“We ain’t seen nothin’ yet” – Jeff Jarvis’ neues Buch “Public Parts”

Als der New Yorker Medienprofessor Jeff Jarvis im vergangenen Jahr ankündigte, in seinem neuen Buch werde es um das Spannungsfeld “privat” versus “öffentlich” gehen, habe  ich mit einer angereicherten Anekdotensammlung gerechnet. Immerhin stammt von Jarvis die etwas schiefe Analogie, die Deutschen hätten zwar keine Scheu, sich in der gemischten Sauna nackt zu zeigen, möchten aber ihre Häuser bei Google Streetview nicht unverpixelt zeigen.

Doch Jarvis Buch  “Public Parts”, das soeben im englischsprachigen Original erschien (Nachtrag: seit 2012 gibt es auch eine deutsche Ausgabe), ist einerseits vor allem eine sehr lesenswerte Kulturgeschichte der Auffassung von privat versus öffentlich im Wandel der Zeiten. Andererseits versteht es Jarvis wie schon in seinem vorigen Buch die Grundmetapher “publicness” (Jarvis’ eigene Wortschöpfung) auf so unterschiedliche moderne Bereiche wie die öffentliche Fluglinie (kann das funktionieren?) oder Autobau im Open-Beta-Verfahren (Beispiel Local Motors: funktioniert offenbar sehr gut) anzuwenden. Aber im Unterschied zu “What would Google do?”, das in der zweiten Hälfte der bemühten Googlefizierung aller möglichen Branchen den Leser etwas ermüdete, überstrapaziert Jarvis hier seine Grundmetapher nicht.

Sehr interessant finde ich – als Journalistin – das Kapitel “The Public Press” (das Original, auf dem die auf Geeks und Silicon Valley getrimmte Version für die deutsche “Wired”-Erstausgabe beruht).  Noch sähen die Versuche von Verlagen, ihre gedruckten Zeitungen (und die dahinter stehenden Geschäftsmodelle) möglichst nahtlos ins Netz zu transferieren, den Versuchen der frühen Buchdrucker, handkopierte Schriften mit beweglichen Lettern automatisiert zu erzeugen, verblüffend ähnlich. Dass der Buchdruck ein Instrument sein könnte, um auch (damals) völlig neue Werke und neue Informationen zu verbreiten, anstatt nur das Alte zu bewahren, kam ihnen erst zwei Generationen später in den Sinn. Damals gab es freiwillige Korrekturleser, um die vielen Fehler in den Erstausgaben in späteren Auflagen auszumerzen. Eine frühe Form von kollaborativer Intelligenz, die erst 500 Jahre später mit Wikis und Twitter wiederentdeckt wird.

Jarvis zitiert die amerikanische Historikerin Elizabeth Eisenstein: “for at least fifty years after the shift there is no striking evidence of cultural change; one must wait a full century after Gutenberg before the outlines of the new world pictures begin to emerge into view.” Die Mediengeschichte wiederholt sich und wir stehen erst ganz am Anfang der neuen Revolution. Oder um es mit Jarvis Worten zu sagen: “We ain’t seen nothin’ yet.”

Hier sind einige interessante Gedanken von Jarvis aus “Public Parts”:

  • Ein öffentliches Leben war in der Historie  ein Privileg weniger Begüterter. (Daher die britische Bezeichnung “public school” für Privatschule. Diese Schulen war den Privilegierten des öffentlichen Lebens vorbehalten.) Es geht inzwischen manchmal unter, dass das demokratische Privileg von jedem sich öffentlich zu äußern in der Geschichte erst erstritten werden musste – und noch längst nicht überall in der Welt verwirklicht ist.
  • Öffentlichkeit ist die Grundvoraussetzung von Fortschritt. Nur wenn Ideen sich mischen können, anstatt im eigenen Saft zu schmoren, entsteht etwas grundlegend Neues. Zum Beispiel die Teflonpfanne, die endoskopische Kamera (Abfallprodukte der Raumforschung und der Militärtechnik) oder die öffentlichen Antworten und Retweets bei Twitter (die SMS-Plattform wird zur Informationsplattform). Oft sind es nicht die Erfinder, sondern die Nutzer, die das eigentliche Potenzial einer Erfindung erkennen.
  • Wir sollten aufhören ständig in der Kategorie “es könnte etwas Schlechtes passieen” zu denken, wenn wir uns in die Öffentlichkeit begeben. Es könnte auch etwas Gutes passieren. Aber das finden wir erst heraus, wenn wir unseren inneren Regler für  “öffentlich” versus “privat” nicht voreingestellt auf “privat” stehenlassen. Eine Nutzen-Risiko-Rechnung kann in manchen Situationen durchaus dazu führen, freiwillig mehr Daten von sich preiszugeben als unbedingt nörig. (Ich persönlich nehme es zum Beispiel in Kauf, dass Payback, Google, Amazon und diverse Adtracker Daten über mich sammeln, wenn ich dafür im Gegenzug Rabatte und passendere Angebote erhalte.)
  • Nicht immer ist der (vor allem deutsche) Reflex nach möglichst geringe Preisgabe von Daten und möglichst rigider Datenkontrolle zielführend. Ein drastisches Beispiel: Jarvis selbst bekam viel Unterstützung, weil er intime Details über seine Prostatakrebs-OP und die daraus resultierenden Folgen öffentlich machte. Die plakativen Schilderungen hätten dazu beigetragen, dass mehr Männer ihre Scheu vor dem Thema ablegen und rechtzeitig Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, glaubt Jarvis.
  • Ein öffentliches Leben vieler im Netz führt zu neuen Interessensgruppierungen, Kollaboration und unerwarteten relevanten Entdeckungen (“serependity” im Englischen). Die wahre Wundertüte ist nicht die gedruckte Zeitung oder das Nachrichtenmagazin, das wenige Redakteure zusammengestellt haben, sondern die Fülle von sozialen Empfehlungen im Netz. Sie sind nur möglich, weil Nutzer über Plattformen wie Twitter, Facebook oder Google+ neue Öffentlichkeiten organisieren.
  • Ein Nichtwissen oder eine Überforderung einzugestehen, ist kein Zeichen der Schwäche mehr, sondern der Stärke. Ohne die aktive Mithilfe Tausender von Nutzern hätte der britische “Guardian” 2009 niemals eine halbe Million Dokumente zum Spesenhausskandal seiner Unterhaus-Abgeordneten aufbereiten können – Startschuss für eine fruchtbare Zusammenarbeit auf der Basis von Offenheit und Transparenz bei mittlerweile vielen Datenprojekten.
  • Jarvis sieht Offenheit als Basis für die meisten Lebensbereiche. Nur bei politischen Entscheidungsprozessen kann er sich “public” als Grundeinstellung nicht so recht vorstellen. Zu sehr seien es immer noch die Massenmedien, deren Mechanismen und Wirkungskraft sich Poliker unterwerfen. Allerdings war sein Buch schon im Druck als in Berlin die Piratenpartei fast neun Prozent der Stimmen holte – mit radikal offenen politischen Entscheidungswegen.

Fazit: Lesenswert!

Zwei Leseproben aus dem Buch stehen auf Jarvis’ Blog Buzzmachine und hier gibt es Links zu weiteren Rezensionen und ergänzendem Material.

Foto von Jeff Jarvis auf meiner Blog-Startseite: Eirik Solheim / Wikimedia

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9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank für den persönlichen Einblick, die Zusammenfassung zentraler Standpunkte und die Links! Habe mir das Buch gestern auch schon bestellt, leider dauert es wohl noch eine Weile, bis der Artikel versandt werden kann …

  2. Danke für den kurzen Überblick. Bin froh, dass er den Quatsch mit der Sauna nicht verwurschtelt hat. Klingt alles in allem nach einer vernünftigen Ausarbeitung. Viel Neues allerdings schien da für mich nicht drin zu sein (oder irre ich mich da?) Scheint mehr das Destillat aus den letzten drei Jahren Diskurs in den USA… der wie so oft in Deutschland vermutlich in mhh… 5 Jahren ankommen wird? Selbst wenn man hier Menschen offen erlebt, die Strukturen in denen sie sich bewegen verhinden “publicness” sehr häufig. Immerhin ist unser Land auf Stabilität (lies: Stagnation) getrimmt worden, nicht auf Innovation (lies: Revolution)!

  3. @Stefan: Wenn Du nicht über Amazon selbst , sondern über einen dort verlinkten Amazon Marketplace Händler bestellst, geht es viel schneller.

    @pc britz: Das ist ja gerade das Prinzip des offenen, diskursiven Publizierens: Vieles ist schon an vielen Stellen diskutiert worden, nicht zuletzt hat sich Jarvis eine Menge Anregungen von Kommentatoren auf seinem Blog geholt. Aber Jarvis sieht sehr interessante kulturgeschichtliche Parallelen, die man sich sonst mühsam aus verschiedenen Quellen zusammensuchen müsste. In gewisser Weise ist das Buch ein Destillat zum Thema.

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