einer Ausprägung, nämlich SellaBand. Natürlich ist aber unser Ziel das Crowdfunding in ganz anderen Bereichen fortzuführen. Die Idee des Crowdfunding ist ja – und das zeigt Spot.Us par excellence – die Leute wollen involviert sein. Sie wollen Dinge unterstützen. Wir sind ja in Deutschland eine Spendennation. Die Leute wollen aber wissen, was mit ihrem Geld geschieht. Spot.Us bildet das toll ab für den Journalismus, das kann man mit vielen Bereichen machen. Viele Leute wollen etwas unterstützen und mit ihrem Geld nicht unbedingt einen Profit erwirtschaften. Es reicht ihnen vielleicht, eine Urkunde oder ein Bild zu bekommen, ein Buchandruck, einen kopierten Strip von einem Jungfilmer – irgendetwas, das man ihnen für ihren Einsatz zurückgibt. Ich glaube, dass sich Crowdfunding ganz hervorragend für kulturelle Projekte eignet.

Zum Beispiel Filme?

In diesen Bereich wollen wir unbedingt. Wir haben auch bereits Gespräche geführt, aber bisher hat uns das noch nicht wirklich überzeugt. Wir wollen ja nicht den Filmförderfonds ersetzen – ebenso wenig wie die Musikindustrie. Aber wir wollen ein Teil davon werden. Für verschiedene Bereiche wie Buch, Film, Journalismus oder auch Malerei kann das durchaus funktionieren. Mit 2000 Euro kann ein Maler schon viel leisten, da ist Crowdfunding eine Riesenchance. Aber in diesem Jahr wollen wir unsere Technologie, die bisher auf den Bereich Musik ausgerichtet ist, erstmal perfekt vorbereiten.

Kann Crowdfunding ein demokratischerer und zielgerichterer Weg sein, Kultur zu unterstützen als das immer mal wieder ins Spiel gebrachte Modell Kulturflatrate?

Damit machen wir natürlich ein großes Fass auf. Aber die Diskussion um die Rundfunkgebühr zeigt: Viele Leute finden die Öffentlich-Rechtlichen gut und wollen sie auch erhalten, aber man zahlt letztlich immer auch für Programme, bei denen man nicht wirklich weiß, warum. Eine Kulturflatrate würde zwar Kultur unterstützen, aber unsere Medien- und Kulturwelt ist inzwischen so fragmental, dass die Leute sich gezielt ihren Konsum aussuchen. Mit Crowdfunding kann man Kultur zielgerichtet fördern. Die Bereitschaft dazu sieht man an vielen Stellen. Das kann eine echte Alternative sein. Ich finde es sehr wichtig, ein gewisses kulturelles Niveau hochzuhalten. Es darf nicht sein, dass nur wenige darüber entscheiden, welche Dinge stattfinden dürfen. Wir wollen nicht nur Superstars, sondern auch kulturelle Randgruppen. Letztens hat sich bei SellaBand ein Jazz-Saxophonist aus Norwegen angemeldet. Der hätte sonst niemals die Chance, Geld für sein Projekt zu bekommen. Das ist doch eine tolle Sache.