Klarname und gesunder Menschenverstand – Verhaltensregeln f


Häufig werde ich in Social Media Workshops gefragt, welche Regeln für das Twittern, Bloggen oder Facebooken Unternehmen ihren Mitarbeitern an die Hand geben sollen. Da ich selbst seit der Erfindung des WWW nicht mehr in einem Unternehmen gearbeitet habe, bin ich von solchen von Vorgesetzten erlassenen Regeln nicht betroffen. Ich lasse im Social Web nur meinen eigenen gesunden Menschenverstand walten (und das ist eigentlich schon die wichtigste Regel). Nachfolgend habe ich aufgeschrieben, nach welchen Prinzipien (die ich für weitgehend allgemeingültig halte), ich im Netz auftrete. Anschließend folgen zehn Beispiele für Social Media Richtlinien, die Unternehmen für Ihre Mitarbeiter, aber teilweise auch für Gastautoren oder Kommentatoren, aufgelegt haben.

Meine Social Media Regeln:

  • Nichts tun, was man nicht auch in der physischen Welt tun würde.
  • Unter Klarnamen auftreten. Nichts zwingt einen so sehr zur Selbstdisziplin beim Twittern, Facebook-Status updaten, Bloggen oder auf fremden Blogs Kommentieren, wie das Bewusstsein, dass das Gesagte auf jeden Fall mit der eigenen Person verknüpft wird.
  • Nur Worte wählen, die man jemandem auch von Angesicht zur Angesicht sagen würde. Der Umgang miteinander im sozialen Netz sollte nicht wie im Auto sein, wo viele Fahrer im Schutz der Blechumbauung sämtliche Benimmregeln vergessen. Er sollte er so sein wie in der U-Bahn von Tokio. Auf engstem sozialem Raum nimmt sich jeder am besten ein wenig zurück, sonst wird es für alle unerträglich.
  • Nie davon ausgehen, dass im Schutz der Anonymität abgegebene unpassende oder unwahre Äußerungen anonym bleiben. Denic, Enttarnung durch andere, oder ein ganz dummer Fehler könnten sonst eines Tages dazu führen, dass Peinlichkeiten auf einen selbst zurückfallen.
  • Nie davon ausgehen, dass Äußerungen in vermeintlich geschlossenen Nutzergruppen – z.B. ihr Facebook-Freundeskreis oder ihre geschütztes Twitterkonto – die Grenzen dieser Räume nicht verlassen. Dazu genügt oft ein “Gefällt mir” oder ein “Retweet”. Daraus folgt auch:
  • Was nicht in die Öffentlichkeit gehört, hat im sozialen Netz nichts zu suchen.
  • Sehr negative Kommentare, auch höflich formulierte, nicht sofort abschicken, sondern nach fünf Minuten nochmal lesen. Möchte ich wirklich, dass diese Äußerung von mir auch nach zwei oder fünf Jahren von jedem gelesen werden kann?
  • Transparenz zeigen: Wer für einen Auftraggeber twittert, sollte das klarstellen. Wenn ich mit einer Person oder einem Unternehmen, über das ich im Netz schreibe, verbunden bin, dann geht das entweder aus dem Beitrag hervor oder ich erwähne es ausdrücklich in einem Disclaimer.
  • Wer diese Regeln beherzigt, braucht sich grundsätzlich schon mal weniger Sorgen zu machen, dass Unangenehmes über die eigene Person beim “Ego-Googlen” auftaucht. Wenn doch: Aktives Pflegen der Online-Reputation (Affiliate Link) sorgt dafür, dass Informationen, von denen man möchte, dass sie gefunden werden (das eigene Blog, das Xing-Profil, Gastbeiträge etc.), unerwünschte Fundstellen möglichst auf die hinteren Ergebnissseiten der Suchmaschinen verdrängt wird. Löschen wird dagegen nur in den seltensten Fällen möglich sein.

10 weitere Social Media Regelsätze:

Die Social Media Guidelines von 1&1

… für die Mitarbeiter des Internet-Unternehmens sind meinen eigenen Richtlinien sehr ähnlich, enthalten aber natürlich noch zusätzliche unternehmenstypische Hinweise, z.B. wann es besser ist, einen Vorgesetzten zu kontaktieren etc.

15 Social Media Regeln für Unternehmen…

… gibt es auch im Medientrainerblog von Kommunikationsberater Dennis Sulzmann. Sehr wichtig finde ich vor allem diese Punkte:

7. Schaffen Sie Werte, bieten Sie Ihren Nutzern Mehrwert. Geben Sie Ihnen etwas, ohne selbst etwas dafür zu verlangen.

8. Halten Sie sich auch mal zurück, wenn es nichts zu erzählen gibt. Nerven Sie die Nutzer nicht mit Belanglosigkeiten und nichtigen Anlässen.

9.Sprechen Sie zu Freunden. Sie haben keine Geschäftspartner vor sich. Verzichten Sie auf hochgestochenes Formulieren, formulieren Sie lässig.

10.Lernen Sie loszulassen. In den sozialen Netzwerken können Sie nicht alles kontrollieren und bestimmen. Vertrauen Sie auf Ihre Präsentation.

“Social Media Guidelines für Unternehmen – Regeln für das digitale Miteinander”

Dieser Fachaufsatz zum freien Download von Rechtsanwalt Carsten Ulbricht enthält vor allem auch juristische Aspekte wie Haftungs- und wettbewerbsrechtliche Fragen.

BVDW-Leitfaden

Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) hat im März 2010 einen Leitfaden unter dem Titel “„Social Media Richtlinien – 10 Tipps für Unternehmen und ihre Mitarbeiter“ zum kostenfreien Download veröffentlicht. In Kürze:

1. Definieren Sie Ziele
2. Geheimnisse sind geheim und Interna bleiben intern
3. Mitarbeiter müssen authentisch sein
4. Wer veröffentlicht, übernimmt Verantwortung
5. Interne Kritik ist erlaubt, bleibt aber intern
6. Gehen Sie mit Fehlern offen um
7. Schonen Sie Ihre Geschäftsbeziehungen
8. Beachten Sie das geltende Recht
9. Schränken Sie private Nutzung von Social Media während der Arbeitszeit ein
10. Social Media erfordert kontinuierliches Engagement

Leitfaden Social Media

Einen Leitfaden zur externen und internen Kommunikation für Untenehmen  im sozialen Netz gibt es auch beim Hightech-Verband Bitkom.

Beats And Tweets: Journalistic Guidelines For The Facebook Era

Schon zweieinhalb Jahre alt sind die Richtlinien des amerikanischen National Public Radio. Was nur beweist, dass dieses Radionetzwerk sich schon früher als die meisten anderen Medien Gedanken zum sinnvollen Miteinander unter Einhaltung journalistischer Standards im sozialen Netz gemacht hat. Noch immer sehr brauchbar. NPR ist übrigens der Sender, für den der wohl renommierteste Twitter-Kurator Andy Carvin arbeitet.

New social media guidelines for Guardian journalists

Der Guardian hat seine Richtlinien im Oktober 2010 überarbeitet und schreibt in einem Beitrag dazu: “The guidelines encourage journalists to take responsibility for conversations they start by responding to comments, as well as focussing on constructive contributions rather than those that are considered disruptive.” Dies ist das Konzept auch bei der Community Redaktion von Zeit Online. Es lautet: Wir beschäftigen uns mehr mit den konstruktiven Äußerungen, anstatt mit der Schmähkritk (ein bisschen wie Kindererziehung: nicht auf die Trotzanfälle mit Zuwendung reagieren, sondern auf das erwünschte Verhalten.)

Die 6 wichtigsten Social Media Guidelines für Mitarbeiter

Mit sechs Punkten und einem Update kommt das Social Media Blog aus. Das Update betrifft neue Mitarbeiter im Unternehmen, die nachträglich an die Regeln herangeführt werden sollen, an deren Konzeption sie nicht beteiligt waren.

Department of Justice Social Media Policy for Employees

Das Justizministerium der Privinz Victoria in Australien hat ebenfalls vernünftige Regeln aufgesetzt. Dazu gibt es ein Video, das auch für sich allein stehen kann:

via Knallgrau

Herr Bohne geht ins Netz

Dass es auch humorvoll geht, beweist Tchibo mit seinem Video über Herrn Bohne, der sich im Netz daneben benimmt. Die Grundaussagen sind sehr reduziert (nicht pöbeln, keine Besäufnisvideos, keine Ideen klauen), aber das ist gewollt. “Mitarbeiter sind wichtige Markenbotschafter; dies ist in Zeiten von Facebook, Twitter & Co. wichtiger denn je – natürlich auch für Tchibo. Doch wie können wir Kommunikatoren Mitarbeiter für mögliche Gefahren im Social Web sensibilisieren, ohne zu bevormunden?”, heißt es im Tchibo-Blog.

Interessant ist die Diskussion zum Video bei YouTube. Während viele Nutzer das Video lustig und nützlich finde, kritisieren einige das Konzept, mit seinem Namen für seine Äußerungen zu stehen. Ein “HerrVerfuegbarerName” meint: “Die Tipps enthalten einen gravierenden Fehler: Es ist grundsätzlich falsch, sich mit seinen echten Daten im Netz irgendwo anzumelden. Im Internet muss man ausnahmslos immer Pseudonyme verwenden und niemals die echten Daten angeben. Weiterhin sollte man nach Möglichkeit nur über einen Anonymisierungsdienst surfen oder am besten den Torbrowser verwenden.”

Und ich meine: Genau dieses Denken führt Nutzer in die Irre und wiegt sie in trügerischer Sicherheit. Zudem sollte für Menschen, die in Kommunikationsberufen arbeiten und die eigetnlich immer in mehr oder weniger beruflichem Kontext im Netz  unterwegs sind: Zu seinen Äußerungen sollte man stehen.

Nachtrag vom 26.5: Auch Daimler hat einen Social Media Leitfaden (wie konnte ich den vergessen?) und außerdem hier noch ein Hinweis auf den Beitrag von Uwe Knaus, der in der Konzern-Kommunikation für Social Media zuständig ist. Uwe Knaus stellt im Daimler-Blog anlässlich des Streits um die (inzwischen gelöschte) Facebook-Gruppe “Daimler-Kollegen gegen Stuttgart 21″ klar, worum es dem Konzern geht: Es hat was mit Anstand und Haltung zu tun… Interessant ist auch dort die Diskussion in den Kommentaren.

Und was ist Ihre Erfahrung mit Richtlinien zum Umgang mit dem sozialen Netz? Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen.