Daniel Nauck: “Mischformen sind unser Markenzeichen”

Daniel Nauck ist Mitgründer und einer der Geschäftsführer von 2470media, einem Produktionsstudio für journalistische Multimedia-Reportagen. Im Interview mit mir spricht Daniel über die Bedeutung einer klaren Geschäftsidee für journalistische Unternehmer, über crossmediale Verwertung, den Wert der Zusammenarbeit von Journalisten mit Programmierern, Fotografen und Designern und über seine Leidenschaft für das Geschichtenerzählen.

Wer ist 2470media und was macht ihr?

24/70 beschreibt den Brennweitenbereich des von uns genutzten Standardobjektives, sozusagen unsere „Reportagebrennweite“. Wir sind ursprünglich Fotojournalisten und haben diesen Begriff aus unserem technischen Repertoire gewählt. Es ist das Werkzeug, mit dem wir die Welt erkunden und ein Gepäckstück, welches wir auch auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Es sollte aber auch ein Begriff sein, der universell interpretierbar und befüllbar ist. Eine bewusst offene Markenprägung, weil wir bei der Gründung natürlich noch nicht genau wussten, wo es uns hinführt.

Versteht Ihr Euch in erster Linie als Foto- und Videojournalisten oder gibt es bei auch künstlerische nicht-dokumentarische Ansätze?

Wir nennen uns Multimediajournalisten und sind eine Produktionsfirma für multimediale Reportagen. Wir wollen Geschichten aus dem Leben erzählen. Die Wirklichkeit enthält so viel spannende Dinge und ermöglicht auch Sichtweisen, die nicht dem Konsens entsprechen. Dem wollen wir uns widmen.

Euer Anspruch ist ja nah ran zugehen, das drückt ja auch Euer Name aus.

Ja, 24/70 ist eine Brennweite, bei der man nah ran gehen muss. Zwei bis drei Meter Entfernung sind da ganz üblich. Die Dinge aus der Nähe zu betrachten, ohne die nötige journalistische Distanz zu verlieren. Das ist Grundsatz und Ziel der Autoren von 2470media. Es entspricht auch den Eigenschaften unseres Namensgebers, dem Kameraobjektiv mit der Brennweite 24-70mm, das wir für unsere Reportagen verwenden.

Beeinflusst die Brennweite Eure Geschichten?

Die Nähe zu den Protagonisten, auch die emotionale Nähe, ist ein klassisches Thema des Fotojournalismus. Und auch sich dabei nicht selbst zu präsentieren. Der klassische Fotojournalist ist immer ein stiller Begleiter gewesen. Die Betroffenen selbst in Erscheinung treten zu lassen. Dieser Tradition folgen wir. Das heißt nicht, das wir nicht auch andere Formate, z.B. mit Sprecherstimme machen könnten, aber wir adaptieren nicht das Fernsehen. Für abstraktere Formate wie Erklärstücke über die Weltwirtschaftkrise oder zur aktuellen Finanzsituation der USA würden wir eher Animationen benutzen.

Was macht Ihr über klassische Reportagen hinaus?

Wir orientieren uns an dem, was man in den USA Multimedia Storytelling nennt. Darüber hinaus sehen wir unsere Geschäftsentwicklung immer mehr auch in Richtung Crossmedia. Wir sind darüber hinaus auch eine Entwicklungsredaktion zur Entwicklung redaktioneller Bewegt- und Standbilder. Da gehört die crossmediale Auswertung auch dazu. Zum Beispiel jetzt bei den berlinfolgen in Kooperation mit der taz. Unsere Multimedia-Reportagen sind eine Eigenentwicklung, die sich an amerikanischen Vorbildern orientiert. Wir haben eine starke fotografische BIldsprache, die Geschichten bleiben durch die Fotografie und eine möglichst starke Geschichte eher „hängen“ als Bewegtbild. Mischformen an der Schnittstelle zwischen Bewegtbild, Fotografie und Radiogeschichte sind für uns am interessantesten und sie sind mittlerweile unser Markenzeichen. Daran wollen wir weiterarbeiten.

Soccer for Life Episode 4 – After the War from 2470media on Vimeo.

Als ich das erste von Mal von 2470media  hörte, war meine erste Assoziation: freie Journalisten arbeiten 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche bei 0 Urlaubstagen im Jahr…

Das wäre ja fürchterlich. Nein, aber als Unternehmensgründer arbeitet man schon mehr als 5 Tage die Woche, aber das ist für uns eine Investition. Das ist sicher bei Gründern ganz normal, war aber als Assoziation nicht beabsichtigt.

Wie seid Ihr als Unternehmen organisiert?

Wir sind eine Unternehmergesellschaft, das ist die deutsche Form der Limited. Da gibt es geringere Einstiegsbarrieren. Man muss keine Einlage von 25.000 Euro haben, sondern kann beschränkte Haftung auch mit kleineren Summen bekommen. Wir sind vier Gründer, heute sind drei von uns gleichwertig am Unternehmen beteiligt. Wir haben zwei Geschäftsführer und einen Gründer mit Prokura, das heißt alle haben die gleichen Vertretungsrechte und -pflichten.

Habt Ihr auch lose assoziierte Mitglieder?

Ja, insgesamt sind wir wesentlich mehr Leute, nämlich 12 bis 15 Personen in unseren beiden Büros in Hannover und Berlin, die an ganz unterschiedlichen Projekten arbeiten. Wir kommen aus der Fachhochschule Hannover. Dort haben wir schon früh angefangen Netzwerke zu spinnen, die über unseren Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie hinaus reichen, mit Journalisten und Multimediafachleuten und Programmierern. Das ging schon in der Hochschule los, deshalb haben wir auch ein Büro in Hannover.

Ihr betreibt Social Media Publishing. Was ist darunter zu verstehen?

Wir arbeiten in erster Linie mit Partnern aus dem Medienbereich, z.B. mit der taz, für deren Webseiten wir Inhalte produzieren. Ein wichtiger Bestandteil des Netzes sind aber mittlerweile die sozialen Netzwerke. Sie sind ein idealer Träger für Inhalte und für das Community-Building. Wir stellen unsere Inhalte nicht nur einzelnen Webseiten zur Verfügung, sondern wir benutzen die sozialen Medien, um die Inhalte über die Grenzen dieser Webseiten hinaus verbreiten zu können. Wir stellen zum Beispiel Filme in die sozialen Netzwerke ein und bauen Communities auf. Wir lassen die Inhalte frei, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Nutzt Ihr auch Creative Commons Lizenzen?

Wir veröffentlichen die Filme im Internet und gestatten Privatpersonen die freie Weitergabe, zum Bsp. die Einbettung unserer Filme auf deren Webseiten. Kommerzielle Nutzer, zum Beispiel Verlage, die an unseren Inhalten interessiert sind, müssen sich zur Lizensierung an uns wenden.

Ein Teil Eurer Refinanzierung läuft über Inkubato. Wie funktioniert das?

Inkubato ist eine Plattform für Crowdfunding. Wir haben dort ein Testprojekt gestartet, das noch nicht so gut gelaufen ist. Das liegt aber auch daran, dass sich diese Plattformen erst etablieren müssen. Die bekannteste Crowdfunding-Plattform Kickstarter hat ein Jahr gebraucht, bis sie auf nennenswerte Zahlen gekommen Nur ist Crowdfunding der zweite Schritt vor dem ersten. Es nutzt nichts, mit zehn Facebook-Fans und 20 Twitter-Followern zu solchen Modellen überzugehen. Man muss erst die Community aufbauen, sie pflegen und mit ihr in Interaktion treten. Dann kann darauf aufsatteln und ein Projekt zum Crowdfunding ausschreiben. Da sind wir auf einem guten Weg.

Könnt Ihr von 2470media leben?

Wir haben gerade den Punkt erreicht, an dem sich unsere Arbeit auch finanziell auszahlt. Unsere freien Mitarbeiter arbeiten natürlich auch an anderen Projekten. Wir haben uns bei der Unternehmensgründung vor anderthalb Jahren eine Frist von drei Jahren gesetzt um profitabel zu arbeiten und sind guter Dinge. Jede Geschäftsgründung hat einen gewissen Investitionsbedarf und der ist bei einer Unternehmung wie unserer mit recht aufwändigen Produkten schon etwas größer als bei einem Journalistenbüro. Die Ausrüstung ist natürlich teilweise schon da und die Anlaufkosten sind geringer, als sie vor zehn Jahren gewesen wären, aber fünfstellig ist das insgesamt schon. Man braucht eine Büroausstattung mit drei, vier Rechnern, Kameras, Mikrofone und natürlich auch den Willen, seine Arbeitskraft zu investieren.

Digitale Nomaden from 2470media on Vimeo.

Braucht man nicht vor allem auch Unternehmergeist, eine Vision und Leidenschaft?

Ja, es geht nicht ohne eine klare Geschäftsidee und das Wissen: Das ist mein Produkt. Das Problem mit der Vision ist: Dafür gibt es in Deutschland anders als in den USA für Journalisten kaum Fördermöglichkeiten. Die Frage lautet ja immer, warum haben deutsche Medienleute so wenig Gründergeist? Meine Antwort: Es gibt keine Förderung unternehmerisch denkender Journalisten. Aber genau die brauchen wir. Sonst verschenken wir viel journalistisches Potential.

Habt Ihr Förderung bekommen?

Wir haben aus der niedersächsischen Hochschul-Förderinitiative Gründercampus Geld bekommen und außerdem aus der Filmförderung für innovative audiovisuelle Inhalte des Medienboard Berlin-Brandenburg. Beide Förderungen sind klar wirtschaftlichen Gesichtspunkten untergeordnet. Trägt sich das Vorhaben und wird es Gewinn erwirtschaften? Das letztere ist ein bedingt rückzahlbares Darlehen und für uns etwas ganz Besonderes. Es gibt in Berlin bestimmt 1000 kleine Unternehmen, die spannende Dinge machen, von Magazinmachern bis hin zur Games-Branche. Da konnten wir einen kleinen Achtungserfolg erzielen. Das ist aber nur eine Anschubfinanzierung, kein Geschäftsmodell.

Leidenschaft und Visionen habt Ihr aber trotzdem?

Ja, natürlich. Wir sind von der Leidenschaft für das Geschichtenerzählen getrieben. Dazu kommt unsere Leidenschaft für die Fotografie: Fotoreportagen, zum Beispiel großer Fotografen wie Henri Cartier-Bresson hängen heute in Museen. Sie sind eine Kulturform und auch eine Kunstform. Und Ikonen unserer Zeit.

Welche Themen reizen euch inhaltlich?

In unseren Multimedia-Reportagen befassen wir uns mit aktuellen gesellschaftlichen Themen. Uns beschäftigt stark das soziale Miteinander, gerade weil das Auseinanderbrechen der Gesellschaft so stark voranschreitet. Das kann sich in einer Serie wie die über deutsche „Islam-Konvertiten“ und deren konfliktreichem Alltag  von Michael Hauri äußern wie auch in unserer Serie „Soccer for Life“, bei dem wir einen Blick hinter die Kulissen der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika geworfen haben. Mich persönlich reizen aber auch Themen wie die Auswirkungen der Digitalisierung/ Virtualisierung auf die Gesellschaft oder die Zukunft der Arbeit. Im Mittelpunkt steht immer das Interesse am Menschen und am Menschlichen — das haben alle unsere Geschichten gemeinsam, so auch die „berlinfolgen“, die wir in Kooperation mit der taz produzieren.

Ist es noch immer schwierig, Redaktionen davon zu überzeugen, Audio-Slideshows und Multimedia-Reportagen zu kaufen und auch angemessen dafür zu bezahlen?

Die Reaktionen sind gut, letztlich aber auch immer abwartend. Das liegt aber nicht an den Formaten an sich, sondern an der grundsätzlichen Zurückhaltung.

Worin besteht die? Kein Geld? Keine Lust?

Es ist sicher nur begrenzt Geld für neue Formate vorhanden, dazu kommt die ungewohnte Möglichkeit, mit uns einen externen Produzenten zu beauftragen. Das ist sicher auch schwierig innerhalb des Hauses zu verkaufen. Das löst sich mit dem iPad ein wenig auf. Wir haben jetzt mehr Möglichkeiten, in Kooperation mit den Verlagen oder beratend uns mit iPad Applikationen und crossmedialen Auswertungen zu beschäftigen. Das dauert aber hier in Deutschland alles etwas länger.

Produziert ihr auch speziell für das iPad?

Wir produzieren nicht speziell für einen Kanal, sondern medienübergreifend und plattformgerecht. Der Kunde muss sagen, welche Plattformen er bespielt haben will und wir liefern für welche Plattform auch immer. Das reicht von Print und Online bis zu Social Media sowie multimedialen und interaktiven Anwendungen. Es reicht heute nicht mehr, Filme irgendwie auf Webseiten einzubinden, die Steuerung der Inhalte wird immer wichtiger. Wie kommen die Nutzer an die Inhalte ran? Oder besser: Wie kommen die Inhalte zum Nutzer? Wie steuert man das? Wie misst man das? Dafür braucht man das Wissen, wie sich Inhalte im Netz verbreiten und darum kümmern wir uns auch. Wir haben jetzt eine Kooperation mit einer Hochschule zum Thema Eyetracking angebahnt. Wir wollen gemeinsam messen, wie gut unsere Filme im Vergleich mit reinen Bewegtbildern funktionieren.

Sind unter den derzeitigen wirtschaftlichen Bedingungen Corporate Publishing Kunden eine gute Alternative? Sind es vielleicht sogar die besseren Kunden?

Aus unternehmerischer Sicht sind Corporate Publishing Kunden natürlich ein nicht zu vernachlässigendes Standbein. Aber der Innovationsbedarf ist in der klassischen Medienbranche am größten und dafür lohnt es sich, zu entwickeln. Wir fahren bewusst zweigleisig. Es ist legitim, wenn man die Möglichkeiten, die durch Arbeiten für Unternehmen entstehen, wieder in journalistische Produkte fließen lässt.

Annas Traum oder: Rocket Science für Anfänger from 2470media on Vimeo.

Kann Euer unternehmerischer Ansatz Vorbild für andere freie Journalisten, Teams oder Büros sein?

Ja, wobei ich das gar nicht auf den Multimedia-Aspekt verengen möchte. Aber unser Gechäftsmodell ist interessant für Leute, die jetzt gerade frisch von den Medienhochschulen auf den Markt kommen. Unser Modell besteht aus einer Vernetzung ganz unterschiedlicher Kompetenzen, die nicht nur im Journalismus verankert sind. Wir vernetzen uns mit Designern, Animationsprofis und Programmierern.  Das kann man auch machen, wenn man zum Beispiel ein hyperlokales Blog starten will. Journalist sein heißt ja nicht auch noch unbedingt Producer, Verleger und Programmierer sein zu müssen. Das kann man gar nicht alles selbst können, sondern man muss sich die passenden Leute suchen und sich mit ihnen vernetzen. An den Schnittstellen passieren die spannenden Entwicklungen, da gibt es Innovation, da wird Wissen aufgebaut. Mit diesem Wissen kann man auch bei großen Verlagen landen. Die überlegen ja gerade, wo sie die Experten für den Medienwandel herbekommen sollen. Im Moment gibt es sie in den Verlagen nicht.

Was plant Ihr für die Zukunft?

Wir wollen unsere Themenfelder weiter ausbauen und gleichzeitig unsere bestehenden Projekte fortführen. Wir streben weitere Kooperationen mit Verlagen an und wollen unsere Kooperation mit der taz weiter auszubauen. Wir bekommen über Twitter und Facebook sehr gutes Feedback, die Leute lieben die berlinfolgen. Wir wollen mehr Animationsfilme produzieren. Und wir wollen künftig auch Redaktionen beraten und schulen, wie man sich  crossmedial aufstellt. Welche Kompetenzen braucht man im eigenen Haus, welche kann man dazu holen? Das sind Fragen, die für Verlagshäuser immer wichtiger werden.

Daniel Nauck, 33, ist Geschäftsführer von 2470media, einem Produktionsstudio für journalistische Multimedia-Reportagen mit Sitz in Berlin und Hannover. Er hat Fotojournalismus in Hannover studiert und während und nach seinem Studium mit verschiedenen deutschen Redaktionen zusammengearbeitet. Vor seinem Studium hat er gute wie auch schlechte Erfahrungen in der Werbung und in verschiedenen Bereichen der Filmproduktion sammeln dürfen. Foto: Daniel Nauck

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  5. Ich bin freie Journalistin und ich fühle mich durch Filmchen wie “Annas Traum” (auch wenn sie nett gemacht sind) nicht ermuntert, sondern entmutigt. Ich frage mich: wann macht Anna das alles, dieses ganze Geblogge und Getwitter und Soziale Netzwerke pflegen, wenn sie nebenbei genau wie zuvor für schlecht zahlende Redaktionen arbeiten muss, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen (denn als einziger “Lohn” tauchen hier 24 Flatterer auf). “Sie weiß: am Ende wird es sich lohnen”, heißt es da am Ende (oder so ähnlich) – und dann wird aufgezählt, worin der mögliche Lohn bestehen soll: Sie wird Vorträge halten und – so heißt es wörtlich – “vielleicht sogar ein Buch schreiben”. Vielleicht sogar – darüber kann ich nur lachen: nichts ist in unserer Branche weniger lukrativ und mehr für die bloße Ehre als ein Buch (es seid denn, man war vorher schon Promi und hat den Platz auf der Spuegel-Bestseller-Liste quasi schon vorab reserviert). Und falls es für Anna wenigstens mit den Vorträgen klappen sollte, oder von mir aus mit doll bezahlten Berateraufträgen: Ich dachte, Annas Traum war es, freie Journalistin zu sein? Wenn es nur um Marketing und Unternehmertum geht, dann kann ich lieber gleich den Fisch verkaufen anstelle der Zeitung, in die er eingewickelt wird….

  6. Liebe Andrea (ich sage einfach mal Du von freier zu freier Journalistin),

    Ich bin eine dieser “Annas” und ich kann Deine Bedenken verstehen, “dieses ganze Geblogge und Getwitter” ist in der Tat nicht unaufwändig, und auch ich muss mich manchmal dazu zwingen, meine Plattformen nicht zu vernachlässigen, auf denen nicht von vornherein klar ist: x Tage Arbeitsaufwand ergibt y abgelieferte Manuskriptseiten und somit z Euro Honorar. Zumal es mit Bloggen und Twittern nicht getan ist, Youtuben, Vimeoen, Facebooken, Slidesharen, Bookmarken per Diigo und neuerdings auch Google+en gehören auch dazu (plus einige weitere Plattformen, die ich allerdings wenig nutze). Ja, das alles frisst Zeit.

    Ich stelle allerdings auch fest: Ich mache das jetzt seit knapp drei Jahren. Und seit fast ebenso langer Zeit kann ich es mir leisten, schlecht bezahlte Aufträge einfach abzulehnen. Es kommen mittlerweile genügend gut bezahlte Aufträge rein. Ich führe das eindeutig auf meine größere Bekanntheit und gestiegene Reputation durch Bloggen, Twittern etc. zurück.

    Was das Bücher schreiben angeht: Nein, davon wird man in aller Regel nicht reich. Mein erstes Buch ist Social-Media-Teamarbeit (“Universalcode” – siehe Widget in der rechten Randspalte dieses Blogs). Es wird im Spätsommer erscheinen. Wir Herausgeber und alle Co-Autoren, werden vielleicht sogar gar nichts daran verdienen. Aber das Thema brannte uns unter den Nägeln, das Buch musste einfach geschrieben werden. Und wir alle, die daran mitgewirkt haben, profitieren schon allein dadurch, dass wir uns als Experten profilieren.
    Darum geht es eigentlich bei der Selbstvermarktung auf freien Plattformen, bei der man nicht unmittelbar Geld verdient: Profil bilden und damit auch für klassische Auftraggeber wertvoller werden.

    Was die nicht klassischen Auftraggeber betrifft: Ich bin mit großer Leidenschaft freie Journalistin. Ich wollte nie eine Festanstellung und, seit ich meinen ersten Beitrag veröffentlicht habe (1989: eine Kurzmeldung über Stress bei Schweinen in der Business Week), wollte ich auch noch nie den Beruf wechseln. Aber das Verkaufen von Themen auf dem freien Markt hat für mich immer dazu gehört, nicht nur das Recherchieren und Schreiben. Die Profilbildung durch soziale Plattformen hat mir emöglicht, mich weit überwiegend nur noch den Themen zu widmen, die mich wirklich brennend interessieren. Andere Auträge nehme ich nur an, wenn ich einen guten Zweck dahinter erkenne (dann auch ehrenamtlich) oder wenn sie sehr gut bezahlt sind.

    Bücher und Expertisen schreiben, Vorträge halten, Workshops auf Podien mitdiskutieren – nenne Du das meinetwegen Fisch verkaufen. Für mich sind es wunderbare ergänzende Möglichkeiten, mich noch intensiver mit meinen Lieblingsthemen zu beschäftigen. Ich kann nicht erkennen, dass ich damit irgendein journalistisches Ideal verrate.

    Ich bereue nur eins: ich hätte schon ein paarJahre früher mit dem Geblogge und Getwitter anfangen sollen.

    Ich weiß nicht, was Dein Spezialgebiet ist und kann keine Prognosen abgeben, wie gut Social media für Dich funktioniert (das hängt auch von Deinem Engagment ab), aber probiere es doch einfach mal aus.

  7. Ich glaube, 2470media haben eine aussichtsreiche Zukunft vor sich, da sie auf allen Medienebenen arbeiten. Die Mischung ist sicher sowohl planerisch als auch technisch sehr aufwendig, aber wenn das eine Medium nicht so gut ankommt gleicht das Andere es möglicherweise aus. Ein Wagnis ist es sicherlich nicht, denn eine Zusammenstellung des Teams mit Spezialisten für verschiedene Kanäle, also Online, Print, Podcast, Film, Foto bei breit gestreuter Kommunikation und vor allem Themen und Sujets mit Alleinstellungsmerkmalen und hoher Aktualität sichern die Perspektiven des Unternehmens. Ich bin überzeugt davon, wenn der Ideenstream nicht abreißt und vom Team auch umgesetzt werden kann, wird es ein Erfolg.

  8. Ulrikes letzte Sätze sind wahrscheinlich genau der Punkt: Was willst Du als freie Journalistin machen, Andrea? Hast du ein Thema, das dich besonders interessiert, über das du am liebsten für überregionale Medien berichten willst, die einigermaßen zahlen? Wenn ich dich google finde ich nichts, außer deinem Kommentar hier. Das wird auch vielen potenziellen Auftraggebern so gehen, wenn du Texte anbietest. Vorausgesetzt du hast unter richtigem Namen kommentiert, ist das nicht so gut.

    Wenn Du keine Lust hast, dich für überregionale Medien zu qualifizieren und lieber lokal schreiben willst, ist es wahrscheinlich noch wichtiger, dich online umzusehen. Regionale Zeitungen zahlen unterirdisch und sind, wenn es schlecht läuft, in 20 Jahren Geschichte. Was dann?

    Ich war am Anfang ähnlich skeptisch wie Du, Andrea. Übertrieben finde ich deshalb die leichte Arroganz, mit der der Niedergang der klassischen Zeitungen bei manchem Internet-Vorreiter gefeiert wird. “Ist doch egal, wir machen unser eigenes Ding.” Aber das Klagen und Jammern über das Ende des Journalismus auf Seiten der Nicht-Onliner finde ich noch schlimmer. Das Netz ist für Journalisten doch das Beste, was passieren konnte…

    Wenn du den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, dich mit Leuten triffst, telefonierst und an Beirägen arbeitest, kann ein bisschen Social Media auch entspannen. Wenn du eine Meinung zum Text hier hast, warum dann nicht schnell bei Facebook oder Twitter drauf verlinken? Fang langsam an, du wirst von alleine immer weiter reingezogen. Von Tag zu Tag machts mehr Spaß. Ich blogge seit neun Monaten. Manchmal ist es Stress und man muss sich überwinden, wie Ulrike schon sagt. Aber: Alles in allem hat es mir einen großen Schub gegeben.

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  11. Aber unser Gechäftsmodell ist interessant für Leute, die jetzt gerade frisch von den Medienhochschulen auf den Markt kommen.

    Und womit finanzieren die den Service?

  12. @Irene,

    es ist nicht einfach, fundiert und präzise auf Deinen Ein-Satz-Kommentar zu antworten, zumal mir nicht wirklich klar ist, was Du meinst. Zwei-, Drei- oder Zehn-Satz-Kommentare bieten da gewisse Vorteile.

    Dennoch ein Versuch:

    Es geht hier in erster Linie um Geschäftsmodelle, um journalistische Projekte, die sich am Markt ausrichten. Journalisten und andere Kreative auf dem Medienmarkt müssen künftig immer stärker einen Blick dafür bekommen, wo der Markt für das sein könnte, was sie machen wollen. Klar ist: der klassische Medienmarkt mit dem klassischen Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnis word künftig immer weniger Freie ernähren. Und schon gar nicht solche, die von ihrer Arbeit anständig leben wollen.

    Also kann es doch nur hilfreich sein, sich auf einem Gebiet stark zu spezialisieren und zum Experten zu werden. Nicht nur befreit man sich damit aus der unteren Honorarliga (die Honorare sind dann nämlich in der Regel frei verhandelbar) oder man vernetzt sich und entwickelt im Kollektiv einzigartige Stärken. Das ist das Modell von 2470media. Natürlich gehören dazu unternehmerischer Mut, Fleiß und Durchhaltevermögen. Aber dann wird sich herausstellen, ob man gut genug ist – und zwar auf einem Marktsegment, das gefragt ist. Ob man seine Projekte vielleicht (ergänzend) auch aus anderen Quellen finanzieren kann: Bücher schreiben, Vorträge halten, Workshops geben, Unternehmen und Organisationen beraten, freiwillige Spenden von Nutzern für journalistische Projekte einsammeln, Sponsoren und Werbung akquirien.

    Die Journalisten, die ich hier mal die “Top 100″ der im sozialen Netz aktiv präsenten und sich vermarktenden Journalisten nenne, arbeiten alle so. Jeder einzelne vermarktet seine oder ihre Fachexpertise auf mindestens einem dem Journalismus verwandten Feld. Das schafft finanzielle und kreative Freiräume, sich den Projekten und Themen in der nötigen Tiefe widmen zu können.

    So finanziert sich dann auch dieser “Service”, falls Du das meinst. Falls es Dir aber eher darum geht, woher man denn die Garantie bekommt, dass diese Strategie funktioniert – die gibt es nicht. Es kann schiefgehen. Aber dann muss man sich neu ausrichten, eine Festanstellung finden oder auch ganz umsatteln. Wir haben keinen gesetzlichen Anspruch darauf, dass irgendjemand das finanziert, was wir beruflich gerne machen möchten.