Linktipps zum Wochenstart: Kritik am Fortschritt

Es lebe die Verweichlichung

Christian Stöcker nimmt sich  bei Spiegel Online des Unbehagens von Bill Keller an. Keller ist New York Times Chefredakteur und hat trotz der Verve, mit der sich die NYT gerade unter seinem Regime ins soziale Netz wirft, ein Lamento über Verflachung unseres Denkens durch das Internet an sich und Social Media im Besonderen verfasst (ähnlich wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher). “Technischen Fortschritt auf Basis der Erleichterungen zu kritisieren, die er der Menschheit bringt, ist nicht nur widersinnig, es ist reaktionär. Und trotzdem erfreut sich diese Haltung, offen oder verdeckt, gerade wieder größerer Popularität. Der Grund ist die als schmerzhaft erlebte Geschwindigkeit, mit der digitale Technologie derzeit die Welt verändert“, schreibt Stöcker. Die Techno-Soziologin Zeynep Tupekci vergleicht Twitter mit einer partiellen Rückkehr zur oralen Kultur: “Bill Keller should understand that, at its best, Twitter is not a broadcast medium but a medium of conversation. What he has done so far on Twitter is the equivalent of walking into a party and saying a provocative sentence, followed by sitting at the corner sipping his cocktail – as in “#twittermakesyoustupid. Discuss.

The newsonomics of the missing link

Digitalökonom Ken Doctor mahnt Zeitungsverlage, nicht die Chance von Tablets zu verpassen, in dem sie z.B. sich zu lange damit begnügen, pdf-Ausgaben gedruckter Zeitungen auf dem iPad abzubilden: ” News publishers must more quickly satisfy those News Anywhere habits, properly formatting for each device and understanding how consumers are using news differently on their iPhones, their iPads and on their desktops. Most are simply not yet prepared to take advantage of this revolution.


#bbcsms: The new journalism is working with 2,000 sources

Neal Mann, TV-Journalist bei Sky News in Großbritannien, beschreibt in einem Beitrag für BBC College of Journalism, wie sehr sich sein Beruf in den vergangenen fünf Jahren verändert hat: “When I trained as a journalist, my use of social media was limited to posting the odd (stone cold sober) picture of a night out on Facebook; Twitter wasn’t even on my radar. Five years later and things have changed substantially. Twitter has become a core part of my work (and my Facebook privacy settings are now much, much higher).”  Mehr dazu bei Matthew Ingram von GigaOm.

Die Scanner

FAZ-Autorin Frederike Haupt hat sich konspirativ mit “Goalgetter” getroffen, dem Gründer des Plagiats-Aufdeckungs-Wikis Vroniplag, außerdem mit “markusb” und “KaiH”. Hinter den Kulissen der Wikis herrschen Auseinandersetzungen um die künftige Ausrichtung und den richtigen und/oder nötigen Grad an Publicity: “In den vergangenen Monaten war über die Plagiatesucher aus dem Internet oft zu lesen, dass sie ein Schwarm seien, doch in einem Schwarm sind alle gleich und wollen in dieselbe Richtung. Dabei sind sich ‘Vroniplag’-Gründer Goalgetter, ‘Guttenplag’-Gründer PlagDoc und viele andere aus dem Kernteam der beiden Wikis nur einig, dass sie kein Schwarm sind. Das war bei ‘Guttenplag’ so und ist es bei ‘Vroniplag’ erst recht.” Parellelen zur Fehde bei zwischen Julian Assange und Es-Wikileaks-Mann Daniel Domscheit-Berg drängen sich auf.

Beruf Datenjournalist: Zahlenkolonnen lesbar machen

Die britische Datenjournalistin Ami Sedghi (23), die für den Guardian arbeitet, beschreibt ihre Arbeit in einem Beitrag für die Berliner Gazette und in einem Videoportrait, das am Rande des tazlab Medien entstand.

Journalists increasingly using social media as news source, finds study

Aus der 4. Oriella Digital Journalism Study zitiert Online Journalism News. Das PR-Agenturnetzwerk befragte 478 Journalisten aus 15 Ländern und fand heraus, dass 47 Prozent von ihnen Twitter nutzen, (gegenüber 33 Prozent im Vorjahr.) Von 25 auf 35 Prozent stiegt der Anteil der Facebook-Nutzer unter den Journalisten. Ein Drittel der Journalisten nutzt Twitter und ein Viertel nutzt Facebook für die Recherche. Nur 4 Prozent beginnen eine Recherche allerdings in den sozialen Medien, 20 Prozent wenden sich zuerst an Unternehmenssprecher und  21 Prozent nehmen eine Pressemitteilung als Grundlage.

Foto: Glen Edelson/Flickr, Lizenz

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Medienlinks zum Wochenstart: Kritik am Fortschritt — CARTA

  2. Christian Stöcker’s Artikel “Es lebe die Verweichlichung” und seine Bemerkungen gegenüber der geäusserten Kritik gegen die sozialen Medien hat auch mich beschäftigt (siehe: http://bisculm.com/socialmedia-fluch-oder-segen–3497/). Die Tatsache, dass uns die Angst vor neuen Medien schon seit der Antike verfolgt und sich die Argumente so stark gar nicht verändert, finde ich spannend. Die Angst scheint nicht unbegründet: Wir verlieren etwas Gewohntes, wir müssen uns neu orientieren und wissen noch nicht genau, wohin uns die Reise führt. Die Auseinandersetzung mit den sozialen Medien ist eine wichtige und ernst zu nehmende. Ich freue mich darauf, weitere Tweets und Artikel von Ihnen zu lesen. Vielen Dank für Ihre Arbeit – und vor allem Ihr Engagement, das ich zwischen den Zeilen lesen darf!