Digitaler Urknall – 5 Thesen zur Zukunft des Journalismus
9. Mai 2011 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Audio im Web, Neu, Vorträge und PräsentationenAm vergangenen Freitag war ich zum ersten Mal beim Bayerischen Rundfunk in München. Ich habe die Aussicht vom 15. Stock auf die Alpen bewundert, eine kleine Führung von Marcus Schuler (Mitarbeiter der BR Intendanz und Geek-Week Podcaster) bekommen und eine kleine Audienz bei Intendant Ulrich Wilhelm. Der Anlass meines Besuchs: Vor 20 Jahren gründete der BR seine Infowelle B 5 aktuell und das nun wurde gewürdigt und gefeiert.
Ich habe eine kurze aber ketzerische Keynote gehalten und anschließend gab es eine einstündige Fachdiskussion zum Thema: “Zukunft der Information. Wo finden wir, was wir wissen wollen?” mit Ulrich Wilhelm (Intendant des Bayerischen Rundfunks), Dirk Ippen (Verleger), Stefan Plöchinger (Chefredakteur von Sueddeutsche.de), Katja Marx (Programmchefin von HR-Info) und Sonja Schünemann (Online-Korrespondentin des ZDF-Hauptstadtstudios). Andrea Kister von B 5 hat moderiert. Besonders gefreut hat mich, dass die Diskutanten immer wieder auf Aspekte meiner einführenden Rede Bezug nahmen.
Den Podcast zum Nachhören mit der eine nachträglich eingesprochenen Ultrakurz-Fassung meiner Keynote und der Podiumsdiskussion gibt es bei BR-Online.
Und dies ist das Manuskript der vollständigen Live-Keynote:
Digitaler Urknall – 5 Thesen zur Zukunft des Journalismus
1. Journalisten sind keine Hohepriester am Altar der Wahrheiten und des Weltgeschehens.
Falls sie es je wirklich waren, dann sind diese Zeiten endgültig vorbei. Denn zur sogegannten vierten Gewalt, den Medien, ist als fünfte Gewalt eine kritische Netzgemeinde hinzugekommen. Eine Stimme in der Öffentlichkeit hat inzwischen jeder: Bei Wikipedia schreiben Experten, die ihren Status an keiner Hochschule erworben haben. Bei YouTube stellen Hobbyfilmer ihre Filme ein, ohne eine Sendelizenz zu benötigen. Auf Blogs schreiben Autoren Beiträge, ohne dass ein Redakteur sie beauftragt oder redigiert. Beim Kurznachrichtendienst Twitter konkurrieren Amateure mit professionellen Nachrichtenagenturen auf der Jagd nach aktuellen Neuigkeiten im Weltgeschehen. I
Sie erinnern sich sicher an das ikonische Foto eines notgewasserten Flugzeugs auf dem Hudson River im Januar 2009. Es wurde als erstes von einem Augenzeugen per Twitter verschickt und wurde dann über die Massenmedien verbreitet. Es machte auch den Kurznachrichtendienst in aller Welt bekannt. Seitdem sind nicht einmal zweieinhalb Jahre vergangen. Ob Revolutionen in Kairo und Libyen, ob Tsunami und atomarer Gau in Japan oder die Liquidation von Osama bin Laden – Twitter ist zur blitzschnellen, immer und überall verfügbaren Informations-Plattform geworden.
Immer mehr Internetnutzer schalten bei weltbewegenden Ereignissen nicht mehr als erstes den Fernseher oder das Radio ein, um sich aktuell zu informieren, sie rufen auch nicht Webportale auf, sondern sie schauen als erstes, was bei Twitter läuft.
Zum Tod bin Ladens wurden in der Spitze 5000 Tweets pro Sekunde verschickt. Vor einem Jahr war das noch der Durchschnittswert für einen ganzen Tag. Journalisten können und sollten sich der nutzergenerierten Informationsflut nicht entgegenstellen, sondern sich mitten hinein begeben. Sie sollten eintauchen in den immerwährenden Nachrichtenstrom, das Beste herausfiltern, den Wahrheitsgehalt überprüfen, und die Inhalte für andere Nutzer verständlich aufbereiten. Und das führt zur nächsten These:
2. Kuratieren ist das Gebot der Stunde.
Ebenso wie Museumskuratoren die besten Gemälde und Kunstwerke zu Sammlungen zusammenstellen, Werke thematisch einordnen und dadurch Nutzern oft überhaupt erst einen Zugang verschaffen, sollten sich Journalisten als Kuratoren des Netzes verstehen. Wie fruchtbar solch eine Zusammenarbeit zwischen Profis und Amateuren sein kann, zeigt sich vor allem dann, wenn schon die schiere Masse an Informationen redaktionell gar nicht aufbereitet werden kann.
Schon Mitte 2009 bat die britische Zeitung “The Guardian” ihre Nutzer um Mithilfe bei der Recherche über den Spesenskandal der Unterhaus-Abgeordneten. Sie stellte fast eine halbe Million Dokumente auf ihre Webseite und fragte: “Bitte helfen Sie uns beim Überprüfen dieser Daten.” Mit überwältigendem Erfolg.
Ein aktuelles Beispiel für den Willen vieler Nutzer, zu gestalten und gesellschaftlich etwas zu bewirken, ist das Guttenplag-Wiki zur Dokumentation der Plagiate in zu Guttenbergs Doktorarbeit. Ohne die Mithilfe hunderter engagierter Bürger an diesem kollaborativen Netzprojekt hätte der öffentliche Druck auf Karl Theodor zu Guttenberg schnell nachgelassen und er wäre wohl kaum zurückgetreten.
Viel zu oft liegen klassische Medien und neue publizistische Netzangebote miteinander im Clinch. Sie ignorieren oder beschimpfen sich wechselseitig als starr und unfähig zur Innovation oder als Massenchor des Pöbels. Doch das Beispiel Guttenplag zeigt, dass beide Seiten sich wunderbar ergänzen können. Die Medien profitierten in ihrer Berichterstattung von der enormen Dokumentationsleistung des Guttenplag-Wikis. Das Projekt wiederum profitierte von der großen Aufmerksamkeit, die immer noch in erster Linie von den Massenmedien erzeugt wird. Beide haben sich so gegenseitig gestärkt. Und das führt zu Punkt 3:
3. Webportale müssen offen sein.
Noch immer sind viele Webseiten von Medien in sich geschlossene Welten. Selten führt ein Link nach draußen, dorthin, wo andere Medien und Nutzer ergänzende Informationen bieten könnten. Die Nutzer von Medienportalen werden in einem permanenten Zustand der Unmündigkeit gehalten. Ihre Macher befürchten kleinmütig, die Nutzer kämen nicht wieder, wenn man ihnen über Links Wege nach draußen ins Netz eröffne. Man suggeriert zugleich den Nutzern, alles was sie wissen müssten, könnten sie unter dem Dach eines einzigen Medienangebots finden.
Das ist natürlich eine Illusion. In der digitalen Medienwelt informieren sich die Nutzer nicht bei einer Zeitung, einer Nachrichtensendung und einer Webseite, sondern aus vielen verschiedenen Quellen. Sie tun also zunehmend genau das, was zur demokratischen Willensbildung unerlässlich ist und was wir als Auftrag von Medienbildung propagieren. Damit wird es Zeit, dass auch die Medien ihre Angebote nach dem Grundprinzip des Internets gestalten: Netz kommt von Vernetzen. Und seine Knotenpunkte, die Netzangebote, werden durch Verlinkungen nicht geschwächt, sondern gestärkt.
4. Journalismus ist ein Prozess, kein Produkt.
Seit jeher haben amerikanische Zeitungen eine Korrekturseite. Dort werden 24 Stunden nach der Veröffentlichung die Fehler des Vortrags fein säuberlich dokumentiert und korrigiert. In der deutschen Medienlandschaft ist ein transparenter Umgang mit den eigenen Fehlern kaum etabliert. Einzugestehen, dass man fehlbar ist, und dass jemand anders etwas besser weiß, gilt hierzulande meistens noch als Zeichen journalistischer Schwäche.
Dabei hat das Netz sogar einen eingebauten Korrekturmechanismus: Die Gesamtheit seiner Nutzer. Sie können Fehler unmittelbar korrigieren, Ergänzungen leisten und Hinweise auf neue Beiträge geben. Medienangebote sollten sich deshalb heutzutage nicht mehr als geschlossene Produkte verstehen. Journalismus ist ein offener Prozess, der um so mehr von dieser Öffnung profitiert, je mehr Nutzer ermutigt werden, sich konstruktiv daran zu beteiligen.
5. Mehr Mut zu journalistischen Experimenten
Im Umgang mit dem Netz und seinen neuen Kommunikationsformen zeigt sich ein wohl typisch deutscher Wesenszug: Wir neigen dazu, die Risiken neuer Entwicklungen über zu bewerten und die Chancen zu ignorieren. In den USA wird – natürlich auch wegen der schwierigeren wirtschaftlichen Lage, in der sich die dortigen Zeitungen befinden – beherzt mit neuen Modellen experimentiert, die dem publizistischen Gemeinwohl dienen.
Da gibt es beispielsweise Spot.Us – eine Plattform, auf der Bürger Recherchen zu gesellschaftlich wichtigen Themen vorfinanzieren. Oder ProPublica – eine stiftungsfinanzierte Webseite, deren Beiträge schon Pulitzerpreise errungen haben.
Hierzulande führen wir dagegen noch immer fruchtlose und abwegige Diskussionen, ob Blogger auch Journalisten sein können und umgekehrt. Wir stellen die Frage, ob eine “Tagesschau”-App die kommerziellen Perspektiven von Verlagen auf dem iPhone bedroht und fragen uns, ob ein Produkt von Apple – das iPad – die Rettung journalistischer Geschäftsmodelle sein kann.
Ein Vertreter des Deutschen Journalistenverbands sagte vor einiger Zeit einen treffenden Satz über die Lage der Zeitungsverlage: “Bis zur Jahrtausendwende wurde das Geld mit dem Lastwagen vom Hof gefahren. Jetzt reicht es nur noch für die Schubkarre.”
Wir sollten nicht vergessen: Die meisten deutschen Verlage arbeiten noch immer profitabel und bei und ARD und ZDF handelt es sich noch immer um das finanziell am besten ausgestattete Rundfunksystem der Welt. Mehr Mut zur Innovation wäre wirtschaftlich durchaus vertretbar.
Bei all dem lautstarken Gejammer der etablierten journalistischen Institutionen über ihre wirtschaftliche Lage übersehen wir leicht, dass auch hierzulande einige Journalisten – oft auf eigenes wirtschaftliches Risiko – mit neuen journalistischen Formen experimentieren. Sie gründen lokale Blogs und bemühen sich die Lücken zu füllen, die Lokalzeitungen mit ihrem Rückzug aus der Fläche hinterlassen. Gemeinsam haben sie, dass sie nicht in erster Linie darauf schauen, ob sie mit ihren Angeboten Profit erwirtschaften können, sondern darauf, ob es einen journalistischen Bedarf für ihre Angebote gibt.
Übrigens: Auch hier im Bayerischen Rundfunk gibt es einen besonders innovationsfreudigen freien Mitarbeiter. Der “Rundschau”-Moderator Richard Gutjahr reiste auf eigene Faust nach Kairo, bloggte von den Demonstrationen – und finanzierte seinen Einsatz im Nachhinein durch freiwillige Spenden seiner Blogleser. Wir brauchen noch viel mehr solcher Gutjahrs. Wer immer sich dafür einsetzt, einen nachhaltigen und zeitgemäßen Journalismus im digitalen Zeitalter zu entwickeln, verdient unsere Aufmerksamkeit und unsere Unterstützung.
Illustration: Web Trend Map 4 / Information Architects










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